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Einfache Wege in komplexe Desaster

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„Ja, mach‘ nur einen Plan“, dichtete schon Bertolt Brecht, um dann zu beschreiben, warum dieser und auch ein zweiter nicht gehen, „denn für dieses Leben ist der Mensch nicht klug genug“. Und welche Politikerin, welcher Politiker kennt das nicht: Ein lang geplantes Vorhaben, ein aus allen Blickwinkeln und mit allen Akteuren gemeinsam realisiertes Vorhaben stellt sich als Flop heraus, weil sich die intendierten Ergebnisse nicht einstellen.

In „Zielverführung“ beschreiben vier Professoren und eine Professorin aus verschiedenen Sachbereichen, warum selbst sorgsam geplante Entscheidungen das Gegenteil von dem bewirken können, was beabsichtigt war. Prägnanteste Beispiele aus der internationalen Politik der jüngsten Zeit sind der gewaltsame Sturz der nahöstlichen Diktatoren Saddam Hussein und Gaddafi, was, statt wie beabsichtigt zu Demokratie und Frieden, zu Chaos, Bürgerkrieg, tausenden von Toten und hunderttausenden von Flüchtlingen führte. Zitat eines französischen Politologen dazu: „Der irakischen Mutter ist es wichtiger, dass ihre Kinder sicher zur Schule gelangen, als dass sie alle paar Jahre zur Wahl gehen darf“.

Welcher Politiker kennt das nicht: Ein lang geplantes Vorhaben stellt sich als Flop heraus, weil sich die intendierten Ergebnisse nicht einstellen.

Die Diskrepanz zwischen „gewollt“ und „erreicht“ bezeichnet Mitherausgeber Hartwig Eckert, Sprachwissenschaftler an der Universität Flensburg, eingangs als den Gegensatz zwischen „telischem“ und „antitelischem“ Denken. „Telos“ bedeutet auf griechisch Ziel, und telisches Denken und Handeln heißt demnach Zielerreichung, während antitelisches Verhalten Zielverfehlung bedeutet (der Titel des Buches „Zielverführung“ ist dann wohl so zu interpretieren, dass die Öffentlichkeit, Wähler, Anwohner usw. bewusst oder unbewusst getäuscht werden, wenn man ihnen ein Ziel vorgaukelt, von dem man weiß, dass es nur schwer zu erreichen ist oder das man in Wirklichkeit gar nicht anstrebt). Beispiele dafür werden in dem Buch genug beschrieben, vom Kampf gegen die Umweltverschmutzung und die Mängel unseres Gesundheitssystems, über militärische Fehleinschätzungen, die Flüchtlingspolitik, bis zur  Handelspolitik und anderem.

Die Gründe für dieses Fehlverhalten sind vielschichtig und werden in den verschiedenen Beiträgen des Buches unterschiedlich gewichtet. So kommt José Julio Gonzales, Professor für Sicherheits- und Krisenmanagement in Norwegen, zu dem Schluss, dass „wir Bürger, unsere Medien und Politiker mit dem Denkgerüst und den Instinkten eines Steinzeitmenschen“ an die von der modernen Technologie geschaffenen Probleme herangehen. Mit anderen Worten: Der menschliche Geist hat mit dem technischen Fortschritt nicht Schritt halten können – die Diskussion über künstliche Intelligenz und deren potentielle Überlegenheit dem Menschen gegenüber weist in diese Richtung. Als mögliche Lösung dieses Problems schlägt Gonzales „Modellierung im Team“ vor, ein Verfahren, bei dem ein „interdisziplinäres, fachübergreifendes Expertenteam gemeinsam ein holistisches Simulationsmodell des Problems entwickelt“. Das klingt gut, nur: Vor fast allen politischen Entscheidungen werden heutzutage mehrere Gutachten eingeholt, und dennoch sind die Ergebnisse oft antitelisch.

Der menschliche Geist hat mit dem technischen Fortschritt nicht Schritt halten können.

Eine weitere Schwäche menschlichen Denkens und Handelns beschreibt der Psychologe Dietrich Dörner von der Universität Bamberg, nämlich „Wahrnehmungsabwehr. Was das eigene Weltbild stört, wird einfach nicht wahrgenommen, auch wenn es da ist“. Ein Beispiel für diese oftmals selbstmörderische Verhaltensweise ist das trojanische Pferd, das die Trojaner selbst in ihre Stadt schleppten, obwohl sie deutlich gewarnt worden waren. Ein weiteres Defizit betrifft insbesondere Politiker mit ihren begrenzten Wahl- und Amtsperioden, wenn sie „eines kurzfristigen Erfolges wegen die schwerwiegenden negativen Neben- und/oder Langzeitwirkungen einer Entscheidung oder Maßnahme außer Acht lassen“. Schließlich neigt der Mensch auch beim Blick in die Zukunft dazu, einfach von der Gegenwart her zu extrapolieren und sein Wunschbild für zukünftige Realität zu halten. Als Beispiel für eine solche, auf abgekapselter „Gruppendenke“ beruhende, kurzfristige Entscheidung ohne Bedenken der Langfristwirkungen führt Dörner den Beschluss von Bundeskanzlerin Merkel zur Grenzöffnung im September 2015 an.

In einem weiteren Beitrag spricht die Ernährungswissenschaftlerin Ines Heindl vom Gesundheitswesen als „Krankheitswesen“, das „als Wachstumsbranche nicht Ziele von Prävention und Erhaltung der Gesundheit verfolgt, sondern durch die Erhaltung technischer und personeller Systeme sprunghaft steigende Ausgaben verursacht.“ In den beiden letzten Beiträgen beschäftigen sich Gonzales und der Soziologe Gunnar Heinsohn von der Universität Bremen mit den Folgen von Bevölkerungsexplosion, daraus resultierender massenhafter Migration nach Europa und den Folgen für die „Allmende Erde“ im Allgemeinen und die Stabilität Europas im Besonderen. Fazit: Wenn nur jeder zwanzigste der im Subsahara-Afrika „von der Übersiedlung Träumenden“ in Europa einen Platz fände, würde sich deren Lage „ein wenig verbessern, für Afrika selbst würde sich nichts ändern. Wenn Deutschlands Sozialstaat aber gerade an ihnen zerbräche, stünde man plötzlich vor einer weiteren Krisenregion.“ Die fiktive Rede der Bundeskanzlerin anlässlich der Grenzöffnung für Flüchtlinge im Jahr 2015, die dem Beitrag von Heinsohn vorangestellt ist, entspricht allerdings nicht dem analytischen Niveau der Beiträge des Buches. Aufgrund ihres „populistischen“ Charakters entwertet sie letztlich die Sachargumente.

Der kritische Blick der Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm heraus ist in vielerlei Hinsicht hilfreich; er ist aber meist nur ex-post möglich und hilft zu verstehen, was vielleicht übersehen wurde oder wo die Annahmen sich nicht als realistisch erwiesen haben. Bessere Lösungen, und vor allem den Beweis, dass diese tatsächlich besser funktioniert hätten, kann sie aber in der Regel nicht liefern. Jede Entscheidung, egal ob im städtebaulichen oder im sozialpolitischen Bereich, fällt im Rahmen der jeweiligen örtlichen, sachlichen, finanziellen und zeitlichen Gegebenheiten, die zu einer spezifischen Entscheidung führen. Ihre immer komplexeren Bedingungen und Folgen erleben Politiker wie auch Planer tagtäglich. Das liegt an immer kleinteiligeren Regulierungen und Vorgaben auf allen Ebenen von Verwaltung, von der kommunalen bis zur EU- und manchmal sogar bis zur Ebene globaler Vereinbarungen. Politikformulierung und (Reform-)Handeln wird dadurch einerseits gewissermaßen angeleitet, damit erreichte Standards (etwa im Bereich Umweltschutz und Klimaverträglichkeit, Arbeitsschutz etc.) eingehalten werden, dadurch aber auch in gewisser Weise „vorgeformt“ und eingeschränkt. Die Handelnden tragen daher Verantwortung für das Scheitern mancher Konzepte und Reformen, aber nicht für die sie bedingenden Komplexitäten unserer modernen und vielfältig verflochtenen Welt.

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