Floridas Gouverneur Ron DeSantis erfreut sich einer wachsenden Zahl von Bewunderern. Viele beobachten den streitlustigen Republikaner bislang nur aus der Ferne, doch ihm eilt ein fantastischer Ruf voraus. In den für die Republikaner eher glücklosen Zwischenwahlen war er der strahlende Sieger. DeSantis gilt als treuer Jünger Donald Trumps, aber er ist eben nicht Trump, den viele als größten Verlierer besagter Wahlen betrachten.

So hat sich DeSantis zum heißesten Favoriten der Grand Old Party (GOP) gemausert. Er verkörpert Trumps Make America Great Again, nur ohne das Endlostheater. Für seine Attacken sucht sich DeSantis die richtigen Ziele aus, während Trump sich immer wieder neu und originell selbst zerlegt. „Er ist Trump mit Gehirn“, lautet der Refrain, der von DeSantis’ Beratern unter der Hand zu hören ist (und Trump auf die Palme bringt – schon das ist etwas wert).

DeSantis, der überwiegend von Florida aus agiert, hat mittlerweile ein imposantes Image aufgebaut, ist ein begehrter Gesprächspartner in den Quasselbuden des erzkonservativen Senders Fox News, ein erfolgreicher Spendensammler und ein ausgemachter Demokratenschreck. Im Sunshine State hat er eine Art republikanisches Utopia errichtet – ausgerechnet dort, wo Trump höchstselbst residiert, sicher abgeschottet in Palm Beach. Das Reich regiert unterdessen DeSantis. In seiner Siegesrede am Wahlabend erklärte der Gouverneur mit stolzgeschwellter Brust: „Nach Florida gehen die Woken zum Sterben.“

Es fragt sich nur, ob sich DeSantis’ Hoffnungen auf die Präsidentschaft womöglich zerschlagen, wenn die ersten Vorwahlen der Republikaner in Iowa und New Hampshire anstehen. Wer ihn besser kennt und schon länger beobachtet, hat seine Zweifel, ob er es mit dem ehemaligen Präsidenten aufnehmen kann. DeSantis, heißt es, sei im Wahlkampf keine Leuchte, agiere bisweilen ungeschickt und schwerfällig. So einen stampft Trump locker in den Boden.

„Er war eher distanziert“, erzählte DeSantis’ ehemalige republikanische Kollegin im Repräsentantenhaus, Barbara Comstock aus Virginia. „Ein Sonderling, der den Leuten nicht in die Augen schaut“, schrieb der republikanische Medienberater Rick Wilson auf der MAGA-kritischen Website Resolute Square. „Ich würde mir lieber ohne Betäubung einen Zahn ziehen lassen, als mit Ron DeSantis in einem Boot zu sitzen“, so der Lobbyist Mac Stipanovich aus Tallahassee, der sich, angeekelt von Trump und seinen billigen Kopien, von der GOP abgewandt hat. Kurz: DeSantis ist weder amüsant noch gesellig, sondern einer, der lieber die Stöpsel im Ohr lässt. Er umgibt sich mit dem Nimbus der Unnahbarkeit.

In eine Charmeoffensive würde DeSantis unbewaffnet gehen.

Um es klar und deutlich zu sagen: Diese Eigenschaften müssen ihn nicht per se disqualifizieren. Im Gegenteil. Sie könnten DeSantis’ Glaubwürdigkeit als Außenseiter und Querschläger stärken. Er ist eben keiner dieser aalglatten Politiker, gehört nicht zum „Establishment“. Seit Trump 2015 die Rolltreppe im Trump Tower hinunterfuhr, um seine Präsidentschaftskandidatur zu verkünden, und die GOP mit sich riss, bringt die Partei pöbelnden Kotzbrocken durchweg große Toleranz, ja Sympathie entgegen – solange sie gegen die richtigen Bösewichte und Schurken, also gegen die Kräfte der Wokeness pöbeln. DeSantis hat wie Trump einen guten Blick für diese Gegner. Wenn er folgerichtig auf schwache Bevölkerungsgruppen wie Flüchtlinge, Schwule und Trans-Teenager eindrischt, umso besser.

In früheren Vorwahlen haben allerdings nicht wenige mutmaßliche Schwergewichte im Wahlkampf bewiesen, dass sie definitiv nicht reif sind für das Primetime-Fernsehen oder auch nur nächtliche Politiksendungen. Die politischen Berichterstatter und Spendensammler jazzen sie hoch, die Erwartungen blähen sich auf wie die aktuelle Kryptoblase. Wenn die Kandidaten dann endlich die Bühne betreten und eben doch nicht strahlen, ist der Lack schnell ab. Denken wir nur an den demokratischen Präsidentschaftsanwärter Beto O’Rourke aus Texas.

„Ich glaube, er wird noch zu kämpfen haben“, erklärte Carlos Curbelo, ein ehemaliger republikanischer Kongressabgeordneter aus Florida, der mit DeSantis im Repräsentantenhaus saß. „Es geht um die Frage, die in der Politik oft gestellt wird: ‚Würden Sie ein Bier mit ihm trinken wollen?‘“ Das ist natürlich ein klassisches Klischee, aber es scheint doch relevant zu sein. Wird er sich bei seiner Wählerschaft festsetzen wie ein eingängiger Song oder wie ein Schimmelpilz? DeSantis „hat so etwas Roboterhaftes, das muss er ablegen“, so Curbelo. „Alles andere passt. Er ist intelligent und kompetent und seiner Ideologie treu. Er muss nur menschlicher werden.“

Doch Trump wird DeSantis durch seine patentierte Entmenschlichungsmaschine jagen, mit der er schon 2016 aus seinen Rivalen Kleinholz machte. Als Trump Jeb Bush als „Low-Energy Jeb“, Marco Rubio als „Liddle Marco“ und Ted Cruz als „Lyin’ Ted“ verspottete, hatten sie dem nichts entgegenzusetzen. „In einer Debatte richten sich Trumps sämtliche Stärken unmittelbar gegen DeSantis’ Schwächen“, meint Stipanovich. Trump strahlt Energie und Präsenz aus; DeSantis „ist mürrisch und ziemlich schlecht im Improvisieren“. Leute, die Trump genug Honig um den Mund schmieren, schwören, dass er einen gewissen Charme und Charisma besitze. Nicht einmal diejenigen, die DeSantis in den höchsten Tönen loben, gestehen ihm das zu. In eine Charmeoffensive würde er unbewaffnet gehen.

Wie Trump hat auch DeSantis eine brutale, schamlose Ader.

„Trump würde DeSantis mit einem stumpfen Hirschgeweih ausweiden“, so Stipanovich, der eine Vorliebe für brutale Tiermetaphern hat und auch voraussagte, Trump werde „DeSantis wie ein Robbenbaby erschlagen“. Vor den Midterms titulierte Trump DeSantis als „republikanischen Durchschnittsgouverneur“. Und er hat ihm auch schon einen fiesen Spitznamen verpasst, „Ron DeSanctimonious“ („der scheinheilige Ron“) – ein eher fades Attribut, das beweist, dass Trump nicht mehr auf dem Zenit ist. DeSantis wischte es als „pures Getöse“ beiseite.

Wie Trump hat auch DeSantis eine brutale, schamlose Ader. Als Außenseiterkandidat für das Gouverneursamt war er sich 2018 nicht zu schade, dem damaligen Präsidenten die Stiefel zu lecken. Den Höhepunkt – oder Tiefpunkt – seiner Bemühungen markierte ein Werbeclip, in dem DeSantis’ Baby einen MAGA-Body trägt und der Kandidat seinem Söhnchen eine Gutenachtgeschichte vorliest: „Dann sagte Mister Trump: ‚Du bist gefeuert!‘“

Das war, wie sich herausstellte, ein genialer Schachzug, der dem damaligen Kongress-Hinterbänkler einen Überraschungserfolg in den Vorwahlen der Republikaner zur Gouverneurswahl in Florida bescherte. DeSantis ist ein Paradebeispiel für einen Kandidaten, der seine politische Identität – und seinen Selbstrespekt – vollständig der Loyalität zu Trump geopfert hat, zumindest solange es ihm nützte. Seinem Sohn kann man nur wünschen, dass der Clip rasch in Vergessenheit gerät.

Die Dreistigkeit, mit der sich DeSantis vor Trump in den Staub warf, nur um sich anschließend gegen den früheren Königsmacher zu wenden, könnte ihm noch zupasskommen. DeSantis weiß intuitiv, dass man mit Loyalität in der Politik leicht zum Verlierer wird. „Rons Stärke als Politiker ist, dass er auf alles scheißt“, wird ein republikanischer Berater im New Yorker zitiert. „Rons Schwäche als Politiker ist, dass er auf alles scheißt.“

„Soweit ich das beurteilen kann, hat Ron keine Freunde“, sagte Chris Christie, Gouverneur von New Jersey im konservativen Ruthless-Podcast. Christie, der DeSantis von den Sitzungen der Republican Governers Association kennt, sagte, sein Gouverneurskollege aus Florida halte sich gern innerhalb seiner Entourage auf. „Ich sehe ihn nie zusammen mit anderen Gouverneuren“, sagte Christie.

DeSantis arbeitet härter als Trump, ist disziplinierter und anpassungsfähiger.

DeSantis arbeitet härter als Trump, ist disziplinierter und anpassungsfähiger. Er besuchte die Universität Yale und die Harvard Law School und hat offenbar auch das eine oder andere Seminar zum Thema Populismus besucht. Möglicherweise lernt er es noch, auf Abendveranstaltungen Smalltalk zu betreiben und Interesse für die Steckenpferde aufgeblasener Nordstaaten-Funktionäre zu heucheln. Aber bestimmte politische Fähigkeiten sind angeboren und erfordern eine Spontanität, die DeSantis abgeht. Er wirkt bisweilen unnötig bissig und defensiv. Im Frühjahr kanzelte er Highschool-Jugendliche ab, weil sie auf der Bühne Coronamasken trugen.

Ein Vorfall im Wahlkampf 2022 ist ebenfalls erwähnenswert: In der Debatte zwischen DeSantis und seinem demokratischen Herausforderer Charlie Crist versuchte dieser, den Gouverneur darauf festzunageln, dass er sich bei einer Wiederwahl verpflichtete, die vollen vier Jahre im Amt zu bleiben. Anders ausgedrückt: Würde DeSantis 2024 für die Präsidentschaft kandidieren oder nicht? „Ja oder nein, Ron?“, drängte ihn Crist. DeSantis stand da wie erstarrt. „Das ist eine berechtigte Frage, aber er wird sie nicht beantworten“, füllte Crist die Pause.

Schließlich schaltete sich ein Moderator ein und erinnerte die Kandidaten daran, dass sie einander keine direkten Fragen stellen dürften. DeSantis sammelte sich. „Also, ich weiß ja, dass Charlie gern über 2024 und Joe Biden reden würde“, setzte er einen einstudierten Satz ab. „Aber eins will ich hier klarstellen: Der einzige lahme alte Esel, den ich auf die Weide stellen will, ist Charlie Crist.“ Hübsche Volte, aber hölzern.

DeSantis rechnete sich wohl – zu Recht – aus, dass ihm gegen Crist keine Niederlage drohte und er ebenso gut schweigen konnte, statt alles noch komplizierter zu machen, falls er später doch beschloss, Florida den Rücken zu kehren und für das Präsidentenamt zu kandidieren. Aber ein agiler Politiker hätte diesen Schlagabtausch besser gemeistert. Und Trump dürfte das zur Kenntnis genommen und innerlich abgespeichert haben. „Er hat DeSantis’ Schwächen in öffentlichen Debatten und in den Medien erkannt und merkt sie sich“, schrieb Rick Wilson auf Resolute Square und folgerte daraus, dass Trump DeSantis in Stücke reißen wird. „Er hat Blut gerochen.“ Republikaner, die ihre Partei vor Trump retten wollen, setzen derzeit große Hoffnung auf ein unbeschriebenes Blatt. Die New York Post gab ihm den Spitznamen „DeFuture“. Ich würde eher sagen, „DeFizitär“.

Aus dem Englischen von Anne Emmert

© The Atlantic