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Vordenken! Ein Nachruf

Warum Elmar Altvater fehlen wird und was er der Sozialdemokratie zu sagen hat.

Wikimedia Commons
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Karl Marx hat seinen 200. Geburtstag nun hinter sich. Doch ab jetzt müssen wir ohne einen seiner kreativsten Interpreten auskommen. Elmar Altvater, langjähriger Inhaber des Lehrstuhls für Politische Ökonomie an der Freien Universität Berlin, war ein Glücksfall für alle, die versuchten, sich einen Reim auf die Dynamik des globalisierten Kapitalismus zu machen. Er starb am 1. Mai, vor seinem 80. und vor Marx` 200. Geburtstag.  

Seinen Platz als linker Vordenker hatte Altvater sich lange zuvor gesichert. Sein im Jahr 1996 gemeinsam mit Birgit Mahnkopf publiziertes Buch „Grenzen der Globalisierung“ wurde der wichtigste deutschsprachige Beitrag zum Verständnis von Politik und Wirtschaft im globalisierten Raum. Dabei ging es ihm nie nur um akademisches Verstehen, sondern stets auch um gesellschaftliche Veränderung. Das galt auch für die eigene Anbindung an die politische Praxis, an Parteien und Bewegungen. Er war zunächst Mitglied der Grünen, später der Linkspartei, er beriet attac und das Institut Solidarische Moderne. Die Auflistung lässt ahnen: Sein Verhältnis zur Sozialdemokratie aktueller Prägung war spannungsreich. Doch tatsächlich sind nicht wenige Sozialdemokraten, die heute politische Verantwortung tragen, durch seine Schule gegangen. Gut so, denn Altvaters Arbeiten halten für die programmatische Orientierung der Sozialdemokratie in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts wichtige Anknüpfungspunkte bereit.

Die Widersprüche des Kapitalismus zu erfassen, um diese dann zum Nutzen des Gemeinwohls zu gestalten war lange der roten Faden der Sozialdemokratie.

Da wäre zunächst die Frage nach dem eigenen Selbstverständnis. Altvater teilte mit der Sozialdemokratie die Auffassung, dass der Kapitalismus sich evolutionär verändert und folglich auch evolutionär verändert werden kann. Doch auch evolutionäre Veränderung ist eine systemische Aufgabe, und sie setzt die Bereitschaft voraus, systemisch zu denken. Das beinhaltet eine Auseinandersetzung mit den disruptiven Wirkungen des modernen Kapitalismus, um diese dann zum Ausgangspunkt politischer Gestaltung zu machen. Die Übernutzung natürlicher Ressourcen, zunehmend ungleiche Vermögensverhältnisse, die wachsende Konzentration wirtschaftlicher und politischer Macht, entkoppelte und systemgefährdende Finanzmärkte – die vielen, sich wechselseitig verstärkenden Krisenerscheinungen des globalisierten Kapitalismus verweisen auf die „Umschlagspunkte“, an denen Produktivkräfte „zu Destruktivkräften werden, der Fortschritt sich in Rückschritt verwandelt“ (Altvater).

Der Sozialdemokratie ist ein solches Denken vertraut. Eigentlich. Denn die Widersprüche des Kapitalismus zu erfassen, um diese dann zum Nutzen des Gemeinwohls zu gestalten war lange der roten Faden in Programmatik und Praxis der Sozialdemokratie. Es war unter anderem die Sozialdemokratie, die den Kapitalismus immer wieder vor sich selbst geschützt hat, wenn er dazu neigte, sein eigenes Fundament zu untergraben, „weil wir die Welt verändern müssen, wenn wir wollen, dass sie bleibt“, wie Altvater es in seiner Abschiedsvorlesung im Jahr 2006 formulierte. Doch weist dieser Ansatz in Altvaters Verständnis deutlich über das Bewahren von Bewährtem hinaus. Ein aus der evolutionären Entwicklung unseres Wirtschaftssystems hergeleiteter Reformismus hat nach Altvaters Verständnis stets eine Doppelaufgabe: Er muss verteidigen, wo Errungenschaften zurückgedreht werden, aber er muss auch verändern, in einem grundlegenden, transformativen Sinne, wenn der Anspruch auf individuelle Emanzipation in einem solidarischen Wohlstandsmodell aufrechterhalten und eingelöst werden soll.

Altvater war geprägt von einer intellektuellen Offenheit und dem Wunsch, das Staunen nicht zu verlernen, um daraus neue Erkenntnisse zu ziehen.

Für Altvater war dabei klar, dass im 21. Jahrhundert ein neues solidarisches Wohlstandsmodell zugleich ein „solares“ sein muss. Als fundierter Kenner von Marx erinnerte er stets daran, dass Marx und Engels nicht von nur einer, sondern von zwei „Springquellen allen Reichtums“ (Marx) sprachen, neben der „Arbeit“ ist dies auch die „Natur“. Und so müssen progressive Akteure eben nicht nur die Arbeitsverhältnisse, sondern auch die Naturverhältnisse im modernen Kapitalismus zu verstehen wissen. Ausgangspunkt ist dabei der Widerspruch, dass unser Wirtschaftssystem permanent Grenzen der Akkumulation überwinden muss, dass es aber schlichtweg planetarische Grenzen des Wachstums gibt. Der vielschichtigen Analyse dieses Widerspruchs folgt bei Altvater eine klare politischen Lehre: „Unseren begrenzten Planeten können wir nicht ändern, also müssen wir die Produktions- und Lebensweise mit den natürlichen Lebensgrundlagen auf unserem Planeten in Einklang bringen.“ Nicht nur viele Sozialdemokraten neigen dazu, die Wechselwirkungen zwischen Wachstum und Ressourcenübernutzung zu vernachlässigen. Erstaunlich eigentlich, denn hier ist das Regulationsverhältnis von Markt und Staat und damit das sozialdemokratische Kernthema berührt. Die nahezu vollständige Dekarbonisierung der europäischen Wirtschaft bis 2050 wird neben der Digitalisierung das zentrale wirtschaftliche Transformationsprojekt der nächsten drei Jahrzehnte und zugleich eines der zentralen Gerechtigkeits- und Verteilungsthemen werden, national wie global. Wer im 21. Jahrhundert einen gemeinwohlorientierten Gestaltungsanspruch hat, wird das Soziale und das Ökologische in einem gemeinsamen Regulationsprojekt zusammenführen müssen. Altvater hat das früh erkannt und tiefgründig analysiert.

In seinem Streben, Widersprüche und Wechselwirkungen gesellschaftlicher Veränderung zu verstehen, war Elmar Altvater ein Aufklärer im klassischen Sinne. Das reflexhafte Denken, das Verharren in ausgetretenen Denkmustern oder einstudierten intellektuellen Posen war ihm ein Gräuel. In einer Zeit, in der viele Menschen Informationen vor allem nach der Bestätigung des eigenen Weltbildes absuchen, blieb Altvater neugierig. „Die Geschichte ist nicht zu Ende. Es gibt Alternativen. Es ist notwendig, sie zu erdenken, zu entwickeln und sich für die Realisierung in gesellschaftlicher, das heißt heute in globaler, vernetzter Praxis einzusetzen.“ Altvater war geprägt von einer intellektuellen Offenheit und dem Wunsch, das Staunen nicht zu verlernen, um daraus neue Erkenntnisse zu ziehen. So gelang es ihm, Kapitalismuskritik eine zeitgenössische, unorthodoxe und nach vorne gewandte Richtung zu geben. Dadurch bleiben seine Gedanken für die Sozialdemokratie wichtig.

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