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Gemeinsam wegen Trump
Wie die richtigen Worte die Demokraten zusammenschweißen.

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„When they go low, we go high.“

Auf dem Parteitag der Republikaner in Cleveland hatte die Grand Old Party eine düstere und dystopische Vision eines Amerika am Rande des Abgrunds gemalt und sowohl die Innenpolitik und den internationalen Handel als auch die bestehenden Militärbündnisse in Frage gestellt. Ihr frisch gekürter Präsidentschaftskandidat Donald Trump konnte damit in den Meinungsumfragen zulegen. Mit diesen Herausforderungen begannen die Demokraten ihren Parteitag in Philadelphia. Auf der größtmöglichen Bühne galt es für die Partei, ihre Mitglieder davon zu überzeugen, Geschichte zu schreiben und mit Hillary Clinton erstmals eine Frau ins Rennen um die Präsidentschaft zu schicken. Das ganze Land muss überzeugt werden, dass sie nur Beständigkeit und Kompetenz verkörpert, sondern auch den von allen gewünschten Wandel herbeiführen kann.

In der Vergangenheit ist es den US-Parteien nur selten gelungen, dreimal hintereinander ihren Präsidentschaftskandidaten ins Amt zu bringen. Wenn die Demokraten nach zwei Amtszeiten von Barack Obama also weiterhin das Sagen im Weißen Haus haben wollen, müssen sie einen Gegenentwurf des republikanischen Amerikabildes präsentieren. Dazu mussten sie auf dem Parteitag ein Land zeichnen, das große wirtschaftliche und soziale Fortschritte gemacht hat, andererseits aber auch einräumen, dass noch viel zu tun ist, um sicherzustellen, dass alle Bürger diese optimistische Sicht teilen.

Und nachdem schon bei den Republikanern die Brüche offen zutage traten, die eine Spaltung der Partei in traditionelle Konservative und Trump-Anhänger heraufzubeschwören drohten, mussten auch die Demokraten nach heftig umstrittenen Vorwahlen wieder zur Geschlossenheit finden.

Der Weg dahin erwies sich anfangs als ziemlich holprig. Die Enttäuschung der Anhänger von Bernie Sanders, die ohnehin noch verärgert darüber waren, dass der Senator aus Vermont sich nicht durchsetzen konnte, verwandelte sich in Wut, als gehackte E-Mails der Parteiführung (Democratic National Committee, DNC) darauf hinzuweisen schienen, dass Mitarbeiter dieses der Neutralität verpflichteten Organs den Wahlkampf von Sanders abwechselnd ins Lächerliche gezogen oder als aussichtlos abgetan hatten. Die DNC-Vorsitzende Debbie Wasserman Schultz musste ihr Amt niederlegen und konnte den Parteitag nicht einmal mehr mit einem Hammerschlag zur Ordnung rufen. Sie muss jetzt sogar um ihren Sitz für Florida im Repräsentantenhaus bangen.

Zwar konnten die Progressiven einige Zugeständnisse im Parteiprogramm herausholen, aber sie waren nicht begeistert von Clintons Entscheidung, Tim Kaine, den Senator aus Virginia, als Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten zu nominieren. Sie hatten eher auf eine politische Stimme wie die von Elizabeth Warren, Senatorin aus Massachusetts, gehofft.

Die Progressiven waren nicht begeistert von Clintons Entscheidung, Tim Kaine als Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten zu nominieren.

Auf dem Weg ins Wells Fargo Center zur Eröffnung des Parteitags rappte und sang Kor Element aus Los Angeles seinen berühmten Refrain „Bernie or bust“ in einem mit lautstarken Sanders-Anhängern besetzten U-Bahn-Waggon. Shari Morfin, eine 37-jährige Sanders-Anhängerin und Umweltaktivistin aus dem kalifornischen Walnut Creek, sagte, sie werde Jill Stein wählen, die Kandidatin der Green Party, denn deren Werte stimmten mit ihren eigenen überein. Sie bezichtigte Clinton der Sprunghaftigkeit und des Lavierens und meinte: „Das Papier in Ihrem Notizblock reicht gar nicht aus, um alle Gründe festzuhalten, warum ich sie nicht wählen werde.“

Weitere Anti-Hillary-Demonstranten fanden sich auf den Straßen zum Veranstaltungsort ein, und in der Halle buhten Sanders-Unterstützer und unterbrachen die Redner, die zur Einheit aufriefen.

Aber nach all den Dissonanzen schien die Rede der First Lady die Menge zu besänftigen und die Demokraten zu einen: Michelle Obama sprach von Kindern und der Welt, die diese erleben sollten, und der Welt, die wir ihnen hinterlassen wollen. Sie erinnerte daran, wie Hillary Clinton und Barack Obama nach den umkämpften Vorwahlen von 2008 zueinander fanden, womit sie den verstimmten Anhängern der Sanders-Revolution vielleicht ein Beispiel und ein Verhaltensmuster bot.

Michelle Obama war die einzige, der alle ohne Protestrufe zuhörten, und die einzige Hauptrednerin, über die sich Trump auf Twitter nicht abfällig äußerte – und das, obwohl sie ihn kritisierte, ohne ihn auch nur einmal namentlich zu erwähnen. Sie ließ auch die manchmal sehr persönlichen Sticheleien nicht unerwähnt, denen sie und ihre Familie – die erste afroamerikanische Familie im Weißen Haus – ausgesetzt waren. Sie gab ihren Kindern und damit jedem, der zuhörte, den Rat: „When they go low, we go high.“ (Wenn sich andere auf ein niedriges Niveau begeben, reagieren wir umso anständiger).

Dann sprach sich die First Lady für Hillary Clinton aus, indem sie sagte: „Wenn ich darüber nachdenke, was für eine Art von Präsident ich mir für unsere Mädchen und für all unsere Kinder wünsche, dann ist sie die richtige für mich.“ Wenn Michelle Obama für Hillary Clinton in den Wahlkampf zieht, kann sie deren Chancen insbesondere bei den jungen Wählern erhöhen, die Clinton selbst nur mit Mühe für sich begeistern kann, und natürlich auch bei den afroamerikanischen Frauen, deren Aktivismus so entscheidend zu Obamas beiden Wahlerfolgen beitrug.

Wenn Michelle Obama für Hillary Clinton in den Wahlkampf zieht, kann sie deren Chancen insbesondere bei den jungen Wählern erhöhen, die Clinton selbst nur mit Mühe für sich begeistern kann.

Und schließlich stellte sich auch Bernie Sanders voll und ganz hinter Hillary Clinton, und der Parteitag verlief sehr viel reibungsloser. Der frühere Präsident Bill Clinton zeichnete am Dienstagabend ein menschliches Bild von seiner Frau: Er stellte sie als liebevolle Ehefrau und Mutter dar, aber auch als kompromisslose, für Wandel sorgende Politikerin, die der Aufgabe gewachsen sei.

Der Organisation Mothers of the Movement angehörende Mütter von Kindern, die Gewalttaten zum Opfer fielen, erzählten voller Emotionen die Geschichten ihrer Kinder und sicherten Hillary Clinton ihre Unterstützung zu. Und die New Yorker Redner sprachen darüber, wie Hillary Clinton sich seinerzeit als Senatorin dafür einsetzte, die nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen, um die von den Anschlägen vom 11. September 2001 Betroffenen und ihre Familien zu unterstützen.

Es bleibt abzuwarten, welche Vision von Amerika sich durchsetzen wird, die düstere Sicht auf die Vereinigten Staaten à la Trump oder die der sich nun hinter Hillary Clinton versammelnden Demokraten.

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1 Leserbriefe

Erik Schwarze schrieb am 03.08.2016
Eine düstere und dystopische Vision hatte ich auch, nämlich als ich die Rede von Hillary-Unterstützer General John Allen auf dem Demokraten- Parteitag sah. Ein schreiender Militär, der die restliche Welt in Gut und Böse unterteilt, und natürlich wähnt er sich auf der Seite der Guten, der Garanten für Frieden und Freiheit in der Welt. Welch eine Realsatire. Aber der General meint es so bitter ernst, daß man das Fürchten bekommt, selbst wenn man noch zu den Guten gezählt wird. Wie schnell sich so etwas ändern kann, davon wüßten die Ex-US-Partner Saddam Hussein und M. Gaddhafi ein Lied zu singen, wenn sie noch könnten. Ich weiß wirklich nicht wovor mir mehr bange sein muss, vor dem unberechenbaren Egozentriker oder vor der eiskalten Favoritin der Kriegsfalken und Neocons.