Eine brandgefährliche Wette

Sanktionen werden den Konflikt mit Moskau nicht lösen. Das Ende könnte bitter werden.

Lust auf russisch, nein, amerikanisch Roulette?

In der Frage der Wirtschaftssanktionen gegen Russland stehen sich zwei Ansichten unversöhnlich gegenüber. Nach offizieller Lesart des Westens sind Sanktionen ein Mittel, Russland für seinen Verstoß gegen die Regeln der internationalen Ordnung zu bestrafen und sein künftiges Verhalten zu korrigieren. Die Russen sehen das völlig anders. In ihren Augen sollen die Sanktionen Russland und seine Verteidigungsfähigkeit schwächen. Diese gegensätzlichen Auffassungen sind nur die Spitze eines Eisbergs gegenseitiger Missverständnisse zwischen Russland und dem Westen, die in der fundamentalen Uneinigkeit darüber wurzeln, wie Nationen in der Welt von heute ihre Sicherheit gewährleisten können.

„Putin lebt in einer anderen Welt“, lautet ein berühmter Satz Angela Merkels. Sie meinte damit, dass sich der russische Präsident in einem anderen Bezugsrahmen bewegt und daher politische Ereignisse und Maßnahmen völlig anders wahrnimmt als wir im Westen. In der Frage der globalen und nationalen Sicherheit ist das zweifellos der Fall. In der Beurteilung der Sicherheitslage, des russischen Vorgehens in der Ukraine und des Sinns von Sanktionen trennen uns Welten.

 

Die zwei Welten der Gegner

Nach westlichem Verständnis muss sich Sicherheit in einer eng verzahnten Welt auf Kooperation, Dialog und Vertrauen stützen. Garantieren können sie nur Partner, die in ein System mit festen Regeln eingebunden sind. Mit diesem Sicherheitsbegriff können die Russen nichts anfangen. Nach ihrem Verständnis können sie Sicherheit und Souveränität nur gewährleisten, wenn sie sich unabhängig von anderen verteidigen können. Keine multinationale oder supranationale Organisation kann das für sie übernehmen.

In der Frage, wie es zum Konflikt in der Ukraine kommen konnte, sind wir völlig unterschiedlicher Ansicht. Nach Putins Auffassung griff er ein, um Russland zu verteidigen und ein drohendes Sicherheitsrisiko auszuschalten. Nach dieser Logik wird Russland vom Westen bedrängt. Es darf nicht zulassen, dass die Ukraine, mit der es wirtschaftlich so eng verbunden ist, gänzlich in den Einflussbereich seines Gegners gerät, der die Ukrainer beschwatzen oder zwingen könnte, sich gegen die Russen zu stellen, ohne dass Russland Mittel hat, diesen Druck zu erwidern. Aus westlicher Sicht dagegen bedroht der Regelverstoß Russlands unser gesamtes System und somit die Sicherheit (und auch Wohlstand und Freiheit) aller.

Nach Aussage westlicher Staatschefs bezwecken sie mit den Sanktionen, „Putins Kalkül zu verändern“. Das setzt voraus, dass es Vorteile gäbe, auf die Putin bereit wäre zu verzichten, wenn im Gegenzug der Druck aktueller oder künftiger Sanktionen gemildert wird. Doch wer von diesem Kosten-Nutzen-Modell ausgeht – das der Strafverfolgung entliehen ist –, verkennt gründlich, was für Russland auf dem Spiel steht. Für die Russen ist die Ukraine keine Beute, deren Wert sie mit den Kosten des Raubzugs verrechnen. In ihren Augen diente Russlands Eingreifen in der Ukraine vielmehr der Verteidigung gegen eine existenzielle Bedrohung.

Für die Russen ist die Ukraine keine Beute, deren Wert sie mit den Kosten verrechnen. In ihren Augen diente Russlands Eingreifen vielmehr der Verteidigung gegen eine existenzielle Bedrohung.

Durch die Sanktionen meint der Westen die Russen zwingen zu können, dass es sein Verhalten in akzeptablere Bahnen lenkt. Nach russischer Sicht aber zwingt er sie zu wählen: Entweder, sie akzeptieren eine politische und militärische Situation, die das Überleben ihrer Nation langfristig bedroht, oder sie setzen sich einem nicht enden wollenden eskalierenden Wirtschaftskrieg aus. Für Russland ist das keine Wahl. Es verliert in jedem Fall.

Wir sitzen daher in einer Falle, die wir uns selbst gestellt haben. Wir haben eine Politik betrieben, die nie nach Plan verlaufen, sprich Russland zwingen konnte, sein Verhalten zu ändern und die Regeln unserer Ordnung zu befolgen. Die Russen werden diese Regeln nicht befolgen, solange sie davon überzeugt sind, dass unsere Ordnung sie an der Wahrung ihrer eigenen Sicherheit hindert. Sanktionen können daher unser „Russland-Problem“ nicht lösen. Solange sich Russland bedroht fühlt und noch in der Lage ist sich zu verteidigen, wird es sich verhalten wie in der Ukraine – und schlimmer.

 

Sieg = Zusammenbruch?

Wenn ein „Sieg“ in diesem Konflikt darin besteht, dass wir Russland unser Verständnis internationaler Sicherheit aufzwingen, dass diese Version also die Oberhand gewinnt über die russische, dann kann dieser Sieg nur eine Form annehmen: Russland muss vollständig zusammenbrechen. Manch einer im Westen sieht Russland schon auf dem besten Weg zum internen Kollaps, der womöglich eher früher als später eintritt, durch Sanktionen aber beschleunigt wird. Das ist eine brandgefährliche Wette. Denn wenn wir Russland lediglich der Gefahr eines Zusammenbruchs aussetzen, wird es sich genötigt sehen, Präventivmaßnahmen zu ergreifen. Solange Russland über Vergeltungswaffen verfügt (in der gesamten Bandbreite des Arsenals, von Atomsprengköpfen und anderen militärischen Kampfmitteln bis hin zur Energie und zu Cyber-Waffen), wird es sie alle einsetzen, ehe es kapituliert.

Wenn unsere Strategie darin besteht, Russland dazu zu zwingen, seinem Ziel einer unabhängigen Wahrung der eigenen Sicherheit und Souveränität abzuschwören, dann müssen wir auch bereit sein, diese Strategie bis zum bitteren Ende durchzuziehen. Dann müssen wir einen Plan haben, wie wir alle russischen Waffen unschädlich machen oder wie wir sie überleben können.

Falls wir das alles nicht wollen, welche Alternativen haben wir dann? Ein nicht-militärisches Ende ist nur zu erreichen, wenn wir die Grundproblematik der unvereinbaren Sicherheitsbegriffe lösen. Putins Interesse ist die Sicherheit. Unseres auch. Wir haben fundamental unterschiedliche Ansichten. Diese Unterschiede beizulegen, muss das wahre Thema von Verhandlungen sein.

Von: Clifford Gaddy
Veröffentlicht am 09.03.2015
Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Bestellen Sie hier den Newsletter.
Jürgenmeyer schrieb am 09.03.2015
Kann mich dieser Einschätzung nur anschließen... Die Sanktionen werden Russlands Kurs NICHT ändern, sondern die Bevölkerung weiter in die Armut treiben und damit in die Arme von demagogischen Populisten. Daraus kann nicht Gutes kommen.
Andreas Losert schrieb am 09.03.2015
Wir haben nicht zwei Welten zu Verfügung, sondern eine Welt, die nicht mehr den Konfrontations- und Wettgelüsten einiger weniger Machtmenschen ausgesetzt werden darf.
Wir Menschen von heute, sind sicher nicht besser, als die Menschen von früher. Die Möglichkeit der Medien, die fatale Gemengenlage von Intoleranz , Fanatismus, Krieg und Terror, international zu durchbrechen, war allerdings noch nie so ausgeprägt wie heute.
Arbeiten WIR a priori an den wirklichen Herausforderungen der Menschheit. Globler Klimaschutz auf rechtlicher Grundlage der UN Menschen-/Voelkerrechtskonventionen, schafft sukzessive die besseren Voraussetzungen für Frieden, Sicherheit und Vertrauen in globale Partnerschaft.
Dr. Manfred Fröbel schrieb am 09.03.2015
Könnte es sein, dass das russische Sicherheitsdenken aus den Erfahrungen gespeist wurde und wird, die die jeweiligen russischen/sowjetischen Regierungen mit Resteuropa in den Jahren 1918 bis 1920 - Intervention gegen die junge Sowjetmacht- , 1942 bis 1945 - 2. Weltkrieg mit 20 Mio. Toten - und nach 1990 - Einkreisung durch die NATO - gemacht haben? Die Gefahr kam immer aus dem Westen. Kann man einer US-Administration trauen, die gefälschte Geheimdienstberichte bestellt hat um den Irak militärisch anzugreifen und zu besetzen? Kann man der NATO trauen, die mit gefälschte Plänen eine Vorwand konstruierte um Serbien zu bombardieren? Man kann die Aufzählung fortsetzen.
Ich glaube, die Russen sind da sehr vorsichtig geworden. Das kann ich verstehen.
Agneta schrieb am 09.03.2015
Ein kluger Politiker hätte, wie im Artikel gut beschrieben, die Interessen und auch die Lage Russlands bedacht, überlegter gehandelt. Wie hätte Putin reagieren sollen nach dem von westlicher Seite unterstützten Putsch in der Ukraine? Was hat man angenommen, wie er reagieren würde. Hatte man überhaupt an die Folgen gedacht? Und wie hätte Amerika reagiert im umgekehrten Falle?

Die Politik des Westens im Ukraine-Konflikt war von Beginn an ein Desaster. Um Russland zur Einsicht zu zwingen riskiert man neben eigenen wirtschaftlichen Einbussen den Frieden Europas. Es wäre ein Anfang, würde man sich die eigenen Fehler eingestehen. Der Zusammenbruch Russlands kann und darf nicht das Ziel sein.
Böttiger schrieb am 10.03.2015
1. Der Westen wusste genau, was er in der Ukraine angestellt hat. Friedman von Stratfor
hat zwei Jahre vorher das Programm und seine Gefährlichkeit beschrieben.
2. Das obige Konzeot berücksichtigt nur "die Politik". Entscheidend sind aber die Finanzen und
die Finanzmacht $ mit ihrer Plünderwirkung. Von der will sich Russland und China (BRICS und SCO) befreien. Das sollte das Vorrücken der Nato entgegen der ursprünglichen Vereinbarungen von 1990 und das Vorgehen in der Ukraine verhindern bezw. die Möglichkeit dazu brechen - wenn nötig mit Gewalt und vor allem - wenigstens im Auftakt - mit ausländischen Kämpfern wie im Nah Ost praktiziert. Das bringt uns dem 3. Weltkrieg nahe.
Jane Rand schrieb am 10.03.2015
Natürlich ist die Ukraine eine existenzielle Bedrohung - von Herrn Putin korrupte Diktatur.
Jens Behling schrieb am 11.03.2015
Der Artikel beschreibt sehr gut die russische Sicht. Aus Sicht des Westens muss es das Ziel sein, die diktatorische, kommunistische Politik Russlands in eine demokratische, kapitalistische Politik zu wandeln. Diese hat sich in den letzten Jahrzehnten global als erfolgreicher - auch für ein friedliches Zusammenleben - erwiesen.
Betrachtet man die Erfahrungen, die Russland seit 1914 mit dem Westen gemacht hat, muß man auch die Erfahrungen betrachten, die der Westen mit Russlands/Putins Politik gemacht hat. Da diese für den Westen nur schwer kalkulierbar ist, frage ich mich, ob es tatsächlich erstrebenswerter wäre, einen nichtkalkulierbaren "Partner" in seinem konträr zur westlichen Welt ausgerichteten Weltbild auch noch aufzubauen. Solange Russland/Putin für den Westen nicht kalkulierbar ist, gibt es keine Musterlösung.
Herr Gaddys Fazit trifft genau den Punkt.

Nebenbei - der Eingriff der NATO im ehemaligen Jugoslawien widersprach nicht dem Völkerrecht, da er als Ersatzvornahme einen Völkermord verhinderte, ohne dass die eingreifenden Nationen dabei eine Gebietsnahme angestrebt oder durchgeführt haben.
joeha schrieb am 11.03.2015
Auf den ersten Blick leuchtet der Artikel ein. Es liegt ein Dissenz vor. Der Westen will nicht bedrohen, Russland fühlt sich aber gleichwohl bedroht. Ergo, es müssen Maßnahmen getroffen werden, die verlorenes Vertrauen wiederherstellen. So schön, so gut. Das Problem ist, wie soll das gehen? Der Autor meint, Sanktionen helfen nicht weiter, weil Russland das missverstehen könnte. Waffengewalt wurde von unserer Seite ausgeschlossen, weil wir nicht in die Logik von Gewalt und Krieg hineingezogen werden wollen. Das sind die Lehren aus der Entwicklung hin zum 1. Weltkrieg, wir wollten und wollen keine Schlafwandler sein. Was aber ist zu tun in einer Situation, die eher der von 1938 ähnelt? Mag sein, Russland fühlt sich bedroht. Kann es dann hingenommen werden, dass es einen hybriden Krieg anzettelt? Darf es sein, das es revisionistische, bzw. revanchistische Politik der Stärke betreibt? Die Antwort kann nur ein klares nein sein. Es kommt auch nicht so sehr darauf an, was Putin will und denkt. Es kommt langfristig darauf an, wie die Russen, die es teilweise zu großem Wohlstand oder auch bescheiderenem gebracht haben. Wenn dieser Wohlstand der städtischen Bevölkerung ins Rutschen kommt, wird sich dieser Kreis von Putin und dessen Machtelite abwenden. Das ist durchaus mittels der Sanktionen zu erreichen. Das reicht natürlich nicht aus. Wir hier in Europa, zusammen mit Amerika müssen Versäumnisse bei der Rüstung erkennen und die Fehler beheben. Zunächst gilt es eine Antwort auf die entstandene Abschreckungslücke, die den hybriden Krieg Russlands überhaupt ermöglicht hat, zu schließen. Die Abschreckung mit Atomwaffen hat funktioniert. Jeder Mensch weiß, ein Atomkrieg ist nur für ganz wenige zu überleben. Die konventionelle Abschreckung hat auch funktioniert. Jeder weiß, die konventionellen Waffensyteme sind furchtbar, furchtbarer noch als im 2. Weltkrieg und ein großer, konventioneller Krieg ist tunlichst zu vermeiden. Eine Stufe darunter ist die von Russland gewählte Form des kleinen Krieges, begrenzt, flankiert von einer riesigen Propagandamaschinerie, die ihre Spuren bis weit in unsere Gesellschaft heintreibt. Hier muss angesetzt werden. Lügen sind aufzudecken. Präsident Putin lügt, das gibt er ja selber zu, siehe Krim und deren Heimholung ins "Reich". Wir müssen erkennen, welche Werte wir verlieren können. Werte, die sich aus der amerikanischen und französischen Revolution entwickelt haben, Gewaltenteilung, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Menschenrechte, Demokratie. Dann müssen wir umdenken. Russland will wieder eine Weltmacht sein und auf Augenhöhe verhandeln. Dabei ist Russland nur auf dem industriell-militärischen Feld eine Weltmacht, wirtschaftlich keinesfalls. Das russische Gesellschaftssystem findet keine freiwilligen Anhänger, langfristig noch nicht einmal in Russland selber. Nationalistisch-völkische Politik kann nur kurzfristig die Mehrheit einer Gesellschaft gewinnen, wie man auch bei uns sehen kann. Da waren es ca. 12 Jahre und nicht 1000 wie propagandistisch herausgeschrien.
Der Artikel geht hinsichtlich des russischen Denkens von einer falschen Ausgangsposition aus. Der Artikel schildert die russische Politik eher als defensiv. Das ist sie aber nicht. Russland will eine Gegenkultur zum Westen entwickeln, die der gelenkten Demokratie, aufbauend auf Zarismus, Stalinismus und ein bischen Breschniewdoktrin. Russland will den Westen spalten. Erst Amerika von Europa, dann die einzelnen Staaten der EU. Die Eurasische Union soll nicht nur ein gemeinsamer Markt sein, sondern eine alternative Wertegemeinschaft unter Führung Russlands. Dem Artikel ist zuzustimmen, wir sitzen in der Falle. Nicht wegen der Sanktionen, die vielleicht als Druckmittel bei Verhandlungen dienen können, sondern wegen unserer militärischen Schwäche. Die gilt es mit allen Anstrengungen zu überwinden, so furchtbar das ist. Das jetzige Russland ist im Grunde genommen zu der Politik der Sowjetunion zurückgekehrt. Deren Sinnen und Trachten war es auch schon, soweit wie möglich nach Westen vorzudringen. Das Konzept war die Idee des Kommunismus. Die Abschreckung hat uns einen kalten Krieg gebracht. Die Abschreckung hat uns aber auch Verhandlungen gebracht, einen erträglichen Statusquo. Die Wirtschaftskraft des Westens und die abschreckende Wirkung der NATO hat in Russland einen Mann namens Gorbaschow hervorgebracht, der eingesehen hat, das Imperium ist überdehnt, es droht zusammenzubrechen. Er hat die notwendigen Konsequenzen gezogen. Warum soll sich ähnliches nicht auch in Russland ereignen, wenn dort außerhalb der Machteliten die Vernunft wieder Einkehr findet? Verhandlungen über die unterschiedlichen Auffassungen von Sicherheit lassen sich leider nur auf Augenhöhe führen, wenn wir bereit sind, zu erkennen, was für uns auf dem Spiel steht, für unsere Werte zu kämpfen. Um den heißen russisch-ukrainischen Krieg einzudämmen, bedarf es europäisches, diplomatisches Geschick. Um Russlands Expansionsdrang einzudämmen, benötigen wir leider militärische Abschreckung. Das aber geht nur zusammen mit Amerika. Übrigens, aus russischen Militärkreisen war zu hören: "Ein Krieg zwischen uns und dem Westen ist unvermeidbar, wird sind aber rüstungstechnisch noch nicht so weit."
Syrus Becker schrieb am 11.03.2015
Amerika zündelt im Vorhof von Russland zum Schaden Europas. Es geht hier um Wirtschaftliche Interessen der USA .Je stärker die Bedrohung aufgebaut wird und die Russen darauf reagieren desto mehr Waffen verkaufen die USA an Europa ! So einfach ist Weltpolitik ! Die dann auch mal dank der Westlichem Medienhuren mit ihre Propaganda zum Weltkrieg führt! Eine Gesellschaft die sowas toleriert hat den Untergang verdient!
Mark Merz schrieb am 12.03.2015
Alle Beteiligten kennen die machtpolitischen Realitäten ganz genau. Keinem Spitzenpolitiker irgendeines westlichen Landes muß man erklären, was in der Ukraine gespielt wird und wie die Russen das sehen.
Um die idealisierende Sicht internationaler Beziehungen - insbesondere die eines friedlichen Westens, der ausschließlich gemäß internationalem Recht agiert - für bare Münze zu nehmen, muß man schon sehr naiv sein oder/und sich sehr einseitig und unkritisch in unseren Medien "informieren".
Der Artikel ist als Entmystifizierung des medialen Zerrbildes westlicher Unschuld zu verstehen - nicht als politikwissenschaftliches Plädoyer zur Aufklärung eines Missverständnisses.
Rene A schrieb am 13.03.2015
Ich stimme zu, dass die Sanktionen gegen Russland eine gefaehrliche Wette sind, bei der der Westen wenig zu gewinnen und alles zu verlieren hat. Diese Wette macht nur dann sind, wenn man fest davon ueberzeugt waere, dass was immer nach Putin kommen mag, nur besser werden koenne. Dies scheinen unsere Politiker und Journalisten zu glauben. Ich bin davon jedoch nicht ueberzeugt. Eine Destabilisierung Russlands mag Putin zu Fall bringen, ja. Aber was nach Putin kommt, kann meiner Ansicht nach nur schlimmer werden (was keineswegs heissen soll, dass der jetzige Putin-Zustand gut sei). Die Russen haben mit Jelzin schon einmal ausprobiert, wie ein schwacher Praesident aussieht, der nach der Pfeife des Westens tanzt. Ich glaube kaum, dass die Russen dieses gescheiterte Experiment wiederholen wollen.

Davon abgesehen finde ich die Argumentationslinie des Artikels etwas abwegig. Was genau sind denn bitte das "Regelsystem des Westens", das Russland zweifellos gebrochen hat? Beziehungsweise wieso ueberhaupt sollte sich Russland daran halten ... oder anders gefragt, mit welchem Recht beansprucht der Westen, dass Russland diese Regeln einhaelt und ermaechtigt sich, Russland zu bestrafen wenn es nicht mitspielt?

Mit "Kooperation, Dialog und Vertrauen" haben diese westlichen Regeln jedenfalls nichts zu tun, sondern vielmehr mit "Hierarchie, Unterordnung und Gehorsam". Der Ukrainekonflikt begann ja nicht mit dem russischen Regelbruch auf der Krim. Der Ukrainekonflikt begann auch nicht mit dem Maidan. Der Ukrainekonflikt begann damit, dass die EU die Ukraine zwingen wollte, das Assoziierungsabkommen zu unterzeichnen, dass sowohl gegen ukrainische als auch russische Interessen verstiess. Der Ukrainekonflikt begann, als die USA Steuergelder in Milliardenumfang in die ukrainische Opposition butterten und somit einen prowestlichen Regierungswechsel herbei fuehren wollten. Der Ukrainekonflikt begann, als die US-Navy im September 2013 (also 2 Monate for dem Maidan und 5 Monate vor dem Umsturz) eine oeffentliche Ausschreibung herausgab fuer die Renovierung und Herrichtung ihres neuen Flottenstuetzpunktes ... und zwar in Sewastopol auf der Krim. Fuer alle, die das nicht glauben wollen, hier der Link zur oeffentlichen Aussschreibung (ein hoch auf das neoliberale Dogma, alle staatlichen Ausschreibungen oeffentlich zu machen):

https://www.fbo.gov/index?s=opportunity&mode=form&id=2bb691b61c59be3a68180bd8c614a0cb&tab=core&_cview=1

Man denke mal darueber nach, was das bedeutet: Bereits im September 2013 plante die US Navy, einen Flottenstuetzpunkt auf der Krim einzurichten. Sie wussten also erstens, dass es einen politischen Wechsel geben wuerde. Und zweitens gingen sie fest davon aus, dass sie die Krim unter Kontrolle bekommen wuerden und dann dort einen eigenen Flottenstuetzpunkt errichten koennten.

Wir sehen hier, die Regeln des Westens lauten wie folgt:
(1) Wir gewinnen.
(2) Du tust, was wir fuer richtig halten.
(3) Wenn Dir das nicht passt, dann gilt Regel (2) wegen Regel (1).

Man erinnere sich nur an den ABM-Vertrag oder an das Verbot der Entwicklung von Abwehrsystemen gegen Interkontinentalraketen. Ausgehandelt auf Augenhoehe mit der UdSSR. Doch als es die UdSSR nicht mehr gab und als die USA andere Interessen entwickelten, wurden diese Abkommen einseitig aufgekuendigt. Soviel zum Thema "Vertrauen", "Verlaesslichkeit" und "Regeln". Dass die Russen da nicht mitspielen wollen, sollte niemanden wundern.
Syrus Becker schrieb am 13.03.2015
Ich hatte noch nicht das vergnügen in einer echten Demokratie zu leben ! Bin aber seit meiner Geburt auf BRD Gebiet! Aber warum will der Westen die Sogenannte Demokratie Russland aufzwingen?
Dennis schrieb am 15.03.2015
@joeha
Schon wieder einer, der es nicht verstehen will aber schön und ausführlich Unsinn schreiben kann.
1. Angstbewältigungskurs besuchen.
2. Claus Kleber nicht zuhören und schon gar nicht nachplappern.
3. Putin mal wirklich zuhören, denn er redet Klartext. Ja er hat bei der Krim gelogen, aber zeigen Sie mir mal einen Politiker der nicht gelogen hat. Wenn ich mir den Blödsinn und Lügen anhöre, die Merkel und Obama von sich geben träume ich von Putin als meinen Präsidenten. Wenigstens verrät er sein eigenes Volk nicht, was die Umfragewerte belegen.
g.bauer schrieb am 16.03.2015
Zur Information: STRATFOR: US-Hauptziel seit einem Jahrhundert war Bündnis Russ-land+Deutschland zu verhindern – Rapallo-Komplex
https://www.youtube.com/watch?v=oaL5wCY99l8
In diesem Video werden Handlungsanweisungen für die US-Sicherheits- und Außenpolitik geäußert, die durch die praktische Politik der USA erstaunlich weitgehend bestätigt werden. Wenn Sie sich die Äußerungen von Friedmann anhören, dann werden Sie manche Schritte und Schachzüge der US-Politik und der dahinter steckenden, von den Republikanern gepräg-ten Ideologie einordnen können.
Sie als antiamerikanisch Äußerungen abzutun wird einer gemeinsamen Sicherheit nicht ge-recht, da damit die Frage nach den Gründen einer fehlenden, gemeinsamen Sicherheit nicht beantwortet werden kann.
joeha schrieb am 16.03.2015
Dennis, träumen sie weiter. Falls sie hier in Europa leben, wird sich ihr Traum von ihrem Präsidenten Putin wohl nicht erfüllen. Putin redet Klartext, das mag sein, gelogener Klartext, wie wir diese Tage aus seinem eigenen Mund erfahren. Die Umfragewerte in Russland besagen gar nichts. Die entsprechen den üblichen Werten für Machthaber in totalitären Staatswesen. Sicher gibt es überzeugte Putianer, weit mehr werden aber Mitläufer sein. Die meisten aber sind Opfer. Opfer der russischen Propaganda, die es fertig bringt, aus schwarz weiß und aus Bohnen Erbsen zu machen. Leider scheint diese Propaganda dieses Forum auch nicht verschont zu haben. Wie so etwas funktioniert haben wir in Deutschland in der Vergangenheit auch schon erlebt. Das kam dann ganz schlimm. Das Volk war seines Führers nicht wert und sollte zur Strafe mit untergehen. Ich hoffe inständig, dass diese Erfahrung den Russen und uns erspart bleibt. Putin hatte sogar überlegt, Atomwaffen einzusetzen, wegen der Krim, sagt er jetzt in einer Doku. Bitte belegen sie die Lügen von Frau Merkel und Herrn Obama.
Übrigens, ich habe es nicht nötig, einen Agstbewältigungskurs zu besuchen, weil ich glücklicherweise nicht unter Angsstörungen leide. Klaus Kleber und anderen guten Joernalisten, wie Golineh Atai, Ina Ruck, Boris Reitschuster und anderen werde ich auch zukünftig zu hören, mir eine eigene Meinung bilden. Immer nach dem Motto: Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Stammt von Kant, sein Grab ist in Königsberg, gehört als Exklave zu Russland. Zu dem Grab am Dom gehen aufgeschlossene Russen sehr gern. Habe ich selber gesehen.
Syrus Becker schrieb am 17.03.2015
@johea die 90% bzw 95% Zustimmung der Russen für Putin sind laut Aussage Amerikanischen Meinungforschern von ihnen selbst erhoben worden und nicht durch Russische Institute. Und Reitschuster hat wohl seinen Still bei einigen Propaganda Lehrer aus der Zeit von 1933 bis 1945 angeschaut! wer wirklich wissen will was Sache ist , sollte sich mal bei Schweizerischen Journalisten oder Amerikanischen Freien Journalisten schlau machen .Die sind im Gegensatz der Deutschen Medienhuren nicht gekauft von der Atlantikbrücke! PS .ich warte immer noch auf eine Anklage Obamas vor einem internationalen Gericht wegen Kriegsverbrechen ,Drohnenmorde .Folter und NSA Spionage in Deutschland.!!!! Wo bleibt die Anlage vor einem Deutschen Gericht????? Ist Deutschland souverän ??? Anscheinend nicht ! Die Finanzmafia zieht doch die Fäden im Hintergrund ! Es geht doch nur um Macht und Geld ind der Ukraine. Und Russland kann und darf da nicht tatenlos zusehen wie ein Genozid an Rusichstämigen Menschen im Donbas verübt wird! Putin hätte schon viel früher eingreifen müssen um die Faschistischen Putschisten aus Kiew rauszuschmeissen .
Lala schrieb am 24.03.2015
Ich kann nur für gut heißen was der Herr Dr. Manfred Fröbel geschrieben hat und
die Politiker und das Volk im Westen zu überlegen ob das ganze was die Amerikaner und die Nato machen richtig ist.Mit welche lügen haben sich die Politiker bedient um Krieg in Ehemaligen Jugoslawien , Iraq usw,anzufangen.
Denken sie nur an Klaus Kinkel und die anderen.
Das war das letzte,und keine ist bestraft deswegen.
Eines muss klar sein,die Russen werden sich wehren mit recht, und was dann?
Glaubt wirklich jemand das wir alle das überleben werden.
FKassekert schrieb am 25.03.2015
Wenn denn die Denk- und Handlungsweise des Westens die richtigere sein soll, dann muss man sich schon fragen, warum hat der Westen mit seinem einzigen globalen Anfuehrer dann sooft in den letzten Jahren versagt? Vietnam, Afghanistan, Irak, Arabischer Raum, Naher und Mittlerer Osten, Israel und Palaestina, Nigeria und Afrika, Mittelamerika, Suedamerika? Nun versucht man es auch noch mit der Ukraine, dann sind wer dran.
Dort wird mit Diktatoren, Alleinherrschern und Marionetten zusammengearbeitet, da werden gewaehlte regierungen gestuerzt, da wird gelogen und betrogen und bestochen ... Da laesst man Banken und Bankster, Hedgefondsmanager gewaehren - Alles um PROFIT! Ode rum was geht es denn anderes?
Daher kann dies doch auch nicht das wahre und richtigere sein? Es muss also eine oder andere Loesungen geben? Wer hat den Bin Laden entwickelt und warum? Wer hat ISIS und IS ans Licht geholt zunaechst? Wer spioniert die ganze Welt zu welchen Gruenden, NSA, CIA, FBI, denn aus?
Jannek Bar schrieb am 16.04.2015
Ich kann absolut nicht glauben, dass es Menschen geben kann, die nicht voll und ganz misstrauisch gegenüber der Anliegen und Beweggründe der Amerikanischen Regierung sind. Jedoch werde ich jeden Tag aufs neue eines besseren belehrt.
Putin ist auch kein Unschuldslamm, aber wer sich versucht daran aufzuhalten, mit dem muss man sich erst gar nicht unterhalten.

Das sich überhaupt alle über der Ukraine breit machen müssen. Ich kenne niemanden in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, der auch nur EINMAL im Leben daran gedacht hätte, sich um die Ukraine zu streiten. Ich denke da geht es denn meisten Amerikanern, Europäern und Russen genau so, bloß einigen Machthabenden nicht. Es wird über Sanktionen diskutiert und darüber was hier oder da in der Politik von sich gegeben wurde..

Anstatt zu realisieren, dass 1700 km von unseren idyllischen Neubausiedlungen entfernt Kinder und Frauen auf allen "Seiten" erschossen und bombardiert werden!!!???
Wo bleibt da der klare Menschenverstand?!
Parallel dazu, Vertreter verschiedener Interessengruppen die sich die Hände schütteln und zum diskutieren wohlmöglich skypen???

Oh, ihr armen Leute da draußen. Ich schäme mich in Grund und Boden für euer blindes Handeln und Denken!
Ich trauere um jeden, der die gesamte Welt in der wir ALLE leben, noch nicht gänzlich als Lüge entlarvt hat.
Ihr würdet alle wieder (...) wählen!
FKassekert schrieb am 09.05.2015
Das soll der Weisheit letzer Schluss sein? uSA - Einzige Globalmacht mit seinen europaeischen Verbuendeten, die man benutzt um dort zu spionieren, denn man traut sich so richtig nun auch nicht!
Russland, Regionalmacht- WO eigentlich? Europa oder Asien?
Sagt doch alles ... wir geben vor und so hats zu sein?
Ustin Groth schrieb am 18.05.2015
Wir sind doch alle mitschuldig! Es ist unser "Wohlstand" für den sich Menschen in anderen Ländern abschlachten.
Was würde denn passieren, wenn 400 Millionen Araber auf dem selben Wohlstandsniveau leben würden wie wir? Die würden ihr Öl einfach selber verbrennen und wir hätten nix!
Oder man stelle sich vor, 800 Millionen Afrikaner betreiben eigene Hightech-Industrien. Die würden ihre Rohstoffe auch selber verbraten und wir hätten nix...
Was wäre denn, wenn die 250 Millionen Menschen in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion ihre Bande nicht vorzeitig gekappt hätten und sich in ihren bestehenden wirtschaftlichen Verflechtungen entwickelt hätten auf West-Niveau... dann hätten wir keine Absatzmärkte und Rohstofflieferanten... die würden nämlich alles selbst machen!

Das heißt, wir brauchen Chaos und Armut in anderen Weltregionen, um unser Wohlstandsniveau zu halten, denn genug Rohstoffe für alle gibt es nicht!
Die Ukraine ist die nächste Absatzmarkt-Wüste, die sich der Westen zurechtbombt... Wahrscheinlich wird die Ukraine zu einer Art Mega-Kosovo oder Riesen-Moldawien oder sie wird zum weißen Kongo, Bürgerkrieg inklusive...
Detlef Henning schrieb am 06.06.2015
Der fundamentale Irrtum des Autors besteht in der Annahme, dass in den Augen der Russen "Russlands Eingreifen in der Ukraine vielmehr der Verteidigung gegen eine existenzielle Bedrohung" darstelle. Tatsächlich ist Russlands Politik nicht defensiv, sondern offensiv. Dies wird z.B. aus der Beobachtung der Politik Moskaus gegenüber den baltischen Staaten sichtbar: hier beginnt Russlands "Hybridkrieg" bereits lange vor Putin, spätestens seit dem Abzug der ehemals sowjetischen Truppen 1993/94, zu einer Zeit, als der Westen Russland noch alle Türen öffnen wollte: Leugnung der Okkupation 1940 ("Geschichtskrieg"), Instrumentalisierung der sog. russischen Minderheiten, Beeinflussung der Innenpolitik über Oligarchen, versuchte Beeinflussung von Wahlen, Einflussnahme über den Transit- und Energiesektor: all das ist viel älter als die Ukrainekrise und Teil einer außenpolitischen Strategie zur Wiederherstellung einer Hegemonialsphäre, wie sie der Hitler-Stalin-Pakt 1939 ermöglicht hatte. Gaddys Ausführungen sind nett gemeint, zeugen aber von einer fundamentalen Unkenntnis russischer Vorgehensweisen seit 1917. Ob die westliche Politik klug. richtig und moralisch war oder ist, ist demgegenüber zweitrangig und beeinflusst die russische außenpolitische Zielsetzung ud Einkreisungsparanoia (ebenfalls aus Lenins Zeiten) kaum.

Detlef Henning
Leserbrief schreiben

Bitte beschränken Sie sich auf max. 800 Zeichen und verlinken Sie nicht auf andere Websites, da wir den Leserbrief sonst ev. nicht veröffentlichen können.



Verfügbare Zeichen 800
* Wenn Sie Ihren Namen nicht angeben wollen, können Sie ein Pseudonym wählen. Ihre Emailadresse wird nicht veröffentlicht.
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Neuen Sicherheitscode generieren.


Bitte beachten Sie unsere Netiquette für Leserbriefe.