Das Unmögliche ist schon wieder möglich geworden. Nach der Annektierung der Krim, der Entscheidung der Briten für den Brexit, nun also Donald J. Trump als US-Präsident. Wenn sich die Welt immer weniger nach dem eigenen Weltbild verhält, gibt es zwei Möglichkeiten: entweder man überdenkt seinen Blick auf die Welt, oder man verliert auf Dauer den Verstand. Es gehört zu den wundersamen Eigenschaften des menschlichen Gehirns immer Kohärenz herstellen zu wollen, meist über das nachgestellte Rationalisieren des eigenen Handelns, Denkens und Fühlens. Nun hatten aber alle Fachleute dieser Welt Donald Trump zur Inkarnation des Bösen erklärt und im Falle seines Wahlsiegs den Weltuntergang angekündigt. Doch: Wie beim Brexit haben alle Warnrufe von einstigen Autoritäten, auch aus der Republikanischen Partei selbst, nichts genützt. Und nun? Es wäre ganz im Sinne der psychologischen Harmonie, wenn das Ende der Welt wirklich käme. Doch etwas wäre vielleicht noch schlimmer. Zwei Szenarien:

1.  Donald Trump gibt sich nach der Wahl versöhnlich – Anzeichen dafür zeigen sich in seiner Siegesrede –, mäßigt sich und betreibt eine akzeptable Politik. Erstens müssten die progressiven Kräfte dann ihr Menschenbild überdenken, zweitens würde dies ihre Macht auf lange Sicht schmälern. Denn es wäre damit bewiesen, dass einer wie Trump eben auch Präsident kann und seine Politik die Welt nicht ins Chaos stürzt. Er könnte wieder gewählt werden.

2. Donald Trump gibt sich nach der Wahl versöhnlich, mäßigt sich und macht eine wirklich schlechte Politik, aber das Leben geht weiter und die Welt geht nicht unter. Dann entsteht ein ernsthaftes Problem. Der Weltuntergang war angekündigt, tritt aber trotz schlechter Politik nicht ein. Die Folge: diese Politik wird als Erleichterung wahrgenommen. Es entsteht ein „New normal“. Die Bewertungskriterien, was gute und schlechte Politik ausmacht, werden in dieser Konstellation grundsätzlich gesenkt.

Trump hat in seinem Wahlkampf die Menschenrechte, die Demokratie und den guten Stil so mit Füßen getreten, dass er nun tatsächlich alles machen kann.

Donald Trump ist ein Profi des Erwartungsmanagements. Er hat in seinem Wahlkampf die Menschenrechte, die Demokratie und den guten Stil so mit Füßen getreten, dass er nun tatsächlich alles machen kann. Der mächtigste Mann der Welt, wird noch mächtiger sein als seine Vorgänger. Das ist der berühmte ‚Trump Style‘.

Die Tatsache, dass Trump sich siegessicher zeigte, die Medien aber überwiegend Hillary vorne sahen, mobilisierte auch den letzten Trump-Sympathisanten, es „denen da oben“ zu zeigen. Es ist also ein taktischer Vorteil, wenn die Vorhersagen gegen einen sprechen, solange sie das eigene Selbstbewusstsein nicht beschädigen (was bei Trump nie zu befürchten war). Schon beim Brexit-Referendum machten die Umfragen die Remain-Befürworter bequem und stachelten die Brexit-Befürworter zu einer letzten Anstrengung an. Und auch nach dem Trauma der Brexit-Entscheidung ist die Welt nicht untergegangen. Die britische Wirtschaft ist (noch) nicht so spürbar eingebrochen, als dass die Briten ihre Entscheidung mehrheitlich bereuen würden. Im Gegenteil, eine Mehrheit würde erneut für den Brexit stimmen. Sie haben nicht an die Untergangsszenarien geglaubt und fühlen sich jetzt bestätigt.

Selbstverständlich kann niemand tatsächlich den Weltuntergang herbeiwünschen, nur um Recht zu behalten. Es wird allerdings immens schwer werden, nach dieser grundsätzlichen Alarmierung Gehör für Kritik an den tatsächlichen Politiken Donald Trumps zu finden, wenn dieser unerwartet eben nicht die Welt ins Chaos stürzt. Eine linke Politik darf sich dennoch nicht auf Rückzugsgefechte einlassen. Dieselben Analytiker, die Bernie Sanders für unwählbar hielten, hielten auch Donald Trump für unwählbar. Wenn linke Politik nun genau auf die Bedürfnisse der Menschen hört, wundern sich die Analysten beim nächsten Mal vielleicht, dass auch „Socialists“ in den USA plötzlich wählbar sind.