Kopfbereich

Bomben-Terror

Warum der amerikanische Anti-Terrorkampf in Somalia die Gefahr von Anschlägen erhöhen könnte.

AFP
AFP
Zerstörung im Zentrum von Mogadischu nach der Explosion einer Autobombe am 14. Oktober 2017.

Lesen Sie diesen Text auch auf Russisch

Das UN-Entwicklungsprogramm UNDP hat kürzlich untersucht, warum sich Menschen radikalisieren und islamistischen Terrorgruppen anschließen. Die UN-Mitarbeiter führten dafür in Nigeria, Kenia und Somalia Interviews mit ehemaligen militanten Islamisten. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie unter dem Titel „Reise in den Extremismus in Afrika“. Demnach schlossen sich gut 70 Prozent der Interviewten einer Terrorgruppe an, nachdem sie von der Regierung oder der Armee ihres Landes massives Unrecht erfahren hatten. Beispielsweise waren ein Angehöriger oder ein Freund getötet oder verhaftet worden.

Das ist beunruhigend. Denn die US-Armee hat ihren so genannten Anti-Terrorkampf in Somalia, wo die radikale Shabaab-Miliz aktiv ist, in den vergangenen Monaten massiv verstärkt. Inzwischen führt sie dort einen regelrechten Drohnenkrieg, von der westlichen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt und ohne internationales Mandat. Das US-Militär hat in Somalia allein in diesem Jahr nach eigenen Angaben über 30 Drohnenangriffe durchgeführt, mehr als doppelt so viele wie 2016. Und da waren es schon deutlich mehr als 2015. Die New America Foundation bemüht sich um eine Dokumentation der Drohnenschläge auf dieser Seite.

Die US-Armee kämpft nicht nur aus der Luft. Nach Angaben der US-Kommandozentrale Africom sind in Somalia zurzeit mehr als 500 US-Soldaten vor Ort. Details über ihren Einsatz sind nicht bekannt. Nach Drohnenangriffen erklärt die US-Armee fast routinemäßig, Zivilisten seien nicht getötet worden.

Das behauptete sie zunächst auch nach der Militäraktion Ende August in dem Dorf Bariire, etwa 60 Kilometer von der Hauptstadt Mogadischu entfernt. Dort stürmten somalische Soldaten und eine Handvoll US-amerikanische „Special Operators“ am 25. August ein Gehöft und töteten zehn Menschen. Unter den Opfern waren drei Jungen im Alter zwischen acht und zehn Jahren. Die somalische Regierung bestritt zunächst, dass es zivile Opfer gegeben habe, musste sich aber später korrigieren. Angehörige brachten die Leichen der Opfer aus Protest nach Mogadischu. Auch Africom bestätigte später die gemeinsame „Operation“ von US-amerikanischen und somalischen Soldaten. Clanälteste von Bariire schworen der somalischen Regierung und ihren Verbündeten Vergeltung.

Vermutlich haben sie ihre Drohung wahr gemacht: Somalische Ermittler haben mehrere Hinweise darauf, dass der bislang verheerendste Anschlag in der Geschichte des Landes eine Rache für den US-Militäreinsatz und die Toten in Bariire war. Am 14. Oktober wurden bei der Explosion einer LKW-Bombe im Zentrum von Mogadischu weit über 500 Menschen getötet, hunderte weitere verletzt. Zu dem Anschlag hat sich bisher niemand bekannt, aber es gibt Hinweise darauf, dass die Täter zur Shabaab-Miliz gehören. Die Gruppe ist mit dem al-Qaida-Netzwerk verbunden. Nach Erkenntnissen der somalischen Sicherheitskräfte stammte der Fahrer des sprengstoffbeladenen LKW aus Bariire. Er war ein ehemaliger Soldat, der vor zwei Jahren zur Shabaab-Miliz überlief. Auch lassen sich zwei weitere Fahrzeuge, die bei dem Anschlag verwendet wurden, nach Bariire zurückverfolgen.

Neben der Schabaab-Miliz ist in Somalia auch ein Ableger des IS aktiv. Die Vereinten Nationen warnen  vor einem Erstarken der Gruppe, deren Existenz in Puntland seit längerem bekannt ist. Nach UN-Angaben hatte die Terrorgruppe im vergangenen Jahr nur ein paar Dutzend Mitglieder. Jetzt sei ihre Stärke auf etwa 200 Kämpfer gewachsen.

Dieser Zulauf und die Zahl der schweren und blutigen Terroranschläge in den vergangenen Monaten sprechen nicht dafür, dass die US-Armee mit ihrer Anti-Terrorstrategie besonders erfolgreich ist. Trotzdem haben die US-Streitkräfte die Zahl ihrer Luftangriffe in Somalia im November nochmals erhöht. Ende des Monats tötete das US-Militär bei einem Luftangriff auf ein Trainingslager der Shabaab-Milz nach eigenen Angaben mehr als 100 Extremisten. Das Ziel habe rund 200 Kilometer nördlich von Mogadischu gelegen, teilte Africom mit. Angaben zu eventuellen zivilen Opfern wurden nicht gemacht.

Die US-Armee will an ihrer Strategie festhalten. Mitte Dezember präsentierte das Pentagon dem Weißen Haus einen Einsatzplan für Somalia, wonach der „Anti-Terror-Kampf“ dort noch mindestens zwei Jahre lang fortgeführt werden soll. Einem Bericht der New York Times zufolge fordert das Pentagon für diesen Krieg mehr Spielraum und mehr Eigenständigkeit als üblich. Es wolle in Somalia nach seinen Regeln Krieg führen, ehe es nach der Verlängerung den Erfolg seiner Strategie – am liebsten intern – überprüfen lasse. Die Zustimmung des Nationalen Sicherheitsrats und anderer Behörden steht noch aus.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Bestellen Sie hier den Newsletter.