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Die wahren Verlierer
Die US-Regierung sieht sich bedroht durch chinesische Handelsüberschüsse, aber Chinas Nachbarländer trifft es weitaus härter.

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AFP
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Ein Schiff wird kommen: der chinesische Hafen Qingdao.

Es ist schon viel über die Folgen der chinesischen Seidenstraßen-Initiative insbesondere für die asiatischen Entwicklungsländer geschrieben worden. Doch ein weiteres, ebenso folgenschweres Phänomen wird weitgehend übersehen: die Art und Weise, in der China die Handelsbeziehungen zu diesen Ländern auf den Kopf stellt.

Viele im Westen, insbesondere US-Präsident Donald Trump, schimpfen auf Chinas enorme Handelsüberschüsse, die nach dem Beitritt des Landes zur Welthandelsorganisation im Dezember 2001 entstanden. Doch die Entwicklungsländer in Chinas Nachbarschaft haben deutlich mehr Grund zur Sorge. Zwar schrumpft Chinas Handelsüberschuss wieder, nachdem er im Jahre 2015 seinen Höchstwert erreichte – damals betrug er fast 680 Milliarden Dollar. Doch absolut gesehen bleiben die Überschüsse sehr groß, und gegenüber den asiatischen Entwicklungsländern wachsen sie nach wie vor.

Das war nicht immer so. Der Handel zwischen China und den sich entwickelnden Volkswirtschaften Asiens war viele Jahre lang weitgehend ausgeglichen. China war eine Quelle unersättlicher Nachfrage nach Energie, Rohstoffen und anderen Vorprodukten, die für seine riesige verarbeitende Exportbranche benötigt wurden. Diese Vorprodukte kamen überwiegend aus den Entwicklungsländern, insbesondere in Asien. Die chinesische Nachfrage war für viele dieser Länder segensreich. Sie wurden Teil der (chinazentrischen) Wertschöpfungsketten der produzierenden Industrie. Es kam zu jener Verbindung aus höheren Exportvolumen und besseren Terms-of-Trade, wie sie sich viele Exporteure von Primärrohstoffen wünschen. Die Exporte nach China entwickelten sich daher zu einem starken Motor für das Wirtschaftswachstum dieser Länder.

Nach 2011 stagnierten Chinas Importe aus den asiatischen Entwicklungsländern, während seine Exporte in diese Länder weiter anschwollen.

Nach 2011 jedoch stagnierten Chinas Importe aus den asiatischen Entwicklungsländern, während seine Exporte in diese Länder weiter anschwollen, was die sinkende Nachfrage nach chinesischen Waren in den hochentwickelten Volkswirtschaften teilweise ausglich. Nach der globalen Finanzkrise verdoppelte sich Asiens Anteil an Chinas Gesamtexporten; im vergangenen Jahr lag er bei rund 15 Prozent. Zugleich begannen 2012 Chinas Überschüsse im Warenhandel anzuschwellen; 2015 erreichten sie rund 130 Milliarden Dollar und 2018 erneut 111 Milliarden Dollar.

Während des letzten Jahrzehnts hat sich Chinas Handelsbilanz gegenüber den Philippinen von hartnäckigen Defiziten zu einem beträchtlichen Überschuss gewandelt, und Chinas langjährige Überschüsse gegenüber Indonesien, Bangladesch, Vietnam und Indien sind weiter gewachsen. Indiens Handelsdefizit gegenüber China ist am stärksten gestiegen und hat sich zwischen 2010 und 2018 beinahe verdreifacht. Gegenüber Asiens bedeutenden Entwicklungsländern weist China hartnäckige Defizite nur gegenüber Malaysia (von wo es im Allgemeinen Hightech-Waren importiert) und Thailand auf, doch selbst diese sind nach 2011 zurückgegangen.

Dieser Trend dürfte sich noch verstärken. Die chinesischen Importe aus den asiatischen Entwicklungsländern sind seit 2016 und auch im letzten Jahr gestiegen, aber nicht sehr stark. Und eine plötzliche steile Zunahme ist unwahrscheinlich, weil China inländische Quellen für eine Palette von Vorprodukten erschlossen hat – Bemühungen, die seine Einbindung in die globalen Wertschöpfungsketten während des vergangenen Jahrzehnts stetig verringert haben.

In China ist der Auslandsanteil an den Exporten zwischen 2005 (26,3 Prozent) und 2016 (16,6 Prozent) um fast zehn Prozentpunkte zurückgegangen. Zugleich sind Chinas Wertschöpfungsbeiträge zu den Exporten seiner Partnerländer angestiegen, und zwar insbesondere in den asiatischen Entwicklungsländern, von denen mehrere deutlich höhere Anteile eines chinesischen Wertbeitrags in ihren eigenen Exporten von Industrieerzeugnissen aufwiesen – selbst, wenn diese nach China gingen.

China hat gegenüber seinen Handelspartnern eine viel schnellere Diversifizierung und ein viel höheres Produktivitätswachstum erreicht.

In gewissem Umfang weist Chinas Entkoppelung von den globalen Wertschöpfungsketten zudem in die andere Richtung: Das Land arbeitet darauf hin, seine allgemeine Abhängigkeit von der Außennachfrage zu verringern, indem es von einem fertigungs- und exportorientierten Wachstumsmodell auf ein stärker dienstleistungsorientiertes, vom Binnenkonsum getragenes Modell umstellt. 2015 entfielen weniger als 17 Prozent der nationalen Produktion auf die Auslandsnachfrage. Ein Jahrzehnt zuvor waren es noch fast 24 Prozent. Dieser Trend birgt Risiken für Chinas Handelspartner. Der Anstieg der chinesischen Gesamthandelsüberschüsse gegenüber den asiatischen Entwicklungsländern wird hierdurch nicht gebremst, weil Chinas Exporte nach Asien zunehmend über industrielle Konsumgüter hinausgehen und künftig auch Hightech-Produkte umfassen werden, die eine zentrale Rolle in der aktuellen Wachstumsstrategie des Landes einnehmen. Dies wird nicht nur zu Handelsungleichgewichten beitragen, sondern auch zu wachsenden Ungleichgewichten im Bereich von Technologie und Wertschöpfung.

Dieses Muster ist bereits beim Handel mit Indien erkennbar, das hauptsächlich Rohstoffe (wie Eisenerz) und verarbeitete landwirtschaftliche Produkte nach China exportiert, aber von dort Industrieerzeugnisse (darunter im wachsenden Umfang Hightech-Artikel) importiert. Dies impliziert steigende Renditen für die Aktivitäten in China. Für Indien jedoch generieren die weniger technologieintensiven Exporte keine dynamischen Renditen gleichen Umfangs. Zusammengenommen bieten die jüngsten Handelstrends für Chinas Handelspartner in den asiatischen Entwicklungsländern sowohl gesamtwirtschaftlich wie auch auf Branchenebene Anlass zur Besorgnis.

Doch sind die Möglichkeiten dieser Länder, sich diesen Trends zu widersetzen, beschränkt. Schließlich hat China angesichts seines deutlichen Wettbewerbsvorteils gegenüber seinen Handelspartnern insbesondere im Verlaufe des letzten Jahrzehnts eine viel schnellere Diversifizierung und ein viel höheres Produktivitätswachstum erreicht. Wird China dafür sorgen, dass die Projekte im Rahmen der Seidenstraßen-Initiative und andere Kapitalströme den Schaden abmildern, den diese Trends für das Wachstum in den asiatischen Entwicklungsländern implizieren? Oder wird die Seidenstraßen-Initiative die Lage für Chinas Nachbarn noch verschlechtern? Angesichts des weiter wachsenden wirtschaftlichen und politischen Einflusses Chinas in Asien werden Fragen wie diese zunehmend dringlicher.

Aus dem Englischen von Jan Doolan.

(c) Project Syndicate

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