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„Gedanklich im Jahre 1850“
Nicht Kultur führt zu Konflikten. Ungleichheit und Exklusion begründen das Bedürfnis nach kulturellen Abgrenzungen.

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Es ist eine interessante Fußnote, dass Samuel Huntington seinen ursprünglich noch mit einem Fragezeichen versehenen Aufsatz zum „The Clash of Civilizations?“ in Foreign Affairs veröffentlichte – der Zeitschrift, die Anfang der 1920er Jahre aus dem Zusammenschluss des Journal of International Relations mit dem Journal of Race Development entstand. Denn bei Huntington findet sich zunächst das Billardkugelmodell der internationalen Politik: Eine Welt der großen Schachfiguren. Für Huntington bekanntlich die ethnisch-religiös-kulturellen Blöcke der afrikanischen, hinduistischen, japanischen, konfuzianischen, lateinamerikanischen, slawisch-orthodoxen und westlichen Zivilisation.

Gleichzeitig findet sich bei Huntington ein tiefer Glaube an die kulturelle Bedrohung des Westens durch nicht ganz so zivilisierte Andere. Es fällt auf, dass Huntingtons Aufzählungen von Kulturen nicht wertneutral alphabetisch sondern stets hierarchisch sind. Oben steht der Westen – und er steht gegen den Rest. Er wird so lange abwehrbereit sein müssen, bis dieser nicht nur modern, sondern auch westlich geworden ist.

Eine solche zivilisatorische Entwicklung nach „oben“ traut er in naher Zukunft nur der „lateinamerikanischen“ und „slawisch-orthodoxen“ Kultur zu. Solange die Menschheit nicht in Gänze modern und westlich ist, empfiehlt Huntington als Gegenmittel eines Kampfes aller gegen alle Koexistenz (d.h. Segregation) und kluge Machtpolitik. Huntington ist dabei nicht übermäßig von einer neokonservativen mission civilisatrice angetrieben. Es geht ihm defensiv darum, große Konflikte zwischen den zivilisatorischen Blöcken zu verhindern, globale Koexistenz zu garantieren und die Gefahr einer „konfuzianisch-islamischen Allianz“ einzudämmen. Dabei solle der Westen durchaus „Differenzen zwischen konfuzianischen und islamischen Staaten ausnutzen“.

Es geht Huntington aber nicht nur um Außenpolitik, sondern auch darum, die zivilisatorische „Reinheit“ des Westens zu schützen. In seinem Buch Who Are We? aus dem Jahr 2004 stellt er deswegen den segregierten zivilisatorischen Blöcken ein innenpolitisches Segregationsmodell an die Seite. Mit diesem will er einen vermeintlich bedrohlichen Multikulturalismus in den USA abwehren. Es sind dieser „racist cultural realism“ und eine „anti-imperialist defensive Eurocentric angst“, auf deren Grundlage Huntington Konflikte in der Weltpolitik sucht und findet. Damit steht er in einer im späten 19. Jahrhundert beginnenden Tradition westlicher Wissenschaft und Publizistik, die eine vermeintlich „nüchterne“ Beschreibung geopolitischer Konflikte mit einem emotionalen und hierarchischen Fokus auf Zivilisationen, Kulturen und Rassen (wie es früher hieß) verbindet.

Dabei gerät aber mehr aus dem Blick, als gewonnen wird. Huntington vernachlässigt vieles, was zum Kernbestand der Forschung zu Globalisierung gehört. Etwa die Bedeutung einer seit dem 19. Jahrhundert entstehenden Weltkultur. Oder die Relevanz globaler Normen und sozialer Organisation. Oder die Signifikanz des „global consciousness“ (Roland Robertson) einer menschlichen Zivilisation. Ohne diese Faktoren entspricht die Welt Huntingtons gedanklich dem Jahre 1850 und nicht dem späten 20. Jahrhundert.

Huntingtons Thesen führen zu einer verkürzten und verzerrten Darstellung gegenwärtiger Konflikte.

Zugleich ignoriert er zentrale Aspekte des Wissensschatzes der Friedens- und Konfliktforschung. Zum einen die Relevanz internationaler Organisationen und Normen für die Einhegung von Konflikten (also nicht Segregation und containment sondern regionale und globale Integration). Zum anderen die Konfliktgründe, die in der Forschung zu Recht als zentral gesehen werden: autoritäre staatliche Ordnungen, die zur Exklusion ethno-nationaler Gruppen führen und das Entstehen regionaler Sicherheitsordnungen behindern. Massive soziale, politische, wirtschaftliche Ungleichheit und die hieraus resultierende Verteilung gesellschaftlicher Inklusion und Exklusion befeuern Gewaltkonflikte. Daran ist der Westen nicht unschuldig. Huntingtons Selbst-Exkulpation des Westens führt nicht weiter. Denn der lange Schatten der kolonialen Vergangenheit, der politische Ordnungen in vielen „Weltbürgerkriegsregionen“ mitprägt, kann nicht übersehen werden. All das hat mit Kultur wenig, mit Macht und Herrschaft aber sehr viel zu tun. Nicht Kultur führt zu Konflikten. Vielmehr begründen Ungleichheiten und soziale Exklusion, historisch und gegenwärtig, das Bedürfnis nach kulturellen Abgrenzungen. Immanuel Wallerstein hat das mit seinem Bonmot von der „Kultur als ideologischem Schlachtfeld der Moderne“ viel trennschärfer als Huntington beobachtet.

Huntingtons Thesen führen zu einer verkürzten und verzerrten Darstellung gegenwärtiger Konflikte. Anstatt vermeintlich homogene Zivilisationen in den Blick zu nehmen, ist eine historisch-soziologische Analyse des langen Schattens der Kolonialisierung einerseits und der bis heute praktizierten Exklusion vieler Bevölkerungsgruppen in post-kolonialen Staaten andererseits für ein tieferes Verständnis gegenwärtiger Konflikte zielführender. Man kann den IS problematisch finden, ohne deswegen auf Huntington zurückzugreifen. Huntingtons Analyse ist vielleicht einerseits nur vor dem Hintergrund der Blockkonfrontation des Kalten Krieges zu verstehen – der vermeintlich bipolaren Ordnung jener Zeit – für die Huntington ein ebenso einfaches Substitut sucht – und andererseits vor dem Hintergrund einer in das 19. Jahrhundert zurückreichenden Melange von „nüchterner“ Geopolitik und ängstlicher zivilisatorischer Hierarchisierung.

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1 Leserbriefe

Hans Wulfbaum schrieb am 19.02.2015
Zweifelsfrei der bislang beste Text im Monantsschwerpunkt. Einer Weltkultur stehe ich dennoch skeptisch gegenüber. Sorgen doch Differenz-Ziehungen und Abgrenzungen ohne Abwertung dafür, dass allzu große Machtkonzentrationen verhindert werden!