Nach der britischen Parlamentswahl hat sich die Lage für Theresa May noch einmal weiter verschlechtert. In der letzten YouGov-Umfrage liegt Labour 8 Punkte vor den Konservativen und käme auf 46 Prozent der Stimmen, wenn morgen gewählt würde. Wie begründet sich die neue Beliebtheit der Labour-Partei? Und liegt dies zum Teil an Versäumnissen der Tories?

Das gestiegene Ansehen der Labour-Partei seit dem 8. Juni ist eine direkte Fortsetzung des Trends aus der letzten Phase des Wahlkamps. Es erklärt sich sowohl aus einem Popularitätsgewinn der Partei und mit der langsamen Implosion der Popularität von Theresa May als Premierministerin.

May vermittelte zunächst den Eindruck der „starken und stabilen“ Anführerin, als die sie sich selbst mit ihrem vielparodierten Slogan inszeniert hatte. Im fortlaufenden Wahlkampf erschien sie dann aber zunehmend kühl und realitätsfern. Die Medien betitelten sie als „Maybot“ – in einer Verschmelzung ihres Nachnamens mit dem Wort Roboter – und das blieb hängen. In einem Interview nach dem anderen schien sie zu nichts mehr in der Lage zu sein, als abgedroschene Phrasen abzuspulen, vor allem „strong and stable“, was zu einem großen Nachteil wurde. Ihre Weigerung, an Fernsehdebatten mit den wichtigsten Parteivertretern teilzunehmen, verstärkte den Eindruck, sie würde kritische Fragen scheuen, da sie keine positive Vision im Angebot habe. Der Verdacht, dass es sich nur um Ablenkungsmanöver handele, trug wesentlich dazu bei, dass die Angriffe der Tories auf Corbyn wirkungslos blieben. Sogar wenn sie auf eindeutige Schwachpunkte zielten – wie etwa auf die bestenfalls blauäugige Beziehung des Labour-Vorsitzenden zu terrornahen Gruppierungen in den 1980er und 1990er Jahren – fanden die Angriffe keine große Beachtung mehr, da sie so erwartbar geworden waren.

Im Gegenzug profitierte Corbyn von der britischen Vorliebe für Underdogs – man erinnere sich an „Eddie the Eagle Edwards,“ einen britischen Teilnehmer der olympischen Winterspiele, der zum Nationalhelden wurde, weil er so schlecht war. Corbyn wurde zum „Eddie the Eagle“ der Politik – der sicherlich nicht so schlecht sein konnte, wie er von den Medien gemacht wurde. Diese Gelegenheit machte er sich mit einer Souveränität zunutze, die ihm selbst seine schärfsten Kritiker nicht absprechen konnten. Während May in ihren Medienauftritten immer steifer wurde, wurde Corbyn gelassener. Obwohl die Tory-nahe Boulevardpresse ihn weiterhin als furchterregenden Trotzkisten inszenierte, gelang es ihm, authentisch und einfühlsam zu wirken und als knuffiger Großvater aufzutreten, wo May das Bild einer spröden Schulleiterin abgab.

Seit dem unerwartet guten Abschneiden der Labour-Partei in den Wahlen hat sich dieser Trend nur noch beschleunigt. Die Tragödie um den Grenfell Tower verdeutlicht die unterschiedlichen Herangehensweisen: Die Premierministerin vermied Treffen mit den Opfern und wurde nur im Gespräch mit Rettungskräften gefilmt. Derweil lauschte Corbyn beim Tee den entsetzlichen Erzählungen der Opfer und umarmte sie, wenn sie weinten. Der krasse Gegensatz im Umgang mit diesen armen, meist immigrierten Arbeitern inmitten Europas reichster Gemeinde hat Corbyns Botschaft bestmöglich auf den Punkt gebracht. Hätte die Wahl eine Woche nach Grenfell stattgefunden, hätte Corbyn sie gewonnen.

Der nach den Wahlen bei den Konservativen ausgebrochene Bürgerkrieg hingegen macht den Brexit langsam zur Farce und bestärkt den Eindruck einer ahnungslos agierenden Regierung, die verzweifelt an der Macht festhält, wie es auch der schmierige Deal mit der nordirischen DUP verdeutlicht.

Ed Miliband, der ehemalige Parteivorsitzende, führte vor der Wahl 2012 ebenfalls in den Umfragen, doch dann brachen die Zustimmungswerte der Partei ein. Ist ein ähnliches Szenario denkbar?

Corbyns Führungsstil stieß zuletzt bei jungen Wählern auf Zustimmung. In der Breite der Öffentlichkeit herrschte aber nur die allgemeinere Stimmung, dass Corbyn eine Chance verdient habe. Da die Aufmerksamkeit auf der Führungsrolle der Tories lag, fand keine differenziertere Auseinandersetzung mit dem Labour-Wahlprogramm statt. Wenn die Tories wieder zu ihrer Form finden, wahrscheinlich, indem sie May absetzen und zeigen, dass sie den Brexit in den Griff bekommen können, dann wird man sich genauer mit dem Labour-Wahlprogramm auseinandersetzen und dann werden die stärker umstrittenen Aspekte, nicht zuletzt das unverhohlene Bekenntnis zu höheren Steuern und Staatsausgaben, sich möglicherweise in den Zustimmungswerten niederschlagen.

Bedeutet der hohe Zustimmungswert, dass die Labour-Partei endlich Wähler aus der Arbeiterklasse zurückgewinnt, die in den letzten Wahlen zur UKIP und den Konservativen gewechselt waren?

Kurz gesagt: nein. Einer der entscheidenden Gründe für den relativen Erfolg der Labour-Partei war ihre Fähigkeit, eine Koalition aus sehr armen und sehr gebildeten Wählern zu schmieden. Das erste Mal seit dem Irakkrieg hat Labour wieder das Votum der Liberalen bekommen – zum Teil, weil die Partei als Gegnerin des Brexit wahrgenommen wurde, obwohl ihre offizielle Position mit den Tories so ziemlich übereinstimmte. Große Scharen der wachsenden Gruppe höher gebildeter, urbaner, sozialliberaler Wähler stimmten für Labour – die Art von Wählern, die in Deutschland oft für die Grünen stimmen.

Ein schlechtes Ergebnis hingegen erreichte Labour bei den konservativen Facharbeitern und im unteren Mittelstand. Es gelang ihr zwar besser als gedacht, vormalige UKIP-Wähler zu überzeugen, die meisten davon stimmten allerdings für die Tories. Tatsächlich hat Labour einige Bezirke an die Tories verloren, und zwar in den Midlands, wo man den Brexit stark befürwortet hat und wo Corbyn als Londoner und Großstädter wahrgenommen wird.

Neue Ergebnisse unserer Forschung im Policy Network sagen, dass Labour die nächste Parlamentswahl gewinnen kann, wann auch immer diese stattfinden wird. Um aber eine bedeutende parlamentarische Mehrheit zu erreichen, die eine Labour-Regierung für mindestens zwei Wahlperioden im Amt halten könnte, muss die Partei ihre Unterstützung in der Wählerschaft signifikant ausbauen. Unsere Analyse kommt auf Grundlage einer exklusiven, von Populus durchgeführten öffentlichen Meinungsumfrage zur Einschätzung, dass Labour zwei Strategien zur Verfügung stehen, um dieses Ziel zu verfolgen. Die erste Strategie, der sogenannte „Bernie Sanders approach“, setzt auf weitere Zugewinne bei Wählern aus der wohlhabenden Mittelklasse, jungen Wählern aus wirtschaftlich prekären Verhältnissen, und bei den ärmsten Gruppen mit den allergeringsten Einkommen. Diese Wähler stellten den Kern der Corbyn-Koalition von 2017 dar.

Die Alternative bezeichnen wir als „Clem Attlee“-Strategie, benannt nach dem legendären Labour-Premier von 1945. Diese Strategie setzt darauf, in allen gesellschaftlichen Schichten und Klassen landesweit an Zustimmung zu gewinnen. Der Attlee-Strategie zufolge müsste die Partei bei den Wählern mit geringen und mittleren Einkommen an Zustimmung gewinnen, die das „kommunitaristische Großbritannien“ bevölkern und die bisher weniger vom Labour-Wahlprogramm überzeugt sind. Diese Wähler sind durch die Sorge gekennzeichnet, „über die Runden zu kommen“: Sie leben von niedrigen bis mittleren Einkommen, die ein sorgfältiges Haushalten erfordern. Es handelt sich um die C2-Schicht der ausgebildeten Facharbeiter, die durchschnittlich 21.000 bis 34.000 Pfund im Jahr verdienen. In den 64 Wahlbezirken, die Labour das nächste Mal gewinnen muss, um eine vollständige Mehrheit zu sichern, sind diese Wähler überproportional vertreten.

Das Ziel sollte nicht darin bestehen, mit einer weiteren Anstrengung knapp als erster ins Ziel zu kommen, sondern ein signifikantes Mandat zu erringen, mit dem die Labour-Partei das Land zum Nutzen der vielen und nicht der wenigen umgestalten kann.

Das Labour-Wahlmanifest spricht sich für eine Beendigung der Freizügigkeit mit der EU und für eine Beibehaltung der Vorteile des Binnenmarktes und der Zollunion aus – was laut EU-Vertretern eine unmögliche Konstellation darstellt. Was ist die derzeitige Strategie der Labour-Partei zum Brexit und hat sich diese seit der Wahl verändert?

Diese Frage fasst die große Verwerfungsline in der Europapolitik der Labour-Partei hervorragend zusammen. Man hat versucht, gleichzeitig zwei Richtungen einzuschlagen, indem man den Brexit-Befürwortern versicherte, sich dem Abschied nicht entgegen zu stellen und gleichzeitig mit dem Deckmantel an das Remain-Lager appellierte, Aspekte wie den Binnenmarkt, die dieser Gruppe ein wichtiges Anliegen sind, unnachgiebig zu verteidigen.

Möglicherweise ist es eher die Labour-Partei als die Tory-Regierung, die in Bezug auf den Brexit versucht, das Unmögliche zu schaffen. Und das ist keine Strategie, die sich lange durchhalten lässt. Im langen und verfahrenen parlamentarischen Prozess zum Brexit wird die Labour-Partei auch im Detail ihre Karten aufdecken müssen. Wenn es dazu kommt, dass die EU-27, wie zu erwarten ist, einen „tough deal or no deal“ anbieten, wird Labour letztendlich dazu gezwungen sein, sich zwischen einem schlechten Brexit oder dem Ruf nach einem zweiten Referendum zu entscheiden.

Es ist wahrscheinlich, dass dies für Corbyn zu einem Brexit-Alptraum wird. Er wird zwischen seiner eigenen jahrzehntelangen Feindseligkeit gegenüber der EU und dem ungetrübten Enthusiasmus vieler neuer Unterstützer hin- und hergerissen sein, die er mit der Aussicht für die Labour-Partei gewinnen konnte, in der EU zu bleiben. Wie es aussieht, könnten es die schweren Entscheidungen in Bezug auf Europa sein, die letztendlich die Begeisterung der Corbyn-Gefolgschaft für ihren Helden trüben werden. Außerdem wird Corbyn eine Fraktion führen müssen, in der mindestens fünfzig Abgeordnete starke Remain-Bezirke vertreten und entsprechend wenig Interesse daran haben, einen harten Brexit zu unterstützen. Sollte Corbyn Labour-Abgeordnete dafür bestrafen, bei Brexit-Abstimmungen ihrem Gewissen zu folgen, wird ihn das in liberalen Kreisen nicht beliebter machen.

Wie lange wird Theresa May im Amt bleiben?

Eine Sache ist sicher – auf keinen Fall werden die Tory-Abgeordneten es riskieren, sich von ihr in einen weiteren Wahlkampf führen zu lassen. Allerdings wollen sie genauso wenig eine weitere Blitzwahl riskieren, deren Einberufung jeder etwaige Nachfolger als seine Pflicht empfinden könnte. Die „elegante“ Lösung, um dies zu verhindern, besteht darin, May den Brexit „abliefern“ zu lassen um dann 2019 abzutreten. Nach dieser Logik könnte dann ihr Nachfolger davon profitieren, dass die Partei nach dem Brexit wieder auf die Beine kommt. Tatsächlich erscheint es aber als sehr unwahrscheinlich, dass May – die inzwischen überall als „lahme Ente“ gilt, bei der man sich nicht mehr fragt, ob, sondern wann sie geht – in der Lage sein wird, die Partei im Zuge der Brexit-Verhandlungen zusammen zu halten. Der derzeitige Krieg zwischen dem Brexit-skeptischen Finanzminister und dem Rest des Kabinetts deuten nur an, wie verfahren es bei den Tories noch werden wird.