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Das Paradox russischer Macht
Russland ist stark, weil es so schwach ist!

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Wer beim kürzlich in Helsinki abgehaltenen Treffen von Trump und Putin auf die Körpersprache der beiden Präsidenten achtete, wird sich gefragt haben, wer von beiden eigentlich Chef einer Großmacht ist. Schließlich präsentiert Trump ein Land, das sehr viel stärker ist als Putins Russland. Das ist das Paradox der russischen Macht – Moskau ist gerade wegen seiner Schwäche so einflussreich.

Die Entspannung im Kalten Krieg führte zu einem drastischen Machtverlust Moskaus.

Wir gehen oft wie selbstverständlich davon aus, dass ein Land umso mehr Macht hat, je größer seine wirtschaftlichen und militärischen Ressourcen sind. Aber mehr Potenzial zu haben, ist nicht immer gleichbedeutend damit, seinen Willen durchsetzen zu können, denn diese Ressourcen rufen den Widerstand anderer Länder hervor. Manchmal hat eher David das Sagen als Goliath.

Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges in den 1960er- und 1970er-Jahren war die Sowjetunion eine echte Weltmacht mit der größten Streitmacht der Welt, einem etwa halb so hohen BIP wie dem der USA und einem Einflussbereich, der sich über ganz Osteuropa erstreckte. Moskau scheute nicht davor zurück, diese Ressourcen dafür einzusetzen, seine Feinde zu bestechen, zu tyrannisieren, einzuschüchtern und erforderlichenfalls zu stürzen.

Aber häufig ging die sowjetische Stärke nicht mit größerer Macht, sondern mit mehr Gegenwehr einher. Die sowjetische Macht war der Klebstoff, der das westliche Bündnis zusammenhielt. Die Rote Armee, die nur knapp 160 km vom Rhein entfernt stationiert war, war nicht nur der Auslöser für den Aufbau der NATO, sondern beflügelte auch die Gründung der Europäischen Union. Die sowjetischen Fähigkeiten brachten zudem die Menschen innerhalb der westlichen Länder zusammen. In den USA vereinten sich Demokraten und Republikaner, um gemeinsam die weltweiten Bemühungen zur Eindämmung des Kommunismus zu unterstützen.

Als Moskau 1979 seine Muskeln spielen ließ und in Afghanistan einmarschierte, vergrößerte das nicht die sowjetische Macht. Ganz im Gegenteil: Diese Militärintervention brachte eine Koalition des Widerstands hervor, der sich Mudschaheddin-Rebellen, die USA, Osama bin Laden mit seinen arabischen freiwilligen Kämpfern sowie Pakistan und China anschlossen. Das verwandelte Russlands Vorstoß in ein kostspieliges, zum Scheitern verurteiltes Unternehmen, das letztlich sogar zum Zusammenbruch der UdSSR im Jahr 1991 beitrug.

Die Entspannung im Kalten Krieg führte zu einem drastischen Machtverlust Moskaus. Die Sowjetunion gab ihren Einflussbereich in Osteuropa völlig auf. Mit dem Zerfall der UdSSR verlor Moskau die Hälfte seiner Bevölkerung, während die Erweiterung von NATO und EU den Westen direkt in den früheren russischen Einflussbereich brachte. Heute entspricht Russlands BIP von 1,58 Billionen USD in etwa dem des Großraums New York und liegt damit bei weniger als einem Zwölftel des US-BIP. Russland hängt stark von seinen Energie-Exporten ab und leidet unter sinkenden Geburtenraten. Kein Wunder also, dass Putin den Zusammenbruch der Sowjetunion als die „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete.

Das Verschwinden der Sowjetunion hat nicht nur die westliche Allianz geschwächt, sondern auch die innerhalb der USA entstandenen Spaltungen verstärkt.

Paradoxerweise eröffnete die schwindende Macht dem Land neue Möglichkeiten der Einflussnahme. Der Kollaps der Sowjetunion wurde zu einer existenziellen Krise für das westliche Bündnis. Der belgische Ministerpräsident schrieb 2003: „Solange die sowjetischen Divisionen nur wenige Stunden vom Rhein entfernt waren, bestand zwischen uns und unseren Vettern in Übersee offensichtlich eine Blutsbrüderschaft. Aber seit dem Ende des Kalten Krieges können wir unsere Meinungsverschiedenheiten offener zum Ausdruck bringen.“

Während seines Libyen-Feldzugs von 2011 nannte der damalige Präsident Barack Obama seine westlichen Verbündeten kritisch „Trittbrettfahrer“ und Trump bezeichnet die NATO als „obsolet“. Derweil hat die russische Schwäche möglicherweise sogar zur Unterminierung der Europäische Union beigetragen und den Brexit begünstigt. Das Verschwinden der Sowjetunion hat nicht nur die westliche Allianz geschwächt, sondern auch die innerhalb der USA entstandenen Spaltungen verstärkt. Auch wenn Faktoren wie Globalisierung, Automatisierung und Immigration die Polarisierung und Parteilichkeit in der amerikanischen Politik ohnehin schon intensivierten, so wurden die Spaltungen ohne den gemeinsamen Feind noch weit ausgeprägter.

Im Vergleich zu den sowjetischen Machthabern der alten Zeit hält Putin zwar die schlechteren Karten und muss Abstriche machen, aber seine Gegner sind untereinander verstrittener und gespaltener. Seine Strategie besteht darin, aus der russischen Machtlosigkeit eine Tugend zu machen. Eine direkte Konfrontation mit mächtigen Rivalen wie den USA oder der EU kommt für ihn nicht in Frage. Stattdessen macht sich Russland die Spaltungen im Westen – und innerhalb der USA – zunutze und treibt mit psychologischer Kriegsführung, Propaganda und Cyberwar noch weitere Keile zwischen seine Gegner.

Moskau übt mit Umsicht gerade genug Druck aus, um seine Gegner zu spalten, ohne dabei eine Aggression an den Tag zu legen, die eine Gegenreaktion auslösen würde.

Den Druck in der richtigen Stärke anzuwenden, wie es jeder altgediente KGB-Agent tun würde, ist eine Kunst. Moskau übt mit Umsicht gerade genug Druck aus, um seine Gegner zu spalten, ohne dabei eine Aggression an den Tag zu legen, die eine Gegenreaktion auslösen würde. Ein Volltreffer war beispielsweise, 2016 die E-Mails der US-Demokraten zu hacken. Für viele Republikaner war das ein Angriff auf „sie“ nicht auf „uns“ als Amerikaner. Hätte Russland einen Cyberangriff gegen US-Institutionen durchgeführt, der mit dem Angriff auf Pearl Harbor vergleichbar gewesen wäre, hätte das vermutlich die Amerikaner zu einem gemeinsamen Gegendruck veranlasst.

Auch die größten geopolitischen Katastrophen haben ihre Vorteile. Ein Imperium zu verlieren kann befreiend sein.

Als schwacher Akteur auf der internationalen Bühne ist Moskau auch durch und durch pragmatisch. Russland initiiert keine Kreuzzüge in den Irak, um das Land zu einem „Leuchtturm der Freiheit“ zu machen. Das ist die Art von Luxuskrieg, den sich nur eine Supermacht leisten kann. Stattdessen übt Putin auf maßvolle Weise Druck aus, der manchmal auch in Brutalität ausartet (wie in Syrien), handelt Abkommen auf lokaler Ebene aus und spricht mit jedem: den Israelis, den Syrern, den Kurden, den Iranern. In der Ukraine fährt Putin die Unterstützung Moskaus für die separatistischen Rebellen mal hoch mal runter, um den Konflikt weiterrumoren zu lassen und seinen Einfluss zu maximieren, während er sich gleichzeitig als unersetzlicher Friedensstifter ausgibt. Niemandem ist die russische Schwäche bewusster als Putin und niemandem ist so verzweifelt daran gelegen, dem Land weltweites Ansehen zu verschaffen. Und deshalb ist der äußere Anschein so wichtig: Siehe seinen selbstbewussten Auftritt bei dem Treffen in Helsinki.

Auch die größten geopolitischen Katastrophen haben ihre Vorteile. Ein Imperium zu verlieren kann befreiend sein.

Aus dem Englischen von Ina Görtz.

© The Atlantic

 

 

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