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Klimawandel ist heute
Propaganda kann daran nichts ändern. Aktivismus schon.

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Seit 2013 hat Australiens Wetterkarte einen weiteren Farbcode: Violett. Wenn's mal wieder 50 Grad wird.

Der Menschheit läuft allmählich die Zeit davon, um das Problem des Klimawandels in Angriff zu nehmen. Wissenschaftler verweisen darauf, dass ein Temperaturanstieg von zwei Grad Celsius die Erde in eine gefährliche Lage bringen würde. Dennoch bewegen wir uns derzeit in Richtung eines Temperaturanstiegs von vier Grad in diesem Jahrhundert (oder mehr). Die letzte Chance ist nun gekommen.

Diese Chance ergibt sich im Dezember 2015 in Paris, wo Regierungsvertreter zur 21. jährlichen Klimakonferenz der Vereinten Nationen zusammenkommen werden. Doch dieses Mal wird es anders verlaufen. Entweder die Regierungen einigen sich, wie sie es versprochen haben, auf entschlossene Maßnahmen oder 2015 wird uns als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem uns die klimapolitische Vernunft abhanden kam.

 

Bisherige Klimaabkommen blieben wirkungslos

Im Jahr 1992 verabschiedeten die Regierungen der Welt das Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen, in dem versprochen wurde, die „gefährliche anthropogene [vom Menschen verursachte] Störung des Klimasystems“ durch die Senkung von Treibhausgasemissionen, insbesondere Kohlendioxid, zu verhindern. Doch obwohl der Vertrag 1994 in Kraft trat, sind die Treibhausgasemissionen, einschließlich CO2, sogar noch angestiegen.

Die Großkonzerne lobbyieren hinter den Kulissen gegen Änderungen und setzen ihren enormen Reichtum ein, um sich eine Medienberichterstattung zu kaufen, mit der Verwirrung gestiftet wird. 

Im Jahr 1992 wurden aufgrund der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas sowie durch die Zementproduktion weltweit 22,6 Milliarden Tonnen CO2 freigesetzt. Im Jahr 2012, dem letzten Jahr, für das Vergleichsdaten vorliegen, lag dieser Wert bei 34,5 Milliarden Tonnen. Die Menschheit hat also den von ihr verursachten Klimawandel nicht eingedämmt, sondern noch beschleunigt.

Darin besteht nun auch die größte moralische Frage unserer Zeit. Die globale Nutzung fossiler Brennstoffe stellt eine gravierende Bedrohung der für den Klimawandel besonders anfälligen Armen dar (obwohl die Reichen die Hauptverursacher sind) und auch für künftige Generationen, die einen Planeten erben, der vielerorts unbewohnbar sein wird und auf dem die Lebensmittelversorgung unter massiven Schocks leiden wird. 

Wir verursachen diesen Schaden in einer Zeit, da technologische Errungenschaften den Umstieg von gefährlichen fossilen Brennstoffen auf kohlenstoffarme Energiequellen wie Wind-, Solar-, Atom- und Wasserkraft ermöglichen und die Auswirkungen fossiler Brennstoffe durch die Nutzung der  CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) verringern. Papst Franziskus hat es kürzlich sehr richtig formuliert: „Bewahrt die Schöpfung“, forderte er auf. „Denn wenn wir die Schöpfung zerstören, wird sie uns zerstören! Vergesst das niemals!“

Dennoch bleibt der Klimawandel für viele einflussreiche Interessengruppen ein Spiel mit dem Ziel, entsprechende Maßnahmen so lange wie möglich hinauszuzögern. Die Großkonzerne im Bereich fossiler Brennstoffe lobbyieren weiterhin hinter den Kulissen gegen Änderungen in Richtung kohlenstoffarmer Energiequellen und setzen ihren enormen Reichtum ein, um sich eine Medienberichterstattung zu kaufen, mit der Verwirrung gestiftet wird. Rupert Murdochs Medienimperium in den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Australien und anderswo spielt eine herausragende und besonders zynische und schädliche Rolle bei der Verbreitung antiwissenschaftlicher Propaganda.

 

Sechs gute Nachrichten

Trotzdem könnte sich in der Klimapolitik einiges zum Besseren wenden – ein Wandel der sich in der wirkungsvollen Botschaft des Papstes widerspiegelt. Die Pattsituation könnte aus den folgenden sechs Gründen bald ein Ende haben.

Erstens bekommt die Welt die von uns verursachte Katastrophe vor Augen geführt. Obwohl Murdochs Propagandamaschine tagtäglich ihre antiwissenschaftlichen Unwahrheiten vom Stapel lässt, nimmt die Öffentlichkeit auch anhaltende Dürreperioden (momentan in Teilen Brasiliens, Kaliforniens und Südostasiens, um nur einige zu erwähnen) ebenso wahr wie massive Überschwemmungen (kürzlich in Bosnien und Serbien) und tödliche Hitzewellen (in vielen Teilen der Welt).

Zweitens wollen die Bürger dieser Welt nicht in Flammen aufgehen. Bislang ist es der öffentlichen Meinung gelungen, die Errichtung der Keystone XL Pipeline zu verhindern, welche die Produktion kanadischer Ölsande beschleunigen würde – eine schockierende Aussicht, angesichts der Tatsache, dass sich weder Kanada noch die USA bisher zu einem Klimaplan bekennen. 

2015 könnte aufgrund eines starken El Niños zum heißesten Jahr der Erdgeschichte werden.

Drittens stehen uns vielleicht noch schwerwiegendere Klimaschocks bevor. Das heurige Jahr könnte ein starkes El-Niño-Jahr werden, in dem sich die Gewässer des Ostpazifiks erwärmen und für weltweite Klimastörungen sorgen. Ein starkes El Niño-Phänomen wäre derzeit noch gefährlicher als sonst, weil es zusätzlich zu dem allgemeinen Trend des Anstiegs der weltweiten Temperaturen beiträgt. Tatsächlich glauben viele Wissenschaftler, dass 2015 aufgrund eines starken El Niños zum heißesten Jahr der Erdgeschichte werden könnte.  

Viertens beginnen sowohl die USA als auch China, die beiden größten CO2-Emittenten, endlich über ernsthafte Maßnahmen nachzudenken. Präsident Barack Obamas Regierung versucht, den Bau neuer Kohlekraftwerke zu stoppen, wenn diese nicht mit CCS-Technologie ausgestattet sind. China seinerseits hat erkannt, dass seine starke Abhängigkeit von Kohle für derart verheerende Umweltverschmutzung und Smog sorgt, dass dies zu einem enormen Verlust an Menschenleben führt: In Regionen mit starkem Kohleverbrauch ist die Lebenserwartung um bis zu fünf Jahre geringer.

Fünftens werden die Verhandlungen von Paris endlich die globale Aufmerksamkeit sowohl der Öffentlichkeit als auch der Spitzenpolitiker auf sich ziehen. UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon forderte die politischen Entscheidungsträger auf, an einem Sondergipfel im September 2014 teilzunehmen, also 14 Monate vor der Konferenz in Paris, um in intensive Verhandlungen einzutreten. Das unter meiner Leitung stehende, für Lösungen im Bereich nachhaltiger Entwicklung zuständige UNO-Expertennetzwerk Sustainable Development Solutions Network (UN SDSN), wird im Juli einen wichtigen Bericht darüber veröffentlichen, wie jede der großen Ökonomien das Energiesystem kohlenstoffärmer gestalten kann.

Schließlich tragen technologische Fortschritte im Bereich kohlenstoffarmer Energiesysteme, einschließlich Photovoltaik, Elektrofahrzeuge, CCS und Atomenergie der vierten Generation mit enorm verbesserten Sicherheitsmerkmalen dazu bei, den Übergang zu kostengünstiger kohlenstoffarmer Energiegewinnung technisch realistisch und mit enormem Nutzen für die menschliche Gesundheit und die Sicherheit des Planeten zu gestalten.   

Ab Herbst wird UN SDSN eine Plattform für alle Bürger dieser Welt ins Leben rufen, damit sich diese an der harten Arbeit zur Rettung des Planeten beteiligen können. Das SDSN wird einen kostenlosen Einführungskurs zum Thema Klimawandel im Internet anbieten und im Anschluss zu weltweiten Online-„Verhandlungen“ über ein globales Klimaabkommen einladen.

Wir erwarten, dass sich hunderttausende, vielleicht Millionen interessierter Bürger weltweit daran beteiligen und den Politikern den Weg weisen werden. Die Kontrolle des Klimawandels ist ein moralischer Imperativ und eine praktische Notwendigkeit – und auch viel zu wichtig, um sie Politikern, Ölkonzernen und Medienpropagandisten zu überlassen.

(c) Project Syndicate

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4 Leserbriefe

Dr. Leonhard Haaf schrieb am 05.06.2014
CCS und Atom eignen sich nicht als Exitstrategie aus dem globalen Klimadilemma. Da ist der Autor zu blauäugig. Denn Atom ist zu teuer, siehe die Neubauten in Olkiluoto und Flammanville, zu gefährlich, siehe die Tatsache, dass mindestens alle 25 Jahre ein schwerer Unfall passiert, und sogar sehr CO2-aufwändig, was die Gewinnung von Uran und Entsorgung des Mülls angeht, für die es sogar weltweit noch immer keine Lösung gibt. CCS bei den Kohlekraftwerken wird als Lockvogel genutzt, um die Kohleindustrie grüner zu machen. Aber CCS ist energieaufwändig, macht alles viel teurer und ist nirgendwo tragfähig erprobt, dass man das im großen Stil einsetzen kann. Die Umweltrisiken sind enorm und die Bevölkerungen werden sich mehr und mehr dagegen wehren.
Also klarer Blick auf Sonne und Wind mit den nachgeordneten Technologien (Speicher, Netze, Effizienztechnologien). Wenn wir das nicht schaffen, werden wir mit der Suffizienz, Genügsamkeit, arbeiten und mit weniger Energieverbrauch leben müssen. Das wird aber weltweit Umbrüche geben und ist alles andere als konfliktfrei.
Reppop schrieb am 11.06.2014
Alarmismus pur. Fakten - z.B. die globale Nicht-Erwärmung, seit nunmehr 15 Jahren - werden einfach ignoriert. Bezeichnend: El Nino könnte... Ja, es könnte morgen auch ein Meteorit hier einschlagen.
Wissenschaft bedeutet vor allem kritisch denken - Autokritik gehört wesentlich dazu.
Nina Netzer schrieb am 13.06.2014
Kernergie ist keine CO2-neutrale Energiequelle, wenn man den
gesamten Kreislauf vom Bau und Betrieb bis zur Entsorgung und insbesondere die Urangewinnung und Brennstoffherstellung berücksichtigt.

Hinzu kommt, dass das Potenzial, in diesem Sektor CO2-Emissionen zu reduzieren aufgrund des sehr geringen Anteils der Atomenergie an der weltweiten Primärenergieproduktion nicht besonders hoch ist. Zudem wird es kaum möglich sein, zeitnah genügend Reaktoren zu bauen, um die globale Emissionsbilanz zu verringern. Laut dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) wäre ein Ausbau von heute 443 auf mindestens 1000 neue Reaktoren
weltweit notwendig, um auch nur den kleinsten Effekt
auf die globale Erwärmung zu bewirken - nicht besonders realistisch!

Die Summe der technischen, ökonomischen, ökologischen und Risiko bewertenden Argumente lässt nur den Schluss zu, dass Kernenergie keine zukunftsfähige Option ist. Insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländern, in denen ein Hauptanliegen die Überwindung der Energiearmut im ländlichen Raum darstellt, sind dezentralen auf erneuerbaren Energien basierenden Versorgungslösungen Vorrang zu geben.
Pjotr Lambertowitsch schrieb am 22.07.2014
Einen Klimawandel gab es schon immer, bei den bisherigen ist erst die Erwärmung aufgetreten und in paar-hundertjährigem Abstand die CO2-Konzentration angestiegen. In der Erdgeschichte gab es schon höhere CO2-Konzentrationen, das Scenario, daß dann alles un-umkehrbar wäre, stimmte zumindest in der Vergangenheit nicht.
Der Herr Prof. Dr. Edenkofer vom PIK hat in einer schwachen Stunde einmal enthüllt um was es geht: Um eine gigantische Vermögensverschiebung von Nord nach Süd mittels CO2 als Hebel. Wie bisher kann man nicht weitermachen, das "Vorsichtsprinzip" wird zu teuer, die Wissenschaft soll erst unzweifelhafte Erklärungen zun CO2 Funktionsmuster liefern, was bis heute nicht der Fall ist. Mit Messungen der Klimasensitivität des CO2 bitte! Kein Bla-Bla mehr! Im übrigen hat der Herr Gabriel untertrieben: Die Energiewende als Folge des Klimawahns ist schon gescheitert, jeder weiß das, aber die Politik nimmt es noch nicht zur Kenntnis.