Am 13. Januar hat das Moskauer Diözesangericht Erzpriester Alexej Uminski, den Vorsteher der Moskauer Dreifaltigkeitskirche, der seit mehr als 30 Jahren im Dienst war, seines Amtes enthoben. „Wegen Eidbruchs“, wie es im Urteil heißt. Bereits am Vorabend des orthodoxen Weihnachtsfestes hatte seine Suspendierung für Aufsehen gesorgt. Vater Alexej ist einer der bekanntesten Geistlichen in Russland, seine Ansichten gelten als liberal. Er war einer der wenigen Priester, die sich geweigert hatten, das Gebet für das Heilige Russland während der Göttlichen Liturgie zu sprechen. Es wird angenommen, dass es von Patriarch Kirill persönlich verfasst wurde und muss auf seine Anweisung hin seit September 2022 in allen Kirchen verlesen werden. Dort heißt es unter anderem: „Gib uns den Sieg durch deine Macht“.

Der Fall Uminski steht exemplarisch für eine Entwicklung, in der Geistliche, die nicht mit der politischen Linie der Kirchenführung übereinstimmen, suspendiert oder entlassen werden. Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine haben fast 300 russische Priester und Diakone einen offenen Brief gegen den Krieg unterzeichnet. Die meisten von ihnen leben mittlerweile nicht mehr in Russland. Das Projekt „Christen gegen den Krieg“ hat Dutzende Fälle dokumentiert, in denen orthodoxe Geistliche aufgrund ihrer Antikriegshaltung Verfolgungen ausgesetzt sind. Die Kirchenstruktur spiegelt dabei buchstäblich die Methoden des Staatsapparates wider, indem sie Andersdenkende systematisch aus ihren Reihen entfernt. Patriarch Kirill hat innerhalb der Kirche eine Machtvertikale etabliert, die derjenigen ähnelt, die Putin im ganzen Land aufgebaut hat.

Die Führung der Russisch-Orthodoxen Kirche unterstützt den Ukraine-Krieg bedingungslos, indem sie ihn als Heimatverteidigung und als Kampf für christliche Werte darstellt, die der „verdorbene Westen“ mit Füßen trete. In zahlreichen Predigten betont das Kirchenoberhaupt, der Krieg diene als Mittel, um Russland vor Feinden zu schützen. Seine Rhetorik ähnelt stark den Litaneien Putins über den vermeintlichen Verrat des Westens an Russland. Dieser versuche, Russland seine Werte aufzuzwingen. „Aber unser Volk und unsere Führung haben erkannt, dass diese Werte unseren eigenen widersprechen, denn das Heilige Russland bewahrt, Gott sei Dank, christliche Werte, die in das System nationaler Werte integriert wurden“, so der Patriarch.

Es ist auffällig, welch königliche Geschenke Kirill vom Staat erhält. So wurde die 600 Jahre alte Dreifaltigkeitsikone von Andrei Rubljow (das Gemälde gilt als Meisterwerk der Ikonenmalerei und als bedeutendste Ikone der russischen Tradition schlechthin) trotz heftiger Proteste der Museumsexperten von der Tretjakow-Galerie an das Moskauer Patriarchat übergeben und zu Weihnachten bei minus 20 Grad Außentemperaturen in der Christi-Erlöser-Kathedrale ausgestellt. Bereits letztes Jahr wurde die Reliquie für drei Tage in das Kloster der Dreifaltigkeit und des Heiligen Sergius gebracht. Nach dieser „Dienstreise“ waren 61 Mängel an der Ikone festgestellt worden. Braucht Kirill die berühmteste russische Ikone als Symbol seiner Macht?

So scheint sich die Russisch-Orthodoxe Kirche immer stärker mit dem Putin-Regime und dem Krieg zu verbinden.

So oder so soll deutlich werden: Die Dreifaltigkeit „beschützt“ Russland und gehört gleichzeitig nicht dem Staat, sondern der Kirche. Auf der Webseite des Moskauer Patriarchats wird berichtet, dass die Übergabe der Ikone auf persönliche Anordnung Putins erfolgte. Das Kulturministerium sprach sich dagegen aus, weil man eine unwiderrufliche Beschädigung des Meisterwerks befürchtet. Doch Patriarch Kirill scheint seine Interessen über die Köpfe der Regierung hinweg durchsetzen zu können.

Die Journalistin und Autorin des Telegramkanals „Orthodoxie und Zombies“, Ksenia Luchenko, äußerte die Vermutung, dass die Initiative möglicherweise gar nicht von Kirill ausging, sondern ein Befehl aus dem Kreml war: „Nehmt die Dreifaltigkeit und betet gefälligst, wie es sich gehört.“ Putins Regime, das fieberhaft an einer Ideologie bastelt, braucht dafür eine Grundlage und die Orthodoxie eignet sich hierfür am besten. Mit ihren traditionellen Werten, über die die Propagandamaschinerie ständig schwadroniert, unterscheidet sie Russland vom „in Sünden versunkenen Westen“. Die Kirche bietet ein „orthodoxes Design, eine schöne Verpackung“, wie Ksenia Luchenko es nennt, und verleiht dem Regime somit eine sakrale Legitimation.

Im Gegenzug erhält sie vom Staat Geschenke und Schutz. So scheint sich die Russisch-Orthodoxe Kirche immer stärker mit dem Putin-Regime und dem Krieg zu verbinden. In einem Interview mit der Exilzeitung Verstka sagte ein Priester, der seinen Namen nicht preisgeben wollte, dass seit Beginn des Krieges Kirche und Staat in ihren Ansichten fast identisch geworden sind und die Diözesanversammlungen sich in parteipolitische Veranstaltungen verwandelt haben. Laut dem Erzpriester des Erzbistums der orthodoxen russischen Gemeinden in Westeuropa, Dimitry Sobolevskiy, ist die Kirche für die meisten Russen inzwischen nur ein weiterer Teil des Staatsapparats.

Doch stellt sich die Frage, ob diese enge Verbindung mit dem Staat für die russische Orthodoxie langfristig wirklich vorteilhaft ist. In einer Predigt im November vorigen Jahres sagte Kirill, man könne sich nicht als Russe bezeichnen, wenn man nicht in die Kirche gehe. Dies steht im Kontrast zu verschiedenen Studien, die zeigen, dass Russland kein übermäßig religiöses Land ist. Laut der weltweiten Umfrage World Values Survey von 2017 bezeichnen sich zwar 77,4 Prozent der Russen als gläubig, die meisten von ihnen besuchen jedoch keine Kirche und kennen nicht einmal die einfachsten religiösen Regeln.

Scheinbar so mächtig wie nie zuvor und beinahe mit dem Kreml verschmolzen, verliert die Kirche in der russischen Gesellschaft immer mehr an Ansehen.

Religion ist für sie keine geistige Orientierung, im Vordergrund stehen stattdessen kirchliche Rituale, die „mystische Bedürfnisse“ erfüllen. So müsse ein Neugeborener getauft werden, damit er nicht krank werde, und eine Beerdigung ohne einen Priester sei keine richtige, kommentiert Ksenia Luchenko. Ob der Patriarch für oder gegen den Krieg auftritt, spielt für diejenigen, die nur gelegentlich eine Kerze vor einer Ikone anzünden, keine Rolle. Doch für religiöse Menschen sind Aussagen des Patriarchen, dass gefallene russische Soldaten direkt in den Himmel gelangen würden, mit ihrem Glauben nicht vereinbar.

Laut den offiziellen Statistiken des russischen Innenministeriums besuchten in diesem Jahr 1,4 Millionen Menschen die orthodoxen Weihnachtsgottesdienste, verglichen mit 2,3 Millionen im Jahr 2020 und über 2,6 Millionen im Jahr 2019. Die Berufung zum Priester wird ebenfalls immer weniger beliebt. Allein im letzten Jahr mussten drei Priesterseminare schließen. Scheinbar so mächtig wie nie zuvor und beinahe mit dem Kreml verschmolzen, verliert die Kirche in der russischen Gesellschaft immer mehr an Ansehen. Auch die Gefahr der innerkirchlichen Spaltung wird immer größer, da sich im Klerus zwei Lager herausbilden: Die einen verteidigen die Entscheidungen des Kremls, während sich die anderen in die innere Emigration zurückziehen oder das Land sogar verlassen.

Mehr als 12 000 Menschen haben einen Brief an Patriarch Kirill zur Unterstützung von Alexej Uminski unterzeichnet. Der blieb bisher unbeantwortet. Der orthodoxe Weihnachtsgottesdienst der Dreifaltigkeitskirche wurde bereits vom neuen Vorsteher, Erzpriester Andrej Tkatschew, geleitet, einem der eifrigsten Kriegsfalken im russischen Klerus, der für obskurantistische Äußerungen bekannt ist. Die Symbiose zwischen der Russisch-Orthodoxen Kirche und dem Staat mag kurzfristig politische Vorteile bieten, aber auf lange Sicht stellt sich die Frage nach der spirituellen Legitimität und dem gesellschaftlichen Ansehen der Kirche in Russland.