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„Barbarei gegen Zivilisation“
Wie der Kampf der Kulturen in einen Kampf um Zivilisation umschlägt.

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„In dem größeren Kampf, dem globalen ‚eigentlichen Kampf‘ zwischen Zivilisation und Barbarei sind es die großen Weltkulturen mit ihren großen Leistungen auf dem Gebiet der Religion, Kunst und Literatur, der Philosophie, Wissenschaft und Technik, der Moral und des Mitgefühls, die ebenfalls vereint marschieren müssen, da auch sie sonst getrennt geschlagen werden.“ Samuel Huntington

Einer der Kritikpunkte an Huntington war die mangelnde Begriffsschärfe in der Unterscheidung zwischen Kultur und Zivilisation, die allerdings schon in der englischen Sprache angelegt ist. Durch die deutsche Übersetzung von „Civilizations“ als „Kulturen“ wurde dies offenkundig. In Deutschland ist wiederum eine klare Trennung beider Begriffe durch früheren Missbrauch historisch vorbelastet. Für die Analyse des heutigen Weltgeschehens ist eine Differenzierung nach Identitäten und Werteordnungen (Kulturen) und Strukturen und Funktionen (Zivilisation) aber unverzichtbar geworden.

Für den Nahen Osten war die Analyse vom „Kampf der Kulturen“ noch zu optimistisch. Weiterhin kämpfen hier jüdische und muslimische, säkulare und islamische Kulturen mit- und gegeneinander. Doch hinzugekommen sind innerkulturelle Kämpfe zwischen Konfessionen und Ethnien: Zwischen Schiiten und Sunniten ist der uralte Erbkonflikt um die Nachfolge Mohammeds in einen Machtkonflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran übergegangen. Schließlich trieben die Radikalisierungen des Islamismus bis hin zu IS, Boko Haram und Konsorten den Kampf von Kulturen an einen Punkt, an dem er in einen Kampf der Barbarei gegen die Zivilisation umschlug.

Bei der Zivilisierung von Kulturen wird der Westen weiter gefragt sein.

Die Entfesselung des dschihadistischen Islamismus ist in der Levante nicht zuletzt über die vorangegangene Destabilisierung autoritärer aber säkularer Regime durch den Westen möglich geworden. Darüber wird nun die ganze Tragweite von Huntingtons Warnungen offenkundig. Er hatte sich bemüht, die Einsicht zu verbreiten, dass eine weitere Universalisierung der westlichen Kultur und Politik nur Öl ins Feuer der Kulturkämpfe schütten würde. Statt weiterer Ausdehnung erfordere westliche Selbstbehauptung im Gegenteil Rücknahme und Selbstbegrenzung. Heute – nach der eingetretenen Überdehnung des Westens – bleibt nur noch die Schadensbegrenzung durch Eindämmung des Dschihadismus. Dafür braucht der geschwächte Westen längst die Hilfe anderer Kulturen.

Über diese Notwendigkeit relativieren sich herkömmliche Konflikte zwischen Demokratie und Diktatur und zwischen alten Werteordnungen. Seitdem etwa ehemalige Helferstaaten des Islamismus selbst ins Visier der Dschihadisten geraten sind, beteiligen sie sich an deren Eindämmung. Solche kulturübergreifenden Bündnisse für die Zivilisation werden überall dort gebraucht, wo ein entfesselter Kulturalismus alle Rationalitäten der zivilisierten Ordnung in Frage stellt.

Auf lange Sicht wird der Kampf der zornigen jungen Männer gegen die erfolgreichere säkulare Zivilisation, egal, ob diese westlich, russisch oder chinesisch geprägt ist, nur mit Hilfe einer „posthistorischen Dedramatisierung“ (Peter Sloterdijk) zu bewältigen sein.

Ausbildung und Bildung, Wissenschaft und Technik, diese durchweg profanen Funktionssysteme wären die geeigneten Wege zur Umwandlung des Kampfes der Kulturen in einen Kampf um die Zivilisation. Bei dieser Zivilisierung von Kulturen wird der Westen weiter gefragt sein. Er kann seine neue Rolle umso besser übernehmen, wie er seinen politischen Universalitätsanspruch zurücknimmt und sich auf die Kooperationszwänge einer zugleich multipolaren und multikulturellen Weltordnung einstellt.

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1 Leserbriefe

Donnerkeil schrieb am 16.02.2015
Dass zornige Junge Männer das Problem sind, war auch am Wochenende in Kopenhagen wieder zu beobachten. Ein Text mit trauriger Aktualität.