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Die „Niemals-Trump“-Republikaner
Viele konservative Wähler sind bereit, bei den Präsidentschaftswahlen einen Demokraten zu wählen – allerdings nur, wenn dieser Joe Biden heißt.

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Soll bei den US-Wahlen die "Top Gun" der Demokraten werden: Joe Biden.

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Je mehr Daten über den überwältigenden Sieg des ehemaligen Vizepräsidenten Joe Biden am „Super Tuesday” veröffentlicht werden, umso deutlicher ist zu erkennen, dass ihm besonders zwei Gruppen zum Erfolg verholfen haben: Afroamerikaner und Wähler aus den Vorstädten mit College-Abschluss.

Diese Koalition hat gemäßigten Demokraten bereits 2018 geholfen, sieben Gouverneursposten, zwei Sitze im Senat und etwa 40 Kongresswahlbezirke von „rot” zu „blau” zu kippen. Allein die neu hinzugewonnenen Wahlbezirke in den Vorstädten hätten den Demokraten dabei gereicht, eine Mehrheit im Repräsentantenhaus zu sichern. Afroamerikanische Wählerinnen und Wähler bilden seit langem eine zentrale Basis für die Demokraten. Anders ist dieses Mal, dass viele von Bidens gut gebildeten Unterstützern aus den Vorstädten eher zu den rechtsgerichteten Wählern ohne Parteibindung oder zu den gemäßigten Republikanern zählen, die sonst Kandidaten wie John McCain und Mitt Romney unterstützt haben. Sie wollen dieses Mal jedoch unbedingt eine Wiederwahl Donald Trumps verhindern. Dafür sind sie bereit, über ihren Schatten zu springen und einen Demokraten zu wählen ­– allerdings nur einen gemäßigten und massenkompatiblen Kandidaten.

Diese Wähler identifizieren sich vielleicht nicht mit der „Niemals-Trump“-Fraktion innerhalb der Konservativen, die sich lautstark gegen den Präsidenten stellt, aber mit ihrem Wahlverhalten gehören sie praktisch dazu. In der Vergangenheit stimmten sie zwar oft für die Republikaner, jetzt aber sind sie entschieden gegen Donald Trump. Diese Wähler könnten den Demokraten in den „Swing States“ wie Michigan, Pennsylvania, Arizona und North Carolina bei den Wahlen im Herbst die Mehrheit verschaffen.

Anders ist dieses Mal, dass viele von Bidens gut gebildeten Unterstützern aus den Vorstädten eher zu den rechtsgerichteten Wählern ohne Parteibindung oder zu den gemäßigten Republikanern zählen.

Ihre numerische Stärke ist am „Super Tuesday“ in den Vororten von Virginia und Texas voll zur Geltung gekommen, wo die Wahlbeteiligung um 74 beziehungsweise 87 Prozent höher war als vor vier Jahren. Diese de facto „Niemals-Trump“-Fraktion tauchte auch in den Vororten von Charleston im Bundesstaat South Carolina in großer Zahl auf, wo 58 Prozent mehr Menschen wählen gingen als im Jahr 2016. Und sie stimmten mit überwältigender Mehrheit für Joe Biden. In Iowa beispielweise ging die Wahlbeteiligung bei den Vorwahlen der Demokraten gegenüber 2016 insgesamt zurück; in Dallas County aber, den Vororten von Des Moines, stieg sie auf 38 Prozent. Wohlgemerkt in einem Gebiet, das vor nicht allzu langer Zeit noch fest in republikanischer Hand war.

Über unsere Organisation „Center Action Now“ haben mein Kollege Tim Miller und ich diese Wähler vor den Wahlen durch eine Telefon- und SMS-Aktion zur Stimmabgabe motiviert. Wir befürworteten zwar keinen Kandidaten, aber wir informierten sachlich unzufriedene Republikaner und rechts gerichtete, unentschlossene Wähler über die Möglichkeit, in den Vorwahlen der Demokraten in Staaten wie Virginia und Texas ihre Stimme abzugeben.

Die bisherige Auswertung der Daten deutet darauf hin, dass sie tatsächlich in großer Zahl gewählt haben. Und ein Teil des Anstiegs der konservativen und gemäßigten Wählerstimmen – viele von ehemaligen republikanischen Wählern – wurde bei den Befragungen am Wahltag gar nicht erfasst. Auch die Wahlbeteiligung bei den demokratischen Vorwahlen in Texas und Virginia war sehr hoch.

Die Reaktionen auf unsere Aktion verdeutlichen, dass diese Wähler nicht nach der demokratisch-sozialistischen Revolution suchen, die Senator Bernie Sanders verkörpert. Sie wollen schlicht einen Demokraten, dem sie zutrauen können, verantwortungsvoll zu regieren und das Chaos von Trumps Präsidentschaft zu beenden. Für viele ehemalige Republikaner ist die Wahl von Biden also das geringste Übel. Er ist wesentlich moderater als Sanders und, im Gegensatz zu Trump, keine Gefahr für Rechtsstaatlichkeit und Verfassung. Er symbolisiert einen Rückhalt gegen den politischen Wahnsinn der Rechten und der Linken gleichermaßen.

Sie wollen schlicht einen Demokraten, dem sie zutrauen können, verantwortungsvoll zu regieren und das Chaos von Trumps Präsidentschaft zu beenden.

Am „Super Tuesday“ hörte ich vieles, was ich aus Fokusgruppen kenne: „Ich bin sehr besorgt, dass einige Kandidaten extrem sind und unsere Demokratie verändern werden. [...] Ich suche nach einem gemäßigten Kandidaten.“ Ein anderer Wähler war besorgt, dass „unsere Republik auf dem Spiel steht.“ Ein weiterer gestand: „Ich bin als Republikaner registriert, habe aber eine Abstimmung für die Vorwahlen der Demokraten beantragt.“

Gut gebildete Wähler aus den Vorstädten fühlen sich oft politisch obdachlos, gefangen zwischen Trumps erratischer und spalterischer Natur und der Angst vor einem Linksruck der Demokraten. Der Kandidat Joe Biden bietet diesen Wählern zwar keine mitreißende Vision für die Zukunft. Aber denjenigen, die erschöpft sind von drei Jahren politischem Aufruhr und Anfeindungen, bietet er etwas noch Besseres: menschlichen Anstand.

Zweifellos gibt es in Amerika eine Wählerschaft für Trumps besondere Art der Vulgarität. Aber selbst viele Trump-Wähler teilen eine tiefe Besorgnis über seine Politik der Spaltung. Selbst wenn sie mit der Wirtschaft weitgehend zufrieden sind, bezeichnen sie Trump als den führenden politischen Brandstifter des Landes.

Zweifellos gibt es in Amerika eine Wählerschaft für Trumps besondere Art der Vulgarität. Aber selbst viele Trump-Wähler teilen eine tiefe Besorgnis über seine Politik der Spaltung.

„Ich habe nicht für Donald Trump gestimmt“, erklären sie. „Ich habe gegen Hillary Clinton gestimmt.“ Besonders in den Fokusgruppen, in denen die Trump-Wähler seine Leistung als „eher schlecht“ oder „sehr schlecht“ bewerten, sind diese Mitte-Rechts-Wähler im Allgemeinen offen, für Biden zu stimmen – allerdings nicht für Sanders.

Es bestand immer die Gefahr, dass Trumps politische Neuausrichtung dazu führen würde, dass die gut gebildeten Wähler in den Vorstädten der Republikanischen Partei für immer den Rücken kehren. Offen bleibt, ob dies im Jahr 2020 und darüber hinaus geschehen wird. Die Warnsignale des „Super Tuesdays“ jedenfalls sind eindeutig.

Aus dem Englischen von Marius Mühlhausen

(c) The New York Times 2020

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