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Tödliches Mitbringsel
Vor Corona sind alle gleich? Eine fromme Mär. Eingeschleppt von den Reichen, trifft das Virus in Lateinamerika die Armen mit voller Wucht.

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Massengrab auf dem Friedhof Nossa Senhora Aparecida in Manaus, Brasilien.

Cleonice, Ramona und Sonia starben am Coronavirus. Anhand des Schicksals der drei Frauen lässt sich die tragische Geschichte der Ausbreitung des tödlichen Virus in Lateinamerika – laut WHO das neue Epizentrum der Pandemie – erzählen.

Cleonice Gonçalves arbeitete als Hausangestellte in Rio, fuhr nur am Wochenende nach Hause. Der Weg zur Arbeit war mit zwei Stunden zu lang. Ramona Medina lebte in der Villa 31, einem mitten in Buenos Aires liegenden Armenviertel, zusammen mit ihren Töchtern, Mann und weiteren Verwandten. Sie betreute ihre Tochter, die auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Sonia Sánchez fuhr Uber-Taxi, holte häufig Personen am internationalen Flughafen von Bogotá ab, eine Strecke, die wegen ihrer Länge mehr Geld einbringt. Sonia wurde von einem Fahrgast angesteckt, der das Virus aus Europa einschleppte. Cleonice wurde von ihrer Arbeitgeberin angesteckt, die ihre Sommerferien (d.h. für Brasilien, Argentinien oder Chile die Monate Januar und Februar) in Italien verbrachte.

In Ramonas Fall ist die Ansteckungskette unbekannt, doch ihr Tod ist umso tragischer, da sie in den Wochen vor ihrem Tod immer wieder auf die gesundheitsgefährdende Situation in ihrer in Argentinien sehr bekannten Armensiedlung aufmerksam gemacht hat. Während die Regierungen aller Länder und Städte Hygiene-Kampagnen zum Schutz vor einer Ansteckung ausriefen, hatten viele der über 40 000 Anwohner der Villa 31 im Monat April kein fließendes Wasser. Eine minimale Schutzmaßnahme wie das Händewaschen konnte nicht eingehalten werden.

Der Tod der drei Frauen legt die sozialen Wunden des Subkontinents schonungslos offen. Das Virus erreichte die Region durch Geschäfts- oder Urlaubsreisende, ähnlich wie in Europa. Doch die öffentlichen Gesundheitssysteme Lateinamerikas sind zu schwach, um einer großen Anzahl plötzlich Erkrankter effektiv zu helfen. Daher kennt das Virus zwar keine Grenzen und macht vor niemandem Halt. Die Epidemie als solche ist aber nicht demokratisch. Es trifft bestimmte Bevölkerungsgruppen wesentlich stärker. In Lateinamerika sind die Risikogruppen neben den Älteren oder Vorerkrankten vor allem Arme. Die ersten Erkrankungen traten in den wohlhabenden Stadtvierteln der lateinamerikanischen Metropolen wie Rio, Buenos Aires, São Paulo, Mexiko-Stadt, Bogotá oder Santiago auf. Doch heute, fast drei Monate später, hat sich die Gefahr verlagert – von den schicken Condominiums und bewachten Hochhäusern in die zugigen Behausungen der Favelas.  

Der soziale Frieden – schon vor Corona in Chile oder Brasilien auf der Kippe – ist in Gefahr.

Personen wie Cleonice, Ramona oder Sonia, die nur über einen minimalen oder gar keinen Krankenversicherungsschutz verfügen, gehen zu spät in die Klinik, da sie die Kosten fürchten. Öffentliche Kliniken verfügen häufig nicht über die benötigte Infrastruktur. Wohlhabendere wiederum flüchten sich in das System privat gut ausgestatteter Krankenhäuser. Der Tod erzählt noch mehr. Er macht die abstrakte soziale Ungleichheit und damit verbundene Ungleichheit von Überlebenschancen sichtbar: Die Arbeitgeberin von Cleonice hielt es nicht für nötig, ihre Hausangestellte über eine mögliche Ansteckungsgefahr aufzuklären. Und die Zustände im Armenviertel von Ramona zeigen die Schwierigkeit auf, in dicht besiedelten Vierteln mit mangelhafter Infrastruktur Quarantäne oder einfache Hygieneregeln einzuhalten. In und um Lima haben z.B. ein Drittel der dort lebenden 10 Millionen Menschen keinen Zugang zu fließendem Wasser.

Das Coronavirus ist etwas zeitverzögert in Lateinamerika angekommen. In fast allen Ländern wurden Formen der sozialen Distanz mit staatlichen Maßnahmen zur Einkommenssicherung bzw. Abfederung der schlimmsten sozialen oder wirtschaftlichen Auswirkungen kombiniert. Doch in jedem Land hat die Pandemie unterschiedliche politische Auswirkungen: In Chile setzten bis vor kurzem die sozialen Proteste sogar aus, in anderen nahm die Polarisierung und Radikalisierung der Politik und der Gesellschaft zu, in Dritten wie Argentinien wiederum kam es eher zu einer Depolarisierung. Gemeinsam ist allen, dass das Virus eine enorme Bedrohung für die schwach aufgestellten Gesundheitssysteme darstellt. Mittel- und langfristig werden die Folgen für die Wirtschaft in der Region katastrophal sein. Der soziale Frieden – schon vor Corona in Chile oder Brasilien auf der Kippe – ist in diesen und einigen anderen Ländern in Gefahr.

Bereits im März haben Verantwortliche für die Gesundheitspolitik in verschiedenen Ländern unterstrichen, dass Lateinamerika weltweit das größte Opfer von Covid-19 werden könnte. Es war im Prinzip nur eine Frage der Zeit. Der Höhepunkt der Infizierten würde aufgrund der Ausgangssperren und der damit verbundenen Reduzierung der Reproduktionszahlen erst später im Mai oder Juni erreicht sein – zumindest in den Ländern, die sich für diese Maßnahmen auf nationaler Ebene entschieden haben. Brasilien ist die große Ausnahme, entsprechend führt das Land die traurige Coronastatistik in Lateinamerika an, gefolgt von Chile, Mexiko und Peru. In fast allen Ländern der Region liegt die Reproduktionszahl aktuell bei 1,1 oder 1,2; in Chile ist sie in der letzten Woche auf 1,9 hochgeschnellt.

Werden nun – wie bereits zögerlich begonnen – die Regelungen gelockert, werden diese Zahlen in allen Ländern wieder steigen. Und hiervon sind vor allem die Bewohnerinnen und Bewohner der ärmeren Viertel betroffen, wie die Bewohner der Villa Azul. Am südlichen Stadtrand von Buenos Aires wurden Ende Mai 84 Coronafälle in der Siedlung bestätigt. Daraufhin wurde das Viertel abgeriegelt. Die 3 000 Einwohner wurden in Gruppen-Quarantäne gesteckt, um die benachbarten Wohngebiete zu schützen und eine weitere massive Ansteckungskette zu vermeiden.

Sobald das Virus in die Favelas und ärmeren Viertel der lateinamerikanischen Großstädte eindringt, betritt es eine Welt von Armut, chronischem Hunger, großen infrastrukturellen Problemen und bereits vorhandenen Gesundheitsrisiken.

In den meisten Fällen verlieren Siedlungsbewohner ihre Einkünfte durch die Erlahmung oder den Stopp der Wirtschaftsaktivität. Viele arbeiten in informellen Verhältnissen, von der Hand in den Mund, mit Tätigkeiten auf dem Bau, Straßenverkäufen, Einsammeln von Metall oder Papier; Ersparnisse gibt es nicht, home office ist ein Wort aus einer anderen Welt, eine Art von Kurzarbeit bleibt Beschäftigten mit festen Arbeitsplätzen vorbehalten. Es gilt das Gesetz: Wenn ich nicht verkaufe, esse ich nicht. Eine Arbeitslosenversicherung gibt es praktisch nur in den südlichen Ländern wie Argentinien, Uruguay und Brasilien.

Sobald das Virus in die Favelas und ärmeren Viertel der lateinamerikanischen Großstädte eindringt, betritt es eine Welt von Armut, chronischem Hunger, großen infrastrukturellen Problemen und bereits vorhandenen Gesundheitsrisiken wie Tuberkulose, Dengue oder Diabetes. Die organisierte Kriminalität dringt in die Ecken vor, die der Staat verwaisen lässt. Banden übernehmen dann die Verteilung von Medizin und Lebensmitteln.

Die Pandemie von Covid-19 erreicht Lateinamerika in einem Moment großer makroökonomischer Verwundbarkeit. Zwischen 2010 und 2019 sank die regionale BIP-Wachstumsrate von 6 Prozent auf 0,2 Prozent; darüber hinaus war der Zeitraum 2014-2019 mit 0,4 Prozent die niedrigste Wachstumsperiode seit den 1950er Jahren. Die Dynamik der Pandemie wird die Region in ihre größte wirtschaftliche und soziale Krise seit Jahrzehnten bringen. Die Abhängigkeit vom Erdölverkauf, anderen Rohstoffen oder vom Tourismus bedeutet in Zeiten globaler Rezession ein Minuswachstum und einen weiteren Anstieg der sozialen Ungleichheit. Man rechnet mit mehr als 11,5 Millionen neuen Arbeitslosen. Doch es ist vor allem der informelle Sektor, der am stärksten betroffen sein wird. Bereits jetzt arbeiten laut Schätzungen der Internationalen Arbeitsagentur (ILO) 54 Prozent der Lateinamerikanerinnen und Lateinamerikaner im informellen Sektor. Die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (CEPAL) schätzt, dass Ende 2020 34,7 Prozent (214,7 Millionen Menschen) in Armut und 13 Prozent (83,4 Millionen) in extremer Armut leben werden.

80 Prozent der Bewohner Lateinamerikas wohnen in Städten. Einer von vier städtischen Einwohnern wiederum wohnt in informellen, dicht besiedelten Vierteln, in denen Eigentumsverhältnisse ungeklärt sind und mindestens zwei infrastrukturelle Grundleistungen wie fließend Wasser, Strom oder Abwasser nicht gegeben sind. Trotz diverser Unterschiede zwischen den Ländern driftet Lateinamerika durch die Coronakrise in eine sehr instabile und explosive Realität. Regionale Initiativen zeichnen sich bisher nicht ab. Jeder ist bisher mit dem jeweils eigenen Löschzug beschäftigt.

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