Die Menschheit tritt in eine neue Erdepoche ein. Paul J. Crutzen, der Nobelpreisträger für Chemie, spricht vom Anthropozän, das die gemäßigte Warmzeit der vergangenen 11.700 Jahre ablöst. Sie hat die menschliche Zivilisation geprägt und die rasche Entwicklung von Urbanisierung und Landwirtschaft ermöglicht. Der Begriff Anthropozän ist kein modisches Schlagwort, sondern ein Konzept von enormer Tragweite. Für das Time Magazine ist es nicht von ungefähr eine der zehn wichtigsten Ideen unserer Zeit. Einerseits lässt es keinen Zweifel an dem Verursacher der ökologischen Verrottung der Erde, andererseits weist es darauf hin, dass nur der Mensch selbst die ökologische Zerstörung beenden kann.

Die Fakten sind bekannt. Ohne einen sozialen und ökologischen Gesellschaftsvertrag wird die Welt durch die Grundprinzipien der industriellen Moderne zu einer zerbrechlichen Einheit. Auch der Brundtland-Bericht warnte bekanntlich vor einer verschmutzten, überbevölkerten, ungleichen und störanfälligen Erde. Und doch: Der Widerspruch zwischen Wissen und Handeln wächst.

 

Die Tragik unserer Zeit

Wie nie zuvor verfügt die Menschheit über gewaltige technische und wirtschaftliche Möglichkeiten. Doch diese werden nicht genutzt, um den Klimawandel zu stoppen, die Spaltung Europas zu beenden und die Risiken der Finanzmärkte in den Griff zu bekommen. Eine solidarische Welt bleibt unerreichbar. Die Moderne gerät in Konflikt mit sich selbst, weil die Modernisierungsprozesse zu einer immer weitergehenden Arbeitsteilung, Optionssteigerung, Beschleunigung und Machtkonzentration führen. In allen Bereichen der Wirtschaft und Gesellschaft nimmt die Entgrenzung in der zeitlichen und räumlichen Dimension rasant zu.

Die hohen Anforderungen an Integration, Koordination und Kompatibilität werden immer weniger erfüllt, je internationaler, komplexer und weitreichender die Prozesse werden. Die Entwicklung der Gesellschaft gerät in einen Modernitätsrückstand. Damit stößt wirtschaftliches Wachstum an soziale und ökologische Grenzen und Arbeit, Natur und Geld werden zu nichts als Waren, ohne Rückbindung an Lebenswelt und Ökosysteme.

Natürlich braucht eine Gesellschaft eine Ökonomie, aber die Gesellschaft selbst darf nicht zur Ökonomie werden. Sonst erniedrigen die Marktkräfte die menschlichen Tätigkeiten, erschöpfen die Natur und machen Währungen krisenanfällig. Das ist die wichtigste Erkenntnis von Karl Polanyi in seinem Hauptwerk The Great Transformation. Er beschreibt die Marktgesellschaft als Entbettung der Ökonomie aus sozialen Bindungen.

 

Die Große Transformation 2.0

Die Antwort muss ein neuer Gesellschaftsvertrag sein. Dabei geht es nicht nur um einzelne Probleme wie die Erderwärmung, die Überschreitung planetarischen Grenzen, die Finanzkrise oder soziale Unterschiede. Wichtiger ist die Erkenntnis, dass sie in einem inneren Wechselverhältnis mit der Entwicklungslogik der industriellen Moderne stehen.

Die wichtigste Schlussfolgerung ist deshalb dieselbe, die John Maynard Keynes nach der Weltwirtschaftskrise gezogen hat: Sie war nicht nur das Altersrheuma, sondern auch der Geburtsschmerz einer neuen Epoche. Erneut erleben wir einen neuen tiefen Einschnitt: Die entfesselte Globalisierung ist die Große Transformation 2.0. Eine gute Zukunft braucht eine sozialökologische Antwort. Denn anders als im quantitativen Wachstum muss die Natur als limitierender Faktor gesehen werden.

Heute sollen die Freihandelsabkommen CETA und TTIP den Neoliberalismus mit anderen Mitteln fortsetzen.

Und doch bleibt die Politik seit vier Jahrzehnten im Streben nach Wachstum gefangen. Sie müht sich ab, den Erwartungen der Märkte gerecht zu werden. Damals begann unter der Vorherrschaft der Banken die Deregulierung, die in die Finanzkrise 2008 führte. Heute sollen die Freihandelsabkommen CETA und TTIP den Neoliberalismus mit anderen Mitteln fortsetzen. Sogar die ökologische Selbstvernichtung wird denkbar.

Der Mensch schafft Monokulturen, rottet Tier- und Pflanzenarten aus. Er reguliert Flüsse, entfischt die Meere, beutet Rohstoffe aus. Die tropischen Wälder verschwinden in beängstigendem Tempo, mehr als drei Viertel der eisfreien Landflächen existieren nicht mehr in ursprünglichem Zustand. An vielen Strandregionen bestehen feine Sandkörner zu 40 Prozent und mehr aus Plastik. Agroindustrie und Geoengineering entfernen uns von der Natur. All das muss vor dem Hintergrund der nachholenden Industrialisierung bevölkerungsreicher Staaten wie China, Indien oder Brasilien gesehen werden – und mindestens weiteren 1,5 Milliarden Menschen bis zum Jahr 2050.

Damit es nicht zu Folgen kommt, die jenseits unserer Vorstellungskraft liegen, brauchen wir eine Annäherung an die Wahrheit. Doch die Wirklichkeit wird von Spezialisten zerlegt oder verliert sich in der Kurzfristigkeit des Augenblicks. Politik, die Zusammenhänge versteht und konkrete Visionen entwickelt, findet kaum noch statt. Wo bleibt die Vorgabe Alexander von Humboldts, der „die Erscheinung der Dinge in ihrem Zusammenhang“ stellt? Im Regime der kurzen Frist werden politische Entscheidungen immer isolierter und kurzfristiger.

Im Regime der kurzen Frist werden politische Entscheidungen immer isolierter und kurzfristiger.

Crutzen steht mit seinem Aufsatz The Geology of Mankind, der 2002 in Nature veröffentlicht wurde, in dieser Tradition. Der Mensch formt in nie gekannter Weise die Natur. Heute werden dreißig Mal mehr Sediment und Erde umgeschichtet als von der Natur selbst, neun Mal mehr Wasser verbraucht als vor 100 Jahren. 2008 wurde das Plateau der Ölförderung erreicht. Die Evolution wird in neue Bahnen gelenkt, der Mensch ist ein geologischer Faktor.

Dabei steht Anthropozän vor allem für den Klimawandel. Im letzten Jahrhundert wurde der Kohlendioxid-Ausstoß versiebzehnfacht. Wenn es nicht zu grundlegenden Veränderungen kommt, wird in drei Jahrzehnten eine globale Erwärmung um zwei Grad Celsius nicht mehr zu verhindern sein. Doch schon heute werden ärmste Weltregionen der Erderwärmung geopfert.

Wie weit die Menschenzeit bereits vorangeschritten ist, belegt das Konzept der planetarischen Grenzen. Es untersuchte neun Dimensionen, in denen die Gefahr schwerer, irreversibler Schäden besteht. Sieben Bereiche konnten bereits genau bestimmt werden, vier haben die Belastungsgrenzen überschritten: Biodiversität, Landnutzung, Klimasystem und Stickstoffkreislauf.

Das alles zeigt, der Umwelt- und Naturschutz braucht grundlegende Reformen: Ein bloßes Greening reicht nicht aus. Nur wenn es zu einer Ordnung kommt, die nicht in der Geiselhaft des wirtschaftlichen Wachstums bleibt, und nur mit einem reflexiven Fortschritt werden wir zu einer sozialökologischen Ausgestaltung der Transformation kommen. Dafür gehört die Ökologie – und damit die Anerkennung von Grenzen – ins Zentrum einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die weder Mangel noch Überfluss kennt.

In erster Linie heißt das: mehr Demokratie wagen. Das Anthropozän verlangt, nicht von dem scheinbar nur Machbaren zu reden, sondern zuerst von dem Notwendigen. Dann kann über Machbarkeiten gestritten werden. Das Anthropozän ist die Chance, zu einer wirklichen Wende zu kommen.