In einer Weltordnung im Umbruch wird Vertrauen zu einer raren, aber oft entscheidenden Ressource – sei es beim Aufbau belastbarer Partnerschaften oder bei der Lösung internationaler Konflikte. Obwohl Vertrauen in der Analyse internationaler Beziehungen häufig nur eine Nebenrolle spielt, wirkt es als stiller Stabilitätsfaktor: Es senkt den Aufwand für diplomatische Abstimmungen, erleichtert Kooperation und schafft Berechenbarkeit selbst inmitten größter Unsicherheiten.

Ein aktuelles Beispiel dafür ist die russisch-indische Partnerschaft. Trotz globaler geopolitischer Spannungen haben die bilateralen Beziehungen zwischen Moskau und Neu-Delhi kaum an Substanz verloren. Im Gegenteil: Der für den 4. und 5. Dezember geplante Staatsbesuch Wladimir Putins in Indien deutet auf eine weitere Festigung dieser Partnerschaft hin. Offiziell soll der Besuch dazu dienen, die „privilegierte strategische Partnerschaft“ zu vertiefen und regionale wie globale Entwicklungen von gemeinsamem Interesse zu besprechen. Hinter dieser diplomatischen Formelsprache verbirgt sich jedoch ein politisches Momentum von beträchtlicher Bedeutung. Beide Seiten wollen demonstrieren, dass ihr Verhältnis trotz globaler Verschiebungen stabil bleibt.

Mit spektakulären Ankündigungen ist nicht zu rechnen. Wahrscheinlicher ist, dass bestehende wirtschaftliche Kooperationsfelder – Energie, Verteidigung, Technologie – durch neue Projekte ergänzt und institutionell weiter verankert werden. Der Besuch dürfte eher ein Zeichen der Kontinuität sein. Russland und Indien halten an ihrer Partnerschaft fest, trotz internationalen Drucks und auch wenn sich das globale Umfeld weiter verändert.

Russland ist zu einem zentralen Pfeiler der indischen Energiesicherheit geworden.

Im Energiebereich hat der russische Angriff auf die Ukraine und die daraufhin verhängten westlichen Sanktionen das Verhältnis zwischen Moskau und Neu-Delhi tiefgreifend verändert. Während Indien 2020 nur ein bis zwei Prozent seines Rohöls aus Russland bezog, stieg das Land ab 2022 neben China zu einem der wichtigsten Abnehmer russischen Öls auf. Seit Mitte 2023 liegt der russische Anteil an den gesamten indischen Ölimporten meist zwischen 30 und 38 Prozent – zeitweise mehr als die Importe aus dem Irak oder Saudi-Arabien. Russland ist damit zu einem zentralen Pfeiler der indischen Energiesicherheit geworden. Die erheblichen Preisnachlässe stabilisierten die Energiepreise im Land und sicherten der schnell wachsenden Volkswirtschaft kalkulierbare Liefermengen.

Gleichzeitig nutzte Indien seine großen Raffineriekapazitäten, um russisches Rohöl zu verarbeiten und international zu exportieren, darunter nach Europa, in die USA und nach Singapur. Diese Re-Exporte, die formal nicht gegen Sanktionen verstoßen, halfen, globale Marktengpässe zu dämpfen – ein Punkt, den Außenminister Subrahmanyam Jaishankar wiederholt hervorhob.

Laut verschiedener Analysen hat Indien 2024/25 zudem verstärkt russisches Öl aus der sogenannten „Schattenflotte“ bezogen – jener Tankerflotte, die trotz Preisobergrenze und westlicher Restriktionen russische Rohölausfuhren ermöglicht. So war Indien 2025 der weltweit größte Abnehmer dieser Lieferungen. Zwischen Januar und September 2025 sollen rund 5,4 Millionen Tonnen im Wert von über zwei Milliarden Euro auf diesem Wege nach Indien gelangt sein.

Allerdings ist die Zukunft der bilateralen Energiebeziehungen unsicherer geworden. Nachdem die USA zentrale russische Ölunternehmen auf die Sanktionsliste gesetzt haben, nahmen einige indische Raffinerien Abstand vom Kauf russischen Rohöls. Mittelfristig könnte diese Entwicklung Russlands Rolle als wichtigster Rohöllieferant schwächen und damit auch das starke Wachstum des bilateralen Handels bremsen. Vor diesem Hintergrund hat Wladimir Putin die russische Regierung angewiesen, Optionen zur Weiterentwicklung der Wirtschaftsbeziehungen zu Indien zu erarbeiten, insbesondere im Bereich Logistik und Zahlungsabwicklung. Beim bevorstehenden Gipfel dürfte ein Schwerpunkt auf der Ausweitung indischer Exporte nach Russland liegen, etwa von Arzneimitteln, Maschinen und Agrarprodukten.

Die wichtigsten Ankündigungen des Gipfels werden im militärtechnischen Bereich erwartet. Nachdem die Zusammenarbeit nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 ins Stocken geraten war und Indien seine Lieferketten diversifizierte, gewinnt sie nun überraschend wieder an Tempo. Die indische Militärführung betont angesichts jüngster regionaler Spannungen, wie zentral russische Waffensysteme für die Verteidigungsfähigkeit des Landes bleiben.

Indien erhält leichteren Zugang zur Arktis, Russland kann künftig indische Häfen im Golf von Bengalen nutzen.

Unmittelbar vor Putins Besuch stärkte Moskau die Verteidigungsbeziehungen durch die Ratifizierung des Abkommens über gegenseitige logistische Unterstützung. Es ermöglicht russischen und indischen Kriegsschiffen, Flugzeugen und militärischen Einheiten mit voller logistischer Unterstützung frei vom jeweiligen Territorium des anderen aus zu operieren. Indien erhält leichteren Zugang zur Arktis, Russland kann künftig indische Häfen im Golf von Bengalen nutzen. Dies verdeutlicht die zunehmende militärische Vernetzung.

Besonders aufmerksam beobachtet wird Russlands Vorschlag, in Indien eine gemeinsame Fertigung des Tarnkappenjägers Su-57 aufzubauen, inklusive vollständigen Technologietransfers. Sollte es dazu kommen, wäre dies einer der umfangreichsten Technologietransfers, die Moskau je angeboten hat. Für Indien wäre ein solches Abkommen geopolitisch bedeutend: Es würde die eigene industrielle Verteidigungsbasis stärken, Abhängigkeiten von ausländischen Lieferketten verringern und zugleich Nachbarn wie westlichen Partnern signalisieren, dass Neu-Delhi seine strategische Autonomie nicht preisgibt.

Moskau dürfte zudem seine Verpflichtungen zur Unterstützung und Modernisierung der bereits gelieferten S-400-Systeme bekräftigen – eines der wichtigsten Elemente der indischen Luftverteidigung. Die S-400 haben sich in einem kurzen militärischen Zwischenfall mit Pakistan im Frühjahr bewährt; Luftwaffengeneral Amar Preet Singh bezeichnete sie daraufhin als Gamechanger.

Trotz westlicher Erwartungen, Indien werde sich mittelfristig aus der russischen Rüstungsabhängigkeit lösen, signalisieren hochrangige indische Militärs das Gegenteil. Nach den Grenzzusammenstößen mit Pakistan im Frühjahr 2025 sprachen sich mehrere Generäle für die Beschaffung weiterer russischer Kampfflugzeuge der neuen Generation aus. Indiens Verteidigungsminister Rajesh Kumar Singh formulierte die strategische Logik zuletzt klar: Die Kooperation mit Moskau sei „langfristig“ angelegt und Neu-Delhi habe „keinerlei Absicht“, sie zu beenden.

Die bereits etablierte Zusammenarbeit bei den BrahMos-Raketen bleibt ein zentraler Pfeiler. Ihr Erfolg sorgt für internationale Nachfrage unter anderem aus Indonesien, Vietnam und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Der erwartete Abschluss neuer militärtechnischer Abkommen während Putins Besuch wäre vor allem ein geopolitisches Signal. Indien sieht Russland trotz westlicher Sanktionen und intensiver US-Diplomatie weiterhin als „bewährten Partner“, der – wie Außenminister Jaishankar betont – „nie etwas getan hat, was Indiens Interessen geschadet hätte“. Der westliche Druck im Kontext des Ukrainekrieges hat in Neu-Delhi daher eher das Gegenteil bewirkt: Er hat die Entschlossenheit gestärkt, eine seit Jahrzehnten verlässliche sicherheitspolitische Beziehung nicht zugunsten kurzfristiger Erwartungen Dritter zu opfern.

Die trilaterale Zusammenarbeit zwischen Russland, Indien und China rückt erneut in den Fokus.

Ein weiterer wichtiger Kooperationsbereich sind sicherheitspolitische Arrangements in Eurasien. Dabei rückt die trilaterale Zusammenarbeit zwischen Russland, Indien und China erneut in den Fokus. Parallel dazu verhandelt Indien über ein Freihandelsabkommen mit der Eurasischen Wirtschaftsunion, das besseren Marktzugang und regulatorische Erleichterungen verspricht – ein Schritt, der Neu-Delhis langfristige strategische Anbindung an eurasische Formate unterstreicht. Auch die Kooperation im Rahmen von BRICS und der Shanghai Cooperation Organisation bildet weiterhin ein zentrales Fundament, über das Indien und Russland ihre regionalen und globalen Agenden miteinander verzahnen. Hinzu kommt der von beiden Seiten forcierte internationale Nord-Süd-Transportkorridor, der Indien über den Iran und Russland mit Zentralasien und Europa verbinden soll und zunehmend als geopolitische Infrastruktur strategischen Gewichts betrachtet wird.

Besonders bemerkenswert ist die jüngste Annäherung beider Staaten an die Taliban. Russland hat die Taliban-Regierung mittlerweile offiziell anerkannt, Indien nach vierjähriger Pause seine Botschaft in Kabul wiedereröffnet. Neu-Delhis Öffnung fällt in eine Phase stark belasteter afghanisch-pakistanischer Beziehungen, während Moskau seine Kontakte vor allem im Kontext der Rivalität mit den USA ausbaut. Zugleich spielen neue wirtschaftliche Möglichkeiten in Energie, Landwirtschaft und Infrastruktur eine nicht unwesentliche Rolle.

Diese komplementären geopolitischen Interessen könnten den Rahmen für ein gemeinsames Sicherheitsengagement in Eurasien bilden und ein Neudenken Indiens in Bezug auf Zentralasien markieren. Auch im Ukrainekrieg spielt Neu-Delhi eine aktivere Rolle: Außenminister Jaishankar sprach kürzlich sowohl mit Russlands Sergej Lawrow als auch mit dem ukrainischen Außenminister Andrij Sybiha – ein Signal, dass Indien als Gesprächskanal oder moderierender Akteur fungieren kann, ohne seine politische Äquidistanz aufzugeben.

Inmitten einer erschütterten Weltordnung zeigt die Dynamik in den russisch-indischen Beziehungen vor allem eines: Moskau und Neu-Delhi sehen einander seit langem als berechenbare Partner – sicherheitspolitisch und ökonomisch. Dieses Vertrauen wirkt wie ein Stoßdämpfer: Es erlaubt beiden Seiten, geopolitische Veränderungen auszuhalten, ohne sofort ihre Grundorientierung infrage zu stellen.