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Maskendiplomatie
China baut in der Corona-Krise seine Führungsposition in Afrika aus – begünstigt durch das wahlweise ignorante oder überhebliche Agieren des Westens.

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Das Reich der Mitte versucht seit langem, sich in Afrika im Vergleich zu Partnern wie Europa oder den Vereinigten Staaten als freundliche, anspruchslose Alternative zu präsentieren – scheinbar frei von der Last des Kolonialismus und der Machenschaften des Kalten Krieges auf dem Kontinent. Mit seinem „chinesischen Entwicklungsmodell“, das mithilfe von Staatskapitalismus und autoritärer Verwaltung durchgesetzt wurde, war China äußerst erfolgreich. Das Land hat sich zum unentbehrlichen Infrastrukturpartner Afrikas entwickelt, die Märkte des Kontinents tief durchdrungen und mit seinen großzügigen Finanzierungspaketen erheblichen Einfluss auf die afrikanischen Regierungen erlangt. 

Jetzt, inmitten der Pandemie, sind die chinesischen Herausforderungen für den Westen offensichtlicher als jemals zuvor. Chinas Diplomaten verwenden die Sozialen Medien nicht nur dazu, die chinesische Zusammenarbeit und Großzügigkeit zu loben. Sie lassen auch durchblicken, andere Großmächte würden ihre eigenen Hilfsleistungen übertrieben darstellen und wichtige Initiativen nicht unterstützen. Manchmal geben sie diesen sogar die Schuld für das erste Auftreten des Virus. Indem China seine „Maskendiplomatie“ verstärkt, die Arbeit von Jack Ma und seiner Stiftung lobt und Botschaften und Konsulate dazu nutzt, die Hilfe durch chinesische Unternehmen zu koordinieren, kann das Land ungestört seinen Altruismus propagieren. Damit können selbst kleine Beiträge im öffentlichen Bewusstsein eine große Wirkung entfalten. 

Das Reich der Mitte versucht seit langem, sich in Afrika im Vergleich zu Partnern wie Europa oder den Vereinigten Staaten als freundliche, anspruchslose Alternative zu präsentieren.

Unterdessen scheint es so, dass traditionelle Partner wie Europa und die Vereinigten Staaten, die seit Jahren Milliarden in Afrika investieren, um dort die Gesundheitssysteme zu stärken und Infektionskrankheiten zu bekämpfen, keine vergleichbar effektive Informationsstrategie finden. Dass Europa und Amerika derart scheitern, gibt China völlig freie Bahn. Obwohl die EU und die USA Hunderte Millionen Dollar in neue Hilfsmaßnahmen für den afrikanischen Kampf gegen Covid-19 stecken, sind ihre Bemühungen diffus und dem Umfang des Problems nicht angemessen. Allzu leicht wirken sie lediglich wie „business as usual“.  

Während Peking seine Erfolge und Fähigkeiten feiert und den Afrikanern versichert, China habe die Flammen seines eigenen Ausbruchs erfolgreich löschen können, ist der Äther voll mit Bildern überforderter westlicher Krankenhäuser und gespenstisch leerer Städte. So wird dem Image des Westens ein Schlag versetzt und gleichzeitig werden überzeugende Argumente für das „chinesische Modell“ präsentiert. Während die Regierungen mit massiven Infektionszahlen kämpfen und versuchen, das Blatt zu wenden, sind sie natürlich mit sich selbst beschäftigt. Die Zwietracht, der der gesamte transatlantische Konsens der letzten Jahre zum Opfer gefallen ist, hat zu verpassten Gelegenheiten geführt – wie die einer gemeinsamen Erklärung der G7 Ende März, die an der US-amerikanischen Unnachgiebigkeit gescheitert ist. 

Das vielleicht eklatanteste Beispiel für selbstzerstörerische Botschaften lieferten kürzlich Donald Trump und die Republikaner, als sie im US-Kongress die Weltgesundheitsorganisation (WHO) angriffen, um die Schuld für die völlig chaotische Reaktion der Vereinigten Staaten auf Covid-19 von sich abzuwälzen. Die afrikanischen Politiker beeilten sich, aggressiv gegenzuhalten und insbesondere den WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus zu verteidigen – den äthiopischen Arzt, auf dessen weithin respektierte Leistung an der Spitze der Organisation viele Afrikaner sehr stolz sind. Diese zweifelhafte innenpolitische Strategie wird für die Stellung der USA in Afrika schädliche Folgen haben, da Schikanen und Drohungen wahrscheinlich ungeeignet sind, um die Herzen der Afrikaner zu gewinnen. 

Trotz alledem gibt es aber auch Faktoren, die für China nicht förderlich sind. Dazu gehören allgemeine Vertrauensprobleme, spezielle Fragen zur Schuldenreduzierung und die hohe Wahrscheinlichkeit unnötiger Fehler. In einigen afrikanischen Staaten neigt die Bevölkerung aufgrund vergangener Erfahrungen dazu, an der Qualität chinesischer Produkte zu zweifeln. Wenn fehlerhafte chinesische Schutzausrüstung ihren Weg nicht nur nach Europa findet, sondern auch nach Afrika, könnten sich diese Zweifel noch verstärken. Außerdem könnte die Überzeugung, Chinas Ansatz gegen Covid sei dem anderer Länder überlegen, bei einem zweiten Ausbruch der Seuche im Land schnell zusammenbrechen. Und schließlich sind die Afrikanerinnen und Afrikaner ebenso stark an Transparenz interessiert wie der Rest der Welt, und die berechtigten Fragen über Chinas Transparenz und Genauigkeit bei der Berichterstattung über den Covid-Ausbruch in Wuhan werden in Afrika weiterhin gestellt werden. 

Das wirkliche Problem werden Afrikas Schulden bei China in Höhe von 145 Milliarden Dollar sein.

Der Weg, den China geht, erscheint noch riskanter, wenn man die wirtschaftlichen Folgen des Virus in Afrika betrachtet, wo Politikerinnen und Politiker nur wenig Haushaltsspielraum haben. Covid-19 wird die Volkswirtschaften wahrscheinlich um drei bis acht Prozent schrumpfen lassen. Bereits jetzt leiden die Afrikaner unter einem massiven Rückgang der Arbeitsplätze und der Überweisungen aus dem Ausland. Positiv für China ist, dass Südafrika die Neue Entwicklungsbank in Schanghai um Hilfe bittet, um so den Anforderungen der traditionellen internationalen Finanzinstitute aus dem Weg zu gehen.

Aber das wirkliche Problem werden Afrikas Schulden bei China in Höhe von 145 Milliarden Dollar sein. Ghanas Finanzminister hat das Reich der Mitte bereits aufgefordert, Afrika seine Schulden zu erlassen, und weitere Appelle dieser Art werden folgen. Auch wenn die Chinesen wohl kaum erwarten, dass sie ihre Kreditgelder tatsächlich zurückbekommen, werden sie doch zögern, den Einfluss aufzugeben, den sie durch diese Verschuldung auf die afrikanischen Regierungen haben. Dabei könnte es sich als schwierig erweisen, den dringenden Anforderungen des Moments mit mehr als nur einer Hinhaltetaktik zu begegnen. 

Und schließlich kann sogar Chinas streng kontrollierte Nachrichtenstrategie scheitern, wenn ihre Verfasser lokale Empfindlichkeiten ignorieren oder missverstehen. Viele Nigerianerinnen und Nigerianer empfanden Chinas jüngstes Angebot, ein Ärzteteam in das große afrikanische Land zu schicken, als beleidigend, da sie auf die Leistungsfähigkeit ihrer eigenen medizinischen Infrastruktur stolz sind. Weder Donald Trump noch die französischen Ärzte, die vorschlugen, Afrika könnte ein perfektes Testgebiet für einen Impfstoff darstellen, haben ein Monopol auf rassistische und unsensible Bemerkungen. Auch das chinesische Image kann unter ungeschickten, überheblichen oder rassistischen Aussagen leiden, was in der Vergangenheit bereits häufig geschehen ist. 

Trotz dieser Risiken wird Peking so weitermachen. China sieht jetzt eine Möglichkeit, seinen Einfluss zu festigen. Und dies nicht nur, um Zugang zu Ressourcen zu bekommen, wie oft vermutet wird, sondern auch, um sich in multilateralen Foren Fürsprecher zu sichern und die weltweite Meinung im Sinne eigener Präferenzen zu beeinflussen – von technologischen Standards bis hin zu politischen Narrativen und allen anderen Themen. Chinas Plan ist klar: Während andere Länder geschwächt und innenpolitisch abgelenkt sind, kann es ohne großen Aufwand das globale Führungsvakuum füllen. Und es scheint, der einzige, der dem Land dabei im Wege stehen kann, ist China selbst.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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