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Mein Bruch mit Trumps Außenministerium
Bethany Milton ist eine von vielen Diplomaten im US-State Department, die unter Trump den Dienst quittiert haben. Ihr Bericht.

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Donald Trump mit First Lady Melania und Außenminister Mike Pompeo vor Botschaftsmitarbeitern in Buenos Aires.

Als Präsident Trump während einer Rede zuließ, dass die Menge „Schickt sie zurück!“ skandierte, was auf eine amtierenden Kongressabgeordnete gemünzt war, unterstützte er eine Ideologie, in der für eingebürgerte US-Amerikaner – zumindest für diejenigen, die nicht einem bestimmten Profil entsprechen – andere und bedrohliche Normen gelten. Dabei hat Trump nicht Menschen wie mich im Sinn. Er denkt kaum über Menschen wie mich nach: eine weiße in Amerika geborene Tochter von gebürtigen US-Amerikanern.

In seinen Gedanken und Worten kommen aber zumindest einige der Zigtausenden häufig vor, denen ich in meinen über elf Jahren als Konsularbeamtin im Auslandsdienst dabei geholfen habe, in die Vereinigten Staaten einzuwandern. Von 2014 bis 2016 war ich im US-Generalkonsulat im indischen Mumbai für die Bearbeitung der Einwanderungsvisa verantwortlich. Tagtäglich hatten mein Team und ich es mit Dutzenden Familien zu tun, die als Green-Card-Inhaber in die USA ziehen würden: betagte Eltern, die ihre letzten Lebensjahre im Kreis ihrer Kinder und Enkel verbringen wollten, Heiratswillige, die sich auf Ehevermittlungsseiten im Internet kennengelernt hatten, Eltern mit Kindern im Schlepptau, die schon seit Anfang der 1990er-Jahre geduldig auf ihre Chance gewartet hatten, ihren Geschwistern in die USA zu folgen.

Eine private Facebook-Gruppe für Beamte des Auslandsdienstes, die über berufliche Veränderungen nachdenken, entwickelte sich innerhalb des letzten Jahres zu einem lebhaften Stellenmarkt mit täglich neuen Mitgliedern.

Von 2018 bis 2019 leitete ich die Visaabteilung in Kigali, Ruanda und verhalf Ruandern und Kongolesen zu einer Familienzusammenführung in den USA. Ihre Geschichten waren erheblich düsterer: Ehen, die in Flüchtlingslagern ausgehandelt wurden, Geschwister, die durch den Krieg getrennt wurden, aus Vergewaltigungen hervorgegangene Kinder. Aber ein Glaube vereinte fast alle, die ein Visum beantragten: der Glaube an ein besseres Leben in Amerika. Was für eine böse Überraschung, wenn sie dann erleben müssen, dass die gewählte Staatsspitze es auf so fürchterliche Art und Weise auf sie abgesehen hat?

Wer den diplomatischen Dienst anstrebt, absolviert gegen Ende des wochenlangen Orientierungskurses zwei Sitzungen mit Präsentationen. Eine davon ist ein den ganzen Nachmittag dauerndes Seminar über den sagenumwobenen Dissent Channel des Außenministeriums, in dem Mitarbeitende des Ministeriums intern Einwände gegen außenpolitische Entscheidungen vorbringen können, ohne Angst vor Sanktionen haben zu müssen. In dem Seminar geht es ausführlich darum, wie, wann und wozu dieser Nachrichtendienst genutzt werden sollte. Die zweite Präsentation ist wesentlich kürzer – nur etwa 15 Sekunden lang: „An dem Tag, an dem Sie die Politik Ihres Außenministeriums nicht länger öffentlich unterstützen können, sollten Sie den Dienst quittieren.“

Im Januar 2017, als ich am Hauptsitz des Büros für konsularische Angelegenheiten arbeitete, schrieb ich ein Memo, in dem ich mich gegen das sogenannte Einreiseverbot äußerte, und schickte den Entwurf an eine Handvoll Kollegen und Kolleginnen. Diese leiteten es an andere im Kollegenkreis, von denen einige es prompt an die Presse durchsickern ließen. Ich sah mich gezwungen, den Dissent Channel zu nutzen, um meine Meinung über eine politische Entscheidung kundzutun, die ich nicht nur für überstürzt und letztlich ineffektiv hielt, sondern die meiner Ansicht nach auch im Widerspruch zu den wichtigsten amerikanischen Werten stand. In den darauffolgenden Tagen wandten sich weit über tausend Mitarbeitende des Außenministeriums an mich, um meine Protestnote mitzuunterzeichnen. Trotz einer Drohung von Seiten des damaligen Pressesprechers des Weißen Hauses, Sean Spicer, „Trumps Maßnahme entweder zuzustimmen“ oder „zu gehen“, wurden keinerlei Maßnahmen gegen mich eingeleitet. Das Leben kehrte schnell zu dem zurück, was im Außenministerium unter Trump als „normal“ galt.

Welche politischen Maßnahmen der Regierung lassen sich gegenüber dem Ausland überhaupt noch rechtfertigen? Im Grunde gibt es doch nur noch die Versicherung, dass die USA eine Demokratie sind und dass neue Wahlen stattfinden werden.

Nachdem ich meinen Widerspruch formgerecht eingelegt hatte, musste ich zusehen, wie sich die Regierung in den letzten beiden Jahren immer weiter auf eine Weltanschauung zubewegte, die sich durch Borniertheit, Angst und engstirnigen Chauvinismus auszeichnet. Schließlich dachte ich an die zweite, kürzere Präsentation aus der Ausbildung zurück und fragt mich: Welche politischen Maßnahmen der Regierung lassen sich gegenüber dem Ausland überhaupt noch rechtfertigen? Im Grunde gibt es doch nur noch die Versicherung, dass die USA eine Demokratie sind und dass neue Wahlen stattfinden werden.

In seinem Buch The Line Becomes a River [auf Deutsch unter dem Titel No Man’s Land erschienen] lässt Francisco Cantú seine vier Jahre als Grenzschutzbeamter Revue passieren. Dabei betont er, dass die Naivität der Jugend und der Idealismus einen dazu bringen „sich selbst zu überschätzen und den Machtapparat zu unterschätzen, was einen glauben lässt, dass man mit seiner Arbeit von innen heraus etwas ändern könnte, dass man durch die Beobachtung der vom Machtapparat ausgeübten Gewalt lernen könnte, diese zu unterwandern, ohne selbst daran teilzunehmen.“ Befreit einen ein Widerspruch von der moralischen Schuld? Wiegen die unzähligen guten Dinge, die man in seiner Arbeit tut, es auf, dass man einem 14-jährigen Opfer sexueller Gewalt sagen muss, dass der Weg, als Flüchtling anerkannt zu werden, der ihr bis zum 19. Januar 2017 weit offen stand, jetzt geschlossen ist?

Ich habe diese Regierung länger als manch anderer und nicht so lange wie einige andere unterstützt und diese Fragen lassen sich nicht so leicht beantworten. Jeder Mensch ist auf seine eigene Art engagiert, hat seine eigenen Überzeugungen und „roten Linien“. Die Entscheidung, für diese Regierung zu arbeiten oder es nicht mehr zu tun, ist nicht von vornherein mit Schande oder Ehre behaftet, solange es eine bewusste Entscheidung ist. Einige der edelsten Taten werden von denen vollbracht, die sich dafür entschieden, im Außenministerium zu bleiben, indem sie sich für vernünftige politische Maßnahmen einsetzen oder einfach dadurch, dass sie die wichtige Verwaltungsarbeit unserer führenden Behörde für äußere Angelegenheit weiterführen.

Als aber Präsident Trumps Anhänger skandierten „Schickt sie zurück!“, nahm ich das als Auftrag für mich selbst. Ich ersuchte die Trump-Regierung, mich von meinem Auslandsposten in die USA zurückzuschicken und kehrte mitsamt meiner Familie, allen fremdsprachlichen Lehrbüchern und dem ganzen Nippes, den ich in den vielen Jahren als US-Diplomatin in den von Trump als „Dreckslöcher“ bezeichneten Ländern gesammelt hatte, nach Hause zurück. Das brachte mich auf die immer länger werdende Liste von Mitarbeitenden des Auslandsdienstes, die sich weigern, diesem Außenministerium länger zu dienen.

Niemand scheint der zunehmenden Abwanderung von Beamten im einfachen und mittleren Dienst viel Aufmerksamkeit zu schenken. Aber gerade mit ihnen verschwinden Fachkenntnisse von der Basisarbeit, die nur schwer zu ersetzen sind.

Niemand weiß genau, wie viele Angestellte das Außenministerium aufgrund von dessen Politik und Missmanagement verlassen haben. Aber neben den vielbeachteten Rücktritten von hochrangigem Personal gibt es viele Beamte, die es an der Zeit fanden zu kündigen, eine Weiterbildung anzufangen oder sich ein neues Tätigkeitsfeld zu suchen. Eine private Facebook-Gruppe für Beamte des Auslandsdienstes, die über berufliche Veränderungen nachdenken, entwickelte sich innerhalb des letzten Jahres von einem Ort gedämpfter und bedrückter Gespräche zu einem lebhaften Stellenmarkt mit täglich neuen Mitgliedern. Beobachter beklagen den Verlust von hochrangigen Beamten des Außenministeriums, von denen viele schon in den ersten Monaten der Trump-Administration vor die Tür gesetzt wurden. Aber niemand scheint der zunehmenden Abwanderung von Beamten im einfachen und mittleren Dienst viel Aufmerksamkeit zu schenken. Aber gerade mit ihnen verschwinden Fachkenntnisse von der Basisarbeit, die nur schwer zu ersetzen sind.

Beamte und Beamtinnen im Auslandsdienst sind verpflichtet, die Regierung zu unterstützen. Ausnahmslos. Trotz meiner persönlichen Ansichten habe ich über zwei Jahre damit zugebracht, die einwanderungs- und außenpolitischen Prioritäten der US-Administration umzusetzen. Und das habe ich bis zu der Minute getan, als ich meinen Dienstausweis abgab und mich auf den Weg zum Flughafen machte.

Als ich aber jüngst durch den Zoll ging, kehrte ich offiziell zu einem Leben als Privatperson zurück. Und ab heute habe ich eine neue Aufgabe: meine Zeit und meine Energie in den Wahlkampf einzubringen, damit in den USA eine neue Regierung gewählt wird, die den Interessen aller Amerikaner und Amerikanerinnen dient, unabhängig davon, wo sie geboren wurden.

Aus dem Englischen von Ina Görtz.

(c) The New York Times, 2019

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