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Worte wie Waffen
Sexualisiert, frauenfeindlich und oftmals sehr persönlich - die Gewalt aus dem Netz nimmt rapide zu. Die Täter bleiben meist unbehelligt.

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„Hinrichtung“ – das ist das erste Wort, dass Anna N. (Name aus Sicherheitsgründen geändert) liest, als sie die Email öffnet. Und wie die aussehen soll, wird ihr detailliert beschrieben. In einem Keller wolle er sie festbinden, „… deine Schamlippen erst einmal mit einem Elektroschocker knusprig braten und dir zum Essen vorsetzen.“ All das würde ihr blühen, wenn sie nicht ihre gesamte Internetpräsenz umgehend löschen würde. Worte wie Waffen, die ein klares Ziel haben: Die Aktivistin soll im Netz annulliert werden, ihre Meinung nicht mehr sagen können. Weil sie sich für Frauenrechte und gegen Rassismus einsetzt, wird die junge Frau mit dem Tod bedroht.

Anna N. hat viele solcher Mails bekommen – mit den Jahren ist es heftiger geworden. Und sie ist kein Einzelfall. Hass gegen Frauen ist Normalzustand: Von Menschen, die Hass im Netz gesehen haben, geben 88 Prozent an, dass sich der Hass gegen Frauen gerichtet habe. Auch Männer erleben digitale Gewalt, aber der Hass gegen Frauen ist anders. Mischt sich eine Frau in Social Media in Diskussionen ein, wird ihr schnell „ein saftiger Fleisch-Penis“ empfohlen. Ihr wird unterstellt, sie hätte nicht genug Sex und zur Abhilfe werden ihr „übelste Vergewaltigungen“ gewünscht. Oder ihr wird gesagt, sie solle „zurück in die Küche“ gehen.

Die Gewalt, die Frauen im Netz erfahren, ist meistens sexualisiert, klar frauenfeindlich und oftmals sehr persönlich. Politikerinnen erhalten Hardcorepornos, in die ihre Köpfe einmontiert werden. Journalistinnen werden auf einschlägigen Seiten als Prostituierte im Netz angepriesen. Klimaaktivistinnen müssen ihre Privatadresse schützen, weil die Vergewaltiger gerne im echten Leben mal vorbeikommen würden. Und natürlich sind da auch noch die Dickpics: Fotos von Penissen, die gerade jüngere Frauen in Social Media unaufgefordert per Direktnachricht zugesandt bekommen.

Hass und Gewalt gegen Frauen, die sich für eine liberale Gesellschaft und Gleichberechtigung einsetzen, ist kein Nebenprodukt der rechtsextremen Ideologie, sondern eine zentrale Komponente.

Die Gewalt, die Frauen wie Anna N. im Netz erfahren, ist nicht zufällig. Sie ist Teil einer Strategie: Durch gezielte Beleidigungen, Bedrohungen und andere Formen von Gewalt sollen Frauen, die sich politisch in Social Media äußern, eingeschüchtert und zermürbt werden. Das Ziel: Im wichtigsten öffentlichen Raum, zu dem das Internet mittlerweile geworden ist, sollen Frauen sich nicht mehr trauen, zu bestimmten Themen ihre Meinung zu sagen. Solche Themen sind beispielsweise Gleichberechtigung, Klimawandel, Migration, Islam, Rechtsextremismus oder die AfD.

Gezielte und massive Angriffe kommen vor allem aus dem rechten und rechtsextremistischen Spektrum, das im Netz besonders gut organisiert ist – wie zahlreiche Studien zeigen. Kein Zufall: Hass gegen Frauen ist Teil der rechtsextremistischen Ideologie. Hass und Gewalt gegen Frauen, die sich für eine liberale Gesellschaft und Gleichberechtigung einsetzen, ist kein Nebenprodukt der rechtsextremen Ideologie, sondern eine zentrale Komponente. So erhielten vor allem weibliche Politikerinnen, Anwältinnen und weitere Personen des öffentlichen Lebens Drohmails des „NSU 2.0“.  Auch die rechtsextremistischen Attentäter von Christchurch, El Paso, Dayton und Halle sowie der Norweger Anders Breivik betonten den Zorn gegen Frauen als wichtige Motivation für ihre Taten. 

Dabei sind die Übergänge zu den wachsenden frauenfeindlichen Bewegungen in den sozialen Medien mittlerweile fließend. Der Täter von Halle benutzte in seinem Livestream die Sprache der sog. Incels, der Involuntary Celibate (zu Deutsch: unfreiwillig im Zölibat Lebende). Die Incels sind laut einer aktuellen Studie die gewaltbereiteste frauenfeindliche Gruppe im Netz. Sie vertreten die These, dass Frauen sich nur attraktive Männer als Sexualpartner aussuchen würden. Sich selbst sehen sie als Opfer dieser Strategie, da sie keinen Geschlechtsverkehr haben. Daraus resultiert ein massiver Hass gegen Frauen und die Forderung nach der Institutionalisierung von sexueller Gewalt gegen Frauen: Ginge es nach den Incels, müssten Frauen dazu gezwungen werden, mit allen Männern Geschlechtsverkehr zu haben, die dies wünschen. Diese Forderung ist dem Rechtsextremismus, aber auch dem Islamismus nicht fern, wo Frauen zwar nicht allen Männern, aber zumindest ihren Ehemännern als sexuelles Objekt zur Verfügung stehen müssen.

Gleichberechtigung von Frauen und Männern war und ist allerdings auch in der Mitte der Gesellschaft noch lange kein Konsens. Das zeigt sich auch im Netz: Abwertung von Frauen ist zwar im extremistischen Spektrum und bei organisierten Gruppen wie den Incels am massivsten, findet aber auch in konservativen und sogar liberalen Spektren durchaus noch Zuspruch und damit massenhafte Likes.

Vieles von dem, was Frauen sich im analogen Leben seit der Frauenbewegung erkämpft haben, wird im Netz wieder in Frage gestellt – und bleibt oftmals unwidersprochen oder straflos.

Diese Entwicklung hinterlässt Spuren – bei den Frauen selbst, nicht zuletzt aber auch in unserer Gesellschaft. Die Netzgewalt verändert die Art und Weise, wie sich Frauen im Internet bewegen, verhalten und äußern. Viele überlegen sich sehr genau, welche Themen sie in den sozialen Medien noch ansprechen. Sie zensieren sich selbst, um sich zu schützen. Laut einer europäischen Studie hält sich jede zweite Frau nach solchen Erfahrungen aus Diskussionen in sozialen Netzwerken heraus. Politikerinnen legen ihre Ämter nieder oder kandidieren nicht mehr, weil sie den Onlinehass nicht mehr ertragen. 

Journalistinnen sind aufgrund von Hass im Netz häufiger von Depressionen und Angststörungen betroffen, berichten weniger über bestimmte Themen oder überlegen sogar, ganz aus dem Journalismus auszusteigen. Vieles von dem, was Frauen sich im analogen Leben seit der Frauenbewegung erkämpft haben, wird im Netz wieder in Frage gestellt – und bleibt oftmals unwidersprochen oder straflos.

Denn auch das ist Teil der Wahrheit: Viele Frauen, die sich wehren und zur Polizei gehen, um Anzeige zu erstatten, werden belächelt. Sie werden gefragt, warum sie denn „so provozieren“  müssen oder warum sie nicht einfach ihren Facebook-Account löschen, wenn doch alles so schlimm sei. Staatsanwaltschaften stellen Verfahren schnell ein, weil sie Gewalt gegen Frauen nicht als solche erkennen und nicht als Hasskriminalität ahnden. Ähnlich verhält es sich mit Richterinnen und Richtern, wie Renate Künasts Fall deutlich gezeigt hat. Das Landgericht Berlin hielt es zunächst für von der Meinungsfreiheit gedeckt, dass sich die Grünenpolitikerin im Netz als „Drecksfotze“ und „Stück Scheiße“ bezeichnen lassen müsse. 

Wenn Täterinnen und Täter nicht zur Verantwortung gezogen werden, wird Hass und Gewalt gegen Frauen in der Öffentlichkeit jeden Tag ein bisschen normaler.

Es braucht konsequente Strafverfolgung. Die kann es nur geben, wenn in den Behörden ein Bewusstsein dafür vorhanden ist, dass Frauenhass im Internet keine Bagatelle und kein Zufall ist. Dafür braucht es nicht nur mehr Frauen im Apparat, sondern Schulungen und eine Führungskultur, die Gewalt gegen Frauen nicht verharmlost oder verklärt. Es braucht Gesetzgebung, die Gewalt an Frauen thematisiert. Denn wenn Täterinnen und Täter nicht zur Verantwortung gezogen werden, wird Hass und Gewalt gegen Frauen in der Öffentlichkeit jeden Tag ein bisschen normaler.

Und auch wir, die wir Teil dieser Öffentlichkeit sind, können dazu beitragen, rote Linien zu ziehen. Indem wir Frauen unterstützen, die vor unser aller Augen jeden Tag im Netz angegriffen werden. Das bedeutet ganz konkret: Solidarität in den Kommentarspalten, per Direktnachricht oder per Retweet. Wer Unterstützung erfährt, lässt sich nicht so schnell mundtot machen. Zu wissen, dass sie nicht alleine dastehen, ist für viele politisch aktive Frauen im Netz immer noch eine große Motivation, nicht aufzugeben und sich dem Hass entgegenzustellen.

Auch Anna N. ist mehrmals von der Polizei nach Hause geschickt worden. Sie ist mehrmals umgezogen, weil ihre Adresse immer wieder im Netz veröffentlicht und ihr danach mit „Hausbesuchen“ gedroht wurde. Den Mann, der sie hinrichten will, hat sie mit Hilfe von HateAid mittlerweile angezeigt. Den Hass erträgt sie weiterhin, obwohl er sie oftmals nachts nicht schlafen lässt. Das Netz ist der einzige Ort, an dem sie als migrantische, politisch aktive Frau überhaupt eine Stimme hat, sagt sie – und die will sie sich nicht nehmen lassen.

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