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Hexenkessel Südostasien
Im wachsenden Wettbewerb zwischen China und den USA spielt Südostasien eine Schlüsselrolle. Noch ist offen, wer die Nase vorn haben wird.

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In der Sieben-Millionen-Einwohner-Stadt Nanning im Süden Chinas fand im November 2020 die 17. China-ASEAN Expo und der China-ASEAN Business and Investment Summit statt.

Wenn der designierte Präsident Joe Biden und seine neue Regierung damit beginnen, eine Strategie für den sich verschärfenden Wettbewerb zwischen den USA und China zu entwickeln, sollten sie Südostasien besondere Aufmerksamkeit schenken. Der Wettstreit mit China hat heute Auswirkungen, die weltweit in allen Bereichen spürbar sind – Diplomatie, Handel, Sicherheit, Ideologie, Werte, Ausbildung, Wissenschaft, Technologie und vielen anderen. Der Wettbewerb in Südostasien ist ein Vorbote dafür, wie er sich anderswo auf der Welt entwickeln könnte. Zumindest beeinflusst die dortige Entwicklung den Rest der riesigen indopazifischen Region, die international eine immer zentralere Rolle spielt.

In den letzten Jahren scheinen einige südostasiatische Staaten „auf den Zug aufzuspringen“ und sich enger an Peking zu binden. Viele Experten und Beamte in der Region und anderswo erkennen eine Veränderung der Machtbalance – eindeutig zum Vorteil Chinas gegenüber den USA. Aber man sollte diesen Trend nicht überbewerten. Noch dominiert China Südostasien nicht und wird dies auch in Zukunft nicht unbedingt tun. Mit den richtigen Maßnahmen und Ansätzen kann Washington Peking entgegen wirken, die eigenen Interessen durchsetzen sowie zur Stabilität, Sicherheit und Entwicklung in der Region beitragen.

Die strategische Bedeutung der Region ist unter anderem geographisch bedingt: Die Straße von Malakka und das Südchinesische Meer sind die am stärksten befahrenen Seewege der Welt: Jedes Jahr werden dort etwa 50 000 Schiffsladungen transportiert – 40 Prozent der weltweiten Handelswaren und 25 Prozent der weltweiten Öltransporte. Dies erklärt unter anderem die wachsenden Sicherheitsbedenken in der Region. Insbesondere die zunehmenden chinesischen Militärstützpunkte im Südchinesischen Meer verstärken das Gefühl von Gefahr und strategischer Unsicherheit. Dies ist auch ein Grund dafür, warum alle ASEAN-Staaten außer Kambodscha und Laos ihre Ausgaben für Verteidigung und militärische Aufrüstung erhöht haben.

Obwohl der strategische Wettbewerb zwischen China und den USA in Südostasien bereits seit einiger Zeit schwelt, haben sich die Manöver zwischen Washington und Peking erheblich intensiviert, nachdem Barack Obama 2011 mit seiner „Hinwendung nach Asien“ begann – die wiederum Peking dazu veranlasste, seine eigene Präsenz in der Region zu verstärken. Währende der Trump-Jahre haben die Scharmützel zwichen den beiden Rivalen sogar noch weiter zugenommen. China seinerseits hat seine Einflussnahme in der Region insbesondere durch seine gepriesene „Belt-and-Road“-Initiative (BRI) verstärkt, mit der das Land seine ohnehin schon umfassenden kommerziellen und wirtschaftlichen Verbindungen noch erheblich ausbauen will.

Während der Trump-Jahre haben die Scharmützel zwichen den beiden Rivalen sogar noch weiter zugenommen.

Außerdem hat Peking in der gesamten Region die diplomatischen Verbindungen, den kulturellen Austausch und seine Einflussnahme erweitert. Die Herausforderung für alle Länder der Region besteht nun darin, mit den immer engeren Beziehungen zu Peking so umzugehen, dass sie von ihrem großen Nachbarn nicht zu sehr abhängig werden. Ein leitender thailändischer Diplomat in Bangkok formulierte das folgendermaßen: „Um der Umarmung Chinas zu entkommen, ist es für uns Thais zu spät – wir versuchen nur noch, durch sie nicht erdrückt zu werden.“

Dieser Trend, auf den chinesischen Zug aufzuspringen, ist real und bedeutsam – aber er sollte nicht überbewertet werden. Tatsächlich gibt es mehrere Faktoren, die dazu beitragen könnten, dass er sich in den nächsten Jahren umkehrt: Erstens läuft China durchaus Gefahr, sein Blatt zu überreizen, indem es zu fordernd und ausbeuterisch agiert. Hinweise auf ein solches Verhalten können bereits jetzt in den chinesischen Beziehungen zu Indonesien, Laos, Malaysia, Myanmar, Thailand und Vietnam gefunden werden. Sogar im chinesischen Vasallenstaat Kambodscha gibt es eine schwelende gesellschaftliche Unzufriedenheit über den Einfluss chinesischer Investitionen auf Landkäufe, Spielstätten und Bauprojekte.

Pekings Mangel an Sensibilität stammt daher, dass chinesischen Beamte und Diplomaten meist in ihren eigenen Propagandablasen und Echokammern leben und nicht erkennen, wie China in der Region wahrgenommen wird. Auch die chinesischen Geheimdienste haben ein sehr fragwürdiges Verständnis für die Region, da sie sich meist auf die kommerziellen und politischen Eliten sowie die chinesische Diaspora konzentrieren – anstatt darauf, die lokalen Einstellungen und Unzufriedenheiten, die politischen Trends, die ethnische Politik und die komplizierten Besonderheiten südostasiatischer Gesellschaften zu verstehen.

Die meisten Südostasiaten haben tief verwurzelte postkoloniale Identitäten. Auf Großmächte, die asymmetrische Beziehungen herstellen wollen und sich arrogant verhalten, reagieren sie sehr schnell. Außerdem erinnern sie sich immer noch lebhaft an Chinas subversive Politik und Einflussnahme während der 1960er und 1970er, als Peking in allen Ländern der Region aktiv kommunistische Aufstände unterstützte. Ebenso reagieren die südostasiatischen Regierungen und Öffentlichkeiten weiterhin empfindlich auf Chinas traditionelle Unterstützung der chinesischen Diaspora in der Region – insbesondere in Indonesien, Malaysia, den Philippinen und Vietnam, wo sie zunehmend zum Ziel von Pekings Einflussnahme werden.

Da China seinen Einfluss in der Region vergrößert, glauben viele Beobachter, die Macht und der Einfluss der Amerikaner sei schwach und nehme rapide ab.

Da China seinen Einfluss in der Region vergrößert, glauben viele Beobachter, die Macht und der Einfluss der Amerikaner sei schwach und nehme rapide ab. Diese Wahrnehmung ist allerdings falsch. Der kulturelle, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Einfluss der Vereinigten Staaten in Südostasien bleibt weiterhin sehr groß. In vielerlei Hinsicht ist er sogar größer als der chinesische.

Sicher ist Washingtons wechselhafte diplomatische Aufmerksamkeit für die Region eine Schwachstelle. Aber in anderen Bereichen sind die Vereinigten Staaten sehr stark: Ihre militärische Präsenz und ihr Netzwerk von Sicherheitspartnern reichen weit und tief. Ihr kultureller Einfluss – insbesondere auf Popkultur und Bildung – bleibt weiterhin erheblich. Und ihre kommerzielle Präsenz ist bereits seit langem sehr groß: Heute sind in Südostasien über 4 200 US-Unternehmen aktiv. Mit 350 Milliarden Dollar Handelsvolumen im Jahr 2018 sind die ASEAN-Länder, gemeinsam betrachtet, der weltweit viertgrößte Handelspartner der Vereinigten Staaten.

Diese Zahl reicht zwar nicht an die chinesische Summe von 587,8 Milliarden Dollar aus dem gleichen Jahr heran, kann aber kaum als unbedeutend bezeichnet werden. Noch eindrucksvoller und weniger beachtet ist der kumulative Betrag der US-Direktinvestitionen in die ASEAN-Staaten, die nun insgesamt 329 Milliarden Dollar betragen – mehr als diejenigen von China, Japan und Südkorea zusammen. Jährlich betrachtet sind die Direktinvestitionen der USA in der Region fast doppelt so hoch wie diejenigen Chinas: laut Angaben der ASEAN von 2017 24,9 Milliarden Dollar gegenüber 13,7 Milliarden.

Wird die Stellung der USA in Südostasien empirisch und umfassend eingeschätzt, werden Washingtons Vorteile und spezifische Stärken klar. Darüber hinaus lassen öffentliche Meinungsumfragen in vielen südostasiatischen Gesellschaften auf ein Reservoir positiver Ansichten über die Vereinigten Staaten schließen (obwohl diese während der Trump-Ära dort wie auch weltweit, erheblich abgenommen haben). Trotzdem wäre die Stärke der US-Position für all jene überraschend, die nur die regionalen Medien konsumieren – wo die vorherrschende Meinung verbreitet wird, die dominante Macht in Südostasien sei China. In Wirklichkeit wird das Reich der Mitte als Einflussfaktor überschätzt, und die Vereinigten Staaten werden entsprechend unterschätzt.

Sicher ist Washingtons wechselhafte diplomatische Aufmerksamkeit für die Region eine Schwachstelle.

Natürlich wäre es ein Fehler, die wahrscheinliche Entwicklung in der Region nur anhand von Peking und Washington zu betrachten. Die ASEAN und ihre einzelnen Mitgliedstaaten sind in der Lage, ihre externen Verbindungen in gewissem Maße neu zu kalibrieren. Der Staatenbund ist kein passiver Spielball. Er verfügt über eine eigene Agenda, und hat seine Fähigkeit zum Manövrieren bereits in der Vergangenheit unter Beweis gestellt. Diesmal stellt sich allerdings folgende Frage: Wird die ASEAN angesichts Pekings zunehmender Stärke und Einflussnahme in der Region und der wechselhaften Qualität von Washingtons Aufmerksamkeit in der Lage sein, ihre Autonomie und Flexibilität aufrecht zu erhalten – oder werden diese von Peking immer mehr zersetzt?

Andere mittelgroße Mächte in Asien könnten der ASEAN dabei helfen, nicht in die Zwickmühle zwischen China und den Vereinigten Staaten zu geraten. Insbesondere Japan ist in Südostasien ein wichtiger wirtschaftlicher und kultureller Akteur, und Tokio hat in letzter Zeit seine Sicherheitszusammenarbeit mit mehreren ASEAN-Staaten verstärkt. Auch Indien weitet im Einklang mit Premierminister Narendra Modis „Act East“-Politik seine Stellung in Südostasien rapide aus. Der koreanische Präsident Moon Jae-in betreibt für sein Land eine „Südwärtspolitik“ in Richtung dieser Länder. Und angesichts der australischen Nähe und Handelsbeziehungen gegenüber der Region betont Canberra seine besondere Beziehung zu vielen ASEAN-Mitgliedern. Sogar Russland versucht, seine Rolle in der Region zu vergrößern. Diese Akteure machen das regionale Schachspiel noch komplizierter und verringern die Wahrscheinlichkeit einer chinesischen Dominanz.

Also sind trotz der offensichtlichen Neigung Südostasiens in Richtung China die Würfel noch nicht gefallen. Einer der Vorteile der USA im Wettbewerb gegen China (in Südostasien und auch anderswo) ist China selbst: Pekings anmaßende Ellbogenmentalität, scheinheilige „Wolfskrieger“-Diplomatie, Propagandablasen, mangelnde Berücksichtigung lokaler Empfindlichkeiten und Unfähigkeit, konstruktive Kritik zu ertragen, tragen alle dazu bei, Chinas Macht und Einfluss zu untergraben. In vielen Fällen ist es für Washington das Beste, Peking einfach übers Ziel hinaus schießen zu lassen und zuzuschauen, wie das Land seine Partner von sich entfremdet. Macht die Biden-Regierung die Region zu einer Priorität und engagiert sich dort sinnvoll und stetig neu (was genau das ist, was die Südostasiaten wollen), kann sie ein Gegengewicht zu China bilden – und Südostasien könnte zukünftig das Beste aus beiden Welten genießen.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

© Foreign Affairs

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