Mehr als viele andere Länder Zentralamerikas stand Honduras seit seiner Unabhängigkeit 1821 unter dem direkten Einfluss der Vereinigten Staaten. Von den imperialen Abenteurern um den Filibuster William Walker über die Bananen-Enklaven der United and Standard Fruit Company, bis hin zur amerikanisch verfassten, formalen Zweiparteiendemokratie ab den 1980er Jahren. Stets übte der große Bruder aus dem Norden seinen Einfluss unverhohlen aus. So auch 2009, als der linke Präsident Emanuel Zelaya vom Militär entmachtet wurde. Vorgeblich, weil er eine verfassungswidrige zweite Amtszeit ansteuerte; tatsächlich, weil er es gewagt hatte, als Mitglied der alteingesessenen Elite des Landes deren unbeschränkte Macht anzugreifen.

Diesem Fanal folgten zwölf Jahre des Widerstands der Bevölkerung, besonders der Gewerkschaften, der indigenen Organisationen, der Studierendenverbände und feministischer Gruppen gegen die bald so genannte „Narko-Diktatur“ der formal dreimal in Wahlen bestätigten rechten Regierung der Partido Nacional (PNH). Aus dieser breiten Widerstandsbewegung ging damals die Partei Libertad y Refundación (LIBRE) hervor, die sich dem demokratischen Sozialismus verschrieben hat. Gegründet von Zelaya selbst, der ihr weiterhin als Moderator der vielen Flügel vorsteht, hatte LIBRE die Präsidentschaftswahlen 2021 mit seiner Ehefrau Xiomara Castro an der Spitze mit über 50 Prozent der Stimmen erdrutschartig gewonnen.

Zu viele Reformvorhaben scheiterten an der fehlenden Mehrheit im Kongress, zu viele Male wurde die radikale Basis der Partei von faulen Kompromissen mit der alten Elite enttäuscht.

Nun, vier Jahre später, lässt sich die Enttäuschung kaum fassen. Sicherlich, die Zeichen vor der Wahl waren alles andere als positiv: Zu viele Reformvorhaben scheiterten an der fehlenden Mehrheit im Kongress, zu viele Male wurde die radikale Basis der Partei von faulen Kompromissen mit der alten Elite enttäuscht, zu viele Male musste man sich der Realität stellen, dass auch LIBRE nicht frei von Korruption und Verbindungen zu den allgegenwärtigen Drogenkartellen des Landes ist. Zu wenig vorbereitet war man wohl auf die berühmten „Mühen der Ebene“. Bis zuletzt hatte man keinen wirklichen Weg gefunden, die eigenen Politikvorstellungen in einem Staat umzusetzen, dessen Institutionen seit seiner Gründung praktisch nur der Bereicherung der nationalen Eliten gedient hatten und der als „Flugzeugträger“ für die Interventionen der Vereinigten Staaten in den Konflikten und Revolutionen der Region genutzt wurde. Nie konnte man sich mit seinen eigenen Narrativen gegen die negative Berichterstattung der konservativen Medienlandschaft durchsetzen. Und dennoch: Das Ausmaß der Wahlniederlage ist mit Worten kaum zu beschreiben. So blieben nicht nur die Straßen der Hauptstadt Tegucigalpa und der Industriemetropole San Pedro Sula am Montag nach der Wahl leer; auch aus der Basis und der Zivilgesellschaft hört man – nichts.

Triumphierend dagegen die alte Ordnung: Die PNH mit ihrem Kandidaten Nasry Asfura lag bis Dienstag knapp vor dem selbsterklärten Korruptionsbekämpfer Salvador Nasralla, der diesmal für die Mitte-rechts-Partei Partido Liberal (PLH) antrat. Man drängte schon auf die Anerkennung des Sieges, obwohl noch die Auszählung der Hälfte der abgegebenen Stimmen ausstand. Beide Parteien repräsentieren das alte Zweiparteiensystem, in dem die PNH noch etwas weiter rechts zu verorten ist als die PLH. Beide sind historisch antikommunistisch und pro-amerikanisch. Der ehemalige Fernsehmoderator und Populist Nasralla war zuletzt 2021 mit seiner eigenen Partei Salvador de Honduras in Koalition mit LIBRE angetreten.

Im Wahlkampf schürten beide erfolgreich die Angst, Honduras könne ein neues Venezuela oder gar Kuba werden. Sie warnten die internationale Gemeinschaft mit großer Resonanz vor einem autoritären Staatsstreich durch die Regierung. Und sie machten ganz und gar vergessen, wie sehr Honduras unter der letzten PNH-Regierung zum Selbstbedienungsladen des globalisierten Kapitalismus verkam: Ganze Landesteile wurden als sogenannte Entwicklungszonen an ausländische Investoren abgetreten. Dort gab es zwar weder Entwicklung noch Arbeitsplätze, aber dafür viel Steuerfreiheit für Peter Thiel und andere Proponenten des Techno-Feudalismus. Die Korruption und auch der Drogenhandel nahmen besonders unter dem letzten PNH-Präsidenten Juan Orlando Hernández ein nie gesehenes Ausmaß an. Dieser wurde unter der LIBRE-Regierung an die USA ausgeliefert und dort zu 45 Jahren Haft wegen Drogenhandels verurteilt. Nur zwei Tage vor der Wahl wurde er von Donald Trump begnadigt. Trump sicherte außerdem die großzügige Unterstützung der USA zu, sollte „sein Kandidat“ Asfura gewinnen. Wenn nicht, gebe es eben Strafzölle und Ausweisungen. Das neue „Normal“ der US-Außenpolitik in ihrem selbst definierten Hinterhof – sicherlich. Aber über eine Million Honduranerinnen und Honduraner leben im Ausland, die allermeisten in den USA. Ihre Transferzahlungen sind für die honduranische Wirtschaft unersetzbar.

Das alles scheint nicht zur Mobilisierung für LIBRE beigetragen zu haben. Nach Auszählung von 84 Prozent der Stimmen liefern sich Asfura und Nasralla mit jeweils etwa 40 Prozent der Stimmen ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Stand Donnerstagmorgen führt nun wieder Asfura mit einem Vorsprung von nur 14 000 Stimmen. Die von LIBRE vorgeschlagene Verteidigungsministerin Rixi Moncada liegt abgeschlagen mit rund 19 Prozent der Stimmen auf dem dritten Platz. Eine Stichwahl findet in Honduras nicht statt, der Kandidat mit den meisten Stimmen gilt als gewählt. Die Wahlbeteiligung scheint um einiges niedriger auszufallen als 2021. Sie wird wohl von über 68 Prozent auf nur noch rund 40 Prozent zurückgehen. Verlässliche Daten zu Wählerwanderungen und Wahlgründen gibt es in Honduras nicht, aber es scheint sich abzuzeichnen, dass die PNH ihre absoluten Stimmen halten und damit ihren Anteil vervielfachen konnte. Die LIBRE-Wähler blieben entweder zu Hause, oder schenkten ihr Vertrauen Nasralla, der zumindest vordergründig als Anti-Establishment Kandidat überzeugen konnte.

Trotz seiner früheren Freundschaft zu Trump positioniert sich Nasralla gerade stark gegen die Einmischung aus dem Norden.

Überschattet wurde schon der Wahlkampf von allseitigen Vorwürfen der Manipulation. Auch die zwischenzeitliche Unterbrechung der Auszählung für über 24 Stunden trägt nicht gerade zum Vertrauen in die Echtheit der Ergebnisse bei. LIBRE hat ihre Niederlage zaghaft eingestanden, und gleichwohl neue Vorwürfe vor allem gegen die PNH erhoben, die schon in ihrer Regierungszeit für Wahlbetrug bekannt gewesen sei. Entgegen aller Befürchtungen der internationalen Gemeinschaft ist mit einem Putsch durch LIBRE nicht zu rechnen, auch am Wahltag selbst gab es keine größeren Unruhen. Die Wahlbehörde hat laut Gesetz bis zu 30 Tage Zeit bis zur endgültigen Bekanntgabe der Ergebnisse, auch wenn unter anderem Donald Trump zur Eile drängt. Trotz seiner früheren Freundschaft zu Trump positioniert sich Nasralla gerade stark gegen diese Einmischung aus dem Norden. Eine Mehrheit im Parlament kann vermutlich keine Partei für sich beanspruchen: Letzte Zahlen sehen die PN bei 50, die PL bei 40 und LIBRE bei 34 der insgesamt 128 Sitze.

Mit dem Ausgang der Präsidentschaftswahl wird LIBRE also nichts zu tun haben – eine historische Chance, das mit Abstand ärmste Land Zentralamerikas tiefgreifend zu verändern, ist vorerst vertan. Entscheidend für die Zukunft wird nun sein, wie Partei und Bewegung nach dem ersten Schock die Niederlage analysieren: Man ist wohl auf die Kernwählerschaft zurückgestutzt, die aber mit immerhin fast 20 Prozent nicht zu vernachlässigen ist. Wird man dies als Basis für einen Neuanfang sehen, oder werden die inneren Bruchlinien der breiten Parteibasis jetzt erst recht zu Tage treten?

Ex-Präsident Zelaya kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Einerseits scheint er die einzige Person mit genügend integrativer Kraft zu sein, um die diverse honduranische Linke zu einen. Andererseits – und das zeigt auch das schlechte Abschneiden der geschätzten, aber wenig geliebten Fachpolitikerin Moncada – braucht LIBRE dringend neue, charismatische Gesichter, will sie noch einmal das Zweiparteiensystem herausfordern. Immerhin werden im Kongress wohl viele neue Abgeordnete sitzen, und trotz der aktuellen Enttäuschung scheint LIBRE deutlich tiefer im Land verwurzelt als viele andere progressive Projekte der Region. Trotz der bitteren Niederlage bleibt zu hoffen, dass in der Opposition auch eine Chance liegt und so ein neuer Aufbruch für die Linke entstehen kann, unabhängig von den Wünschen Donald Trumps.