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Apokalypse abgesagt
In Afrika könnte Corona katastrophale Ausmaße annehmen, hieß es zu Beginn der Pandemie. Die Zahlen aber bleiben niedrig. Alles falscher Alarm also?

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Informationsgraffiti in Nairobi.

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Anfang August bestätigten die Africa Centres for Disease Control and Prevention (Africa CDC) den millionsten Covid-19-Fall in Afrika. Doch mit weniger als 30 000 Toten (Stand 28. August) liegt die Zahl der Todesfälle niedriger als auf jedem anderen Kontinent. Afrika scheint die Pandemie auffallend gut zu überstehen.

Als sich das Coronavirus Anfang 2020 zu einer globalen Pandemie auswuchs, gab es berechtigte Befürchtungen, Afrika könnte besonders hart getroffen werden. Schwache Gesundheitssysteme, geringe Notfallressourcen und eine lange Geschichte heftiger Epidemien ließen nichts Gutes erwarten.

Im Mai prognostizierte das afrikanische Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation allein für das erste Pandemiejahr bis zu 190 000 Todesfälle und zwischen 29 und 44 Millionen Infektionen. Warum ist dieses Szenario nicht eingetreten? Erklären lässt sich das nur aus einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren, die Covid-19 in Afrika zum einen unsichtbar machen, zum anderen abschwächen.

Wie gut Covid-19 erfasst und bekämpft wird, hängt vor allem von der Testung ab, und in Afrika herrscht ein Mangel an Tests und Kontrollen. Die Testkapazitäten sind völlig unzureichend. Die WHO empfiehlt einen Test pro 1000 Einwohner pro Woche, doch in Afrika ist der Durchschnitt nur halb so hoch. Dazu kommt, dass die Testkapazitäten in den afrikanischen Ländern sehr unterschiedlich sind: In Südafrika wird viel getestet, im bevölkerungsreichen Nigeria eher wenig.

Auch wenn es an Testmöglichkeiten mangelt, werden auf dem gesamten Kontinent Heerscharen kommunaler Gesundheitshelfer eingesetzt, die sich um die Infektionsverfolgung kümmern und den Menschen sichere Verhaltensweisen ans Herz legen.

Der Mangel an Tests verschleiert vermutlich eine deutlich größere Anzahl von Covid-19-Infizierten. Antikörpertests, die das Kenya Medical Research Institute und der Wellcome Trust an Blutspendern in Kenia durchführten, ergaben, dass schätzungsweise jeder zwanzigste Kenianer im Alter zwischen 15 und 64 Jahren, insgesamt 1,6 Millionen Menschen, Antikörper gegen SARS-CoV-2 hat, also mutmaßlich infiziert war. Kenia hat seit dem 13. März aber nur 450 146 Fälle gemeldet.

In Ermangelung von Massentests lässt sich die Verbreitung eines Virus auch abschätzen, indem man nach einem unerwarteten Anstieg der Mortalität sucht, so genannter Übersterblichkeit. In Südafrika war die Zahl der Todesfälle zwischen Anfang Mai und Ende Juli viermal so hoch wie gewöhnlich. In anderen Teilen des Kontinents lässt sich diese Zahl jedoch nur schwer ermitteln: Die Erfassung der Sterblichkeit ist in Pandemiezeiten erschwert, weil viele Mitarbeiter des öffentlichen Gesundheitswesens für Testung und Rückverfolgung abgestellt werden oder sich wegen der Restriktionen nicht frei bewegen können.

Aufgrund dieser massiven Lücken in der Testung und Pandemiekontrolle bekämpft Afrika „die Pandemie im Dunkeln“, so das International Rescue Committee. Dennoch stehen die Gesundheitseinrichtungen offenbar nicht so stark unter Druck, wie es in Europa und den USA auf dem Höhepunkt der Pandemie zu beobachten war. Es müssen somit noch andere Faktoren im Spiel sein.

Zwar sind die Gesundheitssysteme in Afrika relativ schwach, doch der Kontinent hat in jüngster Zeit Erfahrungen im Umgang mit Epidemien gesammelt.

Zu den Haupttodesursachen in Afrika zählen Infektionen der unteren Atemwege wie Lungenentzündung und Bronchitis, die afrikaweit für 10 Prozent der Todesfälle verantwortlich sind. Covid-19 und andere Atemwegserkrankungen haben vergleichbare Symptome und können jeweils eine Lungenentzündung auslösen. Viele Ärzte schreiben die Atemwegssymptome ihrer Patienten womöglich Infektionen zu, die ihnen häufig begegnen, und nicht einem neuartigen Virus, auf das sie nicht testen können. So könnten sich durch Fehldiagnosen hinter den üblichen Atemwegserkrankungen viele Covid-19-Fälle verbergen.

Die afrikanische Bevölkerung ist jung. Junge Leute sind zwar nicht immun, doch sie haben eine geringere Wahrscheinlichkeit, schwer zu erkranken oder an Covid-19 zu sterben, und so könnte die Pandemie in dieser jüngeren Bevölkerung einen milderen Verlauf nehmen. 65 Prozent der afrikanischen Bevölkerung sind jünger als 35, fast 50 Prozent jünger als 19 Jahre alt. Um das ins Verhältnis zu setzen: In der EU beträgt das Durchschnittsalter 42 Jahre, in Afrika 19,7 Jahre.

Dass Afrika so jung ist und das Virus sich in städtischen Gebieten, in denen die Menschen noch jünger sind, besonders stark ausbreitet, könnte erklären, warum die Mehrheit der Fälle in Afrika ohne Symptome oder sehr mild verläuft. Einer Schätzung des kenianischen Gesundheitsministeriums zufolge ist der Covid-19-Verlauf in 78 Prozent der Fälle asymptomatisch oder mild, in Ghana laut Ghana Health Service sogar in bis zu 82 Prozent der Fälle.

Zwar sind die Gesundheitssysteme in Afrika relativ schwach, doch der Kontinent hat in jüngster Zeit Erfahrungen im Umgang mit Epidemien gesammelt. Nach dem Ebola-Ausbruch in Westafrika wurden die Africa CDC gegründet, um die Seuchenabwehr auf dem gesamten Kontinent zu verbessern und zu koordinieren.

Dies könnte ein Grund dafür sein, dass viele Länder schnell auf die Covid-19-Pandemie reagierten. Sie verhängten die eine oder andere Form von Ausgangssperre und andere Restriktionen, um die Kapazitäten ihrer Gesundheitssysteme zu schonen, mit dem Virus fertig zu werden und seine Ausbreitung zu verlangsamen. Darüber hinaus wurden Abstandsregeln, Händehygiene und das Tragen von Gesichtsmasken staatlich nicht nur gefördert, sondern vielerorts auch zur Pflicht gemacht und von den Menschen bereitwillig praktiziert. Auch wenn es an Testmöglichkeiten mangelt, werden auf dem gesamten Kontinent Heerscharen kommunaler Gesundheitshelfer eingesetzt, die sich um die Infektionsverfolgung kümmern und den Menschen außerdem sichere Verhaltensweisen und sanitäre Maßnahmen ans Herz legen. Dies dürfte aktuell dazu beitragen, dass sich die Ausbreitung von Covid-19 verlangsamt.

Im weiteren Verlauf der Pandemie wird Afrika seinen eigenen Weg fortsetzen und deutlich schneller zur Normalität zurückkehren als andere Regionen.

Welcher dieser Faktoren die Verbreitung und die Folgen der Covid-19-Pandemie am stärksten einhegt, wird man erst in Monaten, vielleicht Jahren wissen, wenn entsprechende wissenschaftliche Studien und Umfragen abgeschlossen sind. Klar ist jedoch, dass globale Pandemien lokal und regional in einem jeweils komplexen Umfeld auftreten, das sich auf die Schwere des Verlaufs auswirkt. Mit Blick auf die weitere Bekämpfung dieses Virus‘ und die Vorbereitung auf mögliche künftige Ausbrüche müssen wir im Sinne einer wirksamen Pandemiebekämpfung die Mechanismen auf diese Zusammenhänge abstimmen.

Von daher halten die Erfahrungen mit dem Coronavirus in Afrika auch die eine oder andere Lektion für den Rest der Welt bereit. Erstens zahlt sich beim ersten Auftreten einer Krankheit schnelles Handeln aus, auch wenn die Maßnahmen nicht perfekt sind. Zweitens können kostengünstige Lösungen wie der Einsatz von Gesundheitspersonal in den Kommunen und die Förderung von Verhaltensänderungen in der breiten Bevölkerung eine enorme Wirkung entfalten.

Im weiteren Verlauf der Pandemie wird Afrika seinen eigenen Weg fortsetzen und deutlich schneller zur Normalität zurückkehren als andere Regionen. Während man fast überall auf der Welt eine zweite Welle oder einen Anstieg der Fallzahlen im Winter befürchtet, setzen die meisten afrikanischen Staaten mangels Alternative auf Herdenimmunität. Wegen der Testknappheit lässt sich die Verfolgung von Infektionsketten, die eine Verbreitung des Virus aufhalten oder verlangsamen könnte, in weiten Teilen der afrikanischen Bevölkerung nicht umsetzen.

Weil aber in der vergleichsweise jungen Bevölkerung so viele Fälle asymptomatisch oder milde verlaufen, wirkt sich das Virus nicht so verheerend aus wie in anderen Regionen. Die meisten afrikanischen Regierungen betreiben daher derzeit einen Neustart und eine Wiederbelebung der Wirtschaft, die schwer unter der Pandemie gelitten hat. Auf einem Kontinent, auf dem die meisten Menschen von der Hand in den Mund leben, kann eine Rezession ebenso lebensgefährlich sein wie das Coronavirus.

Aus dem Englischen von Anne Emmert

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