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Das weibliche Desaster
Frauen sind weniger von Corona betroffen? Von wegen. Die wirtschaftlichen und sozialen Kosten treffen sie wesentlich stärker.

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Die Idylle trügt.

Es reicht schon jetzt. Gern wird zum Thema soziale Distanzierung und Heimarbeit gute Laune verbreitet, darauf verwiesen, dass William Shakespeare und Isaac Newton einige ihrer besten Werke schufen, während England von der Pest heimgesucht wurde. Darauf kann man nur antworten: Beide mussten sich nicht um Kinder kümmern. 

Shakespeare verbrachte den größten Teil seines Arbeitslebens in London, wo die Theater waren, während seine Familie in Stratford-upon-Avon lebte. Als 1606 die Pest ausbrach, hatte der Dramatiker das Glück, vom Schwarzen Tod verschont zu werden – seine Vermieterin starb auf dem Höhepunkt der Epidemie. Shakespeares Frau und die beiden erwachsenen Töchter waren derweil auf dem Lande im County Warwickshire in Sicherheit. Newton war nie verheiratet, hatte keine Kinder. Er erlebte die Große Pest von London 1665 bis 1666 auf dem Sitz seiner Familie im Osten Englands, verbrachte jedoch den größten Teil seines Lebens als Fellow an der Universität Cambridge, die ihm Mahlzeiten und Haushaltsführung stellte. 

Wer sich um andere kümmern muss, dürfte in Zeiten einer Epidemie wohl kaum die Muße finden, König Lear zu schreiben oder die Theorie des Lichts zu entwickeln. Eine Pandemie vergrößert alle bestehenden Ungleichheiten (auch wenn Politiker betonen, dass man in Zeiten wie diesen nur über die unmittelbare Krise reden darf). Die Arbeit von Zuhause ist in einem Bürojob leichter zu organisieren; Angestellte mit Gehältern und Zulagen sind besser geschützt, Selbstisolation gestaltet sich in einem geräumigen Haus einfacher als in einer engen Wohnung. Doch eine besonders frappierende Folge des Coronavirus ist, dass er viele Paare in die fünfziger Jahre zurückkatapultiert. Überall auf der Welt wird die Unabhängigkeit von Frauen still und leise der Pandemie zum Opfer fallen. 

Mit dieser Pandemie geht viel Arroganz einher. Besonders ärgerlich ist das Unvermögen des Westens, aus der Geschichte zu lernen.

Körperlich scheint das Virus Frauen weniger schwer zu treffen. Doch in den letzten Tagen hat sich die Debatte um die Pandemie ausgeweitet: Wir leben nicht nur in einer Gesundheitskrise, sondern auch in einer Wirtschaftskrise. Da das normale Leben für drei oder mehr Monate ausgesetzt wird, sind Arbeitsplatzverluste unvermeidbar. Gleichzeitig verlagert sich durch Schulschließungen und Kontaktsperren die Arbeit rund um die Kinder von bezahlten Anbietern – Kindergärten, Schulen, Babysitter – zur unbezahlten Betreuung. Das Coronavirus macht in den Industriestaaten die Vereinbarung vieler Doppelverdiener-Paare zunichte: Wir können beide arbeiten, weil jemand anders unsere Kinder betreut. Stattdessen müssen sie nun entscheiden, wer von ihnen in den sauren Apfel beißt. 

Mit dieser Pandemie geht viel Arroganz einher. Besonders ärgerlich ist das Unvermögen des Westens, aus der Geschichte zu lernen: der Ebolakrise 2014 in drei afrikanischen Ländern, dem Zikavirus in den Jahren 2015 und 2016 und den jüngsten Ausbrüchen von SARS, Schweinegrippe und Vogelgrippe. Wissenschaftler, die diese Ereignisse erforschten, stellten fest, dass sie einschneidende und dauerhafte Folgen für die Gleichstellung der Geschlechter hatten. „Die Ebola-Epidemie in Westafrika beeinträchtigte das Einkommen aller Menschen“, erklärte Julia Smith, Gesundheitsforscherin an der Simon Fraser University, in der New York Times, doch „das Einkommen der Männer kehrte schneller auf den Stand vor der Epidemie zurück als das der Frauen“. Die Auswirkungen einer Epidemie können Jahre anhalten, sagte Clare Wenham, Assistent Professor für globale Gesundheitspolitik an der London School of Economics im Gespräch mit mir. „Wir haben auch beobachtet, dass [während der Ebola-Krise] die Impfquote bei Kindern sank.“ Wenn diese Kinder später eigentlich vermeidbare Krankheiten bekamen, mussten sich ihre arbeitenden Mütter Urlaub nehmen. 

Auf persönlicher Ebene dürften die Entscheidungen, die Paare in den nächsten Monaten treffen, wirtschaftlich völlig nachvollziehbar sein. Was brauchen Pandemie-Patienten? Betreuung. Was brauchen ältere Menschen in Quarantäne? Betreuung. Was brauchen Kinder, die nicht zur Schule gehen dürfen? Betreuung. Dieser Betreuungsaufwand – diese unbezahlte Sorgearbeit – wird aufgrund der bestehenden Arbeitsmarktstrukturen stärker auf Frauen zurückfallen. „Es geht hier nicht nur um soziale Normen, die Frauen Fürsorgeaufgaben auferlegen; hier geht es auch um praktische Fragen“, fügte Wenham hinzu. „Wer verdient weniger? Wer ist flexibler?“ 

Diese Störung könnte nicht nur Wochen, sondern Monate dauern. Einige Frauen werden das, was sie ihr Leben lang aufgebaut haben, nie wieder erreichen können.

In Großbritannien arbeiten offiziellen Zahlen zufolge 40 Prozent der beschäftigten Frauen in Teilzeit, gegenüber nur 13 Prozent bei den Männern. In heterosexuellen Beziehungen verdienen Frauen oft weniger als ihr Partner, sodass ihr Job bei einer Störung nachrangig behandelt wird. Und diese besondere Störung könnte nicht nur Wochen, sondern Monate dauern. Einige Frauen werden das, was sie ihr Leben lang aufgebaut haben, nie wieder erreichen können. Wenn die Schulen schließen, springen sicher auch viele Väter ein, aber das dürfte nicht der Regelfall sein. 

Obwohl im 20. Jahrhundert so viele Frauen in den Arbeitsmarkt eingetreten sind, ist nach wie vor das Phänomen der „zweiten Schicht“ zu beobachten. Überall auf der Welt verrichten Frauen, auch solche mit Anstellung, mehr Hausarbeit und haben weniger Freizeit als ihre männlichen Partner. Sogar an Internetbeiträgen über Hamsterkäufe kann man ablesen, dass häusliche Aufgaben wie das Einkaufen in erster Linie von Frauen erledigt werden. „Ich fürchte mich nicht vor Covid-19, aber den Unverstand vieler Leute finde ich schon beängstigend“, lautet ein besonders beliebter Tweet über die Coronakrise. „Ich mache mir Sorgen um Menschen, die in den Laden gehen, um ihre Familien zu ernähren, und feststellen müssen, dass Susan und Karen für dreißig Jahre Vorräte eingekauft haben.“ Der Witz funktioniert nur, weil „Susan“ und „Karen“ als typische Vorstadt-Mamis nach allgemeinem Verständnis eher für das Haushalts-Management zuständig sind als, sagen wir, Mike und Steve. 

Man muss nicht lange suchen, um Paare zu finden, die bereits harte Entscheidungen über die Aufteilung der zusätzlichen unbezahlten Arbeit getroffen haben. Als ich Wenham anrief, war sie mit zwei kleinen Kindern zu Hause; sie und ihr Ehemann wechselten sich in Zwei-Stunden-Schichten mit Kinderbetreuung und bezahlter Arbeit ab. Das ist eine mögliche Lösung; für andere dürfte die Aufteilung anders aussehen.

Manch ein Doppelverdiener-Paar könnte sich in einem Leben wiederfinden, wie es die Großeltern einst führten: Eine erledigt den Haushalt, der andere verdient die Brötchen. „Mein Mann ist Arzt in der Notaufnahme und behandelt #Coronavirus-Patienten. Wir haben gerade die schwierige Entscheidung getroffen, dass er, solange er Patienten behandelt, auf absehbare Zeit in die Garage zieht,“, schrieb die Epidemiologin Rachel Patzer von der Emory University, die ein drei Wochen altes Baby und zwei weitere Kinder hat. „Während ich also meinen Kindern (allein) Heimunterricht zu erteilen versuche und das Baby ständig schreit, wenn ich es nicht auf den Arm nehme, mache ich mir Sorgen um die Gesundheit meines Mannes und meiner Familie.“ 

Während der Ebola-Epidemie starben in Sierra Leone mehr Frauen durch Komplikationen bei der Geburt als an der ansteckenden Krankheit selbst.

Alleinerziehende Eltern stehen vor noch härteren Entscheidungen: Wie sollen sie Arbeit und Betreuung unter einen Hut bekommen, wenn die Schulen geschlossen sind? Niemand sollte nostalgisch auf das „Ideal der Fünfziger“ zurückblicken, als Vati abends bei seiner Rückkehr ein frisch zubereitetes Essen und gebadete Kinder vorfand, wo doch schon damals viele Familien von diesem Klischee weit entfernt waren. In Großbritannien steht einem Viertel aller Familien nur ein Elternteil voran, mehr als 90 Prozent von ihnen sind Frauen. Geschlossene Schulen machen ihnen das Leben noch schwerer. 

Aus der Ebola-Epidemie ergaben sich weitere nicht weniger krasse Effekte, die ähnlich, wenn auch in kleinerem Umfang, in der Coronakrise auch in den Industrieländern auftreten könnten. Schulschließungen beeinträchtigten die Chancen von Mädchen, weil viele aus dem Bildungssystem ausstiegen (eine Zunahme von Teenager-Schwangerschaften verschärfte diesen Trend.) Häusliche und sexuelle Gewalt nahm zu. Und mehr Frauen starben bei der Geburt, weil die Ressourcen in andere Bereiche flossen. „Das Gesundheitssystem wird erschüttert, alles wird in die Epidemie gesteckt“, so Wenham, die sich während der Ebola-Krise als Wissenschaftlerin in Westafrika aufhielt. „Was keine Priorität hat, wird gestrichen. Das kann sich auf die Müttersterblichkeit und den Zugang zu Verhütungsmitteln auswirken.“ In den USA gibt es in diesem Bereich bereits eine im Vergleich zu anderen reichen Ländern grauenhafte Statistik: Schwarze Frauen sterben zweimal so häufig bei der Geburt wie weiße. 

Eine für Wenham überraschende Statistik kam aus Sierra Leone, das besonders schlimm von Ebola betroffen war: In den Jahren 2013 bis 2016, also während der Epidemie, starben mehr Frauen durch Komplikationen bei der Geburt als an der ansteckenden Krankheit selbst. Doch wie die kaum wahrgenommene Sorgearbeit, von der die moderne Wirtschaft abhängt, werden auch diese Todesfälle von den unmittelbar durch die Epidemie verursachten Problemen überdeckt. Man nimmt sie hin. In ihrem Buch Invisible Women schreibt Caroline Criado Pérez, dass in der Zeit der Zikavirus- beziehungsweise Ebola-Epidemie 29 Millionen Aufsätze in mehr als 15 000 von Fachleuten geprüften Veröffentlichungen erschienen, von denen sich jedoch weniger als 1 Prozent mit den geschlechtsspezifischen Auswirkungen der Epidemie befasste. Wenham hat bislang noch keine Gender-Analyse der Coronavirus-Pandemie gefunden; sie und zwei Ko-Autorinnen füllen mit ihrer Forschung diese Lücke. 

Die Erkenntnisse aus der Ebola- und der Zikavirus-Epidemie sollten in die aktuellen Maßnahmen einfließen. In reichen und armen Ländern wird während der Kontaktsperren und Ausgangsverbote ein Anstieg der häuslichen Gewalt erwartet. Stress, Alkoholmissbrauch und finanzielle Schwierigkeiten gelten als Auslöser für Gewalt in der Familie, und die Quarantänemaßnahmen rund um den Erdball werden alle drei Faktoren verschärfen. Die gemeinnützige Organisation Women's Aid in Großbritannien befürchtet, „dass soziale Distanzierung und Selbstisolation von Tätern als Instrument für Zwangs- und Kontrollverhalten genutzt werden und den Weg in die Sicherheit und in unterstützende Institutionen versperren“. 

Geschlechterfragen sollten nicht zu einem nachrangigen Thema heruntergeredet werden, zu einer Ablenkung von der echten Krise.

Forscherinnen und Forscher, auch die, mit denen ich sprach, sind enttäuscht darüber, dass sich Erkenntnisse wie diese nicht bis zu den politischen Entscheidungsträgern herumsprechen, die noch immer einen geschlechtsneutralen Ansatz zur Pandemie verfolgen. Sie befürchten, dass Chancen vertan werden, qualitativ hochwertige Daten zu sammeln, die für die Zukunft nützlich sind. So haben wir kaum Informationen darüber, wie Erreger, die dem Coronavirus ähnlich sind, auf schwangere Frauen wirken – was die widersprüchlichen Ratschläge in der aktuellen Krise erklärt. Auch fehlen, so Susannah Hares vom Center for Global Development, Daten für die Erstellung eines Modells, wann Schulen wieder geöffnet werden können. 

Diesen Fehler sollten wir nicht noch einmal begehen. So grauenhaft die Vorstellung auch ist: Weitere Epidemien sind unvermeidlich, und Geschlechterfragen sollten nicht zu einem nachrangigen Thema heruntergeredet werden, zu einer Ablenkung von der echten Krise. Was wir jetzt tun, wird sich in späteren Epidemien auf das Leben von Millionen von Frauen und Mädchen auswirken. 

Die Coronakrise wird global und langwierig sein, wirtschaftlich wie auch medizinisch. Sie bietet jedoch auch eine Chance. Dies könnte die erste Epidemie sein, in der Geschlechterunterschiede dokumentiert und von Forschung und Politik berücksichtigt werden. Zu lange ist sind Politiker selbstverständlich davon ausgegangen, dass Privatleute – meist Frauen – die Betreuung von Kindern und Senioren „absorbieren“ und damit der Bezahlwirtschaft gewaltige Subventionen schenken. Die Corona-Pandemie sollte uns das wahre Ausmaß dieser Verzerrung vor Augen führen. 

Wenham spricht sich für eine Not-Kinderbetreuung, wirtschaftliche Sicherheit für Kleinunternehmer und finanzielle Direkthilfen für Familien aus. Sie hat jedoch wenig Hoffnung, weil ihr die Erfahrung sagt, dass Regierungen zu kurzfristig agieren, oft nur reagieren. „Alles, was passiert ist, wurde genau so prognostiziert, stimmt‘s?“, sagte sie. „Kollektiv, an den Universitäten, wussten wir, dass eine aus China kommende Krankheit ausbrechen würde und dass sich die Epidemie dank der Globalisierung ausbreiten und die Finanzsysteme lahmlegen würde, aber trotzdem stand dafür kein Geldtopf bereit, kein Notfallplan … Wir wussten das alles, aber sie haben uns nicht zugehört. Warum sollten sie zuhören, wenn es um Frauen geht?“ 

Aus dem Englischen von Anne Emmert 

(c) The Atlantic

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