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Mehr als nur Rohstoff-Interessen?
Das Chinesische Engagement in Lateinamerika sollte auf langfristig tragfähige politische und wirtschaftliche Füße gestellt werden.

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Sojaspeicher in Itacoatiara, Amazonas, Brasilien.

Die Beziehungen zwischen Lateinamerika sowie der Karibik (LAK) und China haben sich in den vergangenen fünf Jahren zweifelsohne dramatisch vertieft, sowohl im Handel als auch auf der politischen und kulturellen Ebene. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass das chinesische Interesse an der Region weiter wachsen wird. Über die mit Chile, Costa Rica und Peru abgeschlossenen Freihandelsabkommen hinaus könnten mehrere neue Vorhaben zu einer veränderten geostrategischen Wahrnehmung der Region beitragen. Dazu gehören insbesondere eine mögliche 3500 Kilometer lange interozeanische Bahnverbindung vom Hafen Santos in Brasilien nach Puerto Ilo an der peruanischen Pazifikküste sowie der eventuelle Bau eines interozeanischen Kanals in Nicaragua, Bei Letzterem handelt es sich um ein bisher privates, persönliches Vorhaben des Milliardärs Jing Wang, für das jedoch in näherer Zukunft Finanzierungsbedarf durch internationale und/oder öffentliche chinesische Banken bestehen wird. Unabhängig davon, ob die Projekte angesichts heftiger sozialer, durch den Umweltschutz motivierter Widerstände letztendlich umgesetzt werden, hat die chinesische Diplomatie in allen genannten Fällen ihre bisherige Konfrontationshaltung gegenüber den 13 LAK-Ländern, die Taiwan diplomatisch anerkennen, abgeschwächt.

Die Beziehungen zwischen LAK und China sind noch jung und zeichnen sich durch ihre Dynamik aus. Allerdings verdienen bei aller Euphorie über das Potential intensivierter Beziehungen folgende drei sozioökonomische Aspekte besondere Aufmerksamkeit:

 

Institutionelle Schwächen

An erster Stelle ist sowohl bei Schulen und Hochschulen, als auch bei Unternehmerorganisationen und staatlichen Institutionen in LAK und China eine deutliche institutionelle Schwäche zu verzeichnen, wenn es darum geht, ein effektives und kurz-, mittel- und langfristiges Arbeitsprogramm auszuarbeiten. Die Gemeinschaft der lateinamerikanischen und karibischen Staaten (CELAC) ist ein Beispiel dafür: Als Ergebnis des CELAC-China-Forums vom Januar 2015 legte China auf der Grundlage der „Kooperationsvereinbarung zwischen der CELAC und China (2015-2019)” eine klare und kohärente Strategie vor: Steigerung des Handelsvolumens auf jährlich über 500 Milliarden Dollar und des Gesamtbestands an chinesischen Direktinvestitionen auf 250 Milliarden Dollar in den kommenden zehn Jahren, 6000 Regierungsstipendien, 6000 Plätze zur Fort- und Weiterbildung und 400 Master-Studienplätze. Seitens der lateinamerikanischen Länder wurde dagegen kein eigener Vorschlag unterbreitet. Wenn jedoch die meisten LAK-Länder keine bilaterale China-Agenda besitzen, ist langfristig auch ein regionales Arbeitsprogramm sehr schwer vorstellbar.  

 

Der Handel konzentriert sich auf wenige Sektoren

Zweitens: Selbst wenn die zunehmende Dynamik der Beziehungen zwischen LAK und China insbesondere in den Bereichen Handel und ausländische Direktinvestitionen anerkannt werden muss, scheint es doch sinnvoll, sich näher mit den Strukturen zu befassen, die der neue Handel geschaffen hat. Der Handel konzentriert sich im Wesentlichen auf eine reduzierte Gruppe von Gütern, insbesondere Soja, Minerale und Erdöl, die über 80 Prozent der Ausfuhren nach China ausmachen. Für diese Waren ist außerdem ein sehr geringer Mehrwert und ein niedriges technisches Niveau kennzeichnend, das eindeutig unter dem der übrigen von LAK exportierten Waren sowie dem der Einfuhren aus China liegt. Hinzu kommt ein wachsendes Handelsbilanzdefizit.  Die Direktinvestitionsströme aus China nach LAK scheinen diese Struktur insbesondere seit der internationalen Krise von 2007/2008 noch dadurch zu verstärken, dass sie sich auf den Erwerb und die Fusion von bereits bestehenden Investitionen konzentrieren. Diese für die Beziehungen zwischen der CELAC und China kennzeichnenden Strukturen haben sich seit den 1990er Jahren zügig herausgebildet, sind jedoch bisher noch nicht Gegenstand einer expliziten öffentlichen Debatte. Es sollte im Interesse beider Seiten liegen, diese Schwierigkeiten zu überwinden, die mittel- und langfristig zu vielfältigen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Spannungen in LAK führen werden.

 

Es bedarf eines kulturellen Lernprozesses

Drittens lässt sich, abgesehen vom zunehmenden Handel zwischen LAK und China, spätestens seit 2007/2008 eine verstärkte chinesische Beteiligung an den ausländischen Direktinvestitionen in der Region beobachten, vor allem an Infrastrukturvorhaben. Die jährlichen ausländischen Direktinvestitionen aus China, die vor allem in den Erwerb großer Erdöl- und Bergbauunternehmen in Brasilien, Argentinien und Peru fließen, betragen seit 2010 im Durchschnitt mehr als zehn Milliarden Dollar. Auch zeichnet sich China seit kurzem dadurch aus, dass es zur wichtigsten Finanzierungsquelle der LAK-Staaten mit Schwerpunkt auf Venezuela geworden ist – und mittlerweile traditionelle Geldgeber wie die Weltbank und die Interamerikanische Entwicklungsbank überrundet hat. Eine der Hauptstärken Chinas liegt in der Präsentation von Projekten in Form von „schlüsselfertigen Paketen”, also Projekte mit chinesischer Finanzierung, chinesischen Arbeitskräften, Technologien und Zulieferern.

Diese jüngsten Entwicklungen haben allerdings zu Missverständnissen und Fehlern aller Art auf der chinesischen Seite und bei den Empfängerländern geführt, woran einige Projekte letztlich scheiterten und es auch zur vorübergehenden Abkühlung zwischenstaatlicher Beziehungen kam. Bisher verlief der beiderseitige Lernprozess in den genannten Bereichen schleppend und ohne ausreichende institutionelle Begleitung. So sollten sich chinesische Unternehmen nicht nur an Ausschreibungen von Infrastrukturvorhaben beteiligen, sondern auch Verhandlungen mit für die effektive Realisierung des Vorhabens relevanten sozialen, Umwelt- und Basisorganisationen führen. Letztlich muss China gemeinsam mit seinen lateinamerikanischen Partnern lernen, die „lateinamerikanischen Charakteristiken”, die nationalen und örtlichen Besonderheiten der Region, zu verstehen.

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1 Leserbriefe

W schrieb am 29.07.2015
"Die Beziehungen zwischen LAK und China sind noch jung und zeichnen sich durch ihre Dynamik aus." Ich finde dieser Satz, nicht die Probleme oder Schwächen der Beziehungen, sollte die Botschaft des Artikels sein. Anlaufschwierigkeiten sind selbstverständlich teil des Lernprozesses.