Der derzeitige Zusammenbruch des Libanon ist weltweit einer der dramatischsten seiner Art seit dem 19. Jahrhundert. Er ist eine direkte Folge der staatlichen Wirtschaftspolitik nach dem libanesischen Bürgerkrieg. Konkret heißt das: übermäßige Verschuldung, Privatisierungen, Abbau von Industrie und Landwirtschaft, Priorisierung sowohl des Tourismus mit seinen unbeständigen Umsätzen als auch des Bankensektors, der horrende Zinssätze verlangt, um Kapital anzuziehen sowie eine illusorische Kopplung des Wechselkurses des libanesischen Pfunds an den US-Dollar. Das Land hat so gut wie keine eigene Produktion. Die libanesische Wirtschaft ist umso anfälliger für Krisen, als sie Geisel einer besonders turbulenten regionalen Konjunktur und einer inkompetenten und korrupten Elite ist, die sich durch Klientelismus an der Macht hält.

Nach 30 Jahren Regierung durch eben diese Elite beträgt die Staatsverschuldung fast 180 Prozent des Bruttolinlandprodukts, die Infrastruktur ist mangelhaft und soziale Gerechtigkeit gibt es quasi keine. Zugang zu Wasser, Strom, qualitativ hochwertiger Bildung, Gesundheitsversorgung und Sozialleistungen hat lediglich die Bevölkerung, die dafür zahlen kann. Ferner gibt es kein wirkliches öffentliches Verkehrsnetz und kaum Rentenleistungen.

Im Libanon lassen sich dramatische Veränderungen im Lebensstil der Bevölkerung beobachten.

Vor diesem Hintergrund brach also im Herbst 2019 die Krise aus, als die libanesische Bevölkerung ihrem Unmut lautstark Gehör verschaffte und die Fehlentwicklungen des staatlichen Systems vor den Augen der Weltöffentlichkeit entlarvte. Der Wertverlust der lokalen Währung um 90 Prozent, Einschränkungen bei Bargeldabhebungen, Hyperinflation, die rasant steigende Verarmung der Bevölkerung, allgemeine Verunsicherung, Arbeitslosigkeit sowie der Mangel an Medikamenten, Treibstoff und Nahrungsmitteln bestimmen den Alltag der Menschen.

Es lassen sich dramatische Veränderungen im Lebensstil der Bevölkerung beobachten. Dies gilt insbesondere für das Essverhalten, das immer restriktiver wird und daher die folgende Frage aufwirft: Ist der Libanon von Ernährungsunsicherheit betroffen?

Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir uns zunächst den Begriff der Ernährungssicherheit genauer anschauen, der auf dem Welternährungsgipfel 1996 als Zustand definiert wurde, „in dem alle Menschen jederzeit physischen und wirtschaftlichen Zugang zu ausreichenden, gesunden und nahrhaften Nahrungsmitteln haben, mit denen sie ihren Energiebedarf und ihre Nahrungsvorlieben decken können, um ein gesundes und aktives Leben zu führen“. Diese Definition stützt sich auf vier Säulen: die tatsächliche Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln, den wirtschaftlichen und tatsächlichen Zugang zu Nahrungsmitteln, ihre Verwendung und die Stabilität dieser drei Säulen über einen bestimmten Zeitraum. Wenn diese Punkte nicht gegeben sind, spricht man von Ernährungsunsicherheit.

Allein zwischen März 2021 und März 2022 gab es einen Preisanstieg von 390 Prozent

Der Libanon ist ein Nettoimporteur von Nahrungsmitteln, was zwangsläufig die physische Verfügbarkeit erschwert. Das Land importiert hauptsächlich Getreide, das zwischen 35 und 40 Prozent des täglichen Verbrauchs der Bevölkerung ausmacht. Insbesondere Weizen stammt zu über 96 Prozent aus der Ukraine oder Russland, was die Verfügbarkeit derzeit zusätzlich einschränkt: Zum einen wegen der Lieferschwierigkeiten aufgrund des Kriegs zwischen diesen beiden Staaten. Zum anderen, weil der Libanon aufgrund seiner eigenen Krise nicht mehr die Mittel hat, diese Nahrungsmittel zu kaufen. Zumal die Importe einem Monopol unterliegen, das den Markt nach seinen Interessen kontrolliert. Der verfügbare Weizenbestand wird dadurch automatisch auf 40 Tagesvorräte reduziert. Hinzu kommt, dass die Vorräte bereits seit der Zerstörung eines Getreidesilos mit einer Kapazität von 120 000 Tonnen nach der Explosion im Hafen am 4. August 2020 begrenzt waren.

Die Geschäftstätigkeit der lokalen Erzeuger wird durch die Kosten für wichtige Rohstoffe (unter anderem Getreide, Dünger, und Pestizide), die in Dollar festgelegt sind, erschwert, da sie ihre Ernte in der lokalen Währung verkaufen. Die Initiativen zu ihrer Unterstützung reichen jedoch nicht aus. Viele Erzeuger sehen sich daher gezwungen, ihre Tätigkeit aufgrund der geringen Einkünfte aufzugeben.

Da die Preise stetig steigen, erweist sich der wirtschaftliche Zugang zu Nahrungsmitteln als zunehmend problematisch. Allein zwischen März 2021 und März 2022 gab es einen Preisanstieg von 390 Prozent. Um das noch einmal zu verdeutlichen: Der Preis für Brot beispielsweise ist von 1 500 auf derzeit 20 000 libanesische Pfund gestiegen. Für die kommenden Monate wird aufgrund der anhaltenden Abwertung des libanesischen Pfunds und der weltweiten Treibstoff- und Lebensmittelkosten mit einem weiteren Preisanstieg gerechnet. All das hat zur Folge, dass heute 50 Prozent der Bevölkerung nicht in der Lage sind, ihren grundlegenden Nahrungsbedarf zu decken. Der Ansatz der Vorgängerregierung zur Abmilderung der Krisenauswirkungen ist gescheitert: Subventionierte Waren wurden auf dem Schwarzmarkt teurer verkauft, und die Menschen horteten Nahrungsmittel bei sich zu Hause. Infolgedessen kam es zu Hamsterkäufen, wodurch sich die Knappheit noch weiter verschärfte. Die Situation ist umso schlimmer, als der Zugang zu lebenswichtigen Dingen wie Säuglingsnahrung oder sogar Trinkwasser beeinträchtigt wird. Die Folgen für die Gesundheit sind offensichtlich: Mangelerscheinungen bei Kindern und eine beginnende Choleraepidemie.

50 Prozent der Bevölkerung sind nicht in der Lage, ihren grundlegenden Nahrungsbedarf zu decken.

Um sich weiterhin ernähren zu können, machen viele Haushalte Abstriche, was die Qualität ihrer Ernährung angeht, sowie bei der Bildung oder Gesundheitsfürsorge. Viele verzichten sogar auf Mahlzeiten. Eine Studie der American University of Beirut kommt zu alarmierenden Ergebnissen: 33 Prozent der Erwachsenen lassen mehr als einmal pro Woche Mahlzeiten ausfallen, 33 Prozent der Familien können sich kein Fleisch, Fisch oder Huhn mehr leisten und 85 Prozent haben nicht einmal genug Geld für Grundnahrungsmittel.

Wenn der Staat nicht in der Lage ist, eine dauerhafte Lösung zu finden, wird sich die Situation weiter verschlechtern und so zu chronischen Problemen bei der Verfügbarkeit, dem Zugang zu und der Nutzung von Nahrungsmitteln führen.

Die Ernährungsunsicherheit ist ein humanitärer Notfall.

Der Libanon scheint also tatsächlich von Ernährungsunsicherheit betroffen zu sein. Genauer gesagt stellt die Lage in dem Land bereits einen humanitären Notfall da, wenn man sich nach der integrierten Klassifizierung der Ernährungssicherheitsphasen richtet. Daher sollten Sofortmaßnahmen in Betracht gezogen werden. So ist beispielsweise ein Plan zur Wiederherstellung der strategischen Reserven erforderlich, indem an verschiedenen Orten neue Lagerstätten errichtet werden. Ebenso wie die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des Marktes, um die Preise und die Verfügbarkeit zu regulieren. Außerdem sollte es möglich sein, die lokale Produktion durch die Finanzierung, Subventionierung und Unterstützung von Kleinerzeugern zu fördern. All dies erfordert natürlich ein fortgeschrittenes Maß an Führung und Koordination zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren, da sonst die Gefahr besteht, dass die derzeitige Situation weiter andauert, klientelistische Strukturen, die von der Krise profitieren, gestärkt werden und die Bevölkerung des Libanon dem Hungertod einen Schritt näher kommt.