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Politische Osmose am Golf
Zwischen Iran und den Golfmonarchien herrscht keine klare Front. Ein Überblick.

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Außenminister-Treffen des GCC und der USA am 3. August 2015: Die Außenminister von Oman, Yusuf bin Alawi bin Abdullah (links), Bahrain, Scheich Khalid bin Ahmed bin Mohammad al-Khalifa, und Kuwait, Scheich Sabah Khalid al-Hamad al-Sabah.

Mission accomplished! Als US-Außenminister John Kerry am 3. August vom Flughafen Doha abhob, war sein kostbarstes Gepäckstück das – wenn auch verhaltene – Placet der arabischen Golfstaaten zum Atomdeal mit Iran. Die Zustimmung wichtiger US-Verbündeter erhöht die Chance, das innenpolitisch umstrittene Abkommen durch den Kongress zu bringen. Der Joint Comprehensive Plan of Action sei "die beste Option unter anderen Optionen", ließ Gastgeber Khalid Al-Attiyah, Außenminister des Emirats Katar, das derzeit den Vorsitz des Golfkooperationsrates (GCC) innehat, seinen amerikanischen Amtskollegen wissen. Man hoffe, der Deal werde zu Sicherheit und Stabilität in der Region beitragen. Die Zusammenarbeit mit der Islamischen Republik erachte man als wichtiges Anliegen – sofern wohlgemerkt die Kooperation den Grundsätzen gutnachbarschaftlicher Beziehungen, gegenseitiger Nicht-Einmischung und friedlicher Konfliktlösung entspreche. Sorgsam gewogene Worte also statt Hau-drauf-Rhetorik? Al-Attiyahs Statement spiegelt vor allem eines wider: den kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den die GCC-Staaten sich in Sachen Iran einigen können.

Auch wenn die Hardliner unter den Golfmonarchien, allen voran das politische und wirtschaftliche Schwergewicht Saudi-Arabien, den iranischen Einfluss in der Region um jeden Preis zurückdrängen wollen: nicht alle Staaten auf der Arabischen Halbinsel sehen Teherans neue Stärke ausschließlich als Bedrohung. Wer die Dynamik zwischen der Islamischen Republik und den benachbarten Scheichtümern verstehen will, sollte nicht nur durch die Schwarz-Weiß-Brille der saudisch-iranischen Rivalität schauen, sondern auch auf Grau- und Zwischentöne achten.

Das Sultanat Oman unterhält als Anrainer der strategisch wichtigen Straße von Hormus traditionell freundschaftliche Beziehungen zum großen Nachbarn am Nordufer der Meerenge. Kein Zufall, dass das seit über 40 Jahren von Sultan Qabus regierte Land eine zentrale Rolle in der Anbahnung direkter Kontakte zwischen Teheran und Washington spielte, die entscheidend für den Erfolg der Nuklearverhandlungen gewesen sein dürften. Auch im diplomatischen Tauziehen um eine Lösung im Syrien-Konflikt bietet das Sultanat seine guten Dienste an: dem Vernehmen nach traf Damaskus‘ Außenminister Walid Al-Muallem jüngst in der omanischen Hauptstadt Maskat mit Kontaktpersonen Riads and Teherans zusammen – ein Signal, dass wieder Bewegung in die Syrien-Frage kommen könnte. Wirtschaftlich setzt Oman auf Diversifizierung: in Zeiten niedriger Ölpreise, in denen die Petrodollars nicht mehr sprudeln wie bisher, will es sich als Logistik- und Transit-Hub profilieren. Dabei wäre Teheran ein willkommener Partner. Verhandlungen über eine 200 Kilometer lange Gas-Pipeline vom iranischen Kuh Mobarak zum omanischen Seehafen Sohar stehen kurz vor dem Abschluss.

 

Oman als einziger verlässlicher Freund Irans auf der Arabischen Halbinsel?

Auch die Betriebstemperatur der iranischen Beziehungen zu Katar und Kuwait liegt deutlich über dem Gefrierpunkt. Katar beutet gemeinsam mit der Islamischen Republik das größte bisher entdeckte Gasfeld der Welt aus. Kaum überraschend, dass das superreiche Emirat, das hinter Russland Platz zwei auf der Rangliste der weltweit größten Gasexporteure belegt, an einem stabilen Verhältnis zu Iran interessiert ist. Regionalpolitisch hält Katar unter Emir Tamim bin Hamad Al Thani an einem unabhängigen Kurs fest. Dass Katar auf Saudi-Arabiens Anti-Iran-Kurs einschwenken könnte, scheint bis auf Weiteres wenig wahrscheinlich.

Nicht zuletzt aufgrund seiner beträchtlichen schiitischen Minderheit – rund 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung – setzt auch Kuwait auf solide Beziehungen zu Iran. Kein Zufall, dass Irans Außenminister Jawad Zarif auf seiner jüngsten Good will-Tour durch die Golfregion neben Doha auch in Kuwait-City Station machte, wo man ihn mit freundlichen Worten empfing. „Wir arbeiten mit vielen Ländern und Organisationen zusammen. Warum sollten wir nicht auch mit Iran kooperieren?“, brachte Kuwaits Außenminister Sabah Khalid Al-Sabah die Haltung seines Landes auf den Punkt.

Ähnlich positiv äußerte sich Mohammed bin Rashid Al Maktoum, Herrscher von Dubai, das nicht nur eine große iranische Expat Community beherbergt, sondern als wichtigster Handelspartner Teherans – manch einer bezeichnet die emiratische Boom-Stadt als „Hongkong Irans“ – auch massiv von einer Aufhebung der Sanktionen profitieren dürfte. Doch der florierende Handel zwischen Dubai und Teheran kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und Iran seit geraumer Zeit rumort. Stein des Anstoßes sind drei kleine, von den VAE beanspruchte Inseln im Golf, die Iran seit dem Rückzug Großbritanniens 1971 besetzt hält.

 

Iran als agent provocateur?

Auch im Inselstaat Bahrain blickt man mit Argwohn Richtung Teheran. Dass das kleine Königreich zum Lager der Hardliner in puncto Iran gehört, hängt nicht nur mit der engen Verbindung zwischen saudischem und bahrainischen Herrscherhaus zusammen, sondern auch mit der Rolle, die die Islamische Republik nach offizieller bahrainischer Lesart in den Protesten von 2011 gespielt hat: als agent provocateur habe Teheran Bahrains Schiiten angestachelt, um die Herrschaft der Al Khalifa zu demontieren.

Welche Trends  lassen sich anhand dieses komplexen Geflechts aus unterschiedlichen Interessen und Zielen für die Iran-Politik der Golfmonarchien ablesen? Fallen die Sanktionen, ist zu erwarten, dass die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen Teheran und seinen arabischen Nachbarn sich zügig normalisieren. Denn die Firmen in Dubai, aber auch an anderen Golfstandorten sind in der Pole Position, wenn es darum geht, von der wirtschaftlichen Öffnung Irans zu profitieren. Ob die Normalisierung in den Bereichen Wirtschaft und Handel auch mit einer politischen Annäherung einhergehen wird, ist jedoch äußerst fraglich. Die Falken unter den GCC-Staaten setzen nach dem Atomdeal auf eine noch härtere Gangart im Kampf gegen die von Teheran unterstützten Milizen, vor allem die Houthis in Jemen und die Hisbollah in Libanon und Syrien. Damit soll dem regionalen Einfluss der Islamischen Republik endgültig ein Riegel vorgeschoben werden. Die Zeichen stehen also vorerst auf Eskalation statt auf Konfliktbewältigung, und die Konfrontation mit der Islamischen Republik und ihren regionalen Klienten facht das lichterloh brennende Feuer sunnitisch-schiitischen Hasses weiter an. Angesichts der wachsenden Spannungen in der Region mahnt Kuwaits Außenminister Sabah: „Wir sollten einen umfassenden regionalen Dialog mit Iran aufnehmen.“ Viel wird davon abhängen, wie sich die Hardliner unter den Golfmonarchien, insbesondere Saudi-Arabien, dazu verhalten. Umso mehr kommt den Teheran-freundlicheren GCC-Staaten eine wichtige Vermittler-Funktion zu. Ein erster Lackmus-Test könnte das geplante „6+1“-Treffen der Golfaußenminister mit ihrem iranischen Amtskollegen Zarif sein, das Teherans Chefdiplomat am Rande der bevorstehenden UN-Generalversammlung anberaumen will.

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1 Leserbriefe

Adam H schrieb am 25.08.2015
Vielen Dank für diesen differenzierten Überblick, ein idealer Ausgangspunkt, um sich über die "Graustufen" der einzelnen Beziehungen zu informieren.