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Wo Huntington Recht hatte
Eine allgemeine Theorie internationaler Konflikte kann es nie geben, doch der Ukraine-Konflikt scheint ihm Recht zu geben.

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Was sind die Ursachen internationaler Konflikte? Wer sich (wie ich) nicht mit ein für alle Mal und allseits gültigen Denksystemen zufrieden gibt, akzeptiert, dass es ganz unterschiedliche Antworten auf diese Frage geben kann. Es gibt vorwiegend wirtschaftlich motivierte Konflikte; solche, in denen (territoriale) Machtinteressen eine große Rolle spielen; Konflikte, die von internen Schwierigkeiten ablenken sollen und in denen es um die eigene Identität geht; ideologische Auseinandersetzungen, und ja, religiös motivierte Konflikte. In der Debatte um die Ursachen des Ersten Weltkrieges wurde sogar die These formuliert, die beteiligten Staaten hätten ihn allesamt gar nicht gewollt, sondern seien – Schlafwandlern gleich – in ihn hineingestolpert. Da Konflikte in der sozialen Wirklichkeit und nicht in einem Reagenzglas stattfinden, können wir die einzelnen Faktoren nicht sauber voneinander trennen. Und: Konflikte entwickeln zumeist eine Eigendynamik. Sie verlaufen daher oft in unterschiedlichen Schüben. Erst stehen beispielsweise Herrschaftsinteressen im Vordergrund, im weiteren Verlauf können jedoch religiöse Differenzen wichtiger werden oder umgekehrt. Mit anderen Worten: Es gibt keine allgemeine Theorie internationaler Konflikte und es wird sie auch nie geben.

Insofern ist Vorsicht geboten, wenn ein Autor wie Huntington eine einzige Ursache für Konflikte, nämlich einen Zusammenprall von Kulturen, als vorherrschend postuliert. Auch besteht über die Definition von Begriffen wie Kultur und Zivilisation keine Einigkeit. Auf diesem wackligen Fundament ganze geografische Räume abgrenzen zu wollen, die von bestimmten Kulturen geprägt seien, ist ein nicht konsequent durchzuhaltendes Unterfangen. Erst recht, wenn Huntington behauptet, diese „Großkulturen“ stünden – tektonischen Platten gleich – in Gefahr, Bruchlinien künftiger Konflikte zu bilden.

Ich kann mich bei einer neuerlichen Lektüre von Huntingtons Foreign Affairs Aufsatz des Eindrucks nicht erwehren, dass seine Überlegungen wenigstens zu einem Teil Realität abbilden.

Ins Politische gewendet ist dann zu fragen: Droht nicht eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, wenn man sein eigenes Denksystem an einem „Kampf der Kulturen“ ausrichtet und dann zwischen Islamgläubigen einerseits und Verbrechern wie Mitgliedern des so genannten „Islamischen Staates“ andererseits nicht mehr zu unterscheiden weiß?

Und doch: Ich kann mich bei einer neuerlichen Lektüre von Huntingtons Foreign Affairs Aufsatz des Eindrucks nicht erwehren, dass seine Überlegungen wenigstens zu einem Teil Realität abbilden. Wobei es mir gar nicht um den Widerspruch Westen-Islam geht. Interessant finde ich vielmehr, dass Huntington zwischen einer westlichen Christenheit einerseits und einer orthodoxen Christenheit andererseits unterscheidet. Damit sah Huntington kulturelle Verwerfungen mitten durch Weißrussland und die Ukraine voraus. Und genau das ist es ja, was wir heute beobachten: Ein Riss, der mitten durch die Ukraine geht. Historisch gesehen ist das überzeugend zu erklären. Die West-Ukraine gehörte lange zum katholischen Habsburgerreich, während die Ost-Ukraine Teil des orthodoxen Zarenreichs war. Während man sich im Westen der Ukraine dem Herrschaftsanspruch des zunehmend anti-westlichen und orthodoxen Putin-Russlands widersetzt, zählt der Osten der Ukraine sich eben diesem eher zugehörig.

Gewiss, es wäre vermessen zu behaupten, der gesamte Ukraine-Konflikt ließe sich von diesem Paradigma aus in allen seinen Facetten erklären. Auch in diesem Konflikt geht es um wirtschaftliche Interessen und um Macht und Herrschaft. Aber mit seinem „Kampf der Kulturen“ hat Huntington ein Element benannt, das ebenfalls wesentlich ist. Jedenfalls scheint ihn der Ukraine-Konflikt eher zu bestätigen als zu widerlegen. Und dies hat gravierende Konsequenzen für die künftige europäische Ordnung: Momentan spricht einiges dafür, dass sie von einer Trennung zwischen einem westlich-aufgeklärten, säkularen, dem Individuum seinen Platz einräumenden Westen, und einem orthodoxen, anti-westlichen, auf die Gemeinschaft setzenden Osten geprägt sein wird.

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5 Leserbriefe

gerald schrieb am 17.02.2015
So ist es: Die kulturellen Verwerfungen haben die Ukraine bereits gespalten und dabei Europa gleich mit...
Andreas von Bülow schrieb am 17.02.2015
Den Huntington habe ich aber ganz anders gelesen. Seine Hauptthese ist doch, dass die westlichen Völker nach dem Verschwinden der alten Vogelscheuche Sowjetunion einen neuen Feind brauchen. Sonst könnten sie ja auf den dummen Gedanken kommen, ihren Regierungen die Gefolgschaft zu verweigern, die Friedensdividende einzufordern und die jährlich 550 Milliarden Dollar für den Militärisch-Industriellen Komplex anderweitig zu verwenden. Die Amerikaner könnten sich in ihrer Skepsis gegenüber den Machenschaften des von Plutokraten gesponsorten Machtapparates des Weißen Haus und des Kongress versucht sein, den dringend gebotenen Strich durch die Rechnung zu machen. Um dies zu Verhindern galt es die neue muslimische Gefahr nicht nur an die Wand zu malen sondern auch zu inszenieren. Und prompt lassen sich die vom Hindukusch zurückkehrenden Söldnerhorden, unsere früheren Freiheitskämpfer, nun für alle möglichen Terrortaten nutzen, die fortlaufend die Hysterie der westlichen Völker steigern helfen, jedoch stets einer Seite schaden. Das sind neben den bedauerlichen westlichen Kollateralschäden die muslimischen Völker des Nahen Ostens aber auch die unter uns wohnenden europäischen Muslime. Jetzt kommt die von Huntington angedachte christlisch-orthodoxe Gefahr noch oben drauf. Letztlich geht es um psychologische Kriegführung, mit der über aufreizende Ketten von false flag operations der einzig verbliebenen Supermacht die Interventionen zur Ausraubung der Bodenschätze der Dritten Welt wie auch der ehemaligen Sowjetunion verdeckt gehalten werden können. Die NATO-Europäer sind die Trottel, die vom Getrommel ihrer eingebetteten Medien betäubt, sich dem Treiben anschließen und sich zur Übernahme der einen oder anderen HIWI Rolle bereit erklären. Übler kann man die gemeinsamen Wert nicht verraten.
RHagen schrieb am 17.02.2015
Huntington ist in der Tat aktueller denn je, wenn er auch nicht jede Trennlinie - zB Schiiten-Sunniten- erkannte.
Aber eines sollte hier und insgesamt in der ipg Serie geändert werden: Das "Kino"Bild beschreibt "Kampf der Kulturen", das ist (wie im Artikel von Herrn Thränert richtig beschrieben) etwas anderes als der "clash of civilisation".
Klaus Boldt schrieb am 20.02.2015
Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich man Bücher lesen kann. In einem Nachruf auf Huntington schrieb ich 2008:

Huntington warnte davor, die westlichen Werte anderen Zivilisationen unbesehen aufzudrängen, einschliesslich der westlichen Sicht, wie "universelle" Menschenrechte zu verwirklichen seien. "What universalism to the west, is imperialism to the rest", schrieb er in "The Clash of Civilizations". Er betrachtete sein Buch auch als intellektuelle Begründung für seine Ablehnung des US-Feldzuges 2003 im Irak. "This book anticipated reasons for challenges and tragedies that unfolded in Iraq during the past five years", urteilte das Weatherhead Center for International Affairs der Harvard Universität, an dem Huntington lehrte. (...)

Unter Politikwissenschaftlern sind zwei weitere Werke Huntingtons von bemerkenswertem Einfluss gewesen: In seinem ersten Buch, "The Soldier and the State (1957)", untersuchte er die Frage, wie eine "objektive zivile Kontrolle" über den (später so genannten) militärisch-industriellen Komplex aufrecht erhalten werden kann. (Das ist heute aktueller denn je!)

In seinem Klassiker der vergleichenden Politikwissenschaft, "Political Order in Changing Societies" (1968), vertrat er die These, bei der politischen Betrachtung der sogenannten Entwicklungsländer sei weniger die Art des Regimes von Bedeutung als der Status von politischer Ordnung und Autorität.

Heftige Kritik erntete Huntington für sein letztes Buch "Who are we?" (2004), in dem er vor einer Hispanisierung der USA warnte und eine kompromisslose "Assimilation" der Migranten einforderte. Er liefere die rationale Begründung für rassistische Ressentiments", warfen Kritiker ihm vor. Huntington freilich war Wissenschaftler, kein politischer "Campaigner": Er plädierte angesichts der von ihm konstatierten kulturellen und religiösen Antagonismen für einen Schulterschluss des "Westens" - bei gleichzeitiger Anerkennung der Tatsache, dass die westlichen Werte anderen Kulturkreisen nicht aufoktroyiert werden können.

=> http://epo.de/index.php?option=com_content&view=article&id=4521
Christoph Süß schrieb am 24.02.2015
Huntington lässt sich sicherlich auf den Ukraine-Konflikt anwenden. Seine Theorie erklärt, warum sich beide Seiten bekämpfen (unterschiedliche kulturell-religiös-zivilisatorische Prägung). Gleichzeitig gibt sie Ausschluss darüber, warum sich beide am Ende nicht zerstören werden und es schließlich zu einem Modus Vivendi kommen wird (Putin etwa sich den Rest des Landes nicht auch noch unter den Nagel reißen wird, obwohl er es könnte) - man ist eben doch letzten Endes Teil des selben Kulturkreises. Freilich erklärt Huntington nur einen Teil des Konflikts und nicht alle Facetten. Aber die Theorie ist hilfreich, würde ich sagen. Auch nach 20 Jahren noch.