Das Kriegsgeschehen hat direkte Folgen für die Umwelt und besonders für die Sicherheit und Gesundheit der Menschen: Mit Schwermetallen verseuchte Böden fallen als Anbauflächen aus, und auch das Wasser aus verunreinigten Flüssen ist eine Gefahrenquelle.

Seit Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine erfassen Umweltorganisationen gemeinsam mit dem Umweltministerium durch den Krieg verursachte Umweltschäden. Das Ministerium vermeldet öffentlich mehr als 2300 kriegsbedingte Umweltschäden, doch diese Daten lassen sich nicht überprüfen, weil die Liste nirgendwo veröffentlicht wurde. Eine öffentlich zugängliche Datenquelle über potenzielle Umweltschäden ist die Landkarte, die von der Umweltschutzorganisation „Ecodiya“ (Ecoaction) erstellt wurde und 841 Fälle registriert. Verbrannte Wälder, detonierende Munition, ins Erdreich und ins Grundwasser einsickernder Raketentreibstoff sind nur einige Beispiele. Auch die Organisation „SaveDnipro“ sammelt Informationen über Umweltverbrechen: Mit ihrem SaveEcoBot hat sie inzwischen Daten über 285 Fälle von Umweltschäden in der gesamten Ukraine zusammengetragen. Diese Daten werden nicht nur zu statistischen Zwecken erhoben. Sie werden an die Zentrale Stabsstelle des Ministeriums für Umwelt und natürliche Ressourcen übermittelt, damit die Ukraine mit Hilfe dieser Daten den Aggressor Russland später vor den internationalen Rechtsprechungsorganen der UN auf Schadenersatz verklagen kann.

Durch die russischen Kriegshandlungen wurden in den ersten sieben Monaten des Krieges bereits 49 Millionen Tonnen СО2 ausgestoßen wurden.

Nicht nur die Umwelt leidet unter den Kriegshandlungen. In diesem Jahr befasst die UN-Klimakonferenz sich zum ersten Mal seit vielen Jahren mit der dringlichen Frage nach den Klimafolgen von Rüstungsindustrie und kriegerischen Handlungen. Es wurden konkrete Untersuchungsergebnisse vorgestellt, die belegen, dass durch die russischen Kriegshandlungen in den ersten sieben Monaten des Krieges bereits 49 Millionen Tonnen СО2 ausgestoßen wurden. Das entspricht dem Jahresausstoß eines Landes von der Größe Bulgariens oder Portugals.

Auf der einen Seite führten die Zwangspause der Großindustrie und auch der Bevölkerungsschwund infolge der russischen Besatzung zu einer Verringerung des Treibhausgasausstoßes. Auf der anderen Seite haben Forscher errechnet, dass für den Wiederaufbau der Ukraine weitere 50 Millionen Tonnen CO2 erforderlich sein werden. Man kann also nicht davon ausgehen, dass die kriegsbedingten Umwelt- und Klimaprobleme mit einem Sieg der Ukraine auf einen Schlag aufhören. Vor uns liegt ein weiter Weg des Wiederaufbaus.

Für die internationale Klimaschutzpolitik hatten die Nebenwirkungen des Krieges bereits spürbare Konsequenzen.

Für die internationale Klimaschutzpolitik hatten die Nebenwirkungen des von Russland begonnenen Krieges bereits spürbare Konsequenzen. In diesem Jahr konnten die Teilnehmerstaaten der UN-Klimakonferenz (COP27) sich nicht dazu durchringen, neue Klimaziele zu verkünden. Stattdessen betonten sie, wie wichtig die eigene Energiesicherheit ist und wie sehr es auf internationale Zusammenarbeit ankommt. Der Importstopp für fossile Brennstoffe aus Russland entfaltete trotz aller Einschränkungen seine Wirkung. Die EU-Mitgliedstaaten und die USA bekamen die schmerzhaften Folgen ihrer Abhängigkeit von Kohle, Öl und Gas aus Russland zu spüren. Die Krise offenbarte einerseits, dass die Länder für den Umstieg auf erneuerbare Energieträger nicht gerüstet sind. Andererseits führte sie endlich allen die vielen Vorteile von Energieeffizienzmaßnahmen, Speichertechnologien und dezentralen Energiesysteme vor Augen. Die Ukraine bildet da keine Ausnahme.

Im Laufe des Jahres 2022 wurde parallel zu den Verhandlungen über das Embargo gegen fossile Brennstoffe aus Russland auch darüber gesprochen, wie der Wiederaufbau der Ukraine vonstattengehen könnte. Einige Kommunen in den Regionen Kiew, Tschernihiw und Sumy haben bereits mit der Ausarbeitung eigener Wiederaufbaupläne begonnen. Angesichts der durch den Krieg verursachten Umwelt- und Klimaschäden ist es wichtig, dass der Wiederaufbau der Ukraine ökologisch gestaltet wird.

Kürzlich machte die Europäische Union zusätzlich zu den 1400 Generatoren und Millionen von Heizgeräten, die über den EU-Zivilschutzmechanismus bereitgestellt wurden, 114 Millionen Euro für die Lieferung von 1000 Generatoren in die Ukraine locker. Doch auch wenn schnelle Hilfe für kritische Infrastrukturen wie Krankenhäuser, Banken und Wärmezelte in jeder Hinsicht unverzichtbar ist, gibt es umweltfreundlichere Alternativen. Die Initiative „Ekoklub“ zum Beispiel installiert in Krankenhäusern schon jetzt Solaranlagen mit Stromspeicher. Mit einer Leistung von 32,4 Kilowatt liefern sie genug Energie für elf Beatmungsgeräte für Intensivpatienten, die um ihr Leben ringen. Auch die jüngste Initiative der ЕU zur kostenlosen Ersetzung von Glühlampen durch LED-Leuchten verhilft den Ukrainerinnen und Ukrainern zu mehr Energieeffizienz. Das sind nur einige Beispiele, wie im Kleinen und im Großen der Weg zu einer umwelt- und klimafreundlicheren Energiesystem in der Ukraine aussehen könnte.

Beim Wiederaufbau kommt es darauf an, in vielen Einzelschritten neue Wege zu gehen.

Die Ukraine ist inzwischen EU-Beitrittskandidat und kann sich beim Wiederaufbau keine Rückschritte leisten. Die Umweltverschmutzung und die Zerstörung der kritischen Energieinfrastruktur und ganzer Städte stellen uns vor nie dagewesene Herausforderungen, aber wir können auf die Unterstützung durch internationale Partner, Kommunalbehörden und Bürgerinnen und Bürger bauen. Beim Wiederaufbau kommt es darauf an, in vielen Einzelschritten neue Wege zu gehen.

Das Signal, dass dies der einzig richtige Weg ist, sollte sowohl von unserer Regierung als auch von den Gebietskörperschaften und der Öffentlichkeit ausgehen. Etliche gesellschaftliche Organisationen haben ihre Visionen für einen ökologischen Wiederaufbau der Ukraine und seine Leitprinzipien bereits öffentlich dokumentiert und setzen insbesondere auf eine Dezentralisierung der Energieversorgung, mehr erneuerbare Energien und einen energieeffizienzorientierten Wiederaufbau der Infrastruktur.

Der Weg der Ukraine in eine ökologische Zukunft beginnt bereits heute.

Unser Land hat beste Chancen, nicht nur auf dem Schlachtfeld seinen Mut und seine Unbesiegbarkeit unter Beweis zu stellen, sondern kann auch vormachen, wie man ein Land nach massiven Zerstörungen wiederaufbaut und es dabei zu einem besseren Land macht als zuvor. Der Schlüssel zum Erfolg sind ambitionierte und klar definierte Wiederaufbaupläne für die Städte und für das ganze Land, das Engagement der verantwortlichen Stellen bei den Lokalbehörden und einer aktiven Öffentlichkeit sowie die verlässliche finanzielle Unterstützung durch die internationalen Partner.

Der Weg der Ukraine in eine ökologische Zukunft beginnt bereits heute. Wir brauchen nicht den Sieg abzuwarten, um die Weichen für eine nachhaltige und sichere Zukunft für die kommenden Generationen von Ukrainerinnen und Ukrainern zu stellen. Energieeffizienzmaßnahmen, erneuerbare Energieträger, das Werben für eine „Ökologisierung“ der EU-Finanzhilfen – diese und weitere Instrumente können wir schon hier und heute nutzbringend einsetzen.

Aus dem Russischen von Andreas Bredenfeld