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Kulturen als neue „große Erzählung“

Huntingtons bleibendes Verdienst: Eine deutliche Warnung vor den Gefahren und Folgen moralischer Hybris.

Es ist still geworden, um Huntingtons These vom Clash of Civilizations. Eigentlich merkwürdig. Denn schaut man sich einmal die Landkarte der internationalen Politik am Beginn des 21. Jahrhunderts an, dann spricht auf den ersten Blick einiges dafür, dass der amerikanische Politikwissenschaftler mit seiner 1993 aufgestellten Behauptung, die „zentrale und gefährliche Dimension der kommenden globalen Politik werde der Konflikt zwischen Gruppen aus unterschiedlichen Zivilisationen sein“ Recht behalten hat. Erleben wir nicht gerade den Beginn einer globalen Auseinandersetzung zwischen dem orthodoxen Russland und der westlichen Zivilisation? Und befinden wir uns nicht seit Jahren inmitten einer an Schärfe zunehmenden Konfrontation zwischen dem konfuzianischen China und dem Westen? Und auch Huntingtons Vorhersage, dass innerhalb einzelner Kulturkreise Stammeskriege und ethnische Konflikte ausbrechen werden, scheint sich in Afrika bewahrheitet zu haben. Ganz zu schweigen von seiner Warnung vor einer islamischen Erweckung, die sich in ihrer extremsten Form in Militanz manifestieren wird. Leben wir also nicht seit Jahren inmitten des Kampfes der Kulturen? Heute, zwanzig Jahre nach Erscheinen des „Kampf der Kulturen“ muss man konstatieren, dass Huntington falsch lag, aber dennoch Recht hatte.

Er lag falsch, was die Wirkungsmächtigkeit von Kulturkreisen für die Außen- und Sicherheitspolitik von Staaten anbelangt. Staaten kooperieren auch im 21. Jahrhundert entlang ihrer Interessenslagen und suchen sich ihre Partner nach ihren Interessen aus. „Kulturelle Affinitäten“ spielen da eine eher untergeordnete Rolle. So liegt der Westen zwar momentan im Konflikt mit Russland über die Ukraine. Doch zugleich kooperiert er mit Moskau, wenn es um die Frage des iranischen Nuklearprogrammes geht. Ähnliche Beispiele ließen sich auch für das amerikanisch-chinesische Verhältnis anführen.

Huntington hat einer Weltordnung das Wort geredet, die den Pluralismus von Wertvorstellungen mitberücksichtigt.

Und auch ein Blick in den muslimischen Kulturkreis widerlegt Huntingtons These: Sicher, der Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten (wie gegenwärtig im Jemen) scheint Huntingtons Thesen auf den ersten Blick zu bestätigen. Auf den zweiten wird jedoch deutlich, dass dies im Kern ein machtpolitischer Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran um die Vorherrschaft am Arabischen Golf beziehungsweise über die islamische Welt insgesamt ist.

Richtig jedoch lag Huntington mit seiner Überlegung, dass nach dem Ende des Ost-West-Konflikts zivilisatorische Aspekte, die er sehr breit definiert, für Staaten und Gesellschaften ein zunehmend wichtigerer Bezugs- und Identifikationspunkt würden. Nach dem Scheitern der „großen Ideologien“ sorgen Kulturen als neue „große Erzählung“ dafür, dass Menschen sich zugehörig fühlen. Und dadurch lassen sie sich auch von Staatsmännern und -frauen mobilisieren, um gesellschaftlichen Konsens für außenpolitisches Verhalten zu generieren. In den USA etwa hat dies eine lange Tradition („city upon the hill“). Andere entdecken dies erst in der jüngsten Zeit. Man denke etwa an die Neuentdeckung von Konfuzius zur Legitimierung chinesischer Außenpolitik oder an die diversen Äußerungen russischer Spitzenpolitiker über die dekadente Lebensweise des „Westens“.

Huntington lag aber insbesondere richtig mit seiner Warnung vor der Universalisierung westlicher Wertevorstellungen. Der in den letzten Jahren betriebene Versuch, ihnen in anderen Gesellschaften oftmals mit Zwang und Druck bis hin zum Einsatz von Waffengewalt Geltung zu verschaffen, hat Konflikte befördert und dem Westen „Gegner“ beschert. Huntington hat einer Weltordnung das Wort geredet, die den Pluralismus von Wertvorstellungen mitberücksichtigt. Der Versuch, eine „one World“ im Sinne des Westens durchzusetzen, ist für Huntington „falsch, unmoralisch und gefährlich.“ Denn die logische Konsequenz des Universalismus sei Imperialismus, und dieser würde zu allen Zeiten und allerorten auf Widerstand stoßen.

In diesem Sinne hat Huntington das zentrale Problem und das zentrale Dilemma westlicher Ordnungspolitik nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes auf den Punkt gebracht. Der aus unserem Zivilisationskreis herrührende Glaube, dass wir unsere Werte und unsere Systeme als Maßstab und Rechtfertigung einer weitreichenden Interventionspolitik bemühen, hat in der Tat zu einer Konstellation geführt, in der „the west“ gegen „the rest“ steht. Huntingtons bleibendes Verdienst ist es, auf die Gefahren und Folgen moralischer Hybris deutlich hingewiesen zu haben.

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