Als am Tag nach der Wahl in Großbritannien im Mai 2015 alle 650 Wahlkreise ausgezählt waren, wurde das Ausmaß der Labour-Niederlage deutlich: nur noch ein Mandat im ehemaligen Stammland Schottland und mit insgesamt 232 Sitzen im Parlament einen Abstand von 99 Sitzen auf die absolute Mehrheit der Konservativen.

Ed Miliband, dessen mangelnde Beliebtheit und fehlende Führungsqualitäten als Mitgründe für das schlechte Ergebnis gesehen werden, trat sofort vom Parteivorsitz zurück, Vizechefin Harriet Harman folgte auf dem Fuß, übernimmt aber bis zur Neuwahl am 12. September die kommissarische Führung der Partei. Sofort begannen die Spekulationen um die Nachfolge und mögliche Richtungsentscheidungen der Partei. Wer sich als Kandidat aufstellen lassen wollte, musste sich die Unterstützung von 15 Prozent der Parlamentsfraktion sichern. Bei der Wahl im September dürfen alle Parteimitglieder teilnehmen sowie jene, die sich für drei Pfund als „Supporter“ registrieren.

Vier Kandidaten haben es geschafft, die für eine Kandidatur nötigen Nominierungen zu erreichen: Schatten-Gesundheitsminister Andy Burnham, Schatten-Innenministerin Yvette Cooper, Liz Kendall, im Schattenkabinett für Pflege und Ältere zuständig, und als Überraschungskandidat der Links-Außen Jeremy Corbyn, Abgeordneter für den Londoner Stadtteil Islington.

Burnham, beschrieben als Kandidat der Mitte und im Gewerkschaftsumfeld beliebt, galt anfangs als Favorit und erhielt die meisten Nominierungen für seine Kandidatur, in der laufenden Kampagne ist er allerdings blass geblieben. Gleiches gilt für Cooper, die zwar für ihre Verdienste als Schattenministerin gerühmt wird und der die Kommentatoren zutrauen, gegenüber David Cameron als wortgewaltige Oppositionsführerin aufzutreten. Gleichzeitig wird ihr jedoch fehlendes Charisma nachgesagt und ihre politischen Statements sind so ausbalanciert, dass kaum etwas davon in Erinnerung bleibt. Liz Kendall gilt als Kandidatin des „Blairite“-Lagers, derjenigen, die nach der verheerenden Wahlniederlage eine Rückbesinnung Labours auf die Prinzipien der New Labour-Ära fordern – für viele Parteianhänger ein ähnlich rotes Tuch wie die Agenda-Politik der Schröder-SPD.

 

Der "verrückte Onkel" hat gute Chancen

Alle drei Kandidaten werden in der Bevölkerung als Teil der Westminster-Elite wahrgenommen, deren Selbstgefälligkeit oftmals als Grund für die Politikverdrossenheit der Briten gesehen wird und von der sich alle Politikerinnen und Politiker regelmäßig zu distanzieren suchen. Das hat Jeremy Corbyn nicht nötig: Er ist der „Anti-Kandidat“, der Austeritäts-Gegner in beiger Stoffjacke, seit 1983 als Hinterbänkler im Parlament. Mit dem Establishment würde man ihn nie assoziieren. Für ihn war die Labour-Partei in den letzten vier Jahren nicht links genug und konnte die Wähler nicht überzeugen, da sie keine unterscheidbare Alternative zu Camerons Konservativen bot. Der Sozialist und Anti-Monarchist trug bei Verkündung seiner Kandidatur den Außenseiter-Stempel, der nicht ernstzunehmende leicht verrückte Onkel der Labour-Großfamilie, der seit 1997 mehr als 500 Mal gegen die Fraktionslinie stimmte. Kaum jemand glaubte anfangs daran, dass er überhaupt die nötigen Nominierungen erreichen würde.

Dies änderte sich dramatisch, als Peter Kellner vom Umfrageninstitut YouGov Mitte Juli eine Erhebung veröffentlichte, die Corbyn überraschend an der Spitze des Wettstreits sah. Seither befinden sich weite Teile der Labour Party und der Medienlandschaft in heller Aufregung. Umfragen werden bei Labour zwar spätestens seit der Parlamentswahl im Mai mit erheblicher Vorsicht genossen, doch auch viele Kampagnenhelfer der anderen Kandidaten berichten, dass ihnen am Telefon eine Sympathiewelle für Corbyn entgegenschlage. Seine Auftritte sind extrem gut besucht, er zieht sowohl Jung als auch Alt an.

 

Höhere Steuern für Reiche und Widerstand gegen das Nuklearprogramm

Wie so oft stehen sich innerhalb der britischen Linken zwei Seiten gegenüber, die keine gemeinsame Stimme finden: Führende Parteimitglieder und Labour nahestehende Medien warnen vor den „verheerenden“ Auswirkungen einer Labour Party unter Corbyn, sehen eine Spaltung der Partei und 20 Jahre in der Opposition heraufziehen. Zu radikal, sozialistisch und rückwärtsgewandt sind seine Positionen. Sogar Tony Blair schaltete sich ein und riet allen, die im Herzen für Corbyn seien, sich einer Transplantation zu unterziehen. Für viele Parteimitglieder und Wahlberechtigte jedoch scheint er die einzige Alternative zum Einheitsbrei der anderen Kandidaten darzustellen. Dabei ist nicht klar, ob Corbyn aufgrund seiner politischen Überzeugungen (dazu gehören höhere Steuern für Reiche, Abschaffung der Studiengebühren oder der Widerstand gegen das Nuklearprogramm Großbritanniens) unterstützt wird, oder es mehr eine Trotzreaktion ist, ein Zeichen des Protests gegen eine Wahl, die für viele eine Entscheidung über „das kleinste Übel“ verkörpert.

Für den tatsächlichen Ausgang der Wahl könnte es eine entscheidende Rolle spielen, wie sehr die Gewerkschaften ihre Mitglieder zur Abstimmung bewegen können. Obwohl Burnham anfangs als Kandidat der Arbeitnehmervertreter präsentiert wurde, haben sich inzwischen unter anderem die beiden größten Gewerkschaften Unite und Unison für Corbyn ausgesprochen. Derzeit richtet sich die gesamte Aufmerksamkeit auf ihn und auch das sonstige politische Sommerloch mag dazu beitragen, dass der Wirbel um Corbyn den Medien gerade recht kommt.

Die konservative Boulevard-Zeitung Daily Telegraph frohlockt bereits und hat allen Lesern geraten, sich für die Wahl zu registrieren und Corbyn zu wählen – so könne die konservative Vorherrschaft für die nächsten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, gesichert werden. Aufgrund des offenen Wahlsystems steigt inzwischen die Sorge, „Scheinwähler“ könnten sich zahlreich registrieren und das Ergebnis beeinflussen. Dies wird vor allem von weit linken Gruppen im Land erwartet – aber eben auch von konservativen Wählern, die der Labour Party eins auswischen wollen.

Nur wenige glauben daran, dass sich mit der oder dem neuen Vorsitzenden in den nächsten fünf Jahren das politische Klima zugunsten Labours verändert. Von einer „Übergangslösung“ ist die Rede. Dies erschwert gleichzeitig eine ehrliche und gründliche Aufarbeitung der Wahlniederlage im Mai. Die Partei ist mehr mit sich selbst und Personalfragen beschäftigt als mit einer inhaltlichen Neuaufstellung. Die internen Debatten werden von der Öffentlichkeit desinteressiert (und von den konservativen Medien höhnisch) zur Kenntnis genommen und bergen die Gefahr, die Partei weiter von ihrer Wählerschaft zu entfremden. Gleichzeitig muss sich die Labour Party grundlegende Fragen zu ihrer Zukunft stellen. Doch keiner der Kandidatinnen und Kandidaten verkörpert bislang eine zukunftsgewandte Erneuerung.