Es war ein Schock, als Stefanos Kasselakis – ein junger Unternehmer, der in Miami ansässig ist und politisch so gut wie keine Erfahrung hat – Ende September zum Vorsitzenden der linksgerichteten SYRIZA gewählt wurde. Weniger überraschend ist, dass sich die Partei seither selbst demontiert. Die Unverbrauchtheit und ideologische Flexibilität, die sich als Stärken erwiesen, als Kasselakis entgegen aller Wahrscheinlichkeit gewählt wurde, haben sich innerhalb kürzester Zeit in Schwächen verwandelt, seit er den Vorsitz der Partei übernommen hat – die zwischen 2015 und 2019 zwei Koalitionsregierungen angeführt hatte.

Es gibt viele Gründe, warum Kasselakis sich gegen die anderen Kandidaten und insbesondere gegen die ehemalige Arbeitsministerin und Favoritin der Parteispitze, Efi Achtsioglou, durchsetzen konnte. Der wohl wichtigste Grund war, dass Kasselakis als unbeschriebenes, weißes Blatt wahrgenommen wurde, auf das die SYRIZA-Anhänger – verbittert durch heftige Niederlagen bei vier Europa- und Parlamentswahlen seit 2019 – projizieren konnten, was sie wollten. Viele trauten ihm zu, Premierminister Kyriakos Mitsotakis zu schlagen, dessen Mitte-rechts-Regierung trotz ihrer Schwächen die Macht fest in der Hand behält, wie ihr klarer Sieg bei den Wahlen in diesem Sommer bestätigt hat.

Mehr als zwei Monate nach seinem Amtsantritt ist immer noch nicht erkennbar, welche Überzeugungen Kasselakis hat.

In den Wochen seit der Wahl der SYRIZA-Führung ist aus dem unbeschriebenen, weißen Blatt eine leere Hülle geworden. Mehr als zwei Monate nach seinem Amtsantritt ist immer noch nicht erkennbar, welche Überzeugungen Kasselakis hat, wo seine politischen Präferenzen liegen und in welche Richtung er die Partei führen will. Dies lässt die Befürchtung aufkommen, dass er entweder ein Opportunist ist, der eine einmalig günstige Gelegenheit in der Geschichte von SYRIZA genutzt hat, um mit Hilfe einiger Kader, die nach dem Rücktritt des früheren Vorsitzenden Alexis Tsipras ein Vakuum witterten, die Kontrolle über die Partei an sich zu reißen. Oder dass seine politischen Überzeugungen, sofern vorhanden, auf der rechten Seite des politischen Spektrums verwurzelt sind.

Diese Befürchtungen verdichteten sich, als Kasselakis im Oktober in seiner Rede auf der Jahrestagung des Griechischen Unternehmensverbandes (SEV) den griechischen Industriellen erklärte, seine Partei werde „das Kapital nicht mehr verteufeln, sondern als hilfreiches Instrument für den Wohlstand betrachten“. Zudem hörte man von ihm nicht die Forderungen nach höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen für Arbeiterinnen und Arbeiter, die ein SYRIZA-Chef bei solchen Veranstaltungen üblicherweise erhebt. Das war für die innerparteilichen Gegner und Skeptiker das Signal, den 35-Jährigen offen anzugreifen. Dadurch wirkte SYRIZA wie eine Partei, die zutiefst gespalten ist, seit die Identifikationsfigur Tsipras nicht mehr da ist, der mit seinem politischen Instinkt und Charisma jede interne Fehde überbrücken konnte. Kasselakis’ Reaktion empfanden viele als plump: Er versuchte einfach, die Abweichler aus SYRIZA hinauszuwerfen. So kam es zum Bruch mit dem linken Parteiflügel Ombrella („Schirm“) und später auch mit der gemäßigteren Gruppe 6+6.

Elf Abgeordnete – darunter Achtsioglou und weitere ehemalige Ministerinnen und Minister der Regierung von Alexis Tsipras – haben SYRIZA inzwischen verlassen und eine parlamentarische Gruppe namens „Neue Linke“ gegründet. Sie will sich als echte linke Alternative zu ihrer früheren Partei etablieren und an den Wahlen zum Europäischen Parlament im nächsten Jahr teilnehmen. Nach einer in der vergangenen Woche durchgeführten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts GPO liegt der Zuspruch zur Neuen Linken bei 2,5 Prozent, SYRIZA kommt auf 9,8 Prozent. Dieselbe Umfrage ergab, dass Griechenlands sozialdemokratische Partei PASOK die SYRIZA vom zweiten Platz verdrängt hat. 12,1 Prozent der Befragten gaben an, dass sie für die Mitte-links-Partei stimmen würden. Zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren steht damit die PASOK, die seit der griechischen Schuldenkrise stark angeschlagen war, in der Wählergunst höher als SYRIZA.

Elf Abgeordnete haben SYRIZA inzwischen verlassen und eine parlamentarische Gruppe namens „Neue Linke“ gegründet.

Kasselakis versucht, diese Entwicklungen kleinzureden, und erklärt, seine Partei durchlebe nur vorübergehende Turbulenzen, die überstanden seien, sobald er neue Gesichter ins Boot hole und die Möglichkeit habe, seine Ideen vorzustellen und so etwas wie ein Manifest zu verfassen. Er glaubt nach wie vor fest daran, dass SYRIZA die Wahlen zum Europäischen Parlament im nächsten Jahr gewinnen kann, aber diese Ansicht teilt außerhalb seines engeren Umfelds niemand. Die Linken scheinen unaufhaltsam wieder ins politische Abseits zu rutschen, wo die Partei sich bis zum Ausbruch der griechischen Wirtschaftskrise im Jahr 2009 befunden hatte.

Bei den Parlamentswahlen im Juni erhielt SYRIZA knapp 18 Prozent der Wählerstimmen, Mitsotakis’ Nea Dimokratia („Neue Demokratie“) kam auf 40,5 Prozent. Vier Jahre zuvor hatte SYRIZA noch 31,5 Prozent der Stimmen errungen. Die Unterstützung für die Linke war also nach nur einer Amtszeit in der Opposition um fast 14 Prozentpunkte gesunken. Kasselakis hat eine Partei übernommen, die von einer Krise gezehrt hatte, die es nicht mehr gibt, und die von einem Vorsitzenden zusammengehalten wurde, der inzwischen seinen Hut genommen hat, und die sich zudem auf einen losen Zusammenschluss von Parteiflügeln stützte, die zunehmend auseinanderdriften. Um SYRIZA neu aufzubauen, braucht es eine klare politische Vision, eine abgestimmte Kommunikationsstrategie, kompetentes Personal und die Fähigkeit, es mit stärkeren Gegnern aufzunehmen. Kasselakis hat derzeit allem Anschein nach nichts von alledem zu bieten und wird wohl auch nicht mehr viel Zeit haben, das Ruder herumzureißen.

Nachdem die PASOK ein Jahrzehnt lang politisch weitgehend isoliert war, hat sie jetzt die Chance, sich wieder als ernst zu nehmende Konkurrentin zu etablieren.

Sollte es ihm nicht gelingen, den jüngsten Trend zu stoppen und 2024 mit SYRIZA zumindest bei der Wahl zum Europäischen Parlament besser abzuschneiden als bei der diesjährigen Parlamentswahl, ist seine Stellung möglicherweise gefährdet. Doch es gibt auch außerhalb von SYRIZA Entwicklungen, die sein Schicksal besiegeln könnten. Nachdem die PASOK ein Jahrzehnt lang politisch weitgehend isoliert war, hat sie jetzt die Chance, sich wieder als ernst zu nehmende Konkurrentin zu etablieren. Allerdings bestehen nach wie vor Zweifel, ob die Mitte-links-Partei unter der Führung des ehemaligen Europaabgeordneten Nikos Androulakis substanzielle Zugewinne erzielen kann. Viele sind der Ansicht, es fehle ihm an der nötigen Ausstrahlung und Schlagkraft, um die Partei nach vorne zu bringen und den Niedergang von SYRIZA für seine Partei zu nutzen.

Auch von seinen ehemaligen Parteifreunden, die die Neue Linke gegründet haben, droht Kasselakis Gefahr. Wenn ihre Popularität zunimmt, werden die in der SYRIZA Verbliebenen sich womöglich irgendwann fragen, ob sie nach der Abspaltung auf der richtigen Seite stehen. Sollten die PASOK und die Neue Linke in den kommenden Monaten zulegen, dürfte dies auch eine Diskussion über eine mögliche Kooperation zwischen den beiden Parteien auslösen, die sich zu einer progressiven Kraft zusammentun und sich Mitsotakis entgegenstellen könnten.

Der vielleicht größte Fehler, den die progressiven Kräfte in Griechenland im Augenblick machen könnten, wäre der, dass sie sich in dem Drama um die Zersplitterung der SYRIZA und der Show verheddern, die Kasselakis als politischer Sonderling abliefert. Für die griechischen Linken ist es bitter, dass die Mitte-rechts-Partei Nea Dimokratia weit vor ihnen in Führung liegt. Es gibt also einen großen Aufholbedarf innerhalb einer kurzen Zeit. Wenn Kasselakis die Talfahrt der SYRIZA nicht aufhalten kann, wonach es derzeit aussieht, werden PASOK und andere einen Weg finden müssen, diese Talfahrt zu ihrem Vorteil zu nutzen.

Aus dem Englischen von Christine Hardung