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Der amerikanische Albtraum
Die liberalen Vereinigten Staaten schaffen sich ab. Das Problem: Die Echokammer der Linken.

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Im Herzen der Vereinigten Staaten von Amerika – und im Herzen der westlichen Welt – ist der politische Supergau Wirklichkeit geworden. Hillary Clinton hat ihre Niederlage eingestanden und Donald Trump seinen Sieg erklärt. Die roten Einfärbungen der politischen Landkarte sprechen eine deutliche Sprache. Eigentlich müsste jetzt alles still stehen – müsste innehalten. Denn wieder einmal lagen alle, alle falsch. Alle Umfragen, alle Meinungsforscher und die überwiegende Mehrheit der Qualitätsmedien. Es ist wie beim Brexit, nur viel schlimmer. Es ist 9/11.

Was bedeutet President Elect Trump für uns? Für die NATO? Für die sogenannte westliche Wertegemeinschaft und für uns Europäer? Das sind Fragen, die sich jetzt so dringend stellen wie nie. Gut möglich, dass die Präsidentschaft Trumps dazu führt, dass wir Europäer uns nun am Riemen reißen. Aber an welchem? Die Polarisierung, die den Trump-Triumph möglich machte, ist uns ja nur zu vertraut. Denn eine der besonders schmerzhaften Fragen ist doch: Was verrät der Schocksieg Trumps über unseren Zugang zur Welt als zumindest im Selbstverständnis progressive Kräfte? Über unsere Wirklichkeit und das Ausmaß der augenscheinlich real existierenden Abgehobenheit progressiver, liberaler, aufgeklärter Eliten? Wir stehen vor den Trump wählenden, Brexit unterstützenden und möglicherweise bald Marine le Pen in Amt und Würden hebenden Mehrheiten unserer ehemaligen Wähler wie der Ochs vorm Berg.  

Paul Krugman schreibt heute in der New York Times erschüttert von dem „unbekannten Land“ seiner Heimat. Er hat Recht. In den meisten Fällen dürften wir als Angehörige der sich aufgeklärt gebenden progressiven Linken nicht einmal einen einzigen Trumpwähler persönlich kennen – oder das europäische beziehungsweise das deutsche Äquivalent. Auf Facebook hätten wir so jemanden längst entfreundet. Haben Sie einen Trump-Fan im Bekanntenkreis?

Im Resultat verbindet all die technische Vernetzung nicht, sondern sie trennt. Tatsächlich leben wir im 21. Jahrhundert trotz aller technischen Finesse auf isolierten Inseln ohne Kontakt und ohne Konsens über ideologische Stammesgrenzen hinaus – aber mit Ungeheuern in der Terra Incognita. Dies ist nicht die Zeit des "Postfaktischen". Diese Diagnose macht es sich ein bisschen zu einfach mit ihrer Unterstellung der umfassenden Irrationalität ungeliebter Wählerinnen und Wähler. Es ist vielmehr die Zeit der parallelen Fakten in entkoppelten Universen und auf unterschiedlichen Planeten. Auch deswegen wird ein „besseres Erklären“ der Politik das Problem nicht an der Wurzel fassen. Dafür müssten wir unseren exklusiven Orbit verlassen.

Das Rezept der Niederlage: Ein Politikentwurf, der innerhalb der progressiven Echokammern sozialer Medien ebenso selbstverständlich alternativlos erscheint wie außerhalb der Blase als abgehoben, entkoppelt und unwählbar.

Sicher, Trump ist nicht Berlin. Und selbst die lautesten europäischen Populisten vom Schlag eines Nigel Farage unterscheiden sich letztlich noch wohltuend von dem Trump des zurückliegenden Wahlkampfes. Und doch: Die Niederlage Clintons ist vorläufiger und absoluter Tiefpunkt einer schmerzhaften Serie von Wahlniederlagen, in denen Mitte-Links-Parteien zuletzt Mehrheiten verfehlten – und zwar weltweit. Das Rezept der Niederlagen: Ein Politikentwurf, der innerhalb der progressiven Echokammer sozialer Medien ebenso selbstverständlich alternativlos erschien wie außerhalb der Blase als abgehoben und unwählbar.

Natürlich, am Ende ist man klüger. Deswegen ist es jetzt  zwar sinnvoll, Clintons Wahlkampf auf taktische Fehlentscheidungen hin abzuklopfen. Doch es ist auch etwas wohlfeil, denn es krankte weniger an Taktik als an der Strategie. Und hier folgten die Demokraten in ihren Grundzügen durchaus dem toxischen Mix, der auch europäische Mitte-Links-Parteien in den vergangenen Jahren die Mehrheiten gekostet hat. Richtig ist, dass die Niederlage der Demokraten einerseits durch eine Trump-Kampagne herbeigeführt wurde, die die Schwäche vieler Medien mit deren Fokus auf Unterhaltung perfekt auszunutzen und gegen das Establishment zu instrumentalisieren wusste.

Mit LGBTI-Rechten und der Wallstreet wollte Clinton für ein buntes Amerika ins Weiße Haus - und zwar ohne die "klägliche" weiße Mittelschicht

Richtig ist aber auch, dass die demokratische Kampagne zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung auf einer Verbindung von progressiver Identitätspolitik (durch Fokus auf soziokulturelle Minderheiten) mit marktliberaler Wirtschaftspolitik (durch Fokus auf die Angebotsseite) bestand. Verkürzt gesagt: Mit LGBTI-Rechten und der Wallstreet wollte Clinton für ein buntes Amerika ins Weiße Haus - und zwar ohne die "klägliche" weiße Mittelschicht. Dieser Ansatz war es zumindest, der in der öffentlichen Wahrnehmung in der Figur der Kandidatin und in ihrer Biographie zusammenkam. Vielen Wählern erschien Clinton als die Personifikation eines Status Quos, der sie nicht nur ökonomisch marginalisiert, sondern auch moralisch verachtet. Die jungen Wählerinnen und Wähler, die Clinton trotz allem überzeugte, waren da kein ausreichendes Gegengewicht.

Mit dieser Wahl sind die Vereinigten Staaten ein Stück weit europäischer geworden. Und das ist in diesen Zeiten leider kein Kompliment. Was bleibt nun nach dem zuvor Undenkbaren? Welche Lehren bietet der Trump-Sieg? Für umfassende Antworten ist es zu früh. Wir brauchen keinen Schnellschuss, sondern einen langen, harten Blick in den Spiegel und kritische Reflektion. Und an den Stellen, an denen es richtig wehtut, müssen wir dreifach draufhalten.

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9 Leserbriefe

Smitchen Schleicher schrieb am 09.11.2016
Ob die linke Mitte zu diesem Blick in den Spiegel bereit ist? Bin skeptisch...
Au Backe schrieb am 09.11.2016
Wenn wirkliche Inhalte hinter dem Wunsch nach Rache am Establishment (Trumpwähler) oder Besitzstandswahrung (Clintonwähler) zurücktreten, ist der politische Diskurs nur noch Fassade und ad absurdum geführt.

Heinrich, mir graut vor Dir...
Stefan schrieb am 10.11.2016
>Die liberalen Vereinigten Staaten schaffen sich ab.

Absurd(Geradezu Pervers) wenn man bedenkt das die Liberale Partei in der Berichtersattung bis heute total Totgeschwiegen wird.
Es standen 6/Sechs) Anwärter zur Wahl,
berichtet wird stets nur über 2.

Wer zählen kann,der weiß das sich die Bezichnung Lügenpresse/Lügenmedien mal wieder bewarheitet hat.
Es ist klar das man in einer Welt wie unserer eher nicht jemanden wählt,wenn hinterher nichtmal die zahl der stimmen irgendwo auftauchen.

Abgesehen davon die "Weißen Wähler ohne Collegeabschluß" als Dumm zu diffamieren,
während der Kandiat mit den wenigeren Stimmen gewinnt,
ist zimlich ungebildet.
Norbert Bartl schrieb am 10.11.2016
Wir brauchen keinen Schnellschuss, schreiben Sie, aber genau das machen Sie. Alle lagen übrigens nicht falsch, sondern nur all jene, die Sie »Qualitätsmedien« nennen – wobei ich mich immer frage, was eigentlich Medien zu Qualitätsmedien macht. Nach so einer Jahrhundert-Panne darf man unseren Einheitsmedien diesen Standard wohl absprechen. Ich selbst habe übrigens in einem Mail an meine 15.000 Leser den Trump-Sieg erwartet – mit einer Einschränkung: Ich rechnete mit einen Wahlbetrug, um das zu verhindern. Für Sie mag Trump der Supergau sein, für andere wäre es Clinton gewesen. Ich denke, wir sollten uns mit den US-Bürgern über diesen Beweis freuen, dass Demokratie doch funktionieren kann. Welche Arroganz, eine Mehrheits-Entscheidung der Wähler in Frage zu stellen!
Ernst Reichenbach schrieb am 11.11.2016
Herr Bartl, eine Anmerkung nur zum letzten Satz Ihres Kommentars "Welche Arroganz, eine Mehrheits-Entscheidung der Wähler in Frage zu stellen!" Bitte Vorsicht mit den gegenseitigen Arroganz- und sonstigen Vorwürfen. Mehrheiten schützen vor Torheit nicht, wie wir aus unserer eigenen Geschichte wissen (sollten). Da war doch mal ein gewisser Reichskanzler fast ganz normal gewählt worden. Hoffen wir, dass "The Donald" mit dem A. nicht zu vergleichen sein wird. Donalds Wahlkampftiraden und der schon lange verdorbene gesellschaftliche Hintergrund in den USA sprechen allerdings dieser Hoffnung Hohn.
Max Mustermann schrieb am 12.11.2016
Vielleicht ist dies ja doch die Zeit des "Postfaktischen"? Postfaktisch handeln aber nicht die ungeliebten Trump-WählerInnen (ich gehe mal davon aus, daß die Clinton-WählerInnen nicht dazu gehören), sondern die Qualitätsmedien und PolitikerInnen. Wer träumt sich denn in eine Traumwelt fernab gelebter Realität? Das sind doch PolitikerInnen (die alternativlose Politik betreiben), Qualitätsmedienmacher (die sich moralisch und politisch korrekt die Welt schön schreiben) und Meinungsforscher (die versuchen, durch Suggestivfragen selbsterfüllende Prophezeiungen zu generieren). Journalisten und Meinungsforscher sind von neutralen Beobachtern zu Akteuren geworden und haben so ihre Glaubwürdigkeit verspielt (Stichwort Lügenpresse, Hofberichterstattung); die Politik hat sie ja schon lange verloren.
Kurt Theobald schrieb am 13.11.2016
Wie schwer sich doch manche Menschen tun, sich mit Realitaeten abzufinden. Das Volk hat gewaehlt und dies sollte man respektieren. Ich habe noch nie leute gemocht, die staendig nachkarten mussten. Ansonsten haben den Waehlern die" Luegen" von Trump scheinbar besser gefallen, als die von Clinton. Die Wahrheit will ja sowieso niemand hoeren oder lesen und wird daher auch nicht ausgesprochen.
Peter Putz schrieb am 19.11.2016
Naja, lieber Herr Bartl, von Mehrheitsentscheidung der Wähler/-innen kann ja wohl nicht die Rede sein. Die popular vote sagt was anderes. Aber das amerikanische Wahlsystem macht's möglich. Da müsste sich auch mal was verändern. Dann könnte man auch sagen, dass das Volk entschieden hat.
Norbert schrieb am 22.11.2016
Die liberalen Vereinigten Staaten haben gerade gewonnen. Auch wenn die Demokraten Liberals genannt werden sind Sie für Staatliche Überregulierung und das konservative Amerika das wesentlich freiheitlichere Amerika. Trump selbst ist nicht mal wirklich Republikaner sondern als Unabhängiger ohne Unterstützung durch die Partei für diese Partei angetreten. Trump selbst ist in seinen Ideen und Versprechen noch wesentlich freiheitlicher als die Republikaner selbst. Die Folgen sind eine massive Deregulierung der Wirtschaft und das Aufbrechen und abschaffen sozialistischen Regeln welche die Amerikanische Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten in die Knie zu zwingen drohte. Wie auch beim Brexit (der übrigens erst in 2 Jahren stattfindet) wird es Wirtschaftswachstum und nahezu Vollbeschäftigung geben.