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Die Lektion aus dem IS-Triumph

Die richtige Antwort auf den „Islamischen Staat“ ist keine lasergesteuerte Waffe, sondern Good Governance.

„Regierungen, die aus dem Erfolg des IS lernen wollen, müssen gegen die Symptome angehen, die dieses Machtvakuum schufen.“

Zwischen den Umbrüchen in Vorderasien und dem Dreißigjährigen Krieg im Europa des 17. Jahrhunderts werden gern Vergleiche angestellt. Es scheint verlockend, Parallelen zu ziehen zwischen dem politischen Streit innerhalb des Christentums damals und dem heute scheinbar wachsenden Antagonismus zwischen politisch motivierten Islamisten. Ähnlichkeiten der dynastischen Herrschaft und der Rivalität zwischen dem Haus Habsburg und dem Königreich Frankreich in den 1630er Jahren mit der aktuellen Rivalität zwischen Pseudo-Sunniten und militanten Schiiten liegen vermeintlich nahe. Und im Aufbau eines sogenannten „Islamischen Staates“ im Irak und in Syrien erkennt manch einer die Geburt einer grundlegend neuen Ordnung in der Region, ähnlich der unwiderruflichen Neuordnung der europäischen Landkarte durch den Westfälischen Frieden vor mehr als dreieinhalb Jahrhunderten.

Doch diese vordergründigen Vergleiche lassen auf eine hartnäckige Fehleinschätzung der derzeitigen Krise in Vorderasien und Nordafrika schließen. Die spektakuläre Beseitigung eines Teils der irakisch-syrischen Grenze durch IS-Milizen im vergangenen Jahr war auch der raffinierte Versuch, in der Region einen Nerv zu treffen. Schließlich machen viele Menschen bis heute das koloniale Erbe des Sykes-Picot-Abkommens für ihre Probleme verantwortlich. Der sogenannte Islamische Staat wurde jedoch nicht aus einem Jahrhundert der Religionskriege geboren, die den massiven Umwälzungen einer religiösen Reformation geschuldet waren (wie in Europa), sondern aus mehreren Jahrzehnten kontinuierlicher Zerstörung und Verwüstung im Irak.

Vor dem Hintergrund der geopolitischen und ideologischen Rivalität mit dem Nachbarn Iran, der Verfolgung kurdischer und schiitischer Bevölkerungsgruppen durch Saddam Hussein und des chronischen Leids, das ein Jahrzehnt der Sanktionen und der Intervention von außen mit sich brachte, kann man nicht mehr künstliche Grenzen allein für den Unfrieden im Irak verantwortlich machen. Der wichtigste Schluss daraus lautet, dass diese Krise nicht durch eine schlichte Neuziehung von Grenzen beigelegt werden kann.

Der wichtigste Schluss lautet, dass diese Krise nicht durch eine schlichte Neuziehung von Grenzen beigelegt werden kann.

Die eindimensionale Analyse, die die derzeitige Krise im Irak und in Syrien auf einen religiös motivierten Stellvertreterkrieg für eine größere saudi-iranische Rivalität zurückführt, ist stark simplifizierend. Die Hassindustrie brachte in der gesamten Region eine Fülle bewaffneter Milizen hervor, von denen der IS lediglich als jüngste in den Fokus der Massenmedien gerückt ist. Eine solche Analyse übersieht darüber hinaus, dass der IS nicht so sehr eine religiöse Gruppe, als vielmehr eine radikale Parallelarmee ist. Er stellt sich gegen Sunniten und Schiiten gleichermaßen. Seine Unterstützung im Irak und in Syrien lässt sich eher dadurch erklären, dass die Gruppe marginalisierten Menschen Finanz- und Nahrungsmittelhilfe leistet, als dass ihre verzerrte Interpretation islamischer Prinzipien im Volk Unterstützung fände. Im Gegenteil: Die ruchlosen Untaten des IS sind Verbrechen, die nach islamischem Recht eindeutig verboten sind und den Hadd- und Tazir-Strafen unterliegen.

Der simplifizierende Vergleich zwischen dem modernen Nahen Osten und dem Europa des 17. Jahrhunderts ist dabei auch in sich paradox: Der Westfälische Friede, der den Dreißigjährigen Krieg beendete, legte die Grundlagen für den Fortschritt, der (später) Frieden und Wohlstand mit sich brachte. Dagegen werfen die IS-Milizen, die das Wort des Islam in völlig inakzeptabler Weise für sich beanspruchen, weite Gebiete des Irak und Syriens rasch in die als Dschahilaiya bezeichnete Zeit der Ignoranz der göttlichen Führung zurück. Wie verheerend dieses Chaos ist, zeigt sich vielleicht am besten in Syrien, wo die Hoffnung auf ein Friedensabkommen und den Aufbau eines besseren Syriens mittlerweile der bloßen Hoffnung gewichen ist, minimale Rückzugszonen zu schaffen und den Zivilisten ein Überleben zu ermöglichen.

Max Weber nannte als Grundlagen des modernen Staats einen festen Verwaltungsstab (Bürokratie), ein organisiertes Militärwesen mit legitimem Gewaltmonopol und einen funktionierenden Finanz- und Steuerapparat. Doch das sind nur einige der wichtigsten Knochen, aus denen sich am Ende das Skelett eines Staates zusammensetzt. Ein funktionsfähiger Staat braucht auch einen Nationalgeist, denn er ist die Wurzel der gegenseitigen Verantwortung der Bürgerinnen und Bürger. Aus ihm leitet sich daher auch eine gute Regierungsführung ab.

Vor dem Hintergrund der grundlegend anderen historischen Erfahrungen, die in der vorderasiatisch-nordafrikanischen Region mit der Staatsentwicklung gemacht wurden, verlieren direkte Vergleiche mit der europäischen Geschichte an Wert. Nomadische Weidewirtschaft, Tribalismus, Kolonialismus und das reiche kulturelle Erbe des Islam sind nur einige der Schlüsselfaktoren, die diese Region und ihre Bedürfnisse prägen. Aus der Entwicklung im Irak leiten sich seit 2003 harte Lektionen ab, deren wichtigste lautet, dass wir Webers drei Bedingungen nicht einfach übertragen und erwarten können, dass daraus ein moderner Staat im europäischen oder nordamerikanischen Stil hervorgeht.

Der IS und andere destruktive Akteure florieren, wenn die Staatsführung versagt, und gegen dieses Versagen, das die Welle der arabischen Aufstände im Jahr 2011 auslöste, muss in der gesamten arabischen Welt etwas unternommen werden.

Good Governance, gute Regierungsführung, ist das Gegenteil von Korruption. Der IS und andere destruktive Akteure florieren, wenn die Staatsführung versagt, und gegen dieses Versagen, das die Welle der arabischen Aufstände im Jahr 2011 auslöste, muss in der gesamten arabischen Welt etwas unternommen werden.

Wenn sich Bürgerinnen und Bürger nicht darauf verlassen können, dass ihre Regierung Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit garantiert, wenden sie sich bestehenden ethnischen oder religiösen Strukturen zu - und von Afghanistan bis Mali tut sich ein Vakuum für ehrgeizige Kriegsherren auf. Irak und Syrien befinden sich derzeit faktisch im freien Fall. Schuld am Zusammenbruch dieser Länder ist das Fehlen einer nationalen Einheit und einer guten Regierungsführung. Die Spannungen, die für das Blutvergießen auf den Schlachtfeldern Mesopotamiens verantwortlich sind, sind ursprünglich politischer Art. Sie entstanden auch, weil die Regierungen im Irak und in Syrien ihre Macht durch Vetternwirtschaft und gegenseitige Verunglimpfung sicherten, statt eine nationale Geisteshaltung einer irakischen beziehungsweise syrischen Solidarität aufzubauen.

Regierungen, die aus dem Erfolg des IS lernen wollen, müssen gegen die Symptome angehen, die dieses Machtvakuum schufen. Die angemessene Antwort sind nicht lasergesteuerte Waffensysteme und ein hartes Durchgreifen gegen Unterstützer der Fanatiker im eigenen Lande, sondern vielmehr eine gute Regierungsführung, die gleichbedeutend ist mit Inklusion und das Gegenteil von Korruption und Vetternwirtschaft. In jeder Gesellschaft gibt es Risse, und in konfliktreichen Zeiten fällt es leicht, diese mit Gewalt zu öffnen. Politikerinnen und Politiker müssen sich aktiv dafür einsetzen, dass gestärkt wird, was uns verbindet. Wir müssen uns und den jüngeren Generationen unbedingt in Erinnerung rufen, dass wir ein gemeinsames, ein eigenes Erbe, Mare Nostrum, haben.

 

This text is also available in English:

Prince Hassan Bin Talal: "The Lesson of Daesh's Triumph". Download the PDF here.

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2 Leserbriefe

Peter S. schrieb am 13.01.2015
Eine an sich richtige Einschätzung. Aber was nützt es, wenn kein Vorschlag gemacht wird, wie "....vielmehr eine gute Regierungsführung, die gleichbedeutend ist mit Inklusion und das Gegenteil von Korruption und Vetternwirtschaft" zu erreichen ist.

Ich kenne nur einen guten Vorschlag und der ist Oman, aber wer will dem folgen? Wer hat einen Qabus ibn Said?
Gerit P. schrieb am 15.01.2015
Auch mir fällt nur der Oman ein, wenn es um Positivbeispiele in der Region geht und auch ich sehe weit und breit keinen zweiten Qabus bin Said - leider. Ist wirklich die Ibadiya nötig, um einen toleranten, weltoffenen Islam zu leben und den Spagat zwischen Traditionsverbundenheit und Moderne zu schaffen?
Mögen sich auch andere islamische Strömungen und islamische Politiker und Theologen einer dem Geist der Zeit angepassten Auslegung und Interpretation des Korans nicht länger verschliessen.!!
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