Während die russische Armee in einem blutigen Krieg eine Niederlage nach der anderen erleidet und sich aus immer mehr ukrainischen Gebieten zurückzieht, zerfällt auch im Inneren Wladimir Putins Regime. Jahrelang basierte die russische Autokratie auf der stillen Vereinbarung, dass man, wenn man sich aus der Politik heraushält, von dieser auch einigermaßen in Ruhe gelassen wird. Jeder mochte denken, was er wollte und konnte das im privaten Umfeld gefahrlos äußern. All das wurde von der Regierung nun selbst zerstört. Männer werden gegen ihren Willen zum Kampf in einem Eroberungskrieg gezwungen – kritische Meinungsäußerungen werden auch privat gefährlich. Die russische Gesellschaft wird infolgedessen und durch soziale Verwerfungen durcheinandergewirbelt wie nie seit dem Ende der Sowjetunion. Diese hörte damals ad hoc auf zu existieren – das Gleiche kann nun mit der Ära Putin geschehen.

Laut zahlreicher Leaks in unabhängigen russischen Medien, die inzwischen zum größten Teil wegen der strengen Zensur und Repression aus dem Ausland operieren müssen, war der militärische Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar für viele ein Schock – selbst für das Umfeld von Wladimir Putin. Als dieser seine Vertrauten vor vollendete Tatsachen gestellt hatte, wurde es sehr gefährlich, dem sinkenden Schiff entkommen zu wollen. Deswegen scharte man sich notgedrungen um den Anführer der letzten Jahrzehnte. Zu Beginn herrschte noch die Euphorie, einen ähnlichen Triumph wie 2014 bei der Krim einfahren zu können. Sie äußerte sich in einem nationalistischen Hochgefühl. „Jetzt müssen sie Rubel an der Moskauer Börse tauschen, um unser Gas zu kaufen. Aber das ist noch eine Kleinigkeit. Wir werden sie alle f*cken“, zitierte die russische Journalistin Farida Rustamova damals eine leitende Beamtin. Rustamova bescheinigte den westlichen Sanktionen den Effekt, die Stimmung in der russischen Elite eher noch anzuheizen, als sie etwa zu trüben.

Doch der Krieg zog und zieht sich seitdem hin – russische Erfolge bleiben jedoch aus. Als man sich aus zuvor eroberten ukrainischen Gebieten zurückziehen musste, verflog der Enthusiasmus der Putin-Elite komplett. Vor allem die Flucht der russischen Truppen aus der Region Charkiw konnte vom eigenen Verteidigungsministerium kaum kaschiert werden. Dies führte bei vielen Mitgliedern der Politikspitze zu einer Meinungsänderung, glaubt der Politologe Abbas Gallyamov, der Putin und sein Umfeld als früherer Redenschreiber aus eigener Anschauung kennt. „Die meisten Mitglieder der Elite sind Pragmatiker. Sie sind fest entschlossen, alles so schnell wie möglich zu stoppen. Sie waren schon zu Beginn nicht begeistert von diesem Krieg. Jetzt, wo kein Erfolg sichtbar ist, sind sie noch überzeugter, dass er etwas Schlechtes ist“, meint Gallyamov.

Die öffentliche Unterstützung für den Krieg ist jedoch ein Indikator auch für die Loyalität gegenüber dem Kreml-Chef, der ihn ja als eigenes Projekt losgetreten hat. „Es gibt nur eine Person in der russischen Regierung, die wirklich vom Krieg begeistert ist, und das ist Wladimir Putin. Für alle anderen ist die Unterstützung des Krieges nichts anderes als ein formales Zeichen der Loyalität gegenüber dem Anführer“, glaubt Oleg Kaschin, ein prominenter, in London lebender russischer Journalist und Publizist.

Es gibt nur eine Person in der russischen Regierung, die wirklich vom Krieg begeistert ist, und das ist Wladimir Putin.

Konflikte zwischen verschiedenen Fraktionen in der regierungsnahen Politik brechen zunehmend auf, seit die Misserfolge begonnen haben. So kritisierte der Regionalführer von Tschetschenien und Generalstabsoffizier Ramsan Kadyrow am 1. Oktober scharf den Kommandanten des Zentralen Militärbezirks Lapin und bezeichnete ihn als Schuldigen am Rückzug aus der strategisch wichtigen Stadt Liman. Das Verteidigungsministerium nahm diesen Angriff einfach hin und der einflussreiche Chef der privaten Militärfirma Wagner, Jewgeni Prigoschin, legte sofort ähnlich scharfe Kritik nach. „Für den Kreml wird es immer schwieriger, einen einheitlichen Medienraum zu erhalten. All das ähnelt immer mehr einer Art Anarchie, ja fast einem Bürgerkrieg. Das Massenpublikum spürt das und die Unterstützung für den Krieg bricht ein – die Angst in der Gesellschaft wächst“, ist Abbas Gallyamov überzeugt.

Ebenso schwer wie die Erschütterungen wiegt die Auflösung des russischen Gesellschaftsvertrags. Viele Jahre war man sich unter Putin einig, dass sich die meisten nicht an der Politik beteiligen, bei Wahlen ein vorher bestimmter Sieger gewählt wird und der Staat dafür für Sicherheit und Stabilität sorgt. Vor allem mit der Mobilmachung zerstörte Putin den Gesellschaftsvertrag. Plötzlich reicht stillschweigende Zustimmung auf der Couch nicht mehr aus. Nun wird plötzlich erwartet, dass jeder seine Unterstützung für das Regime öffentlich bekennt, sehr viele sogar mit der Waffe in der Hand und unter Lebensgefahr. „Wladimir Putin selbst nannte die soziale und wirtschaftliche Stabilität in der Gesellschaft seine wichtigste Errungenschaft nach Boris Jelzin. Das Wort ‚Stabilität‘ wurde zum Hauptsymbol seiner Herrschaft. Jetzt ist Putin selbst zu einer Quelle der Instabilität geworden“, meint Alexander Baunow, russischer Politologe und Experte bei Carnegie Endowment. Nach Ergebnissen von Umfragen des nichtstaatlichen Lewada-Zentrums unterstützen die Mobilmachung nur 24 Prozent der Russinnen und Russen, die Unterstützung der Aktionen der russischen Armee sank von März bis Oktober erheblich.

Auch die Annexion von vier neuen Gebieten nach offensichtlichen Pseudo-Referenden sorgte bei der Bevölkerung für keinerlei Begeisterung. Der Effekt der Aktion sei, verglichen mit der Krim-Annexion, sogar genau umgekehrt, glaubt Abbas Gallyamov. „Die Krim war ein Symbol des Sieges, ein Symbol für eine unabhängige Außenpolitik Russlands und ihren Erfolg. In Russland wurde dies mehr gefeiert als auf der Krim selbst. Jetzt gibt es zum einen keinen Sieg. Zum anderen fließt das Blut in Strömen. Zum Dritten ist die Aktion eine zusätzliche Eskalation und die Leute wollen einfach keine Eskalation. Sie wollen, dass alles so schnell wie möglich zu Ende geht“, stellt der Experte fest.

In den ersten Kriegswochen berichteten einige Beobachter und Kommentatorinnen davon, dass in Kreisen rund um Putin, die mit der Aggression gegen die Ukraine besonders unzufrieden waren, eine Verschwörung vorbereitet werde. Es war eine Weile Mode, darüber zu reden, dass Putin das Schicksal einiger Vorgänger an der Spitze Russlands erleiden könnte. Paul I. etwa fand durch einen Schlag mit einer Schnupftabakdose sein Ende. Josef Stalin wurde 1953 vergiftet, wie zahlreiche historische Dokumente belegen. Allerdings hat Putin in den vielen Jahren seiner Herrschaft sehr penibel das Personal ausgewählt, das ihn persönlich umgibt. So gab es bei Kriegsbeginn keinen einzigen Menschen um ihn herum, der ihm überhaupt widersprechen konnte. Stattdessen griff, wie Farida Rustamova schreibt, in Kreml-Kreisen eine suizidale Stimmung um sich.

Jetzt ist Putin selbst zu einer Quelle der Instabilität geworden.

Aber auch in den russischen Provinzen gibt es potentielle Spannungsherde. Oleg Kaschin nennt hier vor allem den Nordkaukasus, insbesondere Tschetschenien, das schon immer das schwächste Glied im System Putin war. „Ein neuer Krieg im Kaukasus ist möglich. Ich glaube allerdings nicht an so etwas wie einen Bürgerkrieg in Russland zwischen Anhängern und Gegnern Putins. Die regionalen Eliten, die von Putin geschwächt wurden, sind dennoch in der Lage, zu verhandeln und Kriege zu vermeiden, da sie reich sind und in Frieden leben wollen.“

Trotz Kadyrows Maulheldentum ist die Begeisterung für den Krieg in Tschetschenien gering – nicht nur bei den dortigen Provinzfürsten. Die Anzahl der Freiwilligen ethnischen Tschetschenen war nie hoch, schreibt Elena Milashina in der Nowaja Gaseta, fast alle seien Mitarbeiter der örtlichen Strafverfolgungsbehörden, die zum Kriegseinsatz gedrängt wurden. Als ihre Rekrutierung bekannt wurde, ging die Anzahl der Bewerber für diese Behörden stark zurück, obwohl man zuvor sogar Bestechungsgelder zahlen musste, um an die Posten zu gelangen. Kadyrow schloss die Lücken in seinen „Achmat-Spezialeinheiten“ mit ethnischen Russen, die nun bei weitem die Mehrheit in diesen Truppen bilden.

Auch wenn die Fassade noch stabil wirkt, so wird das System Putin überall innerlich immer poröser und zunehmend ausgehöhlt, von der Spitze über die Bevölkerung bis in Krisenregionen. Der Bestsellerautor Alexej Jurtschak hat intensiv den Zusammenbruch des Sowjetsystems erforscht. Er meint in seinem jüngsten Interview, dass der Zusammenbruch des Putin’schen Systems plötzlich kommen und die Fassade schnell fallen werde: „Der wesentliche Unterschied zwischen der UdSSR und Putins Russland besteht darin, dass bis zur Perestroika keiner an einen Zusammenbruch des Sowjetsystems geglaubt hat. Dagegen gibt es jetzt ein deutliches Gefühl, dass das Ende nahe ist.“

Lesen Sie in dieser Debatte auch den Beitrag von Roland Bathon, der im IPG-Journal erschienen ist.