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Bombentrend
In Schweden eskalieren die Bandenkriege. Die Regierung reagiert mit harter Hand.

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Schweden leidet derzeit unter einem massiven Anstieg von Anschlägen im Bandenmilieu (Symbolfoto).

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Die öffentliche Debatte in Schweden wird derzeit von den Diskussionen über aktuelle Fälle von Bandengewalt dominiert. Der Anstieg von Schießereien und Sprengstoffanschlägen in Schwedens Großstädten, zusammen mit einer intensiven medialen Begleitung, hat die rechtspopulistische Partei Schwedendemokraten in den Umfragen zu den regierenden Sozialdemokraten aufschließen lassen.

Die Vorfälle haben eine Debatte über Migration angeheizt, obwohl die Einwanderung de facto zurückgeht. Folglich steht die sozialdemokratisch geführte Regierung von Stefan Löfven unter enormem Handlungsdruck. Zweifellos sind diese Verbrechen abscheulich, und gerade die hierzulande weit verbreitete Verwendung von Sprengstoff in Bandenstreitigkeiten ist in Europa beispiellos. Dennoch sind wir gut beraten, die Vorkommnisse in Relation zu setzen, um der populistischen Mythenbildung den Boden zu entziehen.

Ab dem Jahr 2014 stieg die Mordrate in Schweden merklich an und pendelte sich in den letzten Jahren auf einem höheren Level ein als noch vor fünf Jahren. Mit etwa einem Mord je 100 000 Einwohnern liegt das Niveau tödlicher Gewalt immer noch auf einem weitaus niedrigeren Level als in den Jahren um 1990. Damals verzeichnete Schweden etwa 1,5 Morde pro 100 000 Einwohner. Allerdings machen die Banden-Schießereien inzwischen einen weitaus größeren Anteil aus. 40 Prozent aller Tötungsdelikte sind heute Morde im Kontext von Ganggewalt – eine Verdreifachung innerhalb weniger Jahre.

Täter und Opfer der Bandengewalt sind vor allem junge Männer aus sozial benachteiligten Gebieten schwedischer Großstädte. Viele haben einen Migrationshintergrund, sind aber in Schweden geboren und aufgewachsen.

Laut dem Nordic Homicide Report sticht Schweden unter den nordischen Ländern hervor, was Tötungen durch Schusswaffen betrifft. Trotzdem gleicht die Mordrate insgesamt denen anderer skandinavischer Länder und ist im internationalen Vergleich recht niedrig. Schießereien und Morde im Zusammenhang mit Bandenkriminalität werden aus anderen nordischen Ländern jedoch nicht im gleichen Maße vermeldet. Dänemark verzeichnete zwar in den 1980er- und 1990er-Jahren eine Reihe von Tötungsdelikten zwischen den Motorrad-Gangs Hells Angels und Bandidos, die Ausmaße der heutigen Probleme in Schweden erreichten sie aber nicht.

Sowohl die Täter als auch die Opfer von Schwedens Bandengewalt sind vor allem junge Männer aus sozial benachteiligten Gebieten schwedischer Großstädte. Ein Großteil der Verdächtigen hat einen Migrationshintergrund, wurde aber in Schweden geboren und ist auch dort aufgewachsen. Sie repräsentieren die zweite oder dritte Generation der Zuwanderer. Wie Ministerpräsident Löfven kürzlich bemerkte, sind teilweise sozioökonomische Faktoren verantwortlich. Schweden ist eine tief gespaltene Gesellschaft.

Schweden mit Migrationshintergrund sind oft schlecht integriert, leben in sozial schwachen Teilen der großen Städte und sind in einem Teufelskreis aus Armut, Schulversagen und Arbeitslosigkeit gefangen. Dieser Zustand ist nicht von heute auf morgen entstanden. Die Probleme haben sich vielmehr über eine lange Zeit entwickelt. Sie werfen die Frage auf, ob sich die Politiker in Schweden genug dafür eingesetzt haben, die Hürden für die Integration abzubauen.

Eine Schweigepflicht (Omertà) gegenüber den Behörden gehört zum Ehrenkodex der Gangs. Sie ist einer der Hauptfaktoren für die niedrige Aufklärungsrate von Morden in diesem Milieu.

Der Swedish National Council for Crime Prevention (Beirat für Kriminalitätsverhütung) hat für eine Studie Interviews mit Personen durchgeführt, die in Schießereien von Banden involviert waren. Die Untersuchung hat gezeigt, dass die Täter mit schwachen familiären Bindungen aufgewachsen sind, eine schlechte schulische Ausbildung und teilweise auch finanzielle Probleme haben. Sie sehen für sich keine Zukunft und schöpfen kaum Hoffnung.

Der Einstieg in kriminelle Milieus gleicht eher einer Sozialisierung als einer Rekrutierung. Die Interviewten verstehen sich selbst nicht als Gangmitglieder. Freundschaft und Loyalität sind ihnen wichtig, wobei Beziehungen schnell in Verrat umschlagen und in Angriffe bis hin zu Mord resultieren können. Das Streben nach Status ist allgegenwärtig. Gewalt wird als hilfreiche Währung im Wettstreit um Ansehen mit den Altersgenossen betrachtet. Waffengewalt gleicht einer Investition in die eigene kriminelle Karriere. Eine Waffe bei sich zu haben verstehen die jungen Männer als Mittel zu ihrem eigenen Schutz. Im Ergebnis führt das zu einem Teufelskreis: Die Waffengewalt eskaliert und alle Seiten leben mit der ständigen Gefahr.

Einige der Interviewten berichteten, dass sie sich schon in einem frühen Alter von der Polizei belästigt fühlten. Die Polizei unterliegt einem Legitimitätsproblem. Die Involvierten sehen die Polizei nicht als Institution, die ihren Bedürfnissen dient. Stattdessen riskiert, wer mit ihr zusammenarbeitet, Vergeltungsmaßnahmen und es ist geradezu ein Loyalitätsbeweis, wenn man nicht mit ihr spricht. Eine Schweigepflicht (Omertà) gegenüber den Behörden gehört zum Ehrenkodex der Gangs. Sie ist einer der Hauptfaktoren für die niedrige Aufklärungsrate von Morden in diesem Milieu. Während die allgemeine Aufklärungsrate für Tötungsdelikte in Schweden lange Zeit zwischen 75 und 90 Prozent lag, ist sie für die Schießereien deutlich geringer – nur knapp über 20 Prozent werden aufgeklärt.

Seit einiger Zeit versucht die Polizei, die Dealer aus den Innenstädten zu vertreiben. Folglich bleiben die Dealer in ihren Stadtvierteln und ihre Kunden aus der Innenstadt oder den Mittelklasse-Vororten kommen zu ihnen, um Drogen zu kaufen.

Ein Großteil der Schießereien hängt mit dem Drogenmarkt zusammen. Der Bericht des Beirats für Kriminalitätsverhütung hält dazu fest: „Die Untersuchung hat gezeigt, dass Drogenverkäufe auf verschiedenen Ebenen die dominante kriminelle Aktivität im Milieu darstellen. Verschiedene Interviewpartner hatten auch Waffen verkauft. Der Verkauf von Drogen und Waffen wird wiederholt als Job dargestellt und die Interviewten bekräftigen, dass es hierfür Wissens und Könnens bedarf.“ Der Weg in den Drogenverkauf ist einfach. Cannabis ist mühelos zu besorgen und es ist nur ein kleiner Schritt, mit dem Konsum und Verkauf zu beginnen. Nach einer Weile entstehen Konflikte um Kunden und Zahlungen, und der Verkäufer muss sein Gebiet abstecken.

Konkrete Auslöser für die Schießereien hingegen sind schwer zu erheben. Die erhöhte Verfügbarkeit von Schusswaffen wurde als Grund zwar genannt, allerdings ohne eine weitere Analyse, was diesen plötzlichen Anstieg ausgelöst hat. Gut möglich, dass einige Schießereien – aus welchem Grund auch immer – einen Rachezirkel ausgelöst und das Bedürfnis erschaffen haben, eine Waffe zur eigenen Verteidigung zu tragen. Auch die niedrige Aufklärungsrate könnte eine Ursache der anhaltenden Schießereien sein.

Der Drogenmarkt wird oft als Mitursache für die Schießereien genannt. Auch in den Medien wurde berichtet, dass ein Großteil der Schießereien an Orten stattfindet, an denen auch Drogen verkauft werden. Es bleibt die Frage, warum dieser Markt innerhalb so kurzer Zeit entstand. Eine weitere Entwicklung kann dazu beigetragen haben, dass der Drogenhandel zunehmend aggressiver wurde: Seit einiger Zeit versucht die Polizei, die Dealer aus den Innenstädten zu vertreiben. Folglich bleiben die Dealer in ihren Stadtvierteln und ihre Kunden aus der Innenstadt oder den Mittelklasse-Vororten kommen zu ihnen, um Drogen zu kaufen.

Neben den Schießereien ist auch die Zahl der Bombenanschläge auf Häuser, Autos und andere Ziele deutlich angestiegen.

Neben den Schießereien ist auch die Zahl der Bombenanschläge auf Häuser, Autos und andere Ziele deutlich angestiegen. Dies hat zu großer Entrüstung in Politik und Medien sowie zu Spekulationen geführt. So wurden von einigen Parteien Vergleiche zu Kriegsgebieten aufgebaut. In der Tat sind die Explosionen ein jüngeres Phänomen und wir wissen kaum etwas sowohl über die Täter als auch über ihre Motive.

Eine kürzlich durchgeführte Analyse der ehemaligen EU-Parlamentarierin Maria Robsahm betont, dass jedweder Vergleich mit Kriegsgebieten absolut unverhältnismäßig ist. Die Anzahl unbeteiligter Opfer ist niedrig. Glücklicherweise wurde in den letzten zwei Jahren niemand von den Sprengsätzen getötet. Definitionen darüber, was statistisch als Sprengstoffanschlag einzuschätzen ist, sind nicht eindeutig. Lokale Polizeibehörden haben teils eine deutlich breitere Definition als die offizielle Kriminalstatistik. So können Explosionen, die mehr sind als ein Feuerwerk, rechtlich als ein Verbrechen gewertet werden, sobald sie eine öffentliche Gefahr darstellen.

Das bei weitem üblichste Verbrechen in diesem Zusammenhang war bisher Brandstiftung und andere Arten gefährlichen Feuers. Interessanterweise sind die Fälle von Brandstiftung zurückgegangen, insbesondere in den großen Städten. Eine Hypothese wäre, dass der illegale Gebrauch von Sprengstoff die Brandstiftung ersetzt hat als Mittel der Einschüchterung oder der Rache im Bandenkrieg. Viele der Bomben waren gegen zwielichtige Geschäfte rivalisierender Banden gerichtet.

Die Regierung plant eine Reihe von Maßnahmen, die auf die Kriminalisierung oder Strafverschärfung von Verbrechen abzielt, die mit den Gangs in Verbindung gebracht werden.

Die politische Antwort auf die Schießereien war eine Verschärfung der Strafgesetze und das Versprechen, 10 000 neue Polizeibeamte einzustellen. Die Regierung plant eine Reihe von Maßnahmen, die auf die Kriminalisierung oder Strafverschärfung von Verbrechen abzielt, die mit den Gangs in Verbindung gebracht werden. Dazu zählt beispielsweise, junge Menschen zu Straftaten anzuleiten, Waffen zu schmuggeln, schwere Gewaltverbrechen, Einfluss auf justizielle Vorgänge zu nehmen, Kriminelle zu decken, organisierten Diebstahl oder Einbrüche zu begehen. Die rechten Oppositionsparteien gehen noch weiter und fordern unter anderem eine Verdopplung des Strafmaßes für Bandenkriminalität und das Recht der Polizei, in bestimmten Gegenden Personen ohne einen konkreten Verdacht an Ort und Stelle zu durchsuchen.

Zwischen den Schießereien und dem Drogenmarkt besteht zweifellos eine Verbindung. Hieraus könnten zwei mögliche Strategien abgeleitet werden: entweder eine Entkriminalisierung oder eine stärkere Kriminalisierung. Die restriktivste Maßnahme, bei der die Polizei jährlich 37 000 Proben Körperflüssigkeiten testet, um illegalen Konsum festzustellen, hat die Spannungen zwischen der Polizei und einigen Minderheiten verstärkt – und die Arbeitskraft von bis zu 1 000 Polizisten gebunden.

Dies wirft die Frage auf, ob die knappen polizeilichen Ressourcen nicht für andere, dringendere Aufgaben genutzt werden könnten. Die Regierung aber hat sich für die Kriminalisierungsstrategie entschieden. Die Polizei ist angehalten, den Fokus auf den Drogenhandel zu legen. Die Strafmaße für den Verkauf und den Kauf von Drogen wurden erhöht. Es bleibt abzuwarten, ob diese Strategie den schwedischen Straßen wieder Frieden bringt oder ob sie eine weitere Stufe der Eskalation ist.

Aus dem Englischen von Marius Mühlhausen.

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