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Statuen zu stürzen ist auch keine Lösung

Wie umgehen mit Denkmälern, die Schurken feiern? Ian Buruma über die Macht der Monumente.

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Einmal richtig draufhauen: Rest einer Statue Saddam Husseins in Bagdad 2003.

Das grauenhafte Spektakel des Aufmarsches Fackeln tragender Neonazis, die Slogans von der Überlegenheit der weißen Rasse brüllten, in Charlottesville, Virginia, wurde durch den Plan der Stadt ausgelöst, eine Statue des Südstaatengenerals Robert E. Lee zu entfernen. Lee war der Oberbefehlshaber der Konföderierten-Armee, die während des Amerikanischen Bürgerkrieges für die Beibehaltung der Sklaverei im sezessionistischen Süden kämpfte. Die Statue von Lee auf seinem Pferd steht dort seit 1924, einer Zeit, in der Lynchmorde an schwarzen Bürgern keine Seltenheit waren.

Inspiriert von den Ereignissen in Charlottesville sind nun in Großbritannien Stimmen laut geworden, die danach streben, Admiral Nelson von seiner berühmten Säule auf dem Trafalgar Square in London herunterzuholen, weil der britische Seeheld den Sklavenhandel befürwortete. Und vor zwei Jahren verlangten Demonstranten an der Universität Oxford die Beseitigung einer Cecil-Rhodes-Statue aus dem Oriel College, wo der alte Imperialist einst studierte, weil seine Ansichten in Bezug auf Rasse und Empire heute als abstoßend betrachtet werden.

Diese Art von Bilderstürmerei hatte schon immer etwas Magisches an sich, das auf der Vorstellung gründet, dass die Zerstörung eines Bildes die damit verbundenen Probleme irgendwie beseitigen wird. Als englische Protestanten im 16. Jahrhundert die Macht der Römisch-Katholischen Kirche herausforderten, zerstörten Menschenmobs Steinstatuen von Heiligen und andere heilige Bilder mit Spitzhacken und Äxten. Die Revolutionäre des 18. Jahrhunderts machten dasselbe mit den Kirchen in Frankreich. Das radikalste Beispiel ereignete sich in China vor nur gut 50 Jahren, als die Roten Garden buddhistische Tempel zerstörten und konfuzianische Bücher – oder tatsächlich alles, was alt und traditionsbehaftet war – verbrannten, um die Kulturrevolution zu verkünden.

Bilderstürmerei hatte schon immer etwas Magisches an sich, als würde die Zerstörung eines Bildes die damit verbundenen Probleme irgendwie beseitigen.

Es fällt leicht, eine derartige Zerstörung zu missbilligen. Es gehen dabei großartige Gebäude und Kunstwerke verloren. Man ist versucht, anzunehmen, dass nur Menschen, die an die magische Kraft der Bilder glauben, sie würden auslöschen wollen. Die vernünftige Art, mit Denkmälern aus der Vergangenheit umzugehen, sei, sie einfach als historische Kunstwerke zu betrachten.

Aber so einfach ist die Sache nicht. Wer würde argumentieren, dass nach 1945 Straßen und Plätze in deutschen Städten weiter nach Adolf Hitler hätten benannt sein sollen? Es war sicher nicht bloß ein kindischer Fehler, Skulpturen des „Führers“ zu entfernen – oder die der sowjetischen Parteigrößen in Mittel- und Osteuropa nach 1989. Man könnte argumentieren, dass es den Bildern dieser Führer und ihrer Getreuen am künstlerischen Wert der großen Kirchen des mittelalterlichen Englands oder der buddhistischen Skulpturen der Tang-Dynastie in China mangelte. Bloß sind es die Statuen von General Lee aus künstlerischen Motiven ebenfalls kaum wert, bewahrt zu werden.

Die Frage ist, wo man den Strich ziehen sollte. Sollte man eine historische Figur anhand der Menge von Blut beurteilen, das an ihren Händen klebt? Oder sollten wir einen angemessenen Zeitrahmen festlegen?

Man könnte argumentieren, dass Denkmäler, die Schurken feiern, an die sich heute lebende Menschen noch erinnern, und die den überlebenden Opfern immer noch Schmerz bereiten, entfernt werden müssen, und dass man alles, was älter ist, in Ruhe lassen sollte. Aber auch das funktioniert nicht so recht. Das Argument dafür, eine Hitlerstatue an einem öffentlichen Ort stehen zu lassen (angenommen, dass es so etwas noch gibt), gewinnt nicht an Kraft, nur weil mehr Zeit vergeht.

Wie wir Geschichten unserer Vergangenheit erzählen, macht einen großen Teil unseres kollektiven Selbstverständnisses aus.

Viele Menschen im Süden der USA argumentieren, dass die Konföderierten-Denkmäler als bloße Erinnerungen an die Vergangenheit – als Teil eines gemeinsamen „Erbes“ – geschützt werden sollten. Das Problem ist, dass Geschichte nicht immer neutral ist. Sie kann noch immer Gift verströmen. Die Weise, wie wir Geschichten unserer Vergangenheit erzählen und Erinnerungen in kulturellen Artefakten am Leben erhalten, macht einen großen Teil unseres kollektiven Selbstverständnisses aus. Dies verlangt ein gewisses Maß an Konsens, das häufig nicht existiert, insbesondere nach einem Bürgerkrieg.

Der Fall von Nachkriegsdeutschland ist unkompliziert. Sowohl Ost- als auch Westdeutschland bauten ihre kollektive Zukunft bewusst im direkten Kontrast zur Nazivergangenheit auf. Heute möchte nur eine ressentimentgeladene Randgruppe weiter an den lieb gewonnenen Erinnerungen vom Dritten Reich festhalten.

Trotzdem verbieten die deutschen Behörden bis heute die Darstellung von Nazibildern. Sie tun dies aus Furcht, dass diese die Menschen noch immer in Versuchung führen könnten, die dunkelsten Episoden in der Geschichte ihres Landes zu wiederholen. Diese Furcht ist verständlich und nicht völlig irrational. Derartige Versuchungen könnten sogar noch stärker werden, nun da kaum noch jemand da ist, der sich persönlich an die Nazizeit erinnern kann.

Viele im Süden der USA empfinden die konföderierte Sache und ihre Denkmäler nach wie vor als Teil der kollektiven Identität.

Großbritannien hat eine weniger traumatische Geschichte. Die Ansichten von Cecil Rhodes oder Admiral Nelson sind, auch wenn sie anno dazumal ziemlich konventionell waren, heute ganz ohne Zweifel nicht mehr en vogue. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass viele Briten, wenn sie zu Nelson auf seiner Säule hochschauen oder am Oriel College in Oxford vorbeigehen, inspiriert werden dürften, für die Sklaverei einzutreten oder ein Großreich in Afrika aufzubauen.

Der Süden der USA freilich stellt immer noch ein Problem dar. Die Verlierer des Bürgerkrieges haben sich mit ihrer Niederlage nie so recht abgefunden. Viele, wenn auch keinesfalls alle Menschen im Süden empfinden die konföderierte Sache und ihre Denkmäler nach wie vor als Teil ihrer kollektiven Identität. Obwohl kaum ein vernünftiger Mensch für die Wiedereinführung der Sklaverei eintreten würde, ist die nostalgische Sehnsucht nach dem alten Süden noch immer von Rassismus durchsetzt. Dies ist der Grund, warum Statuen von General Lee vor Gerichtsgebäuden und an anderen öffentlichen Orten schädlich sind und warum viele Menschen, einschließlich von liberalen Amerikanern im Süden der USA, sie gern los wären.

Es gibt keine perfekte Lösung für dieses Problem, eben weil es nicht nur um Steinschnitzereien geht. Die Ressentiments im Süden sind politischer Art. Die Wunden des Bürgerkriegs sind noch immer nicht verheilt. Ein großer Teil des ländlichen Südens ist ärmer und weniger gebildet als andere Bereiche der USA. Die Menschen dort haben das Gefühl, dass die städtischen Eliten der Küstenregionen sie ignorieren und auf sie herabblicken. Das ist der Grund, warum so viele von ihnen Donald Trump gewählt haben. Ein paar Statuen umzuhauen wird dieses Problem nicht lösen. Es könnte es sogar noch verschlimmern.

(c) Project Syndicate

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