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Die feinen Unterschiede

Nicht links oder rechts, nicht pro oder contra Migration, der Bildungsgrad entscheidet, wie gewählt wird.

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Das Brexit-Referendum und die Wahlen in den Niederlanden und in Frankreich haben gezeigt, dass der traditionelle Links-Rechts-Gegensatz hinfällig wird. Beobachtern zufolge spaltet die Globalisierung Westeuropa entlang der Themenbereiche Migration und europäische Integration, die besonders umstritten sind. Wir wollen aufzeigen, dass nicht nur Globalisierung und EU diese Kontroversen befördern. Die neue politische Spaltung ergibt sich auch aus demographischen Veränderungen und ist Ausdruck einer eher strukturellen Kluft in der Bildung.

Sagen Sie uns, welches Ihr höchster Bildungsabschluss ist, und wir sagen Ihnen, wer Sie sind und was Sie tun. Wenn Sie ein Universitätsstudium absolviert haben, konsumieren Sie öffentlich-rechtliches Fernsehen, die BBC in Großbritannien oder entsprechende Sender in anderen europäischen Ländern (etwa Canvas in Belgien) und lesen eine „seriöse“ Tageszeitung wie den Guardian, die ZEIT oder die Libération. Im Vereinigten Königreich schicken Sie Ihre Kinder möglichst in eine Privatschule, in Deutschland und den Niederlanden in ein Gymnasium, in Frankreich in eine der Grandes écoles. Sie leben in einer Universitätsstadt, in einem grünen Vorort oder in einem gentrifizierten Innenstadtviertel mit schönen Altbauten wie dem Prenzlauer Berg in Berlin, De Pijp in Amsterdam oder Notting Hill in London. Sie befürworten maßvoll die EU, machen sich Sorgen über den Klimawandel, den Zustand der höheren Bildungseinrichtungen und die Fremdenfeindlichkeit, und Sie wählen grün oder sozialliberal.

Wenn Sie dagegen nur einen niedrigen oder mittleren Schulabschluss haben, sehen Sie wahrscheinlich Privatfernsehen wie SBS, VTM und ITV und lesen – wenn Sie überhaupt Zeitung lesen – Boulevardblätter wie die Sun in England, BILD in Deutschland oder BT in Dänemark. Ihre Kinder besuchen im Vereinigten Königreich die örtliche staatliche Schule, in den Niederlanden ein regionales Ausbildungszentrum (ROC), in Frankreich ein Lycée professionel. Sie leben in einer ehemaligen Industrieregion oder Industriestadt, in einer Trabantenstadt aus der Nachkriegszeit wie Marzahn in Berlin, Lelystad in den Niederlanden oder Slough in England oder am Stadtrand in einem Außenbezirk aus dem 20. Jahrhundert. Sie stehen der EU äußerst kritisch gegenüber, machen sich Sorgen um Kriminalität und Einwanderung und wählen eine nationalistische Partei oder vielleicht auch gar nicht.

In unserer neuen Studie Diploma Democracy: The Rise of Political Meritocracy zeigen wir auf, wie diese neue Spaltung in West- und Nordeuropa entstanden ist. Auf Basis einer breiten Definition des englischen Begriffes cleavage (Spaltung, Kluft) stellen wir eine Vertiefung der Bildungskluft fest, die sich in drei Bereichen manifestiert: in einer neuen soziodemographischen Spaltung, in Gegensätzen der politischen Präferenz und in einer neuen Aufspaltung der politischen Landschaft.

Der Aufstieg der Gebildeten als neue soziale Gruppe

Spaltungen ergeben sich aus der Demographie. Im zwanzigsten Jahrhundert war es wenig hilfreich, von einzelnen Bildungsgruppen zu sprechen, weil die Gruppe der gut ausgebildeten Bürgerinnen und Bürger so klein war. Das änderte sich mit steigendem Bildungsniveau. Im Jahr 2015 waren der OECD zufolge 27 Prozent der Beschäftigten in der EU (in 22 EU-Staaten) gut ausgebildet – mehr als doppelt so viele wie 1992 (11 Prozent) und 25-mal so viele wie in den 1960er Jahren (ein mageres Prozent). Dieser enorme Anstieg der Zahl gut ausgebildeter Bürgerinnen und Bürger bildet die demographische Grundlage für die Entstehung einer Bildungskluft.

Diese neue Unterteilung ergibt sich aus einer zunehmenden Schichtung und Trennung entlang der Bildung, aus denen sich unterschiedliche Chancen für Wohnen, Gesundheit und Berufsaussichten ergeben. Darüber hinaus begünstigt die Bildung neue Formen der Homogamie, also der Partnerwahl nach sozial oder kulturell ähnlicher Herkunft. Die Gebildeten und die weniger Gebildeten leben in unterschiedlichen sozialen Welten und vermischen sich nicht. Sie unterscheiden sich in der Gesundheit und der Lebenserwartung, im Vermögen und im Einkommen.

Kosmopolitisch hier, nationalistisch dort

Traditionell lassen sich die meisten Wählerinnen und Wähler in Westeuropa in einer sozial-ökonomischen Links-Rechts-Dimension und einer religiös-säkularen Dimension verorten. Über diese traditionellen Konfliktlinien hinaus, die in das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert zurückreichen, hat sich in den letzten drei Jahrzehnten eine neue kulturelle Konfliktdimension aufgetan. Die zentralen Themen dieser kulturellen Dimension sind Einwanderung, Globalisierung und europäische Integration. Die neue Trennung zwischen denen, die man als „kosmopolitisch“ und denen, die man als „nationalistisch“ bezeichnen könnte, entstand nach und nach, verstärkt durch die Einwanderungswellen nicht-westlicher Migranten und den Prozess der europäischen Einigung.

Die Aufspaltung in kosmopolitische und nationalistische Haltungen entspricht in den westeuropäischen Ländern der Bildungskluft. Am einen Ende dieser neuen Konfliktlinie stehen Bürgerinnen und Bürger, die soziale und kulturelle Heterogenität akzeptieren und den Multikulturalismus gutheißen oder zumindest billigen. Das sind Menschen mit höherer Bildung. Am anderen Ende befinden sich Bürgerinnen und Bürger, die dem Multikulturalismus überaus kritisch gegenüberstehen und sich eine homogenere nationale Kultur wünschen. Das sind überwiegend Menschen mit niedrigerem Bildungsniveau.

So ließen sich 2016 im Brexit-Referendum in Großbritannien große Bildungsunterschiede beobachten. Mit Ausnahme von Schottland war der Stimmenanteil für das Verlassen der EU in Gebieten Großbritanniens mit geringer qualifizierten Einwohnern viel höher und in Gebieten mit vielen Universitätsabgängern viel niedriger. Wie Matthew Goodwin und Oliver Heath aufzeigten, stimmten „15 der 20 ‚Gebiete mit der geringsten Bildung‘ für das Verlassen der EU, während von den ‚Gebieten mit der höchsten Bildung‘ alle 20 für den Verbleib stimmten“.

Sozialliberale Parteien hier, nationalistische Parteien dort

Spaltungen äußern sich auch in der Unterstützung bestimmter politischer Parteien. Neue Parteien mit neuen Präferenzen haben überall in Europa die politische Bühne betreten. Am einen Ende der neuen kulturellen Konfliktlinie beobachten wir den Aufstieg grüner und sozialliberaler Parteien wie Groen und Ecolo in Belgien, Les Verts in Frankreich, Die Grünen in Deutschland, D66 und GroenLinks in den Niederlanden oder der Liberaldemokraten im Vereinigten Königreich, um nur einige zu nennen. Seit Ende der 1970er Jahre haben sie sich in ganz Westeuropa als politische Akteure etabliert. In allen Ländern sprechen grüne und sozialliberale Parteien Wählerinnen und Wähler vom gehobenen Ende des Bildungsspektrums an, siehe Schaubild 1.

Auf der anderen Seite dieses kulturellen Konfliktes beobachten wir die Entstehung nationalistischer populistischer Parteien wie der FPÖ in Österreich, Vlaams Belang und NV-A in Belgien, der Dänischen Volkspartei, der Wahren Finnen, des Front National in Frankreich, der AfD in Deutschland, der Partei für die Freiheit in den Niederlanden, der Lega Nord in Italien, der Schwedendemokraten und der UKIP in Großbritannien. Diese nationalistischen Parteien binden große Anteile der Wählerinnen und Wähler mit geringem und mittlerem Bildungsniveau, aber relativ wenige Gebildete, wie in Schaubild 2 zu sehen.

Die politische Kontroverse rund um Globalisierung sollte demnach nur als ein Teil des Puzzles verstanden werden. Dahinter werden die Konturen einer Bildungsspaltung sichtbar. Bildungsunterschiede wirken sich besonders stark in einer Leistungsgesellschaft aus, in der der Zugang zu höherer Bildung, der Arbeitsmarkt und soziale Schichtung auf Leistung basieren und nicht auf Klassenzugehörigkeit oder Klientelismus.

Das gilt insbesondere in den west- und nordeuropäischen Ländern wie Belgien, Dänemark und in einem geringeren Maße in den Niederlanden, Großbritannien, Finnland, Österreich und der Schweiz. In diesen Ländern ist eine starke Bildungsspaltung deutlich erkennbar. Die nationalistischen populistischen Parteien auf der einen und die grünen und sozialliberalen Parteien auf der anderen Seite verkörpern die Institutionalisierung dieser neuen politischen Konfliktlinie. Sie haben sich einen dauerhaften Platz in der politischen Arena erobert, weil sie Wählergruppen repräsentieren, die nicht nur bestimmte Haltungen teilen, sondern auch ein bestimmtes soziales Merkmal: ihren Bildungsstand. 

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf englisch im LSE Europe Blog.

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