Im Februar 2020 stellte der republikanische Senator Tom Cotton aus Arkansas eine provokante Frage: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Covid-19-Ausbruch im chinesischen Wuhan und der Tatsache, dass in dieser Stadt ein biochemisches Speziallabor mit Coronaviren experimentiert? Wurde in diesem Labor möglicherweise an einem Tier geforscht, das den Erreger in sich trug, und dabei nicht auf die gebotene Sicherheit geachtet?

„Wir haben keine Beweise, dass die Krankheit dort ihren Ursprung hat“, sagte Cotton, „aber da China von Beginn an doppelzüngig und unehrlich agiert hat, müssen wir zumindest die Frage stellen, was die Beweislage sagt, und zu dieser Frage äußert China sich bislang nicht.“

Cotton drückte sich differenziert aus: Er habe keine Gewissheit, ob das für Covid-19 verantwortliche Virus aus dem Institut für Virologie in Wuhan stammt, halte dies aber für möglich und habe die Befürchtung, dass die chinesische Regierung nicht für die Transparenz sorgen werde, die nötig sei, um den Verdacht zu bestätigen oder auszuräumen.

Trotz der nuancierten Formulierung handelte Cotton sich mit seiner Theorie und seiner Frage erbarmungslose Reaktionen ein. In der New York Times wurde er abqualifiziert, weil er eine „Randtheorie über den Ursprung des Coronavirus“ wiederhole, wie es in der Schlagzeile hieß. Die Washington Post warf Cotton vor, er reite auf „einer bereits widerlegten Verschwörungstheorie“ herum. Auch die anderen Mainstream-Medien gingen nicht viel freundlicher mit ihm um.

In der Frage, wo das neue Coronavirus zum ersten Mal in Erscheinung trat, gibt es keinen offiziellen Konsens.

Aber wie soll die Theorie widerlegt worden sein? In der Frage, wo das neue Coronavirus zum ersten Mal in Erscheinung trat, gibt es keinen offiziellen Konsens – und Chinas Regierung machte es außenstehenden Beobachtern, wie Cotton betonte, im Prinzip unmöglich, dem Ursprung des Virus auf den Grund zu gehen.

Über weite Strecken des vergangenen Jahres betrachteten die Mainstream-Medien die Laborunfall-Hypothese jedoch einhellig als eine randständige, von rechten Hardlinern propagierte Theorie. Facebook-Posts, in denen behauptet wurde, das Virus sei von Menschen gemacht oder bewusst hergestellt worden, fielen der Löschpolitik von Facebook zum Opfer, das sich immer mehr zum selbsternannten Schiedsrichter der weltweiten Diskussion aufspielt.

Seit einigen Wochen wendet sich das Blatt allmählich. Führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fordern, die Ursprünge des Virus ernsthafter zu erforschen und auch der Laborunfall-Theorie nachzugehen. Präsident Biden erteilte den US-Nachrichtendiensten einen 90-tätigen Ermittlungsauftrag, um die Herkunft des Virus aufzuklären, und auf Facebook darf Corona neuerdings wieder als menschengemachtes Virus bezeichnet werden.

Es hat den Anschein, als hätten unsere Medien während des vergangenen Jahres mit vereinten Kräften den chinesischen Staat vor den prüfenden Blicken abschirmen wollen, die er auf sich zog, weil das Virus seiner Kontrolle entglitt. Ganz unabhängig davon, ob die Laborunfall-Hypothese sich erhärtet oder nicht – es ist offensichtlich, dass die Journalistinnen und Journalisten unseres Landes sich mit der Problematik nicht unvoreingenommen auseinandergesetzt haben.

In einem Tweet, den sie später löschte, bot die Wissenschaftsreporterin Apoorva Mandavilli, die für die New York Times intensiv über das Virus berichtet, einen Einblick in die Gedankenwelt weiter Teile der Medienlandschaft: „Eines Tages wird die Laborunfall-Theorie kein Thema mehr sein, und dann werden wir vielleicht zugeben, dass sie rassistische Wurzeln hatte. Leider ist dieser Tag noch nicht gekommen.“

Führende Wissenschaftler fordern, die Ursprünge des Virus ernsthafter zu erforschen und auch der Laborunfall-Theorie nachzugehen.

Ist es wirklich „rassistisch“, wenn man gedanklich die Möglichkeit zulässt, die chinesische Regierung könnte versagt haben, weil sie nicht verhinderte, dass das Coronavirus aus einem staatlichen Labor entweichen konnte? Die andere maßgebliche Ursprungstheorie, nach der das Virus zuerst auf Chinas schwach regulierten Tiermärkten auftauchte, stellt die Lokalkultur als Schuldige dar, während die Laborunfall-Theorie die Regierung (und nur die Regierung) in der direkten Verantwortung sieht.

Möglicherweise steht Mandavillis aufschlussreicher Tweet sinnbildlich für eine verbreitete Mentalität unter amerikanischen Journalisten, die ihre Aufgabe vielfach nur darin sahen, zu allen Standpunkten der Trump-Administration eine Gegenposition zu beziehen und zugleich ihr antirassistisches und antiimperialistisches Image aufzupolieren, indem sie sich weigerten, einer ausländischen Regierung die Schuld an der Pandemie zu geben. Der frühere US-Außenminister Mike Pompeo hingegen hatte lange den Verdacht, dass das Virus aus dem Labor in Wuhan kam.

Das Ziel des Journalismus besteht allerdings nicht darin, das kultursensibelste oder parteiischste Narrativ zu zimmern. Das Ziel des Journalismus ist die Wahrheitssuche. Welche Folgen das Kundtun der Wahrheit hat, sollte zweitrangig sein. Primär geht es darum, die Wahrheit überhaupt erst einmal herauszufinden und zu vermitteln, auch wenn diese Wahrheit die Trump-Administration oder republikanische Senatoren in einem positiven oder die chinesische Regierung in einem negativen Licht erscheinen lässt.

Um es klar zu sagen: Parteiische oder ideologische Journalistinnen und Journalisten, die in gesellschaftlichen oder politischen Debatten offen für eine Seite Partei ergreifen, hat es schon immer gegeben. Doch bis vor Kurzem konnten wir wenigstens davon ausgehen, dass die Mainstream-Medien sich ernsthaft bemühen, die Faktenlage zu ermitteln und fair zu berichten, und dass sie keine Storys aussortieren, nur weil sie ihr favorisiertes politisches Lager schlecht aussehen lassen oder die Chancen ihrer politischen Gegner verbessern.

Die Freiräume für unvoreingenommenen Journalismus, der sich offensiv um die Wahrheit bemüht, schrumpfen gegenwärtig immer weiter. Vor diesem Hintergrund ist kaum verwunderlich, dass die Amerikanerinnen und Amerikaner so rapide das Vertrauen in die Medien verlieren. Wie die Geschichte der Laborunfall-Hypothese zeigt, gibt es in unserer heutigen Nachrichtenmedienlandschaft allzu viele Akteure, die bereitwillig die Berichterstattung politisieren und sich nur dann auf Wahrheitssuche begeben, wenn es dem eigenen Lager nutzt. Am Ende wird die amerikanische Presse dadurch ihre Glaubwürdigkeit in noch stärkerem Maße einbüßen und somit Kräften wie der Kommunistischen Partei Chinas in mehrfacher Hinsicht in die Hände arbeiten.

Dieser Artikel erschien zuerst in Newsweek am 27. Mai 2021. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld