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Unsere Zeit ist anders
Warum Vergleiche zwischen der europäischen Politik von heute und der Lage Anfang des 20. Jahrhunderts unangebracht sind.

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George Grosz, „Stützen der Gesellschaft“ (1926)

Lesen Sie diesen Artikel auch auf Russisch.

„Le hasard ne profite qu’aux esprits préparés (Das Glück begünstigt nur den vorbereiteten Geist).“ Louis Pasteur

Vor ein paar Tagen stieß ich in meiner Bibliothek auf Georges Sorels Buch „Über die Gewalt“, das ich vor einem Vierteljahrhundert gekauft und gelesen hatte. Ohne bestimmte Absicht ging ich meine Notizen und Teile des Textes durch, eine Lektüre, die mir Sorels grotesken, aber weitsichtigen intellektuellen Cocktail aus arrogantem Nationalismus beziehungsweise Marxismus, einer Verachtung für das Kleinbürgertum und dem Lob der Gewalt wieder in Erinnerung rief.

„Über die Gewalt“ erschien 1908 und gab, wie später vielfach kommentiert wurde, eine geradezu gespenstische Vorausschau auf das folgende europäische Jahrhundert, in dem Kriege zwischen Nationen und Kriege zwischen Klassen einander abwechselten. Doch 2019 eröffnete sich mir noch eine andere Einsicht: Wie sehr unterscheidet sich doch, ungeachtet gegenteiliger Behauptungen, die Welt von heute von der, die Sorel beschrieb und die fast ein Jahrhundert andauern sollte.

Sorel definiert drei große Triebkräfte: den Klassenkampf, der von einem organisierten Proletariat und seinen Gewerkschaften geführt wird; den nationalen Kampf, der von den jeweils unvereinbaren Zielen nationalistischer Eliten getrieben wird, und die Gewaltanwendung als legitimes politisches Instrument, die oft notwendig wird, um die erwünschten – jedenfalls historisch vorherbestimmten – Entwicklungen herbeizuführen. In dieser Matrix lässt sich nicht nur der Faschismus mühelos unterbringen (was sich in Mussolinis Bewunderung für Sorel äußerte), sondern auch der Sowjetkommunismus (illustriert durch Sorels Lobeshymne auf Lenin im Jahr 1918).

Zwar ziehen „antipopulistische“ Kritiker heute gern Vergleiche zwischen populistischen Bewegungen von Ungarn bis Schweden und dem Faschismus, doch ein Blick in Sorels Buch zeigt, wie sehr sich die Welt von gestern und die von heute unterscheiden.

Betrachten wir einmal die drei Hauptthemen bei Sorel. Der Klassenkampf ist aus den Industriegesellschaften von heute fast gänzlich verschwunden. Die Menschen unterscheiden sich zwar noch durch ihre Stellung im Produktionssystem, wie Marxisten sagen würden, doch politisch ist die Spaltung nicht mehr so auffällig wie sie einst war.

Gewerkschaften und Generalstreik (die Ideen, die Sorel bekannt machten) sind langfristig im Niedergang begriffen. Gewerkschaften können die versprengte Arbeiterschaft nur noch mit Mühe organisieren; sie sind am stärksten in staatlichen Sektoren wie Gesundheit und Bildung und nicht etwa in der Privatwirtschaft, in der sie ursprünglich gegründet wurden, um die Arbeiterrechte zu stärken. Das Wort „Generalstreik“ ist aus dem politischen Vokabular weitgehend verschwunden.

Ich war in diesem Jahr eine Zeitlang in Barcelona , wo ich viele sogenannte Streiks erlebte, sogar einen Generalstreik (vaga general). Doch bald schon dämmerte mir, dass Streiks eine rein rituelle Funktion übernehmen: Nur wenige Menschen schließen sich ihnen an, die Störungen sind minimal, die Wirkung geht gegen Null. Wie religiöse Festtage rufen diese Streiks die Menschen dazu auf, an einem Ritual teilzuhaben, ohne im echten Leben eine Gegenleistung zu erwarten. (Das passt natürlich besser zu einer Religion als zu einer Arbeiter- oder Bürgerbewegung.)

Die Funktion des heutigen Nationalismus liegt nicht darin, einen Krieg der Franzosen gegen die Deutschen zu rechtfertigen, sondern den Schutz französischer Grenzen gegen afrikanische Migranten durch die Polizei.

Der Nationalismus ist durchaus noch am Leben. Doch anders als der faschistische (und Sorels) Nationalismus ist der Nationalismus in der Europäischen Union kein Kräftemessen von Großmächten, sondern der Kampf von „Unzufriedenen“ einer Nation gegen die eigenen städtischen Eliten und Migranten. Das ist eine ungute Ideologie, die jedoch eine deutlich geringere Bedrohung und Gefahr birgt als Anfang des 20. Jahrhunderts.

Die Funktion des heutigen Nationalismus liegt nicht darin, einen Krieg der Franzosen gegen die Deutschen zu rechtfertigen, sondern den Schutz französischer Grenzen gegen afrikanische Migranten durch die Polizei. Er fordert keine Kriege, sondern die Bewahrung von „Werten“. Er ist defensiv, nicht offensiv. Es ist ein Nationalismus der „Verlierer“, nicht der „Löwen“, wie es Vilfredo Pareto in derselben Epoche wie Sorel formulierte.

 (Zumindest gilt das für diverse westeuropäische Nationalismen, die sich stark von ihren faschistischen Vorläufern unterscheiden. Das schließt allerdings nicht den Konflikt zwischen den drei großen Atommächten aus – den Vereinigten Staaten, China und Russland –, die derzeit alle eine mehr oder weniger martialische Nationalismusphase durchlaufen.)

Das dritte Element ist Gewalt. Zwischen der europäischen Gewalt vor dem Ersten Weltkrieg – und erst recht der Gewalt zwischen den Kriegen – und der im heutigen Europa besteht keinerlei Ähnlichkeit. Abgesehen von einem Dutzend Opfern der französischen Gelbwestenbewegung durch unverhältnismäßige Polizeigewalt oder Verkehrsunfälle und den Tod Unbeteiligter in dezentralen Gewaltakten (Terrorismus) kam kein einziger Mensch aus politischen Gründen ums Leben, sei es im Unabhängigkeitsstreben Kataloniens, im griechischen Wirtschaftskollaps oder in politischen Protesten in Italien, Deutschland, Polen, Ungarn, den nordischen Ländern und so weiter.

Das politische System hat sich als außergewöhnlich flexibel und robust erwiesen. Gewalt als legitimes politisches Instrument hat in den fortschrittlichen europäischen Ländern seinen Wert verloren. (Auch dies trifft nicht unbedingt auf andere Länder und Regionen zu.)

Daran wird deutlich, dass vordergründige Vergleiche zwischen der europäischen Politik von heute und der politischen Lage Anfang des 20. Jahrhunderts unangebracht sind. Unser Unbehagen mit aktuellen Entwicklungen entspringen dem „Unbekannten“, einer Neuordnung des politischen Raums, in der sich tiefe gesellschaftliche Umwälzungen spiegeln: der Untergang von Arbeiterklasse und Gewerkschaften, der weitgehende Rückzug der Religion aus dem öffentlichen Leben, der Aufstieg der Globalisierung, die Kommerzialisierung unseres Privatlebens und das Entstehen eines Umweltgewissens.

Die übliche Rechts-Links-Spaltung, die bis zur Französischen Revolution zurückreicht, hat ihre einstige Kraft verloren. Es entstehen neue Spaltungen, etwa zwischen denen, die von Offenheit profitieren, und denen, die ausgeschlossen werden – der neoliberalen städtischen Bourgeoisie und den Menschen, die einer national verwurzelten Lebensweise anhängen. Aber diese Spaltung lässt sich nicht mit dem Konflikt zwischen Faschisten, Kommunisten und Liberalen gleichsetzen.

In der Tat handelt es sich hier um neue politische Strukturen, und es ist wenig sinnvoll, dafür die alten unpassenden Begriffe zu verwenden – meist mit dem Ziel, politische Gegner mit der faschistischen Keule zu treffen. Unser Staatsleben lässt sich so schlichtweg nicht mehr adäquat beschreiben. Wer leichtfertig von Faschismus redet, sollte sich einmal genauer mit Ideologie und Praxis des real existierenden Faschismus befassen – und dann nach geeigneteren Begriffen für unsere komplexe politische Welt suchen.

Aus dem Englischen von Anne Emmert

Dieser Text ist Teil einer Kooperation zwischen Social Europe und dem IPG-Journal

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