Kommt es zu einer Entspannung im Maghreb? Einer der bemerkenswerten Aspekte der Reaktionen auf die Zerstörungen nach dem schweren Erdbeben Anfang September in Marokko war das geopolitische Element bei den Hilfseinsätzen und der Katastrophenhilfe. Aufmerksamkeit erregte vor allem das Hilfsangebot aus Algerien und die Frage, ob dies vielleicht den unausgesprochenen Wunsch signalisiert, die Spannungen zwischen den verfeindeten Nachbarländern abzubauen. Das Misstrauen zwischen den beiden Staaten ist jedoch nach wie vor groß und eine einzelne Geste wie das Hilfsangebot wird wohl kaum reichen, um Jahrzehnte der Feindseligkeiten ungeschehen zu machen. Dazu kommt: Es ist zwar unwahrscheinlich, dass Marokko oder Algerien die Situation in einen aktiven Konflikt eskalieren lassen, aber beide können sowohl innenpolitisch punkten als auch geopolitische Vorteile daraus schlagen, wenn sie ihre belasteten diplomatischen Beziehungen wirksam zum Einsatz bringen. Allerdings könnte eine gelungene Herangehensweise an gemeinsame umweltpolitische Herausforderungen einen möglichen Ausweg aus diesem regionalen „Spannungsspiel“ eröffnen.

Institutionell gesehen scheint auf marokkanischer Seite die Bereitschaft zur Deeskalation größer zu sein als auf algerischer Seite. Marokkos Reaktion auf die angebliche Erschießung von französisch-marokkanischen Touristen durch die algerische Küstenwache am 31. August bietet einen Einblick in die Haltung des Landes zu dieser Frage. Die Regierung betonte, dass es wichtig sei, zunächst den Justizbehörden zu ermöglichen, den genauen Sachverhalt zu ermitteln. Damit nahm sie allen Vermutungen, dass sich nun ein plötzlicher Konflikt anbahnen könnte, den Wind aus den Segeln. Gleichzeitig ist die marokkanische Regierung aber auch bemüht, nicht den Eindruck entstehen zu lassen, sie sei schwach oder übermäßig versöhnlich in ihrer Reaktion – insbesondere wenn es um Vorfälle geht, die in der Öffentlichkeit als provokative Aktion oder hetzerische Rhetorik von Algerien angesehen werden könnten. Unterdessen hat die algerische Führung angeblich Vermittlungsangebote von einer Reihe von Akteuren ausgeschlagen. Beide Länder sehen in der Aufrechterhaltung der erhöhten Spannungen regionale und innenpolitische Vorteile.

Ein wichtiges Element bei der Eskalation der Spannungen waren und sind die Bemühungen beider Regierungen, die öffentliche Meinung hinter sich zu bringen. Der algerischen Führung geht es darum, sowohl innenpolitisch als auch auf regionaler Ebene ihre Wachsamkeit zu demonstrieren und vor allem den ständigen Bedarf an einer starken Armee herauszustellen. Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Marokko im August 2021 fand in einem Kontext statt, der noch von den politischen Nachbeben nach der Hirak-Protest-Bewegung von 2019 und dem anschließenden politischen Umbruch beherrscht war, der zur Wahl von Präsident Abdelmadjid Tebboune führte. Die politische Rolle des Militärs war in der Zeit der sozialen und politischen Auseinandersetzungen ein umstrittenes Thema, das nicht nur Teil der Proteste war, sondern generell die Rolle verschiedener Akteure auf den Prüfstand stellte, darunter auch des mächtigen Militärapparats. Die Veränderungen nach den Hirak-Protesten schwächten die wichtige Rolle der militärischen Führung in der algerischen Politik nicht, sondern riefen der Öffentlichkeit in Erinnerung, welche Bedeutung das Militär für das Land hat. Das ist genau der Punkt, an dem das Misstrauen gegenüber Marokko zu einem wichtigen innenpolitischen Faktor wird. Ohne eine deutliche und andauernde Gefahr von außen (wobei Marokko aufgrund des auch „Sandkrieg“ genannten Grenzkriegs in den 1960er Jahren als historisches Beispiel dient) verliert das Argument an Schlagkraft, eine dominante militärische Institution zu brauchen.

Indem der Eindruck einer weit existenzielleren Bedrohung geschaffen wird, verlieren andere, innenpolitische Probleme an Dringlichkeit.

Marokko und Algerien sind beide nach wie vor autoritäre Regime – auch wenn man darüber streiten könnte, wie autoritär sie genau sind – und sie sind keineswegs blind gegenüber den Möglichkeiten, die die Wahrnehmung einer äußeren Bedrohung bietet. So trägt sie beispielsweise dazu bei, die öffentliche Unterstützung für die Regierung zu festigen und die Bürger und Bürgerinnen für eine gemeinsame Sache zu mobilisieren. Indem der Eindruck einer weit existenzielleren Bedrohung geschaffen wird, verlieren zudem andere, innenpolitische Probleme – wie die Bereitstellung von Dienstleistungen und bürgerlichen Freiheiten – an Dringlichkeit. Anfangs wurden die diplomatischen Spannungen von der Öffentlichkeit noch als eine künstlich heraufbeschworene Krise erachtet. Diese Wahrnehmung änderte sich allmählich, als die beiden Regierungen sich in der Presse gegenseitig mit verbalen Attacken bekämpften und in den sozialen Medien nationalistische und chauvinistische Stimmungen entfachten, in denen es um Fragen wie kulturelles Erbe, Sport und Außenpolitik ging, was nach und nach in einer gegenseitigen Dämonisierung mündete.

Jenseits der Innenpolitik haben diese andauernden Spannungen auch eine wichtige externe und regionale Dimension. Das Misstrauen des algerischen Militärs und der zivilen Regierung gegenüber Marokko besteht schon lange und ist tief in den unterschiedlichen Ideologien und außenpolitischen Prioritäten der Länder verwurzelt. Beide Regime hätten kaum verschiedenere politische Kurse einschlagen können. Das eine hat eine vom Militär dominierte Führung, unterstützt revolutionäre Ideale und den Zusammenschluss der blockfreien Staaten (Third-Worldism). Das andere ist eine monarchische Elite, die den westlichen liberalen Ideologien nahesteht. In der letzten Zeit hat Marokkos bilaterale Beziehung zu Israel die Ängste Algeriens geschürt und moralische Missbilligung hervorgerufen. Algerien ist ein Verfechter der palästinensischen Sache und empfindet Marokkos Normalisierung seiner Beziehungen zu Israel als Verrat und als Ausverkauf an das „zionistische Gemeinwesen“.

Angesichts einer so tiefen Spaltung stecken internationale Partner in einer Zwickmühle zwischen den verfeindeten Seiten.

Das algerische Regime ist auch besorgt über die Auswirkung dieser neuen bilateralen Beziehung Marokkos auf seine eigene militärische Überlegenheit in der Region. Algeriens Militär ist eins der größten Afrikas und das stärkste im Maghreb. Im Jahr 2023 erreichten die Militärausgaben Algeriens zehn Prozent seines BIP. Marokko ist sich bewusst, dass es weder im Hinblick auf die Ausgaben noch hinsichtlich der militärischen Stärke Algeriens mithalten kann, und versucht daher, die Kluft auf andere Art und Weise zu überbrücken. Das Land baut gerade ein gewaltiges Arsenal an Drohnen und Luftabwehrsystemen auf, das nicht nur gegen jeden direkten Angriff der Polisario-Front in der Westsahara schützt, sondern auch gegenüber den algerischen militärischen Fähigkeiten standhalten kann.

In diesem Zusammenhang spürt Algier die Notwendigkeit, Rabats zunehmendes Momentum im Territorialstreit um Westsahara zu bremsen. Zweifellos bedeuten Marokkos Bemühungen der letzten Zeit, sich von seinen wichtigsten Verbündeten bilaterale Anerkennung seines Souveränitätsanspruchs über Westsahara zu sichern, einen Rückschlag für den ohnehin ins Stocken geratenen Verhandlungsprozess bei den Vereinten Nationen. Mit jeder internationalen Anerkennung und jeder Äußerung der Unterstützung für den von Marokko vorgelegten Autonomieplan sieht Algier die Chancen schwinden, die Polisario-Front und die Ansprüche der saharauischen Flüchtlinge auf ihr Territorium erfolgreich unterstützen zu können. Da sich der Prozess im Sinne Marokkos zu entwickeln scheint, wächst in Algerien die Angst, dass sein westlicher Nachbar geopolitisch an Stärke gewinnen könnte.

Angesichts einer so tiefen Spaltung stecken internationale Partner in einer Zwickmühle zwischen den verfeindeten Seiten. Europa bemüht sich um den Erhalt positiver Beziehungen zu beiden Staaten. Beide sind strategische Partner in den Bereichen erneuerbarer und fossiler Energieträger, Sicherheit und Terrorbekämpfung, Migration sowie bei einer Reihe anderer Themen, die nicht nur den Mittelmeerraum betreffen, sondern weit in die Sahelzone und die Sahara hineinreichen. In diesem Zusammenhang ist das Voranbringen pragmatischer Partnerschaften von entscheidender Bedeutung, und genauso wichtig ist es, auf die Notwendigkeit von Maßnahmen in der Region aufmerksam zu machen. Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit zeigen, dass Maßnahmen zu eher pragmatischen Problemen den Weg für eine regionale Zusammenarbeit ebnen können.

Algerien und Marokko gehören zu den Ländern, die Hauptleidtragende der Folgen des Klimawandels und der sich verändernden Wettermuster sind.

Ein Beispiel für eine solche regionale Zusammenarbeit wäre im Bereich Energie und Klima zu finden. Sowohl Algerien als auch Marokko haben ein gewaltiges Potenzial, ihre erneuerbaren Energien auszubauen, und mit dem Anstieg von Produktion und Export würden sie bei einer Zusammenarbeit sehr viel gewinnen. Im Rahmen der Energiewende bestehen für Marokko als Energie-Importeur starke Anreize, seinen schon jetzt beeindruckenden Sektor für erneuerbare Energien weiter auszubauen, um damit die Abhängigkeit von Energie-Importen zu reduzieren. Für Algerien sind die Anreize etwas anders: Obwohl das Land der siebtgrößte Gasproduzent der Welt ist und deshalb scheinbar nicht unbedingt im großen Stil in erneuerbare Energien investieren muss, wird im Inland stetig mehr Energie verbraucht, die stattdessen exportiert werden könnte. Zudem wird die Energiewende es früher oder später erforderlich machen, dass Algerien zu saubereren Energiequellen übergeht. Somit muss auch Algerien seinen Sektor für erneuerbare Energien ausbauen, da dies dazu beitragen würde, den steigenden Energieverbrauch im Inland auszugleichen.

Noch wichtiger ist, dass Algerien und Marokko zu den Ländern gehören, die Hauptleidtragende der Folgen des Klimawandels und der sich verändernden Wettermuster sind. Deren Gefahren – die immer öfter zu Katastrophen werden – machen keinen Halt vor Staatsgrenzen oder angespannten diplomatischen Beziehungen. Ihnen muss mit globalen und regionalen Initiativen entgegengewirkt werden. Die zunehmende Erkenntnis, dass diese Gefahren die Bevölkerungen beider Länder gleichermaßen betreffen, sollte zu einem koordinierten und kooperativen Regierungshandeln führen – auch zwischen seit Jahrzehnten verfeindeten Nachbarländern.

Aus dem Englischen von Ina Goertz