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Die Globalisierung, wie wir sie kannten, ist vorbei. Europa muss die Souveränität über wichtige Industriezweige zurückgewinnen.

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Apotheke im 17. Jahrhundert: Als die Lieferketten noch übersichtlich waren

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Der Ausbruch des Corona-Virus in China führte bereits Ende Januar dazu, dass eine große Zahl von Fabriken im Land geschlossen wurde. Kein einziger Industriesektor in anderen Teilen der Welt ist von den Auswirkungen verschont geblieben. Unter anderem die Automobil-, Elektronik- und Textilindustrie erlitten und erleiden weiterhin beispiellose Verluste. Allein in der Textilindustrie werden diese auf mehrere hundert Milliarden Dollar geschätzt. Bei den Handyverkäufen prognostizieren Experten für das erste Quartal 2020 einen Rückgang um 50 Prozent. In Europa kam die Automobilproduktion zum Erliegen, weil mehrere Produktionsstätten geschlossen sind.

Obwohl die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft schwer zu quantifizieren sind, rechnet der Internationale Währungsfonds (IWF) bereits jetzt mit einem negativen Wachstum von 3,3 Prozent für dieses Jahr. Mit anderen Worten: Die Weltwirtschaft wird schrumpfen. Etwas optimistischer ist die Prognose der OECD: Laut einem im März 2020 veröffentlichten Zwischenbericht geht sie für 2020 von einem positiven Wachstum zwischen 1,5 und 2,4 Prozent aus, gegenüber 2,9 Prozent im Jahr 2019.

Die Abhängigkeit geht so weit, dass die europäischen Länder in einigen strategischen und lebenswichtigen Sektoren ihre nationale Souveränität vollständig verloren haben.

Der „Shutdown“ in China hat fast jedes andere Land der Welt in Mitleidenschaft gezogen, da China allein für ein Drittel des weltweiten Wirtschaftswachstums verantwortlich ist. Weil die meisten westlichen Volkswirtschaften den Fokus vor allem auf Kostenersparnis gelegt haben, hat sich China zur Fabrik der Welt entwickelt. Die Volksrepublik produziert heute fast 30 Prozent aller hergestellten Waren, 50 Prozent des Edelstahls und 80 Prozent aller Schaltplatinen, die für die Herstellung von Smartphones und Laptops benötigt werden. Der Anteil Europas an den globalen Wertschöpfungsketten ist geschrumpft, und China hat eine Schlüsselrolle in den globalen Lieferketten gewonnen. Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien sind heute extrem abhängig von chinesischen Lieferanten, sowohl bei Bau- und Ersatzteilen als auch bei Rohstoffen. Die Abhängigkeit geht so weit, dass diese europäischen Länder in einigen strategischen und lebenswichtigen Sektoren ihre nationale Souveränität vollständig verloren haben.

Ein zur Zeit vieldiskutiertes Beispiel hierfür ist die Pharmaindustrie. Seit einigen Jahren hat Europa seine Produktion ins Ausland verlagert. Heute werden 80 Prozent der Wirkstoffe aus China und Indien importiert, darunter Moleküle für lebenswichtige Medikamente wie Antibiotika, Krebsmedikamente und Impfstoffe. Noch vor dreißig Jahren wurden nur 20 Prozent der Wirkstoffe importiert.

Die europäischen Länder haben sich auch bei der Produktion von Schutzmasken auf die industriellen Kapazitäten Chinas verlassen, anstatt diese in nationaler Produktion herzustellen. Italien, Frankreich und Spanien benötigen derzeit dringend chirurgische Masken und Atemschutzmasken, aber auch Schutzbrillen, Beatmungsgeräte, Handdesinfektionsmittel und viele andere Produkte, deren Herstellung sie längst eingestellt haben und stattdessen aus China beziehen.

Als sich das Virus ausbreitete, stieg die weltweite Nachfrage nach medizinischen Produkten wie Handdesinfektionsmittel und Schutzmasken stark und schnell an. Doch die chinesischen Fabriken, in denen diese Produkte seit Jahren serienmäßig hergestellt werden, waren geschlossen. In einigen Ländern ist der Mangel an medizinischer Ausrüstung aufgrund der Unterbrechung der Lieferketten fatal.

Auch der Automobilsektor wurde hart getroffen. Ein  Auto besteht aus rund 20 000 Teilen, die im Durchschnitt in über 30 verschiedenen Ländern hergestellt werden, darunter auch in China. Zusätzlich bedeutet die weit verbreitete Praxis der Just-in-Time Produktion, dass die Lagerbestände begrenzt sind.

Als die chinesischen Fabriken im Januar plötzlich schlossen, war klar, dass es zu einem Dominoeffekt und damit zu einer Lieferunterbrechung kommen würde. Die chinesischen Exporte stürzten ab. Innerhalb weniger Wochen gingen mehreren europäischen Herstellern benötigte Einzelteile für die Endmontage von Produkten aus und sie waren gezwungen, die Produktion einzustellen. Autohersteller wie Fiat, BMW und Jaguar Land Rover waren daher die ersten, die den Betrieb in ihren europäischen Werken einstellten.

Heute werden die Fabriken in China nach und nach wieder geöffnet, aber die globalen Lieferketten sind nach wie vor gefährdet. Grenzschließungen und Abriegelungen in verschiedenen europäischen Ländern sowie die Einschränkung des Luftfrachtverkehrs machen den Transport von Produkten zu einer Herausforderung. Darüber hinaus verschärft sich nun auch in den Vereinigten Staaten die Gesundheitskrise, was die Lieferketten zusätzlich unter Druck setzt. Die Störungen verlagern sich nun nach Westen, da europäische Waren nur schwer auf den amerikanischen Kontinent geliefert werden können.

In nur zwei Monaten hat die Corona-Pandemie die Karten der Globalisierung neu gemischt. Sie hat gezeigt, wie anfällig unser globales Produktionssystem ist. Wie abhängig unsere Volkswirtschaften von den über den ganzen Planeten verstreuten Produktionsketten sind, wie weit ein Produkt vom Ort der Herstellung bis zum Ort, an dem es gebraucht wird, reisen muss und wie bei jeder Störung eines Teils der Kette womöglich die gesamte Herstellung zum Erliegen kommt. Die internationale Arbeitsteilung, die jahrzehntelang die Weltwirtschaft beherrschte, ist nicht mehr tragbar und wurde als Quelle großer Unsicherheit ausgemacht.

Die Pandemie ist auch eine Chance für Europa, seine Souveränität über wichtige Industrien wie die medizinische und pharmazeutische Produktion zurück-zugewinnen.

Dennoch könnte die Pandemie ein positiver Wendepunkt sein. Sie hat das Nearshoring und die Notwendigkeit, die Lieferketten zu verkürzen, in den Vordergrund gerückt. Anstatt Entscheidungen auf der Grundlage von Kostenoptimierung zu treffen, was die Unternehmen veranlasst hat, ihre Produktion in Niedriglohnländer zu verlagern, sollte Europa eine ausgewogenere Verteilung der Bezugsquellen einführen und Produktionsmittel entwickeln, die näher am Verbraucher liegen. Dies würde Versorgungsrisiken und Verknappung im Krisenfall begrenzen und gleichzeitig Logistikkosten senken. Der Versand von Produkten von China nach Europa dauert vier Wochen. Würden wir näher am Ort des Verbrauchs produzieren, könnten wir flexibler sein und uns effizienter an sich verändernde Märkte und Ereignisse anpassen.

Europäische Hersteller müssen auch ihre Risikoexposition bewerten und ihre Lieferketten diversifizieren. Sie können Bauteile nicht mehr von einem einzigen Lieferanten an einem einzigen Standort beziehen. Aufgrund des Handelskriegs zwischen den USA und China haben die Unternehmen bereits begonnen, ihre Lieferketten außerhalb Chinas umzustrukturieren. Dieser Schritt könnte sich nach dem Ende der Krise beschleunigen.

Die Pandemie ist auch eine Chance für Europa, seine Souveränität über wichtige Industrien wie die medizinische und pharmazeutische Produktion zurückzugewinnen. In einem derart unsicheren geopolitischen Umfeld ist es heute so wichtig wie nie, die Grundversorgung zu sichern, um die Abhängigkeit der Europäischen Union vom Rest der Welt zu verringern. Der französische Präsident Emmanuel Macron kündigte kürzlich an, dass er Frankreichs vollständige Unabhängigkeit bei der Herstellung von Schutzmasken bis zum Ende des Jahres anstrebt. Das ist der erste Schritt. Aber die EU muss eine echte Strategie für Lieferketten medizinischer Produkte beschließen. Das fängt bei der Beschaffung von Rohstoffen an und reicht bis zur Herstellung, Montage, Verpackung und dem Vertrieb in Produktionsstätten auf europäischem Boden.

Europäische Arbeitskräfte sind vergleichsweise teuer, aber ein kombinierter Prozess aus automatisierter und manueller Arbeit sollte es den Unternehmen ermöglichen, die Produktion wieder nach Europa zurückzubringen. In der Elektronikindustrie kann die Robotisierung zum Nearshoring beitragen. Chinesische Produktionslinien sind bereits vollständig robotisiert und auch einige europäische Robotik-Hersteller arbeiten schon daran.

Eines ist sicher: Die vor uns liegende Zeit erfordert ein umgestaltetes globales Lieferkettenmodell. Denn die Globalisierung, wie wir sie kannten, ist vorbei.

Aus dem Englischen von Marius Mühlhausen

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