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Brüder, zur Sonne!
In Zentralasien könnte die Energiewende Vorbild sein. Dafür müsste Berlin sie aber mal bewerben.

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Passt doch schon mal: Die kasachische Flagge.

Im September 2014 zitierten Nachrichtenagenturen den kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew mit den Worten: „Ich persönlich glaube nicht an alternative Energien, auch nicht an Wind- und Sonnenenergie. Öl und Gas sind unser wichtigstes Zugpferd, und wir sollten uns nicht davor fürchten, von unseren Rohstoffen zu leben.” Eine kühne Aussage für den Präsidenten, der noch zwei Jahre zuvor seine Strategie 2050 für die Modernisierung des öl- und gasreichen zentralasiatischen Landes vorgestellt hatte. Kasachstans „Übergang in eine grüne Ökonomie” war das Schlüsselziel dieser Strategie. Dazu zählte der Plan, den Anteil der Atomkraft und der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung von 1 auf 50 Prozent im Jahr 2050 anzuheben.

In den Medien wurde über Nasarbajews mögliche Gründe für die Kehrtwende sofort wild spekuliert. Es ist kein Geheimnis, dass die politischen und wirtschaftlichen Eliten in Kasachstan und in ganz Zentralasien mehrheitlich nichts mit erneuerbaren Energien anfangen können. Dass Deutschland, der größte EU-Handelspartner Kasachstans, weltweit Pionier in Sachen Energiewende ist, ändert daran nichts. Doch Entscheidungsträger in Zentralasien und in vielen anderen Ländern würden die Zukunft der Erneuerbaren womöglich mit anderen Augen sehen, wenn Deutschland die Chancen und Risiken seiner Energiewende besser kommunizieren würde.

Kaum ein anderes innenpolitisches Projekt der Bundesrepublik wird international so genau beobachtet und so kontrovers diskutiert wie die Energiewende. Sie ist ein wegweisendes Experiment: Sollte es einer großen Industriegesellschaft gelingen, ihren Energiesektor vollständig umzubauen, so würde das in anderen Ländern die Zuversicht steigern, dem ersten großen Beispiel rasch folgen zu können. Doch bisher hat sich Deutschland auf die nationale – und jüngst auch europäische – Diskussion zur Energiewende beschränkt. In weiten Teilen der Welt hat das Projekt deshalb den Ruf einer kostspieligen politischen Bauchentscheidung zum Ausstieg aus der Atomkraft, die sich nur ein reicher Staat wie Deutschland leisten kann.

Kaum ein anderes innenpolitisches Projekt der Bundesrepublik wird international so genau beobachtet und so kontrovers diskutiert wie die Energiewende.

In Zentralasien sieht man das nicht anders. Bei etwa 300 Sonnentagen im Jahr und einem riesigen Wind- und Wasserkraftpotenzial sind die Aussichten für die erneuerbaren Energien dort sehr gut. In Kasachstan übersteigt allein das Windenergiepotenzial den für 2030 prognostizierten Stromverbrauch um das Zehnfache.

Tadschikistan befindet sich auf der Liste der Länder mit dem höchsten Wasserkraftpotenzial unter den ersten zehn. Dennoch ist die tatsächliche Nutzung der Erneuerbaren nach wie vor sehr gering. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung bewegt sich - große Wasserkraftwerke ausgenommen - derzeit zwischen unter 1 Prozent in Kasachstan und Turkmenistan und bis zu 3 Prozent in Usbekistan und Tadschikistan. Wegen der hohen Subventionen für fossile Brennstoffe und der niedrigen Strompreise ist die Netzstromerzeugung durch erneuerbare Energien nach wie vor nicht wettbewerbsfähig.

Die deutsche Energiewende könnte hier durchaus ein Vorbild sein. In Zentralasien gilt Deutschland als führende Nation für qualitativ hochwertige Technologie. Die deutschen Erfolge im Übergang zu den Erneuerbaren werden in Expertenkreisen bewundert, auch wenn von der Motivation, die hinter der deutschen Energiewende steht, wenig bekannt ist. Wie auch? Denn es liegen kaum Informationen in russischer Sprache vor, der Lingua Franca Zentralasiens. Das Wort „Energiewende” hat bislang nicht, wie in der englischsprachigen Welt geschehen, Eingang in das russische Vokabular gefunden. Die wenigen Materialien über Deutschlands Energiewende, die es auf Russisch immerhin gibt, sind reine, nicht an die regionalen Bedürfnisse und Fragestellungen angepasste Übersetzungen aus dem Deutschen, darunter die Website Energy Transition der Heinrich-Böll-Stiftung und die Broschüren der Deutschen Energieagentur.

Ein Blick in wichtige zentralasiatische Medien offenbart zahlreiche Missverständnisse zu den Entwicklungen im deutschen Energiesektor. Ein Beispiel: 2013 druckte die kasachische Wochenzeitung Central Asia Monitor ein Interview mit einem bekannten kasachischen Wissenschaftler. Eine Frage lautete, ob es sinnvoll sei, in erneuerbare Energien zu investieren, wo doch „Deutschland, einer der größten Investoren in 'grüne' Energie, langsam zu der Einsicht gelangt, dass dieser Weg in den Bankrott führt”. Solange keine umfassenden Informationen auf Russisch zur Verfügung stehen, werden derartige Fehlwahrnehmungen noch lange dazu beitragen, dass zentralasiatische Präsidenten an Wind- und Sonnenenergie nicht glauben mögen und entsprechende Investitionen marginal bleiben.

Eine Kommunikationskampagne zur Energiewende, die sich gezielt an Kasachstan und andere Länder der Region wendet, würde dabei vor Ort durchaus auf fruchtbaren Boden fallen. Die ersten bescheidenen, aber vielversprechenden Schritte in Richtung einer CO2-armen Wirtschaft hat Zentralasien bereits getan. Im letzten Jahr legte die kasachische Regierung Einspeisevergütungen für Strom aus erneuerbaren Energien fest, und im Jahr 2013 brachte sie die Pilotversion eines nationalen CO2-Handels auf den Weg, der sich am Emissionshandel der EU orientiert. 2017 richtet das Land die Weltausstellung World Expo unter dem Motto „Energie der Zukunft” aus. Erneuerbare Energien sollen dabei erheblichen Raum bekommen. Usbekistan baut gerade den ersten ans Netz angeschlossenen Solarpark der Region, der mit Krediten der Asian Development Bank (ADB) finanziert wird. Tadschikistan und Kirgisistan realisieren, unterstützt von der ADB und Russland, mehrere Kleinwasserkraftwerke und führen zudem Projekte zur Energieeffizienz durch, die von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung finanziert werden.

Wenngleich erneuerbare Energien noch weitgehend als Privileg reicher Länder gelten, sind immer mehr Politiker und Unternehmen in Zentralasien bereit, in Energieeffizienz zu investieren. Wegen der veralteten Infrastruktur aus Sowjetzeiten geht ein großer Teil des erzeugten Stroms bei der Übertragung und Verteilung verloren. In weiten Teilen Zentralasiens ist die Primärenergieintensität gut doppelt so hoch wie in der EU-27. In den öl- und gasreichen Ländern Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan sieht man in Energieeffizienzmaßnahmen auch die Chance, den Export fossiler Brennstoffe zu erhöhen, während Tadschikistan und Kirgisistan ihre Abhängigkeit von Energieimporten aus Nachbarstaaten zu senken hoffen.

Diese positiven Entwicklungen bieten der Bundesregierung erhebliche Chancen, ihre Position als wichtigster Partner der Region zu stärken. Den Übergang zu einer Niedrig-CO2-Wirtschaft in Zentralasien könnte Deutschland dabei im Bereich der Erneuerbaren und der Energieeffizienz mit einem Transfer von Know-how, Technologie und best practices unterstützen. Als ersten Schritt sollte die Bundesregierung jedoch dabei helfen, dass erheblich mehr Informationen über die Energiewende in russischer Sprache bereitgestellt werden. Konferenzen und Vor-Ort-Besichtigungsreisen nach Deutschland für wichtige Akteure aus Zentralasien würden die Diskussion über Chancen und Anforderungen der erneuerbaren Energien und das öffentliche Interesse in der Region befeuern.

Eine umfassende Kommunikationsstrategie wäre eine der wichtigsten Beiträge, die Deutschland zur Eingrenzung der globalen Erwärmung leisten kann.

Darüber hinaus sollte Deutschland den Erfahrungstransfer bei rechtlichen Rahmenbedingungen und Finanzierungsinstrumenten für Investitionen in erneuerbare Energien und Energieeffizienz vorantreiben. Eine stärkere Zusammenarbeit in Bildung und Forschung könnte dazu beitragen, den derzeitigen Mangel an Spezialisten für erneuerbare Energien und Anbietern der Technologie vor Ort zu beheben. Deutschland sollte sich verstärkt darum kümmern, dass Investitionen in Joint-Venture-Unternehmen in der Region fließen, und deutsch-zentralasiatische B2B-Tagungen fördern. Der Schwerpunkt sollte dabei auf einfachen und erschwinglichen Technologien liegen.

In den ökonomisch weniger wohlhabenden Ländern Kirgisistan und Tadschikistan spricht der zunehmende Verfall der Energie-Infrastruktur und die schlechte Versorgung ländlicher Gebiete für eine dezentrale netzunabhängige Energieerzeugung. Auch ein Neustart der derzeit nicht vorhandenen Entwicklungszusammenarbeit zwischen Deutschland und der Region im Bereich erneuerbare Energien und Energieeffizienz wäre überaus wünschenswert. Es überrascht, dass im Rahmen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit mit Zentralasien (Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisistan) derzeit kein einziges Projekt auf diesem Gebiet durchgeführt wird.

Da die EU-Zentralasienstrategie 2007 bis 2013, die die Bundesrepublik während ihrer EU-Präsidentschaft 2006 in Gang brachte, nicht erneuert wurde, fährt die EU ihr politisches Engagement in der Region Schritt für Schritt zurück. Auch Deutschland hat keine Gesamtstrategie für Zentralasien. Eine solche Strategie könnte ein klares Signal aussenden, dass EU und Bundesrepublik die Region als wichtigen Partner wahrnehmen. Sie sollte den Schwerpunkt auch auf die Bereiche erneuerbare Energien und Energieeffizienz legen, bei denen Deutschland und die EU große Glaubwürdigkeit genießen und in der Region zudem wirklich etwas bewegen können. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung aktualisiert derzeit seine Zentralasienstrategie aus dem Jahr 2005. Das bietet die einzigartige Chance, die Energiewende-Kooperation als einen strategischen Ankerpunkt der Kooperation mit Zentralasien festzuzurren.

In weiten Teilen der Welt ist die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen bereits heute konkurrenzfähig oder sogar billiger als die aus fossilen Brennstoffen, und einem jüngsten IRENA-Bericht zufolge sinken die Kosten weiter. Eine umfassende Kommunikationsstrategie, in deren Rahmen die Erfolge, Chancen aber auch Risiken der Energiewende fachkundig und angepasst an die regionalen Bedürfnisse kommuniziert werden, könnte die Energiewenden in anderen Teilen der Welt erheblich beschleunigen. Eine solche Kommunikations- und Kooperationsstrategie könnte einer der wichtigsten Beiträge sein, die Deutschland zur Eingrenzung der globalen Erwärmung überhaupt leisten kann.

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1 Leserbriefe

Gerhard Krohmer schrieb am 05.04.2015
Alles recht und schön. Und wenn uns die genannten Länder fragen, um wieviel unser CO 2 Ausstoß in den letzten 10 Jahren gesunken sei ..... was sagen wir dann ?