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Die Verwandlung Osteuropas

Die Übernahme eines fremden Modells muss zwangsläufig in nationalen Ressentiments enden.

AFP
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"Tod den Feinden des Heimatlandes" - Demonstration von Nationalisten am polnischen Unabhängigkeitstag 2017.

In Franz Kafkas Erzählung Die Verwandlung erwacht der Protagonist Gregor Samsa eines Morgens „aus unruhigen Träumen“ und findet „sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“. Natürlich ist Samsas Familie schockiert und weiß nicht, was sie mit dem hässlichen Viech, zu dem er geworden ist, anstellen soll.

Die Europäer kennen dieses Gefühl. Sie mussten 2018 anerkennen, dass sich Ungarn und Polen von vielversprechenden Modellen freiheitlicher Demokratie in illiberale, verschwörungsgläubige Mehrheitsregime verwandelt haben. Und das übrige Europa muss nun entscheiden, was es mit diesen unvertrauten Kreaturen, die in seinem Haus wohnen, machen soll.

Zunächst jedoch sollte man überlegen, warum es zu diesem illiberalen Wandel kam. Warum haben Menschen, die sich selbst nach wie vor uneingeschränkt als Europäer betrachten, gegen die Europäische Union revoltiert und fremdenfeindliche und nativistische Einstellungen angenommen? Und warum haben die liberalen Kräfte in Europa nicht zeitnah darauf reagiert?

Ein Teil des Problems ist, dass die liberalen Eliten im Laufe der Zeit selbstzufrieden geworden waren und zu stark von der Fähigkeit der EU-Institutionen, populistische Emporkömmlinge in die Schranken zu verweisen, überzeugt waren. Darüber hinaus jedoch erkannten sie nicht, dass die Attraktivität des Populismus eher psychologischer als ideologischer Art ist.

Das Leben des Imitators wird zunehmend von Gefühlen der Unzulänglichkeit, Minderwertigkeit, Abhängigkeit und des Verlusts der eigenen Identität beherrscht.

Um die Verwandlung Mitteleuropas zu verstehen, sollte man sich vor Augen halten, dass der politische Imperativ der Region fast drei Jahrzehnte lang lautete: „Imitiert den Westen!“ Dieser Prozess hatte unterschiedliche Namen – Demokratisierung, Liberalisierung, Konvergenz, Integration, Europäisierung –, aber es handelte sich dabei im Wesentlichen um ein Bemühen postkommunistischer Reformer, freiheitlich-demokratische Institutionen zu importieren, die politischen und wirtschaftlichen Systeme des Westens zu übernehmen und sich öffentlich westliche Werte zu eigen zu machen. Praktisch bedeutete dies, dass die postkommunistischen Länder gezwungen waren, 20.000 neue Gesetze und Verordnungen zu verabschieden – die in ihren Parlamenten nie wirklich debattiert wurden –, um die Beitrittsvoraussetzungen der EU zu erfüllen.

Dabei erwies sich, dass die Übernahme eines fremden politisch-ökonomischen Modells unerwartete negative moralische und psychologische Folgen hatte. Das Leben des Imitators wird dabei zunehmend von Gefühlen der Unzulänglichkeit, Minderwertigkeit, Abhängigkeit und des Verlusts der eigenen Identität beherrscht. Eine glaubwürdige Kopie eines idealisierten Modells zu erschaffen und mit Leben zu füllen, erfordert die nie endende Kritik der eigenen Identität bis zu diesem Punkt – wenn nicht gar ein Gefühl der Verachtung für diese Identität. Wenn ein komplettes Land sich derart von sich selbst abwendet, wird ein kräftezehrendes Gefühl, dass ständig über einen geurteilt wird, allgegenwärtig. Schließlich ist die Realisierung eines Ideals per definitionem unmöglich.

Es überrascht also nicht, dass die Arrangements im Gefolge des Jahres 1989 schwärende Ressentiments hervorriefen. Und heute haben sich diese nationalen Ressentiments zur treibenden Kraft hinter der Mittel- und Osteuropa überschwemmenden nativistischen Welle entwickelt. Den Kern der populistischen Gegenrevolutionen bildet eine radikale Ablehnung des Zwangs zur Imitation des freiheitlich-demokratischen Westens.

Die Kombination aus Bevölkerungsalterung, niedrigen Geburtenraten und Massenauswanderung hat  eine demografische Panik ausgelöst, die sich paradoxerweise als Furcht vor afrikanischen und nahöstlichen Flüchtlingen ausdrückt.

Ein weiterer zu der Entwicklung beitragender Faktor ist die massenhafte Auswanderung aus den mitteleuropäischen Ländern nach deren Beitritt zur EU. Diese Entvölkerung hilft zu erklären, warum Länder, die derart von den politischen und wirtschaftlichen Veränderungen der letzten beiden Jahrzehnte profitiert haben, trotzdem ein Gefühl von Verlust, wenn nicht gar Trauma, empfinden. Zwischen 1989 und 2017 etwa verloren Lettland, Litauen und Bulgarien 27, 23 bzw. 21 Prozent ihrer Bevölkerungen. In ähnlicher Weise haben seit 2007 3,4 Millionen Rumänen – größtenteils unter 40 Jahren – ihr Land verlassen. Die Kombination aus Bevölkerungsalterung, niedrigen Geburtenraten und Massenauswanderung hat überall in der Region eine demografische Panik ausgelöst, die sich paradoxerweise als Furcht vor afrikanischen und nahöstlichen Flüchtlingen ausdrückt (von denen letztlich kaum einer tatsächlich in Mitteleuropa endet).

Einige Westeuropäer haben sich immer schon über die Freizügigkeit innerhalb der EU beschwert. Nun aber tun dies viele Mitteleuropäer ebenfalls, wenn auch aus dem gegenteiligen Grund. Man denke an einen bulgarischen Arzt, der sein Land wegen der besseren Berufschancen im westlichen Teil des Kontinents verlässt. Er beraubt sein Land nicht nur seiner Talente und Fähigkeiten, sondern auch der Investitionen, die es in ihn getätigt hat, indem es ihn mit einer Bildung und anderen Formen sozialen Kapitals ausstattete. Die Auslandszahlungen, die der Arzt an seine alternden Eltern schickt, machen diesen Verlust nicht wett.

Dies bringt uns zurück zur psychologischen Dimension der Verwandlung Mitteleuropas. Wer in einem Land lebt, in dem es die Mehrzahl der jungen Leute nicht abwarten kann, auszuwandern, fühlt sich zwangsläufig als Verlierer, egal, wie gut es ihm geht. Dieses unvermeidliche Gefühl des Verlusts und der Minderwertigkeit erklärt, warum sich Polen zum Musterbeispiel des neuen Populismus entwickelt hat. Die Tatsache, dass dasselbe Land zwischen 2007 und 2017 zugleich ein schwindendes Maß an Ungleichheit, einen steigenden Lebensstandard und das höchste Wirtschaftswachstum in Europa erlebte, spielt da kaum eine Rolle.

Doch während den Mitteleuropäern ihre Bereitschaft zur Imitation abhanden gekommen ist, ist ihnen zugleich bewusst, dass ein Auseinanderbrechen der EU eine Tragödie epischen Ausmaßes für ihre Länder darstellen würde.

Als wichtigste Befürworter des Imitationszwangs werden die postkommunistischen Liberalen inzwischen als politische Vertreter jener betrachtet, die ihre Länder auf Nimmerwiedersehen verlassen haben. Zugleich ist das westliche System, dass eigentlich als Modell für Mitteleuropa dienen sollte, selbst in eine Krise geraten.

Es ist daher kein Wunder, dass die in den mitteleuropäischen Gesellschaften Zurückgelassenen die Imitation inzwischen ablehnen und Alarm schlagen über die Entvölkerung oder sogar ein „ethnisches Verschwinden“. „Die kleine Nation“, so bemerkte einst der Romancier Milan Kundera, „ist eine, deren Existenz jederzeit in Frage gestellt werden kann; eine kleine Nation kann verschwinden und sie weiß es.“ Die Mitteleuropäer haben bereits eine Welt erlebt, in der ihre Kulturen verschwanden. Und angesichts des rapiden technologischen Wandels und der Gefahr massenhafter Arbeitsplatzverluste betrachten sie ethnische und kulturelle Vielfalt inzwischen als existentielle Bedrohungen.

Doch während den Mitteleuropäern ihre Bereitschaft zur Imitation abhanden gekommen ist, ist ihnen zugleich bewusst, dass ein Auseinanderbrechen der EU eine Tragödie epischen Ausmaßes für ihre Länder darstellen würde. Eine Vertiefung der Kluft zwischen Ost und West würde die Entvölkerung nicht rückgängig machen, aber Mitteleuropas wirtschaftliche Aussichten gefährden. Infolgedessen ist die Region hin- und hergerissen zwischen ihrem Zögern, die Rolle eines Thronprätendenten zu übernehmen, und der Furcht, dass ihre eigene Hinwendung zum Populismus einen Zusammenbruch der EU auslösen könnte. So oder so haben sich Mitteleuropas „unruhige Träume“ zu einer dauerhaften Realität entwickelt.

 

Aus dem Englischen von Jan Doolan.

(c) Project Syndicate

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