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Illusion: Der Fortschritt kommt von selbst

Liberale trösten sich damit, dass die Zeiten besser sind als sie scheinen. Das ist gefährlich.

AFP
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Keine Zeiten, um sich entspannt zurückzulehnen.

Es klingt so einfach und so plausibel: „Schaut euch um: Wir müssen für die Demokratie kämpfen! Und zwar sofort, denn es ist fünf vor 12. Der Liberalismus, die offene Gesellschaft und die Demokratie, sie alle werden bedroht und brauchen uns. Habt also den Mut, Euch Eures eigenen Verstandes zu bedienen! Und setzt ein Zeichen! Es ist doch vieles gut und wird besser. Wir müssen in den Fortschritt vertrauen! Der kommt bestimmt. An uns ist es nun, den Glauben daran zu stärken.“

Diese Art zu denken findet sich dieser Tage unter „Demokraten“ an vielen Orten. Bei den Grünen ist dieses Denken geradezu idealtypisch. Aber auch beim Merkel-Flügel der CDU und in der SPD werden sich viele finden, die diese Einschätzung teilen. „Aufklärung jetzt!“, das könnte ihre Formel sein. Unter diesem Titel hat der Harvard-Psychologe Steven Pinker gerade ein Buch vorgelegt, das vor Fortschrittsgläubigkeit strotzt. Pinker ist auf einer Mission. Sein Manifest will davon überzeugen, dass es eigentlich gut läuft – so im Großen und Ganzen. Seine Hymnen auf den Fortschritt gleichen einer Guru-Veranstaltung mit statistischer Legitimitätsrechtfertigung. Für ihn ist der Fortschritt real. Für ihn ist es objektiv sicher, dass die Richtung stimmt und es auch weiterhin gut laufen wird. Manch ein Grüner aus Berlin dürfte sich nach dem Lesen ermuntert fühlen: Ich habe es euch doch gesagt!

Pinkers Botschaft ist: „Wenn vieles gut ist, redet doch auch darüber. Die Kommunikation zählt!“ Ein datengetriebener Psychologe wie Steven Pinker, der sich dediziert als Wissenschaftler versteht, grenzt sich dabei zwar von Postmoderne und sonstigen Objektivitätsungläubigkeiten ab. Dies würde dem Grünen in Berlin in seinem hedonistischen Individualismus vielleicht aufstoßen. Ist die Postmoderne nicht die Verheißung auf ein fröhliches „anything goes“, in dem die Vielfalt dem Fortschritt entgegenläuft? So denkt man schließlich im optimistischen Postmodernismus.

Nur wer die Verhältnisse noch nicht als gut genug empfindet, der wird sich in den Kampf wagen, etwas zu verbessern.

Und dennoch ist Pinker ein Mann, dessen Arbeit als Vorbild für etwas dienen kann, was ich in meinem Buch „Die liberale Illusion“ als „liberalen Hegelianismus“ bezeichne. Darunter verstehe ich das Predigen einer Alles-ist-gut-Philosophie, die reichlich naiv davon ausgeht, dass alles automatisch irgendwie „gut“ wird. So wie das eben auch die neoliberale Marktphilosophie unterstellt: Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht und die unsichtbare Hand des Marktes führt alle zum Glück.

Ich halte diese Art der Fortschrittsgläubigkeit gepaart mit leicht aggressiver Abwertung derer, die Sorgen und Zweifel äußern, für gefährlich. Vor allem, wenn sie im Mantel wissenschaftlicher Objektivität vorgetragen wird. Pinker macht im Grunde genau das. Vielleicht kann man Pinker einen guten Linksliberalen nennen. Zumindest neoliberal ist er sicher nicht. Doch trägt er dazu bei, einer Stimmung zum Durchbruch zu verhelfen, die am Ende eher zu Ausblendungseffekten führt.

Denn „technologischer Fortschritt“ muss hart erarbeitet werden, vom „sozialen Fortschritt“ ganz zu schweigen. Der muss hart erkämpft werden. Fortschritt läuft nicht von alleine. „Geschichte ist machbar“ sagte einst Rudi Dutschke. Geschichte wird gemacht. Und dafür muss man dahin gehen, „wo es brodelt, riecht und stinkt“, um Sigmar Gabriel zu zitieren. Pinker gibt mit seinem Buch eher jedem postmaterialistischen Harvard-Studenten in seiner kleinen Elitenwelt die Rechtfertigung an die Hand, alles so wie es ist für gut zu befinden und sich damit nicht mehr über die Verhältnisse aufregen zu müssen. Aber nur wer Kritik empfindet, nur wer Mangel in der Gegenwart verspürt, nur wer die Verhältnisse noch nicht als gut genug empfindet, der wird sich in den Kampf wagen, etwas zu verbessern.

Wir sind einer liberalen Illusion verfallen und neigen dazu, uns die Welt schönzureden.

„Alle große politische Aktion besteht in dem Aussprechen dessen, was ist, und beginnt damit. Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und dem Bemänteln dessen, was ist.“ Das sagt der Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie, Ferdinand Lassalle. Die „revolutionärste Tat“ besteht, laut Rosa Luxemburg, sogar darin „immer das laut zu sagen, was ist“. Nun mag Steven Pinker darauf antworten: Ja, aber das, was ist, ist eben besser, als es erscheint. Die öffentliche Diskussion sei verzerrt durch Proleten und Propheten des Schlechten, so wie Donald Trump. Eine Untergangskultur sei angesichts der „Realität“ falsch. Es gehe uns doch ziemlich gut – so im historischen Großüberblick.

Und nun sind wir an einem schwierigen Punkt. Denn was ist die „Realität“? Reden wir sie schlecht oder zu schön? In meinem Buch argumentiere ich, dass wir einer „liberalen Illusion“ verfallen sind und daher oft dazu neigen, die Welt schönzureden. Ich habe das mit diversen Statistiken und Belegen versucht zu plausibilisieren. Es bestehen also durchaus Ähnlichkeiten zu Pinker. Doch Pinker sagt im Grunde fast das Gegenteil. Er sagt: Wir reden die Realität schlecht. Wer hat nun Recht? Wessen Daten und Statistiken sind überzeugender? Liegt die Wahrheit in der Mitte? Oder täuscht sich einer von uns beiden vollkommen?

Ich bin dagegen, dass dies zu einer Glaubensfrage wird. Wir müssen bei der „Realität“ bleiben. Wir müssen sie genau fassen. Das mag schwer sein. Allerdings bin ich der Auffassung: Pinker überzeichnet und schiebt Kapitalismuskritik und soziale Verhältnisse zu sehr aus seinem Blickwinkel. „Die Rückkehr der sozialen Frage“ drängt sich empirisch auf. Vielleicht sollte sich Pinker im nächsten Buch explizit mit sozialer Ungleichheit, Armut und dem erodierten „American Dream“ beschäftigen. Vielleicht öffnen sich ihm dann die Augen, dass eben nicht alles so gut ist, wie er uns das suggeriert.

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