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Himmlischer Segen

Wie die IS-Revolution stark gebombt wird.

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Russische Sukhoi Su-30 wirft am 15. Oktober 2015 Bomben auf Syrien ab.

Die brutale Taktik und der religiöse Extremismus des sogenannten Islamischen Staates (IS) wirken auf den Betrachter schockierend und brandgefährlich. Den Aussagen ihrer Anführer zufolge will die Gruppe Ungläubige eliminieren, weltweit die Scharia einführen und die Wiederkehr des Propheten beschleunigen. Die Fußsoldaten des Islamischen Staates verfolgen diese Ziele mit erstaunlicher Grausamkeit. Doch anders als die ursprüngliche Al-Kaida, die sich wenig für die Kontrolle von Gebieten interessierte, versucht der IS in den von ihm besetzten Gebieten auch die Grundlagen für einen echten Staat zu legen. Er hat eine klare Zuständigkeitshierarchie ebenso eingerichtet wie ein Steuer- und Bildungssystem und einen ausgeklügelten Propagandaapparat. Der IS mag sich selbst als »Kalifat« bezeichnen und das derzeitige internationale Staatensystem ablehnen, aber seine Führer haben genau das im Sinn: einen Territorialstaat.

Doch der Islamische Staat ist beileibe nicht die erste extremistische Bewegung, die einen Hang zur Gewalt mit vollmundige Zielen und Gebietskontrolle verbindet. Ungeachtet der religiösen Dimension ist die Gruppe nur die jüngste in einer langen Reihe staatenbildender Revolutionäre und ähnelt in verblüffender Weise den Regimes, die aus den Revolutionen in Frankreich, Russland, China, Kuba, Kambodscha und dem Iran hervorgingen. Diese Bewegungen standen vorherrschenden internationalen Normen ebenso ablehnend gegenüber wie der Islamische Staat heute, und auch sie setzten skrupellos Gewalt ein, um ihre Gegner auszuschalten oder einzuschüchtern und der Welt ihre Macht zu demonstrieren.

Bei der Betrachtung des Islamischen Staats wirkt der Blick auf frühere Episoden durchaus beruhigend. Sie zeigen, dass Revolutionen nur dann eine ernsthafte Gefahr darstellen, wenn sie sich in Großmächten vollziehen, da nur Großmächte in der Lage sind, ihre revolutionären Prinzipien zu verbreiten. Der Islamische Staat wird nicht einmal annähernd zu einer Großmacht aufsteigen, und obwohl er, genau wie frühere Revolutionen auch, Sympathisanten im Ausland gewonnen hat, ist seine Ideologie zu eng, seine Macht zu begrenzt, als dass ihm außerhalb Iraks und Syriens eine ähnliche Machtübernahme gelingen könnte.

Die Geschichte lehrt uns, dass Bemühungen von außen, einen revolutionären Staat zu stürzen, oft nach hinten losgehen, weil sie die Hardliner stärken und ihnen zusätzliche Chancen für eine Expansion eröffnen.

Die Geschichte lehrt uns auch, dass Bemühungen von außen, einen revolutionären Staat zu stürzen, oft nach hinten losgehen, weil sie die Hardliner stärken und ihnen zusätzliche Chancen für eine Expansion eröffnen. Die aktuellen Bemühungen der USA, den Islamischen Staat, wie die Regierung Obama es ausdrückt, zu »erodieren und letztlich zu zerstören«, könnte das Ansehen der Extremisten heben und ihre Darstellung vom islamfeindlichen Westen sowie ihre Selbststilisierung als eiserne Verfechter des Islam stärken. Besser wäre es, wenn die USA im Hintergrund geduldig abwarteten, dass Akteure in der Region der Gruppe Einhalt gebieten. Für diesen Ansatz muss man den Islamischen Staat als das nehmen, was er ist: eine kleine und schlecht ausgestattete revolutionäre Bewegung, die zu schwach ist, als dass sie die Sicherheit ernsthaft bedrohen könnte, sieht man einmal von der Sicherheit der unglücklichen Menschen ab, die unter ihrem Machteinfluss leben.

 

Wenn Extremisten die Macht übernehmen

Weil Revolutionäre in brutalen Kämpfen gigantische Hindernisse zu überwinden haben, brauchen ihre Anführer reichlich Glück, um ein Regime zu stürzen und anschließend ihre Macht zu konsolidieren. Sie müssen zudem ihre Anhänger dazu bringen, dass sie sich in große Gefahr begeben und ihre natürliche Neigung überwinden, andere für die Sache kämpfen und sterben zu lassen.

Revolutionäre Bewegungen bedienen sich meist einer Kombination aus Verführung, Einschüchterung und Indoktrination, um Gehorsam durchzusetzen und die Opferbereitschaft zu heben, genau wie es der Islamische Staat gerade tut. Insbesondere liefern sie Ideologien, mit denen sie ihre extremen Methoden rechtfertigen und ihren Anhängern versichern, dass ihre Opfer Früchte tragen werden. Die spezifischen Inhalte dieser Ideologien variieren, doch immer geht es darum, die Anhänger davon zu überzeugen, dass die bestehende Ordnung ersetzt werden muss und ihr Kampf am Ende zum Erfolg führt. Revolutionäre Ideologien tun dies auf dreierlei Weise.

Erstens werden die Gegner als bösartig, feindlich und reformunfähig dargestellt. Weil Kompromisse unmöglich sind, muss die alte Ordnung zerstört und ersetzt werden. Der Islamische Staat ist da nicht anders. Seine Anführer und Ideologen stellen den Westen als von Natur aus feindselig dar, bestehende arabische und muslimische Regierungen als ketzerisch und mit der wahren Natur des Islam unvereinbar. Kompromisse mit solchen Ungläubigen und Abtrünnigen seien sinnlos. Sie müssten beseitigt und von Anführern ersetzt werden, die die wahren islamischen Prinzipien, wie vom IS definiert, anwenden.

Zweitens predigen revolutionäre Organisationen, der Sieg sei gewiss, solange die Anhänger gehorsam und standfest blieben. Lenin erklärte, der Kapitalismus sei wegen seiner inneren Widersprüche zum Untergang verdammt, und Mao bezeichnete Imperialisten als »Papiertiger«; beide führten ihren Anhängern so den sicheren Triumph der Revolution vor Augen. Der derzeitige Anführer des Islamischen Staats, Abu Bakr al-Baghdadi, gab im November 2014 eine ähnlich optimistische Einschätzung ab. »Eurem Staat geht es gut, er ist in bester Verfassung. Sein Vormarsch wird sich fortsetzen«, sagte er seinem Publikum.

Drittens betrachten die Anführer revolutionärer Bewegungen ihr Modell als universell anwendbar. Wenn sie den Sieg davongetragen haben, versprechen sie ihren Anhängern, wird die Revolution Millionen befreien, eine bessere Welt schaffen und einen gottgegeben Plan erfüllen. Französische Radikale forderten in den 1790er Jahren »einen Kreuzzug« für die universelle Freiheit, und Marxisten-Leninisten glaubten, die Weltrevolution werde eine friedliche klassenlose und staatenlose Gemeinschaft hervorbringen. Auch Khomeini und seine Anhänger sahen in der Revolution im Iran den ersten Schritt hin zur Abschaffung des »unislamischen« Nationalstaatssystems und zur Etablierung einer globalen islamischen Gemeinschaft.

De Anführer des Islamischen Staats glauben, dass ihre fundamentalistische Botschaft für die gesamte muslimische Welt und darüber hinaus Geltung hat. Seine Bewegung werde eines Tages »die Kaukasier, Inder, Chinesen, Syrer, Iraker, Jemeniten, Ägypter, Nordafrikaner, Amerikaner, Franzosen, Deutschen und Australier« einen, erklärte Baghdadi im Juli 2014. Der IS verbreitet seine Botschaft im Ausland über soziale Netzwerke und bekennt sich bereitwillig zu Gewaltakten, die in fernen Ländern begangen wurden. Dieser Anspruch auf universelle Geltung ist einer der Hauptgründe, warum die Gruppe bei Ausländern Anklang findet und die Regierungen sie mit solcher Sorge betrachten.

 

Revolution und Krieg

Beobachter fürchten zu Recht, dass sich der revolutionäre Staat ausdehnen könnte. Revolutionsführer halten es meist für ihre Pflicht, ihre Bewegung zu exportieren, weil sie auf die Art am besten zu erhalten sei – eine Vorstellung, die sich im Leitspruch des Islamischen Staates »bleiben und ausweiten« (baqiya wa tatamaddad) widerspiegelt. Es überrascht daher nicht, dass Nachbarn revolutionärer Staaten meist Präventivmaßnahmen ergreifen, um das neue Regime zu schwächen oder zu stürzen. Eine Spirale aus Misstrauen und eine erhöhte Kriegsgefahr sind die Folgen.

Paradoxerweise können die Ungewissheiten, die mit den meisten Revolutionen einhergehen, dem neuen Staat das Überleben sogar sichern. Weil ausländische Mächte nicht genau wissen, wie einflussreich oder zugkräftig die Revolution sein wird, können sie nur schwer entscheiden, was gefährlicher ist: die Revolution selbst oder die Möglichkeit, dass Dritte das sich daraus ergebende Chaos nutzen und ihre eigene Position stärken. Die Revolution in Frankreich überlebte zum Teil nur deshalb, weil feindliche Monarchien einander misstrauten und zunächst stärker an Gebietszugewinnen interessiert waren als daran, Louis XVI. wieder auf den Thron zu bringen. Ähnliches geschah in Russland: Uneinigkeit unter den wichtigsten Mächten und die Ungewissheit darüber, was die Bolschewiken langfristig vorhatten, behinderten einen koordinierten Kampf gegen die Revolution und halfen Lenin und seinen Anhängern nach 1917, an der Macht zu bleiben.

Wie bei früheren revolutionären Bewegungen auch wurden Versuche, den Islamischen Staat zu besiegen, durch die widersprüchlichen Ziele seiner Gegner untergraben.

Wie bei früheren revolutionären Bewegungen auch wurden Versuche, den Islamischen Staat zu besiegen, durch die widersprüchlichen Ziele seiner Gegner untergraben. Sowohl die Vereinigten Staaten als auch der Iran wünschen sich das Ende des Islamischen Staats, doch kein Land will dem anderen mehr Einfluss im Irak verschaffen. Auch die Türkei betrachtet den IS als Bedrohung, lehnt aber das Assad-Regime in Syrien ab und stellt sich gegen jede Aktion, die den kurdischen Nationalismus stärken könnte. Saudi-Arabien wiederum betrachtet die fundamentalistische Ideologie des Islamischen Staates als Bedrohung für seine eigene Legitimität, fürchtet aber den iranischen und schiitischen Einfluss gleichermaßen, wenn nicht noch mehr. Die Folge ist, dass keines dieser Länder dem Sieg über den Islamischen Staat oberste Priorität einräumt.

Ungeachtet seines Hangs zur Gewalt und der sexuellen Versklavung ist am Islamischen Staat kaum etwas neu. In seinen grundlegenden Merkmalen und seiner Wirkung ist der IS früheren revolutionären Staaten erstaunlich ähnlich. Wir haben diesen Film schon oft gesehen. Aber wie geht er aus?

 

Die Revolution wird sich nicht ausbreiten

Revolutionen können sich auf zwei Arten verbreiten. Mächtige revolutionäre Staaten setzen auf Eroberung: In den 1790er Jahren führte Frankreich Krieg gegen Monarchien in ganz Europa, und nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die Sowjetunion Osteuropa. Schwächere revolutionäre Staaten dagegen müssen darauf hoffen, dass sie mit ihrem Vorbild andere mitreißen. Nordkorea unter der Familie Kim, Kuba unter Fidel Castro, Äthiopien unter der sogenannten Derg, Kambodscha unter den Roten Khmer, Nicaragua unter den Sandinisten – sie alle verfügten nicht über die Macht, ihr Modell mit Waffengewalt zu verbreiten.

Das gilt auch für den Islamischen Staat. Die Sowjetunion konnte Osteuropa den Kommunismus mithilfe der mächtigen Roten Armee aufzwängen, wohingegen der Islamische Staat dem US-Militärgeheimdienst zufolge rund 30 000 verlässliche Kämpfer und kein militärisches Leistungsvermögen für die Machtprojektion hat. Auch wenn Panikmacher davor warnen, dass der Islamische Staat heute ein Gebiet kontrolliert, das größer ist als das Vereinigte Königreich, so besteht es doch überwiegend aus unbewohnter Wüste. Das Gebiet des IS produziert jährlich Waren und Dienstleistungen im Wert von 4 bis 6 Milliarden Dollar; damit liegt das Bruttosozialprodukt des Islamischen Staats auf dem Niveau von Barbados. Die jährlichen Staatseinnahmen betragen etwa 500 Millionen Dollar – das entspricht etwa einem Zehntel des Jahresbudgets der Universität Harvard –, und das mit abnehmender Tendenz. Der Islamische Staat ist von einer Großmacht weit entfernt, und angesichts der kleinen Bevölkerungszahl und der unterentwickelten Wirtschaft wird er auch nie eine werden.

Ebenso wenig wird er sich durch Ansteckung ausbreiten. Auch nur eine schwache Regierung zu stürzen, ist ein schwieriges Unterfangen, das revolutionären Bewegungen nur sehr selten gelingt. Es brauchte zwei Weltkriege, um die Marxisten in Russland und China an die Macht zu bringen, und der Erfolg des Islamischen Staats beruht bislang auf für ihn glücklichen Umständen: Die Vereinigten Staaten marschierten törichterweise in den Irak ein, der irakische Premierminister Nuri al-Maliki spaltete das Land, und Syrien versank in einem Bürgerkrieg. Sofern der Islamische Staat nicht auch weiter viel Glück hat, wird er sich schwer tun, seinen Aufstieg in anderen Ländern zu wiederholen. Auch seine Ideologie setzt seinem Wachstum enge Grenzen.

Eine Version des Islam, die schon der großen Mehrheit der Muslime ein Gräuel ist, wird bei Nicht-Muslimen schon gar keine nennenswerte Anhängerschaft finden.

Die Anführer der Gruppe mögen ihre Vision eines neuen Kalifats für unwiderstehlich halten, doch steht zu bezweifeln, dass sie damit genügend Herzen und Köpfe gewinnen werden. Das in der Amerikanischen und Französischen Revolution verkörperte Ideal von Freiheit und Gleichheit hat sich in der Welt verbreitet, und die kommunistische Vision eines klassenlosen Utopia hat Millionen verarmter Arbeiter und Bauern mitgerissen. Die puritanische Botschaft des Islamischen Staats und seine brutalen Methoden breiten sich dagegen nicht so leicht aus, und der Entwurf eines expansiven Kalifats beißt sich mit den starken nationalen, religiösen und ethnischen Identitäten im Nahen Osten. Auch über Twitter, YouTube oder Instagram wird die Kernbotschaft für die meisten Muslime nicht schmackhafter, zumal, wenn der Neuheitseffekt nachlässt und potenzielle Rekruten erfahren, wie es sich im Islamischen Staat tatsächlich lebt. Und eine Version des Islam, die schon der großen Mehrheit der Muslime ein Gräuel ist, wird bei Nicht-Muslimen schon gar keine nennenswerte Anhängerschaft finden. Wer versuchte, ein revolutionäres Credo zu erfinden, dem jede universelle Anziehungskraft abgeht, täte sich schwer, die harte und begrenzte Weltsicht des Islamischen Staates zu übertrumpfen.

Und sollte es schließlich einer IS-ähnlichen Bewegung gelingen, außerhalb Iraks und Syriens an die Macht zu kommen – im chaotischen Libyen könnte das durchaus geschehen –, würden die Anführer dieser Gruppe ihre eigenen Interessen verfolgen, statt sklavisch Baghdadis Befehlen zu gehorchen. Außenstehende nehmen radikale Gruppen oft als monolithisch wahr – besonders, wenn sie die Rhetorik der Revolutionäre allzu ernst nehmen –, doch solche Bewegungen sind bekanntermaßen anfällig für interne Machtkämpfe. Tiefe Gräben trennten die Girondins und die Jakobiner, die Bolschewiki und die Menschewiki, die Stalinisten und die Trotzkisten, Chruschtschow und Mao. Da der Islamische Staat dazu neigt, schon geringen Widerspruch als ketzerischen Akt zu behandeln, auf den die Todesstrafe steht, sind solche Streitigkeiten unvermeidbar. Sie haben sogar schon ernsthafte Auseinandersetzungen mit Al-Kaida und anderen extremistischen Gruppen nach sich gezogen.

 

Abwarten und Tee trinken

Nur weil der Islamische Staat sein langfristiges Ziel unweigerlich verfehlen wird, heißt das jedoch nicht, dass sich die Gruppe leicht beseitigen ließe. Ein Blick in die Geschichte zeigt vielmehr, dass der Versuch, solche Bewegungen mit militärischen Mitteln zu zerstören, leicht nach hinten losgehen kann. Die Intervention durch Österreich und Preußen radikalisierte die Französische Revolution, und die Invasion der Iraker im Iran im Jahr 1980 erlaubte Khomeini und seinen Anhängern eine »Säuberung« unter moderaten Kräften der Islamischen Republik. Lenin, Stalin und Mao nutzten Bedrohungen von außen, um Unterstützung zu mobilisieren und ihre Macht zu konsolidieren, und sowohl die russische als auch die chinesische Revolution überlebten mehrere Versuche von außen, sie zunichte zu machen. Aggressive Versuche, den Islamischen Staat zu zerstören, könnten sein Überleben sichern, besonders dann, wenn die Vereinigten Staaten sich an die Spitze dieser Bemühungen setzen.

Damit bleibt als beste Lösung die geduldige Containment-Politik. Mit der Zeit könnte die Bewegung an ihren eigenen Exzessen und inneren Spaltungen zu Grunde gehen. Siege, die der IS tatsächlich davonträgt, werden heftigere Gegenreaktionen von Seiten der Nachbarn provozieren.

Washington sollte zur Unterstützung solcher Anstrengungen Geheimdienstinformationen, Waffen und Militärausbildung bereitstellen, jedoch seine Rolle so klein wie möglich halten und klarstellen, dass es in erster Linie an den Streitkräften der Region ist, dem Islamischen Staat Einhalt zu gebieten. Die US-Luftwaffe sollte daher ausschließlich dafür eingesetzt werden, eine Ausdehnung des IS zu verhindern. Der Versuch, den Islamischen Staat mit Bombenangriffen zu unterwerfen, wird unweigerlich unschuldige Zivilisten das Leben kosten und antiamerikanische Gefühle ebenso stärken wie die Popularität des Islamischen Staates.

Die politischen Entscheidungsträger in den USA sollten eines bedenken: Je intensiver sich die Vereinigten Staaten für die Eindämmung des Islamischen Staates engagieren, desto stärker hetzt die IS-Propaganda gegen westliche Kreuzritter und ihre angeblich ketzerischen muslimischen Verbündeten. Was die verschiedenen muslimischen Glaubensrichtungen angeht, so würden die Vereinigten Staaten mit dem Versuch, einmal mehr unter hohen Kosten die irakischen Sicherheitskräfte aufzubauen, als Komplizen der anti-sunnitischen Politik dastehen, die dem IS erst zu seiner Popularität verhalf; die Sunniten im Irak und in Ostsyrien würden in ihrer Loyalität zum IS bestärkt.

Eine US-geführte Militärkampagne gegen den Islamischen Staat erhöht zudem das Risiko, dass der Zuspruch für ihn wächst: Wenn das mächtigste Land der Welt die Gruppe dauernd als ernsthafte Bedrohung darstellt, dann gewinnt die Selbstdarstellung des IS als standhaftester Verfechter des Islam an Glaubwürdigkeit. Statt die Bedrohung zu dramatisieren und der IS-Propaganda in die Hände zu spielen, sollten die politischen Entscheidungsträger in den Vereinigten Staaten die Gruppe als ein eher nebensächliches Problem behandeln, das für die USA nicht oberste Priorität hat.

 

Bei dem Beitrag handelt es sich um eine gekürzte Version eines Foreign Affairs Artikels.

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15 Leserbriefe

wolfgang wiemer schrieb am 01.12.2015
Die historischen Parallelen sind verblüffend und die Aussichtslosigkeit der Strategien des IS hoffentllich zutreffend diagnostiziert. Zwei Aspekte kommen mir aber zu kurz: der vom IS organisierte Terror macht eine Strategie des Abwartens und Teetrinkens schwer durchhaltbar und bei weniger Ungleichheit im reichen Europa würden dem IS viel weniger fanatisierte Täter zu Verfügung stehen.
Jens Behling schrieb am 01.12.2015
Ein wesentlicher Unterschied in der Gleichstellung vergangener Revolutionen mit dem Revolutionsversuch des sogenannten Islamischen Staates wird in dem Artikel völlig verschwiegen.
Die Welt ist in den letzten Jahrzehnten wesentlich globaler geworden, wodurch nicht nur die Verbreitung der extremistischen Ideologie an sich, sondern auch deren Aktionen nicht regional beschränkt sind, sondern bedeutenden Einfluss auf alle Staaten und Bürger weltweit haben. Auch regional entfernte Staaten können sich daher nicht zurücklegen und abwarten, was regionale Institutionen erreichen, da sie unmittelbar in den Konflikt verwickelt werden können und werden.
Der sog. IS hat allen Andersdenkenden den Kampf angesagt und scheut nicht davor zurück, seine extremistische Ideologie auch überregional mit grausamer Gewalt auszubreiten. Damit sind regionale Institutionen allein nicht nur überfordert, sie sind auch überregional handlungsunfähig. Daher ist eine überregionale Einflussnahme unvermeidbar.
manfred fischer schrieb am 01.12.2015
Der IS ist grausam und brandgefährlich - Abwarten hilft da nicht mehr.
Man denke nur daran, wie sich damals das Nazi - Reich ausbreiten konnte, weil man dem nicht gleich ein Ende machen wollte.
Ich halte nichts von Gewalt, doch manchmal ist sie das letzte Mittel, um gegen dem Terror hart vorzugehen.
Davon spricht auch das Alte Testament - Auge um Auge, Zahn um Zahn.......
Das gilt wohl ähnlich so auch im Islam.....

Manfred Fischer
Petzer schrieb am 01.12.2015
Endlich mal ein Artikel zu diesem Thema, der mit historischer Sicht und psychologischer Einsicht eine tiefere Perspektive zulässt. Da zunächst nur eine Strategie in Hinsicht auf die USA empfohlen wird, wäre es gut, wenn der Autor sich auch mit Europa befassen würde, für das das Problem besteht, dass Einigkeit über eine Vorgehensweise nahezu unmöglich scheint - ausser aus der Hüfte mal wieder "Krieg" zu inszenieren. (Demokratien haben ein Grundproblem: Populismus ) Vielleicht gäbe es Hoffnung auf eine längerfristige Strategie, wenn man dem Auswärtigen Amt bei der Betrachtung der Gesamtlage mehr Einfluss einräumte.
Hans Jörg Dieter schrieb am 02.12.2015
Sehr interessant und aufschlussreich sind die historischen Perspektiven und die Einsicht, dass die dem sog. "IS" widerstehenden Staaten und Bündnisse jeweils höchst divergierende Ziele verfolgen. Ob aber "Abwarten und Tee trinken" eine verantwortbare Strategie sein kann, wage ich zu bezweifeln.
Höchst problematisch ist m.E. der -auch durch seine stereotype Wiederholung- nicht "richtig" werdende Hinweis, dass "das Alte Testament" Gewaltanwendung legitimiere:
Der häufig zitierte Satz "Auge um Auge, Zahn um Zahn,..." findet sich in Ex 21 und in Lev 24 jeweils im Zusammenhang von gewaltbegrenzenden Schadensersatzregulierungen: "Wenn jemand seinem Nächsten einen Schaden zufügt, soll man ihm antun, was er getan hat."...., so steht es jedenfalls in der Hebräischen Bibel, die manche Christen noch immer als das "Alte Testament" bezeichnen.
Herzliche Grüße aus dem Schwarzwald
Hans Jörg Dieter
manfred fischer schrieb am 03.12.2015
ob das ein himmlischer segen ist? eher ein höllischer....
wir müssen uns fragen, was tragen religionen dazu bei, dass aus ihrer himmlischen botschaft gotteskrieger werden bzw früher sich kreuzritter austoben konnten?

warum haben bis heute religionen abspaltungen nicht überwunden?

gewalt geschieht allein schon durch allein selig machendes walten von gedanken und worten.

manfred fischer
erikamicron schrieb am 06.12.2015
der is unterscheided sich von anderen revolutionen durch religiosen fanatismus und durch die bereitschaft der anhanger zum selbstmord. das macht selbst kleine gruppen ausserordentlich machtig. syrien und der irak sind langst nicht mehr das einzige zielgebiet des is and Europa ist den fanatikern nicht gewachsen.
manfred fischer schrieb am 07.12.2015
Wir alle versuchen das immer wieder mit dem Kopf aufzuarbeiten.

Wäre das nicht noch besser, wenn wir das auch mit unserem Innersten tun würden, wo tiefes Verstehen und Mitgefühl für das ganze Geschehen zustande kommen könnte?

Manfred Fischer Mannheim
Andrea aus+Bremen schrieb am 09.12.2015
Wie gut, dass es besonnene Analysten gibt, die den Populisten und Rufern nach Gegengewalt nicht das Wort reden.

Ihr Wort in Obamas, Hollandes und Merkels Ohr, Mr. Walt.
Jjohannes schrieb am 18.12.2015
Alle jungen Menschen die den Verlockungen des IS folgen, scheitern zuvor an der Perspektivlosigkeit ihres Dasein. So verunsichert sind sie sachlichen Argumenten nicht mehr zugaenglich. Was bleibt ihnen denn als der Ideologie des fanatisierten Islams bedingungslos zu folgen.
Lynxx schrieb am 18.12.2015
In der islamischen Überlieferung gibt es eine Prophezeiung, die das Auftreten dieses vorgeblich „Islamischen Staates“ voraussagt und die Eigenschaften seiner Vertreter verblüffend genau beschreibt:
„Wenn ihr die schwarzen Fahnen seht, dann bleibt im Lande und bewegt weder eure Hände noch eure Füße. Sodann werden schwache Leute auftreten, von denen man keine Notiz nimmt. Ihre Herzen sind wie Eisenbrocken (d. h. hart wir Gußeisen). Sie sind die Leute des ‚Staates‘. Sie halten weder eine Abmachung noch eine Vereinbarung ein. Sie rufen zur Wahrheit auf, doch gehören sie nicht zu denjenigen, die diese vertreten. Ihre Namen sind Beinamen (mit dem dem Wort Abū ... am Anfang); sie nennen sich nach ihren Herkunftsorten (oder -Ländern). Ihr (langes) Haar hängt lose herunter wie das Haar von Frauen. (Sie werden wirksam) sein bis sie sich untereinander uneinig werden. Hierauf wird Allah die Wahrheit (oder: das Recht) demjenigen geben, wem Er will.“
„Wenn ihr die schwarzen Fahnen seht, dann bleibt im Lande und bewegt weder eure Hände noch eure Füße.“ Was ist aus dieser Aussage zu verstehen? – Höchstwahrscheinlich, daß man sich ihnen weder anschließen noch gegen sie kämpfen soll.
manfred fischer schrieb am 20.12.2015
Wahrer Islam beinhaltet - Frieden im Herzen zu entwickeln, Diesen inneren Frieden an alles weiterzureichen.

Das gilt so auch das Christentum und im Buddhismus.

Alles Abgetrennt-Sein ist nur ein Muster unserer ich - bezogenen Wahrnehmung, aus der wir dann unsere scheinbare Wirklichkeit für alles ableiten.

Himmlischer Segen beinhaltet, dass wir in unserem Fühlen, Denken, Reden, Tun für uns und unsere Mitwelt hell, licht, weit, offen, unbegrenzt sind.

Und das können wir ab sofort so verwirklichen - ganz in dem Sinne wie Bertolt Brecht es in seinen Worte verfasste - Die Welt verändert sich da, wo wir uns verändern.....

Manfred Fischer Mannheim
erikamicron schrieb am 14.01.2016
lieber Manfred aus Mannheim: wenn sie den Koran und andere moslemische schriften gelesen hatten, dann wussten sie ,dass sie gemass diesen schriften als nichtmuslem kein recht auf den " inneren frieden des herzens" haben. der "wahre Islam" kennt keine toleranz . das steht ausdrucklich in den islamischen schriften geschrieben. es ware wunderbar ,wenn es anders ware.
erikamicron schrieb am 14.01.2016
man kann nicht jedem einen polizisten als schutz zur seite stellen. die sicherheit und das wohlbefinden der burger eines rechtsstaates beruhen auf der selbstdisziplin jedes einzelnen, die gesetze des rechtsstaates einzuhalten. der rechtsstaat sieht vor ,dass nur fur ausnahmefalle die polizei zur verfugung stehen muss . wie aber kann ein rechtsstaat bestehen , wenn wie in koln eine uberwaltigende menge von mannern frauen misshandelt, oder wie in Istanbul und anderswo selbstmorder menschenansammlungen in die luft sprengen? ist der rechtsstaat auch dann noch in der lage die rechtsordnung aufrecht zu erhalten? mit anderen worten : kann der rechtsstaat sich einem verrohten und selbstmorderischen is gegenuber uberhaupt behaupten, wenn ein paar tausend von ihnen nach Deutschland eingeschleust werden?
manfred fischer schrieb am 15.01.2016
Unser aller Aufgabe in dieser unruhigen Welt ist es Trennungen zu überwinden. Heißt es nicht schon im NT - Des Menschen Wille ist sein Himmelreich....

Auch der Koran und die Bibel haben irgendwann zu erkennen, dass es da bei ihnen Passagen gibt, die unserer Welt so nicht im Miteinander weiterhelfen.

Oder täusche ich mich da?

Manfred Fischer - Mannheim
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