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Das (beinahe) bessere Amerika

Weshalb der aktuelle Kanada-Hype nur teilweise gerechtfertigt ist.

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Seit November 2015 hat Kanada 39 671 syrische Flüchtlinge aufgenommen.

Als US-Präsident Donald Trump eine 90-tägige Einreisesperre für Flüchtlinge und Visa-Inhaber aus bestimmten mehrheitlich muslimischen Ländern verfügte, reagierte der kanadische Premierminister Justin Trudeau auf Twitter mit den Worten: „An alle, die vor Verfolgung, Terror und Krieg fliehen, Kanadier heißen euch willkommen, unabhängig vom Glauben. Vielfalt ist unsere Stärke #WelcomeToCanada.“

Der Tweet wurde von Verfechtern offener Grenzen aus aller Welt gefeiert.

Weniger ausführlich als über Trudeaus Willkommensgruß an die Flüchtlinge wurde darüber berichtet, dass Kanada für das Jahr 2017 eine Obergrenze von 1000 mit privaten Mitteln versorgten Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak eingeführt hat.

Trudeau jongliert ständig mit der Wirklichkeit und seiner Außendarstellung, um sowohl die linke als auch die rechte Seite des politischen Spektrums zufriedenzustellen.

Seit November 2015 hat Kanada 39 671 syrische Flüchtlinge aufgenommen. Von denen haben, so regierungseigene Daten, die meisten keine Ausbildung oder höhere Schulbildung und sprechen weder Englisch noch Französisch. Eine jüngere Umfrage der Immigrant Services Society von British Columbia belegt, dass nur 17 Prozent der in dieser Provinz mit staatlichen Mitteln versorgten Flüchtlinge tatsächlich arbeiten. Von denen, die Jobs gefunden haben, sind die meisten im Einzelhandel, in der Gastronomie, in der Industrie und auf dem Bau beschäftigt, also in Branchen mit relativ geringer Qualifizierung, in denen die Syrer mit Einheimischen um Arbeitsplätze konkurrieren. Viele der mit der ersten Flüchtlingswelle eingereisten Migranten beklagen nun, dass ihre einjährige Eingliederungshilfe ausläuft.

Trudeau jongliert ständig mit der Wirklichkeit und seiner Außendarstellung, um sowohl die linke als auch die rechte Seite des politischen Spektrums zufriedenzustellen.

Nehmen wir beispielsweise seine wiederholte Betonung der Bedeutung des Klimawandels, mit der er die Umweltschützer für sich einnahm. Doch ungeachtet dessen spendete er jüngst Beifall, als Trump das auf der Agenda kanadischer wie US-amerikanischer Umweltaktivisten ganz oben rangierende Pipelineprojekt Keystone XL wieder auflegte.

Trudeaus Strategie ist durchaus nicht dumm: Es ist recht schwierig, zum Widerstand gegen einen Staatschef aufzurufen, der mögliche Gegner dadurch ruhigstellt, dass er ihnen sagt, was sie hören wollen. Das Wahlvolk findet knackige Sprüche und Ankündigungen allemal spannender als parlamentarische Abstimmungen.

Ein anderes Beispiel der Trudeauschen Unschärfe zwischen Darstellung und Wirklichkeit: Kanada ist, so die Jane's Information Group, die die Militärausgaben sämtlicher Staaten erfasst, derzeit (nach den Vereinigten Staaten) der zweitgrößte Waffenexporteur in den Nahen und Mittleren Osten. Unter dem damaligen Premierminister Stephen Harper unterzeichnete Kanada 2014 einen 15 Milliarden Dollar-Vertrag mit Saudi-Arabien über die Lieferung leicht gepanzerter Fahrzeuge. Saudi-Arabien ist der Hauptfinanzier des Islamischen Staats, der die Massenflucht in den Westen zu verantworten hat. Die „humanitäre“ Regierung Trudeau genehmigte den Export dieser Fahrzeuge.

Das Wahlvolk findet knackige Sprüche und Ankündigungen allemal spannender als parlamentarische Abstimmungen.

Eine Umfrage des Ipsos-Instituts ergab kürzlich, dass sich Kanadier deutlich weniger vor äußeren Bedrohungen fürchten als US-Amerikaner. Nur 39 Prozent der befragten Kanadier stimmten der Aussage zu, das Land müsse „sich stärker vor der heutigen Welt schützen“ (gegenüber 47 Prozent der befragten US-Amerikaner). Kanadier wissen es zu schätzen, wenn ihre Politiker sie in Ruhe lassen und nicht allzu hektisch herumregieren – so können sie auch nichts vermasseln.

Wie die Bürger eines Landes auf negative Globalisierungsfolgen reagieren, hängt auch von den historischen Erfahrungen ab. Kanada blickt nicht wie die Vereinigten Staaten oder Frankreich auf eine revolutionäre Vergangenheit zurück, und die Kanadier sind traditionell stolz darauf, Gefahren nicht mit roher Gewalt, sondern mit diplomatischer Besonnenheit zu begegnen. Üblicherweise wählen sie lange vorm Einsetzen öffentlicher Proteste unbeliebte Politiker einfach ab.

Trudeau profitiert davon, dass Kanada nie voll auf die Globalisierung setzte. Das Land war so vernünftig, sich nicht wie Europa in eine wirtschaftliche Zwangsjacke zu quetschen, sondern stattdessen ausgewogene Handelsabkommen abzuschließen, wie es nach der Brexit-Abstimmung auch vom Vereinigten Königreich angestrebt wird. Außerdem profitiert Kanada davon, viel Platz zu haben – und dass ein Ozean das Land von dem kulturellen Tsunami trennt, den Europa derzeit erlebt.

In der aktuellen Anti-Globalisierungs-Ära steht Kanada nicht unter dem Druck, den andere westliche Nationen aushalten müssen. Angesichts der von Trudeau und der kanadischen Regierung verfolgten Strategie des Doppelspiels verharren die meisten Bürger Kanadas in Verwirrung oder seliger Unwissenheit. Die Nebeltaktik ist keine schlechte Strategie, solange die Menschen keine negativen Auswirkungen auf ihren Alltag spüren – die Erfahrung, was andernfalls passiert, blieb der kanadischen Regierung bislang erspart.

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