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Humanitarismus reicht nicht!
Für Afrika und Europa geht's um Interessen. Zeit für eine ehrliche Bestandsaufnahme auf dem EU-Afrika Gipfel.

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Hat auch irgendwie etwas mit Interessen zu tun: Top-Model Adriana Karembeu in humanitärer Mission für das französische Rote Kreuz.

Diese Tage gibt es so viele Afrika Gipfel, dass man leicht den Überblick verliert. Doch im Vergleich zum geplanten US-Afrika Gipfel im Sommer ist der im April in Brüssel stattfindende vierte EU-Afrika im kommenden Monat mehr als ein Schönheitswettbewerb. Europa ist mit Afrika durch die koloniale Vergangenheit, geographische Nähe, sowie durch Handel und Kultur eng verbunden. Deshalb muss dieser Gipfel die Beziehungen beider Seiten endlich auf eine stärkere Basis stellen. Dies nicht zuletzt vor dem Hintergrund des ereignisarmen letzten Gipfeltreffens in Libyen vor vier Jahren.

Auf die Beziehungen der EU zu Afrika kommt es an.

Gemeinsame Sicherheit und Wohlstand liegen im Interesse beider Seiten. Doch Europa muss Paternalismus und Humanitarismus ebenso hinter sich lassen wie Afrika damit aufhören muss, mit vergangener Schuld zu spielen und sich als zögerlicher Hilfsempfänger aufzuführen. Benötigt wird vielmehr eine ehrlichere Diskussion über die Kerninteressen beider Kontinente.

Europa muss Paternalismus und Humanitarismus ebenso hinter sich lassen wie Afrika damit aufhören muss, mit vergangener Schuld zu spielen.

Das ist nie einfach, da gemeinsame Positionen schwer aufrechtzuerhalten sind. Doch beide Seiten müssen definieren, was sie gemeinsam erreichen können. Sicher, dies ist eine schwierige Zeit für die EU. Die Wahlen zum europäischen Parlament stehen ins Haus und werden auch einen Wechsel in der EU-Kommission mit sich bringen. Doch das sollte beide Seiten nicht entmutigen, sich für eine bessere Partnerschaft einzusetzen. Denn nicht zuletzt wird das, was in Brüssel beschlossen wird, auch die Plattform abgeben für den folgenden Gipfel in Afrika im Jahr 2017.

Die große Mehrheit der am wenigsten entwickelten Länder, nämlich 34 von 49, befinden sich in Afrika. Und auch heute leben drei von vier Afrikanern in Armut. Vor diesem Hintergrund bleibt die EU mit Recht der wichtigste Geber für Afrika. Von 2007 bis 2012 erhielt der Kontinent nahezu 24 Milliarden Euro an offizieller Entwicklungshilfe (ODA).

Mehr als nur Hilfe für Afrika

Obwohl Hilfe also ein Schlüsselelement der europäisch afrikanischen Partnerschaft ist, bleiben auch afrikanische Bodenschätze wie Uran aus Niger oder Namibia, Kobalt aus der Demokratischen Republik Kongo, Chrom, Mangan und Platin aus Südafrika sowie Öl und Gas für eine ganze Reihe von europäischen Ländern strategisch wichtig. Dennoch beschränken sich die Beziehung nicht nur auf den Abbau von Rohstoffen. Europa bleibt auch Afrikas größter Handelspartner. Dabei trägt der Handel mit afrikanischen Ländern 9 Prozent zum Handel der EU 27 bei. Frankreich, Italien und Deutschland bestreiten mehr als die Hälfte des Gesamtvolumens.

Dabei wird oft vergessen, dass europäische Investoren bei ausländischen Direktinvestitionen in Afrika nach wie vor führend sind. Gleich nach den Vereinigten Staaten ist Frankreich die zweitgrößte Quelle, gefolgt vom Vereinigten Königreich und noch vor China und Indien. Ein bevorzugter oder freier Zugang afrikanischer Waren zur EU bleibt für afrikanisches Wachstum wichtig. Europa muss seine Märkte weiter öffnen.

Afrikanischer Wohlstand liegt im strategischen Interesse Europas. Unsicherheit im Sahel oder in Nordafrika beeinflusst direkt Europas weitere Nachbarschaft und Piraterie am Golf von Guinea und im Indischen Ozean beeinflusst den internationalen Handel nicht zuletzt durch steigende Versicherungsprämien für europäische und afrikanische Unternehmen. Das Zurückdrängen einer Radikalisierung in Afrika und in Europa ist daher im Interesse beider Kontinente, auch vor dem Hintergrund, dass radikalisierte Jugendliche aus Großbritannien sich jüngst an Kämpfen in Kenia und Somalia beteiligt haben.

Wirtschaftlicher Rückgang in Europa schadet Afrika, resultiert in weniger Handel, weniger Tourismus und geringeren Rücküberweisungen aus der Diaspora. Eine mobile und gut ausgebildete afrikanische Jugend könnte sowohl Wirtschaftswachstum in Afrika als auch in Europa fördern. Afrika bleibt der bevölkerungsmäßig jüngste Kontinent der Welt. In Bezug auf seine Bevölkerungsgröße wird Nigeria bald das weltweit drittgrößte Land werden - nach Indien und China. Lagos, Daressalam und Bamako zählen zu den am schnellsten wachsenden Städten der Welt. In gut 80 Jahren werden zehn der 20 weltweit größten Populationen afrikanisch sein.

In gut 80 Jahren werden zehn der 20 weltweit größten Populationen afrikanisch sein.

Diese Entwicklung stellt für Europa Herausforderungen und Chancen dar, für die wir vorplanen müssen. Europa wird ausgebildete Arbeitskräfte benötigen. Und obwohl Migration ein kontroverses Thema ist, wird ein offeneres Zirkulationsmodell der Arbeitsmigration benötigt werden.

Nicht verzetteln!

Das hohe afrikanische Bevölkerungswachstum findet dabei ausgerechnet auf den Kontinent statt, der am stärksten von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen ist und wo zugleich die Energiearmut am höchsten ist. Europa kann hier deshalb nicht zuletzt bei Lösungen für grüne Energien behilflich sein. Europa ist auch der weltweit größte Geber im Bereich Nahrungssicherheit. Und Landwirtschaft dürfte auch zukünftig zu den Prioritäten künftiger europäischer Hilfspolitik zählen - auch über diesen Gipfel hinaus. Zuletzt ist auch die Verfügbarkeit und Qualität von Gesundheitsdienstleistungen in Afrika von strategischer Bedeutung für beide Kontinente. Vogelgrippe und Ebolaviren haben uns daran erinnert, dass solche Krankheiten vor Grenzen nicht Halt machen. Die beste Strategie ist es hier, zu Partnerschaften zu entwickeln, die armutsbezogene Krankheiten ausmerzen und die Gesundheit verbessern.

Vor diesem Hintergrund sollte der vierte EU-Afrika-Gipfel mutig sein, nach vorne schauen und sich nicht in kurzfristigen bürokratischen Prozessen verzetteln. Der Gipfel sollte ein Sprungbrett sein hin zu einer tieferen und strategischeren Beziehung zwischen Afrika und Europa. Angesichts des Timings sollte dabei niemand dramatische Ergebnisse erwarten. Aber der Gipfel sollte so orchestriert werden, dass langsamer Fortschritt möglich wird. Dieser Prozess kann nur dadurch gefördert werden, dass zunächst erkannt wird, was für Europa und Afrika wirklich wichtig ist.

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3 Leserbriefe

KleveM schrieb am 10.03.2014
Das Bild sagt tatsächlich mehr als 1000 Worte. Sicher, Hilfe wer Hilfe braucht. Aber wer schützt uns vor den Helfern? Gab es vor einigen Jahren nicht den Fall des US-Unternehmers, der Tonnenweise T-Shirts über Afrika abwerfen wollte? (Konsquenz bei Durchführung: Ende der afr. Textilindustrie). Gut gemeint ist eben noch längst nicht gut (aber besser als schlecht gemeint).
Wilfried Hoffer schrieb am 11.03.2014
Welcher Humanitarismus der EU ist eigentlich gemeint? Der von Frontex? Der von Hähnchenabfall-Export? Der der Erpressung von AKP-Staaten? Solche EU-Politik konterkariert die EU-Hilfe. Zu wünschen wäre, dass afrikanische Regierungen sich stärker wehren, aber dagegen stehen die Interessen der herrschenden Eliten, die auch dank der Entwicklungshife an der Macht bleiben.
Eva Peteler schrieb am 12.03.2014
Es ist schon erstaunlich, wie hartnäckig selbst in renommierten Expertenkreisen sorgsam vermieden wird, die eigentliche Wurzel der 'afrikanischen Krankheit' beim Namen zu nennen und entsprechend lösungsorientiert in alle Verhandlungen mit einzubeziehen: die 'bad governance' in den meisten afrikanischen Ländern, sei es aus Nepotismus, Unfähigkeit, Unwilligkeit oder anderen Gründen. Nach 60 Jahren 'Hilfe' sollte diese Vokabel ohne Konditionen im Kontext der europäisch-afrikanischen Beziehungen nicht mehr vorkommen. Gerade Länder mit gut funtionierender, erprobter Administration könnten doch kooperativen afrikanischen Partnern durch Unterstützung beim Aufbau stabiler, effezienter und so für Investoren attraktiver Rahmenbedingungen zu eigenständigem Aufschwung verhelfen. Und nur so sollte 'Hilfe' verstanden werden.