Vieles ist ungewiss, wenn an diesem Sonntag der erste Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahl ansteht. Mehreren Umfragen zufolge ist sich fast ein Drittel der Wählerschaft noch nicht sicher, ob sie überhaupt zur Wahl gehen wird. Und ein Drittel derjenigen, die mit Sicherheit wählen gehen werden, hat sich noch nicht für einen Kandidaten oder eine Kandidatin entschieden. Die zahlreichen Krisen – erst die Pandemie, dann der Krieg – haben verhindert, dass der Schlagabtausch zwischen den Kandidaten die gewohnte Aufmerksamkeit bekam. Die Krisen haben bei vielen Franzosen auch das Interesse an diesen Debatten gemindert. Aufgrund der weitverbreiteten Unentschlossenheit der Wählerschaft herrscht eine beispiellose Ungewissheit in Bezug auf das Endergebnis. Kurz vor der wichtigsten politischen Wahl Frankreichs, die den Ausgang der darauffolgenden Parlamentswahlen maßgeblich beeinflussen wird, sollte man sich also auf eine mögliche Überraschung vorbereiten.

Dennoch lassen sich grobe Tendenzen erkennen. Die gesamte Linke befindet sich in einer ausgesprochen schwierigen Ausgangsposition: Sie wird aller Voraussicht nach nicht einmal 30 Prozent der Stimmen erhalten – verteilt auf sechs Kandidatinnen und Kandidaten, von denen wohl niemand eine Chance auf den zweiten Wahlgang hat. Zum Vergleich: Das erwartete Ergebnis der gesamten extremen Rechten, das sich aus den Stimmen für Marine Le Pen und Eric Zemmour ergibt, liegt bei über 30 Prozent. Wie lässt sich diese Schwäche der Linken nach fünf Jahren in der Opposition erklären?

Seit 2017 besteht Macrons Strategie darin, die traditionelle Linke und Rechte zu spalten, indem er die zentristischsten Kräfte aus beiden Lagern auf seine Seite zieht.

Eine Ursache dafür liegt im „Macronismus“ selbst. Emmanuel Macron hat seine ersten Erfahrungen als Minister unter François Hollande gesammelt. So gesehen stammt er eigentlich aus dem linken politischen Spektrum. Seit 2017 besteht seine Strategie allerdings darin, die traditionelle Linke und Rechte zu spalten, indem er die zentristischsten Kräfte aus beiden Lagern auf seine Seite zieht. Obwohl seine politischen Ziele Macron eindeutig zum Wirtschaftsliberalismus tendieren ließen, zwang ihn die Pandemie dazu, stark auf staatliche Interventionen zurückzugreifen, um den Schock der aufeinanderfolgenden Lockdowns und Ausgangssperren abzufedern. Dabei setzte er insbesondere auf Kurzarbeitergeld.

Auch in anderen Bereichen, gelang es Macron einen Teil der Linken zufriedenzustellen, beispielsweise indem er die Verantwortung des französischen Staates für Verbrechen während des Algerienkriegs oder den Völkermord an den Tutsi in Ruanda im Jahr 1994 anerkannte. Macrons Regierung bewies auch, dass sie sich den republikanischen Werten und dem Laizismus verpflichtet fühlt, die einem Teil der linken Wählerschaft sehr am Herzen liegen. Und schließlich erscheint er schlicht als das beste Bollwerk gegen einen möglichen Sieg der extremen Rechten. All dies erklärt, warum ein Teil der Stammwählerschaft der Sozialdemokraten und der Grünen wahrscheinlich schon im ersten Wahlgang für Emmanuel Macron stimmen wird.

Eine weitere Ursache liegt in der internationalen politischen Großwetterlage. Im Laufe der letzten fünf Jahre sind fast eine Million Einwanderer nach Frankreich gekommen, von denen die Hälfte außereuropäischer Herkunft ist. Dazu kommen die keineswegs überwundenen Probleme mit dem Islamismus und islamistischen Terrorismus in Frankreich. Vor diesem Hintergrund konzentriert sich die Opposition gegen die Regierung Macron großteils auf Fragen der Identität und der Sicherheit. Die extreme Rechte, die diese Themen zu ihrer obersten Priorität macht und radikale, demagogische Lösungen verspricht, erscheint vielen Unzufriedenen attraktiv. Marine Le Pen, die bestplatzierte rechtsextreme Kandidatin, widmet sich in ihrem Wahlprogramm aber auch sozialen Themen, um Stimmen aus der Arbeiterklasse zu gewinnen, die früher links gewählt haben.

Mélenchon hat mehrfach Anlass für Zweifel an seiner Fähigkeit geboten, das Land zu führen.

Auch die ideologische und strategische Orientierungslosigkeit der Linken selbst spielt eine Rolle. Die Wahl von 2017 brachte Jean-Luc Mélenchon mit 19 Prozent der Stimmen an die Spitze seines politischen Lagers. Fünf Jahre später ist jedoch klar, dass unter seiner Führung keine glaubwürdige Alternative zum Macronismus entstanden ist. Seine Partei France Insoumise verlor alle Regionalwahlen katastrophal und kam nie über 10 Prozent der Stimmen. Die Diskrepanz zwischen den Ergebnissen bei den Präsidentschaftswahlen und den Regionalwahlen spiegelt die Tatsache wider, dass Mélenchons Bewegung nicht wirklich im Land verankert ist. Ihre – relative – Stärke beruht hauptsächlich auf der Person und dem Charisma von Mélenchon selbst. Im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahl 2017 lag er mit knapp unter 20 Prozent an vierter Stelle. Sein Rückstand auf die zweitplatzierte Le Pen betrug damals nicht einmal zwei Prozent.

Mélenchon hat jedoch mehrfach Anlass geboten, an seiner Fähigkeit zu zweifeln, das Land zu führen. Als 2019 aufgrund des Verdachts der Mittelveruntreuung seine Wohnung und der Parteisitz durchsucht wurden, verhielt er sich gegenüber den Einsatzkräften aggressiv. Bei mehreren Anlässen fiel er durch verschwörungstheoretische und antisemitische Äußerungen auf. Insgesamt hat sich seine politische Haltung im Vergleich zu 2017 deutlich gewandelt. Während er bis dahin seine Verbundenheit mit dem republikanischen System, dem Laizismus und dem Universalismus verkündete, begab er sich später auf ein Terrain, das üblicherweise der extremen Linken vorbehalten ist: Relativierung des Problems des Islamismus in Frankreich, Widerstand gegen jedes neue rechtliche Regelwerk zur Bekämpfung dieses Phänomens, unqualifizierte Verurteilung von Polizeigewalt. Mit einer solchen politischen Linie versucht France Insoumise, ob aussichtsreich oder nicht, sich Stimmen in den Arbeitervierteln zu sichern, in denen ihre 15 Abgeordneten gewählt wurden. Die Partei verschließt sich so allerdings jeder Möglichkeit, ihre Wählerschaft über etwa 15 Prozent hinaus zu erweitern – was die gläserne Decke zu sein scheint, mit der Mélenchon heute konfrontiert ist.

Viele linke Wählerinnen und Wähler bereiten sich auf eine „taktische Wahl“ Mélenchons im ersten Wahlgang vor. In die zweite Runde wird er es trotzdem kaum schaffen.

In der aktuellen Wahlkampagne ist es den anderen linken Kandidaten nicht gelungen, Mélenchon Konkurrenz zu machen: Der altehrwürdigen Parti Socialiste, die in der Fünften Republik mit François Mitterrand und François Hollande zwei Präsidenten stellte, scheint die Luft auszugehen, nachdem ein Teil ihrer Funktionäre zur Präsidentenpartei gewechselt ist. Ihre Kandidatin, die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, liegt bei Umfragen unter drei Prozent. Die Grünen um ihren Kandidaten Yannick Jadot, der Abgeordneter des Europäischen Parlaments ist, haben es trotz einzelner Erfolge auf regionaler Ebene nicht geschafft, ihre Basis zu verbreitern. Die Kommunistische Partei hat mit Fabien Roussel zum ersten Mal seit 2007 einen Kandidaten aufgestellt, hat aber trotz mutiger Stellungnahmen zum Laizismus, zur Kernenergie oder zur Sicherung von Arbeitsplätzen Schwierigkeiten, die Wählerschaft zu überzeugen.

Viele linke Wählerinnen und Wähler bereiten sich auf eine „taktische Wahl“ Mélenchons im ersten Wahlgang vor. Doch das wird voraussichtlich nicht ausreichen, um ihm einen Platz in der zweiten Runde zu sichern. Aller Wahrscheinlichkeit nach steht die französische Linke vor einer weiteren fünfjährigen Durststrecke. Die Frage ist nur, ob sie diese Zeit nutzen kann, um sich endlich wieder neu aufzustellen.

Aus dem Französischen von Maike Hopp